Welche Maßnahmen die USA gegen Russland planen: Teil 5 – Südkaukasus

In diesem fünften Teil meiner Reihe über die von der RAND-Corporation empfohlenen Maßnahmen gegen Russland geht es um geopolitisch motivierte militärische Maßnahmen im Kaukasus.

Die RAND-Corporation ist ein enorm mächtiger Think Tank der USA, dessen Empfehlungen von den US-Regierungen sehr oft eins zu eins umgesetzt werden. 2019 hat die RAND-Corporation eine Studie mit dem Titel „Russland überdehnen – aus vorteilhafter Position konkurrieren“ (Extending Russia – competing from advantageous ground) veröffentlicht, die im Grunde eine Anleitung zu einem wirtschaftlichen, politischen und medialen Krieg gegen Russland ist. Es werden alle Maßnahmen gegen Russland erörtert und empfohlen, außer einem heißen Krieg. Man will Russland in die Knie zwingen.

Das ist insofern bemerkenswert, weil die RAND-Corporation 2019 in einer anderen Studie auch festgestellt hat, dass Russland keinerlei aggressive Absichten hat. Anstatt sich aber darüber zu freuen und nun für eine Entspannung gegenüber Russland zu plädieren, hat RAND ein sehr umfangreiches Maßnahmenpaket vorgeschlagen, mit dem Russland endlich dazu gebracht werden soll, aggressiv auf die Provokationen aus den USA zu reagieren. Die Details finden Sie hier.

Die Studie unter dem Titel „Russland überdehnen“, um die es in dieser Reihe geht, ist quasi die Fortsetzung der anderen Studie, denn sie führt im Detail auf, wie man Russland in existenzielle Not bringen und damit zu aggressiven Reaktionen provozieren kann. In dieser Reihe werde ich darauf im Detail eingehen.

Das Kapitel der Studie, das wir heute behandeln, trägt die Überschrift „Geopolitische Maßnahmen“ und hat sechs Unterkapitel. Jedes der Unterkapitel werde ich in einem eigenen Artikel behandeln. In den Unterkapiteln geht es um die Ukraine, Syrien, Weißrussland, den Kaukasus, Zentralasien und Moldawien. Heute beschäftigen wir uns mit dem Kapitel über den Südkaukasus.

Die komplizierte geopolitische Situation

Der Kaukasus ist eine der kompliziertesten Regionen der Welt, weil dort so viele verschiedene Völker mit ihren komplizierten Beziehungen leben. Auch die RAND-Corporation klingt bei diesem Thema recht ratlos. Aber sie zeigt zwei Themenfelder für potenzielle US-Aktivitäten gegen Russland.

Zum einen ist das Georgien, das mit Russland 2008 den Kaukasuskrieg geführt hat. Im Gegensatz zu den deutschen „Qualitätsmedien“ erzählt die RAND die Geschichte wahrheitsgemäß: Es war ein Angriff Georgiens Südossetien und Abchasien und nicht etwa ein Angriff Russlands auf Georgien.

Zum Thema Georgien hat RAND nur eine Idee: Man könnte versuchen, Georgien in die Nato zu holen, allerdings gibt RAND auch gleich zu, dass das ein sehr langfristiges Unterfangen wäre. De facto hat die RAND-Corporation keine Ideen, wie man Georgien wirksam gegen Russland nutzen könnte.

Das gilt auch für Aserbeidschan und Armenien, deren Konflikt um Bergkarabach das zweite Thema dieses Kapitels der RAND-Studie ist. Man muss hierbei im Hinterkopf behalten, dass RAND seine Studie 2019 geschrieben hat, also ein Jahr bevor der aktuelle Krieg ausgebrochen ist.

Die RAND-Corporation nämlich fest, dass es kontraproduktiv wäre, eines der miteinander verfeindeten Länder näher an die Nato zu binden, weil das automatisch das andere Land in die Arme Moskaus treiben würde und das gilt es aus Sicht von RAND zu verhindern. Hinzu kommt laut der RAND-Studie, dass – im Gegensatz zu Georgien – keines der beiden Länder allzu große Wünsche hat, der Nato beizutreten und dass die Europäer von der Idee wohl auch nicht begeistert wären. Und nicht zuletzt stellt RAND fest, dass die beiden Länder, die im Landesinneren liegen, von der Nato im Notfall kaum militärisch zu verteidigen wären.

Dazu wäre die Türkei nötig, die eine Landgrenze mit den Ländern hat, aber hier weist die RAND-Corporation auf das seit dem missglückten Putsch gegen Erdogan schwierige Verhältnis zur Türkei hin.

Was tun?

Wie alle Kapitel der Studie endet auch dieses mit Zusammenfassungen der Vor- und Nachteile, mit einer Einschätzung der Erfolgsaussichten und einem Fazit.

Bei der Frage der Vorteile merkt RAND an, dass die USA in dem Gebiet nicht viel gegen Russland tun können, dass aber bessere Verhältnisse zu den Ländern für die USA aus verschiedenen Gründen gut wären. Vor allem interessiert sich RAND für die Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, die Aserbeidschan recht wohlhabend gemacht haben, und für die strategische Lage von Armenien, weil man von dort aus den Iran hervorragend ausspionieren könnte.

Bei den Risiken führt RAND erneut an, dass eine Annäherung an Armenien oder Aserbeidschan das andere Land automatisch in Moskaus Arme treiben würde und dass beide Länder sich mit ihrer Rolle als neutrale Staaten ausgesprochen wohl fühlen und dass sie wohl nur schwer von etwas anderem zu überzeugen wären.

Und bei Georgien fürchtet RAND, dass eine noch engere Anbindung an die Nato russische Reaktionen – auch militärische – provozieren könnte, die für Russland zwar Kosten verursachen würden, aber aus Sicht der USA keinen Vorteil, sondern einen politischen Rückschritt bedeuten würde.

Entsprechend ratlos klingt der erste Satz des Kapitels über die Erfolgsaussichten:

„Keine dieser Initiativen verspricht viel Hoffnung auf Erfolg.“

Und auch das Fazit beinhaltet keine konkreten Handlungsvorschläge und umfasst nur diese zwei Sätze:

„Die europäischen Verbündeten werden ihre Verteidigungsverpflichtungen in absehbarer Zeit wahrscheinlich nicht auf den Südkaukasus ausdehnen. Bevor das geschieht gibt es nur begrenzten Spielraum für mehr westliche wirtschaftliche und politische Verbindungen zu der Region, obwohl selbst kleine Veränderungen weiterhin russische Ängste schüren und geringfügige russische Ressourcen abziehen könnten.“

Was das im Zusammenhang mit dem Krieg um Bergkarabach bedeutet

Nachdem es gerade über einen Monat lang heftige Kämpfe um Bergkarabach gegeben hat, hat Russland vor wenigen Tagen einen Waffenstillstand ausgehandelt, der halten dürfte. Es war auffällig, dass sich die westlichen Staaten bei dem Krieg und den Verhandlungen komplett zurückgehalten haben und dass nur die Türkei sich mit offener Unterstützung von Aserbeidschan engagiert hat, wofür sie wiederum aus dem Westen heftig kritisiert wurde.

Die USA haben kein Interesse an einem Krieg in der Region, weil sie befürchten, dass die Länder dann eher an Russland heranrücken, was es aus Sicht der USA zu verhindern gilt. Daher hat der Westen auch die Türkei so heftig kritisiert, denn ihr Vorgehen hätte Armenien noch enger an Russland drängen können.

Außerdem war das diplomatische Ende des Krieges unbestreitbar ein großer diplomatischer und politischer Erfolg für Russland, der Russlands internationalen Ruf als Friedensstifter in Konflikten gestärkt hat, was dem Westen ebenfalls nicht gefällt. Und dass dieser Erfolg Russlands Einfluss und moralische und politische Autorität in der Region gestärkt hat, steht erst recht außer Zweifel.

Die Türkei hat mit ihrem Engagement zwar ihre Bande zu ihrem „Brudervolk“ (Zitat Erdogan) in Aserbeidschan gestärkt und türkische Soldaten dürfen auf aserbaidschanischer Seite in einem Zentrum arbeiten, das den Waffenstillstand überwachen soll, aber die Friedenstruppen, die den Waffenstillstand garantieren sollen, werden ausschließlich von Russland gestellt.

Die Türkei dürfte sich in dem Krieg als Sieger sehen, weil sie ihren Einfluss in der Region ausgedehnt hat. Russland kann man als moralischen und politischen Gewinner des Krieges, den Russland nie gewollt hat, sehen. Die Türkei hat Russland aus geopolitischer Sicht wohl ein Geschenk gemacht, auf das Russland gerne verzichtet hätte, weil ihm Ruhe in der Region wichtig ist.

Das als „türkisches Geschenk an Russland“ zu bezeichnen, klingt zynisch, weil wir über tausende Tote sprechen, aber die Geostrategen in Washington dürften das so sehen und sich einmal mehr furchtbar über Erdogans Alleingänge ärgern.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Antworten

  1. Entsprechend der Skepsis der Studie, ist die bunte Revolution in Armenien, ja auch : VOLL INNE BÜX GEGANGEN und Russland ist nun die einzige Ordnungsmacht, für beide Staaten, weil Russland, immer ALLE gerecht behandelt.

  2. Georgien ist dagegen seit Jahrzehnten, nichts anderes wie eine vorgeschobene Militärstellung der Nato, von wo permanent Stiche und Hiebe in den weichen Unterleib von Russland starten. Und das Land dient als riesiges Experimentier-Feld, für Bio und Chemie Waffen.

  3. Und das machen unsere Medien daraus:

    „Putin nutzte die zerbrechliche Lage in Karabach zu seinen Gunsten, zwang Armenien und Aserbaidschan, ein „Friedensabkommen“ zu unterzeichnen, von dem jeder profitierte, außer den Armeniern selbst. Für sie kommt die Friedenserklärung einer Katastrophe gleich. Während Baku, Ankara und Moskau feiern, überschlagen sich die Aufstände in Armenien.

    Beschämende Gleichgültigkeit

    Für Deutschland und die EU gestaltet sich Putins Feldzug überaus praktisch. Ein unangenehmes und beschämendes Problem wie der „Berg-Karabach-Konflikt“ hat sich für die westliche Welt in Luft aufgelöst. Mehr als ein paar wirkungslose Appelle hatten wir nicht übrig für ein Land, das nicht mehr als seine uralten Kulturgüter zu bieten hat.“
    (Berliner Zeitung, Berg-Karabach: Ein humanitäres Totalversagen)

    Meiner Meinung nach, ein gut durchdachter Waffenstillstand. Armenien darf immerhin die restlichen Gebiete vorerst behalten. Und dadurch, dass die Durchfahrt für Azeris in ihre Exklave gewährleistet ist, hätten diese einen großen Nachteil, falls sie den Waffenstillstand brechen. Denn dieses Recht können sie sich nicht erkämpfen, solange ein Militärbündnis zwischen Russland und Armenien besteht.

  4. „Mit der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 wurde der Konflikt internationalisiert. Als Vermittler tritt seit 1992 die Minsker Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf, zu der auch Deutschland gehört. Seit 1997 steht sie unter der Leitung von drei Ko-Vorsitzenden aus den USA, Russland und Frankreich. “

    https://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/224129/nagorny-karabach

    Ah ja die „erfolgreiche“ Minsker Gruppe. Wurde die nicht grad von Lawrov zur Schnecke gemacht?

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