„Putins Erfolg“ – Das russische Fernsehen über das Ende des Krieges in Bergkarabach

Im Nachrichtenrückblick „Nachrichten der Woche“ hat das russische Fernsehen ausführlich über das Ende der Kampfhandlungen zwischen Aserbaidschan und Armenien und über die Reaktionen in beiden Ländern berichtet. Ich übersetzte einen Bericht und fasse den Rest zusammen.

Bevor wir zu der Übersetzung kommen, fasse ich kurz die Berichte des russischen Fernsehens aus der Sendung „Nachrichten der Woche“ zusammen. Es waren mehrere lange Berichte, die ich nicht alle übersetzen kann und die für deutsche Leser wohl auch nicht in allen Details interessant sein dürften. Da in Russland aber Millionen Aserbaidschaner und Millionen Armenier leben, war der Krieg und auch sein Ende in Russland ein wichtiges Thema.

Russland steht neutral zu beiden Staaten und hat zu beiden ein sehr gutes Verhältnis. Die deutschen Medien bezeichnen Russland fälschlicherweise immer als „Schutzmacht Armeniens.“ Das stimmt schlicht nicht, denn Russland hat auch sehr gute Beziehungen zu Aserbaidschan und Präsident Alijev ist seit 2003 Präsident des Landes, entsprechend gut und vertrauensvoll sind die Beziehungen zwischen Alijev und Putin.

Armenien hingegen, das über mehrere Verträge – unter anderem das Verteidigungsbündnis OVKS – juristisch enger an Russland gebunden ist, als Aserbaidschan, hat sich in letzter Zeit politisch ein wenig von Russland entfernt. 2018 gab es dort – weitgehend unbeachtet von deutschen Medien – ebenfalls einen „Maidan“ (die „samtene Revolution“), der Premierminister Paschinjan an die Macht gebracht hat. Paschinjan ist zwar nicht für ausgewiesen anti-russische Positionen bekannt, wie sie die „Farbrevolutionäre“ in der Ukraine, Georgien und derzeit in Weißrussland vertreten, aber er hat die Zusammenarbeit mit Russland immer wieder kritisch gesehen, auf die Bremse getreten und mit dem Westen geflirtet.

Sollte Paschinjan sich in dem Konflikt Hilfe aus dem Westen erhofft haben, wurde er bitter enttäuscht. Das einzige, was aus dem Westen zu hören war, waren einige Appelle, die Kämpfe einzustellen und Appelle an die Türkei, sich herauszuhalten. Gebracht haben all diese Appelle aus dem Westen nichts.

Putin hingegen hat in letzter Zeit mehrmals täglich mit Paschinjan und Alijev telefoniert. Als Aserbaidschan dann am Montag versehentlich einen über armenischen Gebiet fliegenden Militärhubschrauber abgeschossen hat, wobei zwei russische Offiziere gestorben sind und einer verletzt wurde, dürfte Putin ein Machtwort gesprochen haben. So zumindest formulierte es der russische Moderator in einem der Beiträge. Damit dürfte der Moderator Recht haben, denn nur Stunden später haben sich beide Seiten auf ein Ende der Kämpfe und die Stationierung russischer Friedenstruppen geeinigt.

Es war also nicht der Westen, der hier für den Frieden gesorgt hat, es war Russland. Den deutschen „Qualitätsmedien“ käme eine solche Formulierung jedoch nicht über die Lippen – Putin als Friedensstifter, das geht nicht für westliche „Qualitätsmedien“.

Nun feiert Aserbaidschan den Sieg und in Armenien fordert das Volk den Rücktritt von Paschinjan. Der allerdings hat selbst schuld, denn in den ca. sechs Wochen des Krieges hat er sein Volk über den tatsächlichen Stand der Dinge belogen. Während in Wahrheit Aserbaidschan vorgerückt ist und die armenischen Streitkräfte schon fast eingekesselt waren, hat Paschinjan noch Erfolge verkündet und von Propaganda aus Aserbeidschan gesprochen.

Nun musste er das militärische Fiasko eingestehen und hat gesagt, er habe dem Waffenstillstand auf Drängen des Militärs zugestimmt, um noch Schlimmeres zu verhindern. Für das Volk kam das völlig überraschend, entsprechend aufgebracht sind die Leute nun in Armenien, sogar das Büro von Paschinjan haben Demonstranten gestürmt und verwüstet.

Nach diesen allgemeinen Zusammenfassungen über die aktuelle Lage, folgt nun die Übersetzung eines der Beiträge des russischen Fernsehens, in dem es um die Details der getroffenen Waffenstillstandsvereinbarung geht. Vor allem den Beginn sollten Sie sich im russischen Original anschauen, denn dort wird auf der Landkarte erklärt, was die Vereinbarung bedeutet. Das sollte zusammen mit meiner Übersetzung auch ohne Russischkenntnisse verständlich sein.

Beginn der Übersetzung:

Sehen wir uns das trilaterale Abkommen vom 9. November zwischen Aserbaidschan, Armenien und Russland an, auf das Putin buchstäblich bestanden hat und für das er daher nun als Garant fungiert. Der Krieg ist vorbei. Und dieses Mal hat er wirklich ab 0.00 Uhr am 10. November aufgehört. Armenien hat gut die Hälfte der Gebiete von Bergkarabach, die es bis Ende September kontrollierte, verloren.

Einige der Gebiete sind durch die erfolgreiche Offensive der aserbaidschanischen Armee unter deren Kontrolle gekommen, darunter Schuschu, die zweitgrößte Stadt von Bergkarabach, und etwa dreihundert weitere Siedlungen. Weitere Gebiete soll Armenien bis Ende des Jahres räumen und Aserbaidschan übergeben. Der Lachin-Korridor, der Armenien mit Bergkarabach verbindet, bleibt und kommt unter die Kontrolle unserer Friedenstruppen. Von Nakhichevan nach Aserbaidschan wird eine Straße durch Armenien eröffnet, die unter der Kontrolle des Grenzschutzes des russischen FSB steht. (Anm. d. Übers.: An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in den russischen Beitrag, weil all das auf der Landkarte genau gezeigt wird, was ein besseres Verständnis der geografischen Situation und der daraus folgenden Probleme, die seit 30 Jahren andauern, ergibt)

Das ist ein prinzipiell wichtiger Punkt. Es ist internationale Praxis, dass Friedenstruppen nur mit Zustimmung jeder der Kriegsparteien entlang der Kontaktlinie stationiert werden. So auch dieses Mal. Darum geht es im wichtigsten, dem vierten Punkt der gemeinsamen Erklärung: „Die Aufenthaltsdauer des Friedenssicherungskontingents der Russischen Föderation beträgt 5 Jahre mit einer automatischen Verlängerung um weitere fünf Jahre, wenn keine der Seiten sechs Monate vor Ablauf die Absicht erklärt, die Anwendung dieser Bestimmung zu beenden.“

Das heißt, wenn in viereinhalb Jahren keine der beiden Seiten den Einsatz unserer Friedenstruppen beenden will, dann wird unser Kontingent noch weitere fünf Jahre dort bleiben und so weiter. Es wäre ideal, wenn Armenien und Aserbaidschan sich in den kommenden Jahren auf den Status Bergkarabachs und die Grenzen einigen würden und Russland seine Soldaten nach Hause bringen könnte. Es wird erwartet, dass die Verhandlungen bald beginnen. Und Verhandlungen sind nötig, weil der Konflikt noch nicht gelöst ist. Es wurden nur die Bedingungen für eine Lösung geschaffen. Putin sagte es unverblümt: „Wir gehen davon aus, dass die getroffenen Vereinbarungen die notwendigen Voraussetzungen für eine langfristige und vollwertige Lösung der Krise um Bergkarabach auf einer fairen Basis und im Interesse der armenischen und aserbaidschanischen Völker schaffen werden.“

Ist Putin froh, dass unsere Truppen da sind? Ich glaube nicht, dass er sich das gewünscht hat. Seine Haltung zu solchen Dingen offenbarte er in einem Satz über einen anderen Konflikt, aber er dürfte allgemein gelten: „Russland ist nicht die Feuerwehr, wir können nicht alle überall vor Dingen retten, mit denen wir nichts zu tun haben.“

Daher hätte sich Putin sicherlich mehr gefreut, wenn Aserbaidschan und Armenien sich selbst und unblutig geeinigt hätten. Das wäre ideal. Nun haben wir diese Übergangslösung. Das Problem des Status wurde noch nicht gelöst. Der russische Außenminister Sergej Lawrow spricht sehr vorsichtig über das Problem: „Wir gehen davon aus, dass der Status abhängig davon bestimmt wird, welche Maßnahmen wir ergreifen sollten, um das ethnisch-konfessionelle Verständnis in Bergkarabach wiederherzustellen.“

Und das während der armenische Ministerpräsident Paschinjan selbst unter den gegenwärtigen Bedingungen noch auf dem Status besteht. Bergkarabach – oder Artsach, wie es auf Armenisch heißt – sollte international anerkannt werden: „Die endgültige Entscheidung über den Status von Artsach ist entscheidend. Die internationale Anerkennung der Republik Artsach wird zu einer absoluten Priorität“, sagte er.

Vergleichen Sie das mit Alijev in der gleichen Frage. Das ist seine Verhandlungsposition: „Was ist passiert, Paschinjan, du wolltest den Weg nach Dshabrail ebnen. Du hast getanzt, wo ist der Status? Der Status ist zum Teufel gegangen, gescheitert, am Boden zerschmettert, es gibt ihn nicht und wird ihn nicht geben. Solange ich Präsident bin, wird es ihn nicht geben. Deshalb ist dieses Dokument von so großer Bedeutung.“

Alijew erinnert Paschinjan daran, wie der letztes Jahr in Schuscha getanzt hat. Baku hat das als heftige Provokation empfunden. Alijev sagt, solange er Präsident ist… Und Ilham Alijew hat eine reelle Chance, in Baku noch lange am Ruder zu bleiben, denn nach dem zweiten Karabach-Krieg feiert Aserbaidschan offen den Sieg. Das Land hat den Komplex der militärischen Niederlage gegen Armenien in den 90er Jahren überwunden. Und all dies wird Ilham Alijev zugeschrieben.

Mit seinem Verweis auf das „Dokument, von so großer Bedeutung“ bezieht sich der Präsident von Aserbaidschan auf den vierten Punkt über die zeitlich begrenzte Anwesenheit russischer Friedenstruppen mit Zustimmung beider Seiten. Auf so eine Lösung hat man in Baku lange gewartet. Und man ist sicher bereit, weitere fünf Jahre zu warten. Wozu sich beeilen? Alle haben zugestimmt, oder nicht?

Aber wie ist es zu dieser Einigung gekommen? Jede Seite hat ihren eigenen Weg gehabt. Als Paschinjan vor zweieinhalb Jahren dank einer „Farbrevolution“ an die Macht gekommen ist, weigerte er sich, mit Aserbaidschan zu verhandeln und erklärte: „Artsach ist Armenien. Punkt.“ Statt zu Verhandlungen ist Paschinjan zum Tanzen nach Schuscha gefahren. Diese Arroganz war eine Täuschung Armeniens und eine Täuschung Bergkarabachs. Die Unterschätzung der Situation wurde zu einem Bluff, statt zum Aufbau des Militärs. Das Oberkommando während des Krieges war schlecht und wieder wurde das Volk von Beginn der Kämpfe an getäuscht. Weil er nicht an die Menschen in seinem Land geglaubt hat.

„Der Präsident von Bergkarabach und ich haben keine vollständigen Informationen über die beklagenswerte Situation bekannt gegeben, um keine Panik auszulösen“, sagte Paschinjan in einer Ansprache.

Und nun? Der armenischen Armee wurde der Kopf eingeschlagen. Als Paschinjan die Dinge beim Namen nennt, spricht er von einer „Katastrophe“. Aber was wäre passiert, wenn Russland nicht gewesen wäre?

„Das ist ein großer Misserfolg für uns, eine große Katastrophe, große Trauer um die verlorenen Leben. Daraus müssen Lehren gezogen werden, das kann der zukünftigen Entwicklung des Landes helfen“, sagte Paschinjan.

Ja, das ist jetzt ein bitterer Moment für Armenien. Psychologen teilen den Verlust in Phasen ein: Erst Verleugnung, dann Wut, Verhandlungen, Depression und am Schluss Akzeptanz. Die Phase der Verleugnung, also „das kann nicht sein“, ist schon vorbei. Jetzt sind sie in der Phase der Wut. Jetzt stehen neben inneren Verhandlungen auch die Verhandlungen Aserbaidschan bevor. Aber jetzt herrscht erst einmal die Wut.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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