Fall Navalny: Was die OPCW wirklich gemeldet hat

Die Medien überschlagen sich mit Meldungen darüber, die OPCW habe die Nowitschok-Vergiftung von Navalny bestätigt. Das stimmt so nicht ganz und vor allem ist wichtig, dass es nur eine Pressemeldung gibt und dass der detaillierte Bericht (noch) geheim ist.

Das haben wir im Fall Skripal schon mal erlebt. Für die Presse hat die OPCW eine Vergiftung mit Nowitschok gemeldet, aber im Bericht stand dann etwas anderes, unter anderem, dass ein ganz anderer Kampfstoff in den Proben gefunden wurde. Auf Russlands Nachfrage wurde dann mitgeteilt, der Kampfstoff sei den Proben nur zu Analyse- und Vergleichszwecken beigefügt worden.

Nun scheint es ein ähnliches Muster zu geben. Daher gehen wir hier die öffentlich bekannten Fakten durch. In ihrer Pressemeldung hat die OPCW geschrieben:

„Die Ergebnisse der Analyse der vom OPCW-Team genommenen und mit der Bundesrepublik Deutschland geteilten Analysen der Untersuchung von biomedizinischen Proben von Herrn Navalnys Blut und Urin durch die von der OPCW benannten Laboratorien bestätigen, dass die Biomarker des Cholinesterase-Inhibitors, die in den Blut- und Urinproben von Herrn Nawalny gefunden wurden, ähnliche strukturelle Merkmale aufweisen wie die toxischen Chemikalien der Stoffe 1.A.14 und 1.A.15, die in der 24. Tagung der Konferenz der Staaten im November 2019 in den Anhang über Chemikalien des Übereinkommens aufgenommen wurden. Dieser Cholinesterase-Inhibitor ist im Anhang über Chemikalien des Übereinkommens nicht aufgeführt.“

Bei den Stoffen 1.A.14 und 1.A.15 handelt es sich um Nowitschok. Entscheidend ist aber das Wort „ähnlich“, denn ähnlich heißt nicht „identisch“. Außerdem ist der Stoff, den die OPCW gefunden haben will, nicht in der Liste der verbotenen chemischen Kampfstoffe aufgeführt, wie man im letzten Satz lesen kann.

Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass die detaillierten Berichte von der OPCW nicht veröffentlicht werden, sie werden nur den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt. Im Fall Skripal haben wir bereits erlebt, dass die Pressemeldungen und der detaillierte Bericht sich unterschieden haben und wenn ich mir die vage Formulierung hier anschaue, dann ist zu vermuten, dass das wieder der Fall sein wird. Daher müssen wir abwarten, wie die Mitgliedsstaaten den Bericht kommentieren.

Verdächtig ist außerdem, dass Whistleblower der OPCW vorwerfen, im Fall von angeblichen Giftgasangriffen in Syrien ihre Untersuchungsberichte manipuliert zu haben, um im politischen Interesse des Westens Schuldige zu benennen. Darüber wurde im Westen nicht berichtet und gerade gestern hat der Westen (übrigens inklusive Deutschlands) mit seinen Stimmen eine Aussage dazu im UNO-Sicherheitsrat verhindert.

Das wirft ein merkwürdiges Licht auf die OPCW und die Rolle des Westens, denn wenn die OPCW „sauber“ arbeitet, welchen Grund hat der Westen dann, Anhörungen zu verhindern? Und auch die „Qualitätsmedien“ spielen das Spiel mit, oder haben Sie davon irgendwas bei Spiegel, tagesschau und so weiter gehört? Wenn die Vorwürfe haltlos sind, dann könnte man sie ja widerlegen, stattdessen werden sie dem westlichen Publikum lieber komplett verschwiegen.

Aber die Bundesregierung hat aufgrund dieser Pressemeldung der OPCW sofort gemeldet, die OPCW habe die Ergebnisse des Bundeswehrlabors und der schwedischen und französischen Militärlabors bestätigt.

Da wir nicht wissen, was diese Labors tatsächlich in ihre Berichte geschrieben haben, kann man nicht beurteilen, ob das stimmt. Auf inzwischen drei Rechtshilfegesuche Russlands hat Deutschland auch nach einem Monat noch nicht geantwortet. In der Meldung der OPCW steht von einer Bestätigung vorheriger Untersuchungen jedenfalls kein Wort.

Dass nun die üblichen Verdächtigen, also die unheilige Allianz aus Grünen und Herr Röttgen von der CDU, den Stopp von Nord Stream 2 fordern, ist keine Überraschung. Die Grünen wollen amerikanisches Frackinggas anstatt russischem Erdgas importieren und Herr Röttgen spricht sich für weitere US-Atomwaffen in Europa aus.

Warten wir also ab, was über die Untersuchung der OPCW in den nächsten Tagen bekannt wird.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

7 Gedanken zu „Fall Navalny: Was die OPCW wirklich gemeldet hat“

  1. Eine Überlegung eines Nicht-Chemikers
    – Nicht alle chemischen Stoffe sind giftig. Ich stelle mir vor, dass es sogar nicht einfach ist einen Stoff zu synthetisieren, das giftig ist – wie es zB nicht einfach ist ein Medikament für etwas zu synthetisieren. Nehmen wir an, bis da bin ich im Recht.
    – Will man Nowitschok erstellen, wird es viele gescheiterte Versuche geben. Zu solchen Misserfolgen können auch Nowitschok-Sorten geben, die nicht giftig oder nur schwach giftig sind. Sie hinterlassen aber im Körper dieselben Reste, die den Symptomen von Nowitschok ähneln. Nehmen wir an, immer noch bin ich im Recht.
    Was können sich die westlichen Russland-Feinde ausdenken?
    Man nimmt die Nowitschok-Sorte die nicht giftig ist und die Symptomen hinterlässt, die denen von Nowitschok ähneln.
    Aber wer könnte auf so absurden Gedanken kommen, wenn im Westen alle nur GUT sind und nur das GUTE für das russische Volk wünschen!!!

  2. Abwarten und dann entscheiden, obwohl ich die schwammige Formulierung schon einmal vergleichbar gelesen habe.
    Ich glaube, Porter hatte das bei den Giftgasangriffen in Syrien aufgezeigt.
    Man fand nur ein Abbauprodukt und dieses Produkt kann man sogar käuflich erwerben. Genau dieser Umstand und das Problem es nicht in alles Proben zum Ereignis vorgefunden zu haben deuteten die FFM oder wer dann alles an so einem Bericht arbeitet letztendlich als vorsichtig ausgedrückt unglaubwürdig.
    Vielleicht stammt daher der Wechsel von Sarin zu Chlor.
    Ich ärgere mich wirklich damals die Aufstellung mit den Befunden nicht abgespeichert zu haben.
    Den wohl saubersten Nachweis über einen Giftgaseinsatz erbrachte damals die syrische Regierung und da wollte die OPCW schon nicht ermitteln.

  3. Das ist ja der Oberhammer:

    „… dass die Biomarker des Cholinesterase-Inhibitors, die in den Blut- und Urinproben von Herrn Nawalny gefunden wurden, ähnliche strukturelle Merkmale aufweisen wie die toxischen Chemikalien …“

    D wird allen ernstes behauptet, dass ein _Biomarker_ ähnliche strukturelle Merkmale aufweisen würden wie bestimmte chemische Kampfstoffe? Das ist Schwachsinn hoch drei. Was haben die Typen denn eingeworfen?

    Also so ein Biomarker wäre tödlich giftig.

    1. mal noch genauer ausgeführt:

      „Biomarker sind charakteristische biologische Merkmale, die objektiv gemessen werden können und auf einen normalen biologischen oder krankhaften Prozess im Körper hinweisen können. “

      https://de.wikipedia.org/wiki/Biomarker

      Also hätten die Untersuchungen ein charakteristisches biologisches Merkmal gefunden, das strukturelle Merkmale eines Kampfstoffes aufweist?

      Das ist einfach nur völlig dahergeholter Blödsinn. Da hätte auch einfach „Ballaballa“ drinstehen können, und es wäre nicht weniger sinnhaft gewesen.

  4. Noch eine Frage an die Insider: müsste Russland nicht als Mitglied des OPCW dieser nicht-öffentliche Teil des OPCW-Bericht, in dem die Struktur der „Biomarker“ und des Cholinesterasehemmers angegeben sind, vorliegen?

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