Nach Jahren relativer Ruhe: Erneut Kämpfe zwischen Armenien und Aserbeidschan in Bergkarabach

In der Region Bergkarabach ist am Sonntag nach Jahren relativer Ruhe wieder zu Kämpfen gekommen. Bisher ist außer gegenseitigen Anschuldigungen noch nicht viel bekannt. Hier will ich kurz die Hintergründe und die derzeit bekannten Fakten aufzeigen.

Der Konflikt um die Region Berg-Karabach ist 1988 ausgebrochen und war Anfang der 1990er Jahre zeitweise ein heißer Krieg, bevor unter Vermittlung Russlands 1994 ein Waffenstillstand ausgehandelt wurde. Ein Schuldiger ist schwer zu benennen, der Konflikt hat seine Wurzeln noch im 19. Jahrhundert. Die Region, also der Kaukasus, ist ein Flickenteppich unzähliger kleiner und größerer Ethnien und daher ein traditionelles Pulverfass.

In der gemischt besiedelten Region Berg-Karabach kam es zu Konflikten zwischen den christlichen Armeniern und den islamischen Aserbaidschanern. Auch die Türkei spielte eine Rolle, wie man an der Diskussion über die Frage sieht, ob die Türkei vor ca. 100 Jahren einen Genozid an den Armeniern verübt hat oder nicht.

Auf die Details der Vorgeschichte will ich hier nicht eingehen, sondern zusammenstellen, was über den neuen Ausbruch des Konflikts bekannt ist. Die russische Nachrichtenagentur TASS hat dazu in einem Artikel die bekannten Fakten in gewohnt sachlicher und neutraler Art und Weise zusammengetragen. Daher habe ich den Artikel der TASS übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Am 27. September verhängte das armenische Kabinett inmitten der Eskalation des Konflikts mit Aserbaidschan in Bergkarabach das Kriegsrecht in dem Land. Im Land wurde die allgemeine Mobilmachung ausgerufen.

Was passiert ist

Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan sagte am Morgen des 27. September, die aserbaidschanischen Streitkräfte hätten eine Offensive in Richtung Bergkarabach gestartet und stellte fest, dass die Verteidigungsarmee mit der Situation fertig werde.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium seinerseits gab eine Erklärung heraus, der zufolge Armenien gegen 05:00 Uhr Moskauer Zeit (4.00 Uhr deutscher Zeit) begann, intensiv auf die Stellungen der aserbaidschanischen Armee und auf Ortschaften zu schießen, unter der Zivilbevölkerung gebe es Tote und Verletzte. Nach Angaben der aserbaidschanischen Verteidigungsministeriums hat das Oberkommando der aserbaidschanischen Streitkräfte beschlossen, eine Gegenoffensive entlang der gesamten Kontaktlinie zu starten. Panzereinheiten sind mit Unterstützung von Einheiten mit Raketen und Artillerie, der Luftwaffe und unbemannten Luftfahrzeugen an den heftigen Kämpfen beteiligt.

Nach Angaben der armenischen Regierung bombardieren die aserbaidschanischen Streitkräfte Siedlungen in Bergkarabach und die Hauptstadt der nicht anerkannten Republik, Stepanakert.

Das armenische Verteidigungsministerium teilte mit, es habe drei Hubschrauber, Drohnen und Panzer der aserbaidschanischen Streitkräfte abgeschossen. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium dementierte diese Meldungen.

Im Gegenzug verhängte die Regierung der nicht anerkannten Republik Bergkarabach das Kriegsrecht. Die Mobilisierung von Männern über 18 Jahren wurde ebenfalls verkündet.

Danach hat das armenische Kabinett das Kriegsrecht verhängt und eine allgemeine Mobilisierung im Land angekündigt.

Gegenseitige Anschuldigungen

Der armenische Verteidigungsminister David Tonoyan sagte in einem Telefonat mit dem persönlichen Vertreter des derzeitigen OSZE-Vorsitzenden Andrzej Kaspsik, dass „Aserbaidschan eine weitere Provokation“ in Bergkarabach entfesselt habe.

Der Assistent des aserbaidschanischen Präsidenten und Leiter der außenpolitischen Abteilung der Präsidialverwaltung, Hikmet Hajiyev, machte seinerseits die militärische und politische Führung Armeniens für die Spannungen an der Kontaktlinie im Konfliktgebiet Bergkarabach und für den Beschuss aserbaidschanischer Siedlungen verantwortlich und stellte fest, dass Baku das Vorgehen Armeniens als „einen weiteren Akt militärischer Aggression gegen Aserbaidschan“ ansehe.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew sagte, sein Land habe keine Provokation an der Kontaktlinie begangen, sondern nur seine Interessen geschützt. Er berichtete auch von zivilen und militärischen Opfern durch den Beschuss von Ortschaften und Stellungen der aserbaidschanischen Armee durch Feuer der armenischen Streitkräfte aus verschiedenen Richtungen.

Paschinjan wiederum meint, dass Aserbaidschan die Eskalation der Situation in Bergkarabach im Voraus geplant hat.

Internationale Reaktionen

Das russische Außenministerium forderte die Konfliktparteien in der Region Bergkarabach auf, die Kämpfe unverzüglich einzustellen und Verhandlungen zur Stabilisierung der Lage aufzunehmen. Nach Angaben des russischen Außenministeriums gibt es „auf beiden Seiten heftigen Beschuss entlang der Kontaktlinie und Berichte über Opfer“.

Die OVKS sprach sich auch für eine friedliche Lösung des Konflikts in Bergkarabach aus. (Anm. d. Übers.: Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ist ein Militärbündnis aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Derzeitige Mitglieder sind Armenien, Kasachstan, Kirgisistan, Russland, Tadschikistan und Weißrussland. Aserbaidschan, Georgien und Usbekistan haben das Bündnis 1999 verlassen)

Die Türkei unterstützte Baku und verurteilte den „armenischen Angriff“ und stellte fest, dass „Armenien den Waffenstillstand verletzt hat, indem es zivile Ortschaften angegriffen und erneut gezeigt hat, dass es gegen Frieden und Stabilität ist“.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Gedanken zu „Nach Jahren relativer Ruhe: Erneut Kämpfe zwischen Armenien und Aserbeidschan in Bergkarabach“

  1. Wie Recht ich doch hatte als ich auf dieses Gebiet verwies. War glaub ich zeitgleich mit den Unruhen in Weißrussland.
    Da liefen grad Manöver und kurz danach meldete ein kurdischer Twitter das die Türkei massiv Truppen/Material verlegt. Zu der Zeit gab es auch die ersten Auseinandersetzungen.

    https://caucasus.liveuamap.com/en/2020/6-july-azerbaijan-hold-nighttime-military-drill-near-nagorny

    https://caucasus.liveuamap.com/en/2020/13-july-video-of-strikes-on-armenian-position-by-azerbaijani

    https://caucasus.liveuamap.com/en/2020/28-august-afrin-special-source-to-anha-turkey-has-begun-deploying

    Was die NATO in Jugoslawien erlaubte, Session der Einzelgruppen zu Neustaaten nutze Russland als Steilvorlage bei der Krimaktion.
    Komisch das man an diesen Zusammenhang nicht mehr erwähnen möchte wenn es um Sanktionen gegen Russland geht.

    Das gleiche jetzt wieder, wo bleibt Deutschland mit seiner Mähr vom Selbstbestimmungsrecht der Völker?
    Hatte das Gebiet nicht vor Jahren schon entschieden zu Armenien gehören zu wollen?
    Ich meine diesbezüglich mal etwas gelesen zu haben.

  2. Die Sieger-macht US Imperium, hat die UdSSR genüsslich zerfleddert und mit der Schöpfung von ihren Kunst Staaten, einige von diesen Bedingungen eingebaut, um Kriegsgründe, immer aktivieren zu können.
    Wie war das mit dem WEICHEN Unterleib, von Russland, Herr Brzezinski

  3. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen! Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten! Wer mit Gift kämpft, wird mit Giftgas bekämpft. Wer selbst sich von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten, als dass wir den gleichen Schritt tun. Ich werde diesen Kampf, ganz gleich, gegen wen, so lange führen, bis die Sicherheit des Reiches und bis seine Rechte gewährleistet sind.“

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