Welchen Einfluss der Verfall des Ölpreises und der Absturz an den Börsen auf die russische Wirtschaft haben

Die Folgen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft sind auch in Russland ein Thema. Aber in Russland sieht man sich für die kommenden Turbulenzen gut gerüstet.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ analysiert, was Ölpreisverfall, abstürzende Aktienkurse und andere Verwerfungen für eine Auswirkung auf die Situation in Russland haben, wo gerade erst umfangreiche soziale Wohltaten, wie eine massive Erhöhung der Familienförderung, Rentenerhöhungen und große Investitionen in den Gesundheitssektor angekündigt worden sind. Das russische Fernsehen hat in zwei Beiträgen sowohl die Situation in Russland, als auch die Lage auf dem Ölmarkt betrachtet. Ich habe hier beide Beiträge übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

In der vergangenen Woche haben wir über den Bruch des OPEC-Plus-Abkommens berichtet, also über den Bruch der Vereinbarung der Organisation erdölexportierender Länder mit Russland über eine vereinbarte Begrenzung der Ölförderung, um die Weltmarktpreise auf einem akzeptablen, hohen Niveau zu halten. Die Panik auf dem Ölmarkt kommentierte Putin sehr selbstbewusst: „Russland wird diese turbulente Zeit in Ruhe durchstehen.“

Das Abkommen hielt drei Jahre und ermöglichte es Russland dank der hohen Ölpreise, sehr solide Gold- und Devisenreserven zu bilden, die jetzt auf dem Rekordwert von 570 Milliarden Dollar stehen. Außerdem sind mehr als 10 Billionen Rubel (130 Millionen Euro) als liquide Mittel im Nationalen Fond.

Gleichzeitig haben die vorherrschenden Ölpreise dazu beigetragen, dass amerikanische Unternehmen Schieferöl zu höheren Kosten durch Fracking fördern konnten.

Im Laufe der Zeit begann das Abkommen weniger effizient zu funktionieren und um den bestehenden Preis über 60 Dollar pro Barrel zu halten, schlug Saudi-Arabien eine radikale Reduzierung der Förderung vor. Das hatte keinen Sinn, da der Ölpreis bereits unabhängig von den Maßnahmen der OPEC fiel – aufgrund des Zusammenbruchs der Weltwirtschaft wegen des Coronavirus. Russland war zu Kompromissen mit der OPEC bereit und wollte das derzeitige Abkommen um ein Quartal verlängern, aber die Saudis forderten sofort eine radikale Reduzierung der Produktion. Russland wies den Vorschlag als ineffektiv und für niemanden rentabel zurück. Die Saudis entschieden sich daraufhin, das Abkommen nicht zu verlängern, was bedeutet, dass sie diejenigen waren, die das Abkommen gebrochen haben.

Genau das teilte Ministerpräsident Michail Mischustin der Regierung mit: „Wir waren nicht die Initiatoren des Ausstiegs aus dem Abkommen. Wir haben im Gegenteil vorgeschlagen, es zu den derzeitigen Bedingungen bis mindestens Ende des zweiten Quartals oder auch um ein Jahr zu verlängern, auch um die Situation, die sich mit der Ausbreitung des Coronavirus entwickelt hat, nicht zu verkomplizieren. Unsere Position war absolut vernünftig, da die Energienachfrage aufgrund der Verlangsamung der Weltwirtschaft und des Rückgangs des internationalen Handels bereits rückläufig ist. Die OPEC-Länder haben beschlossen, das Abkommen nicht zu verlängern. Und Saudi-Arabien als Führer der OPEC kündigte eine beispiellose Senkung des Ölpreises und eine Erhöhung der Produktion auf ein Rekordniveau an, was zum Niedergang der Märkte führte.“

Tatsächlich begann Saudi-Arabien nach dem Ausstieg aus dem Abkommen – meiner Meinung nach – gegen Russland vorzugehen. Zumindest kann man Riads Erklärung, dass sie den Markt mit dem Versprechen terrorisieren, die eigene Produktion auf unerhörte 13 Millionen Barrel pro Tag zu erhöhen und Europa Öl für 25 Dollar pro Barrel anzubieten, so verstehen. Bisher funktioniert das. Und vielleicht wird es ein paar Monate funktionieren. Aber Experten glauben, dass vom Absturz der Ölpreise um 30 Dollar nur 10 Dollar von den Saudis verursacht wurden, die restlichen 20 Dollar aber vom Coronavirus. Es sollte sich also niemand selbst überschätzen.

Wie geht es weiter? Der Großteil der US-Fracking-Firmen hat die Bohrungen bereits eingestellt. Die Investitionen sind stark zurückgegangen. Gleichzeitig haben die Unternehmen riesige Kredite von fast 100 Milliarden. Die Banken haben unter diesen Bedingungen die Vergabe neuer Kredite eingestellt. Viele Firmen werden dort also sehr bald platzen. Natürlich wird sie dann jemand für wenig Geld kaufen, aber die Produktionskosten bleiben trotzdem so hoch, wie sie sind. Sie müssen also auf eine Erhöhung der Ölpreise warten.

Jetzt liegt der Preis bei etwa 34 Dollar. Der russische Haushalt ist mit einem Ölpreis von 42 Dollar kalkuliert. Experten prognostizieren einen Preisanstieg auf 40 bis 50 Dollar in zwei bis drei Monaten. Russlands Reserven reichen aber sogar für Jahre.

„Die Situation in der russischen Wirtschaft ist unter der Kontrolle des Präsidenten und der Regierung. Wir haben alle Werkzeuge, um ruhig und ohne Schocks durch die Krise zu gehen. Wir verfügen über genügend Ressourcen, um die Finanzstabilität aufrechtzuerhalten. Gemeinsam mit der Zentralbank ergreifen wir alle notwendigen Maßnahmen, um die Situation zu stabilisieren“, sagte Michail Mischustin.

Die Zentralbank hat den Kauf von Währungen auf dem Markt für 30 Tage eingestellt und das Finanzministerium kündigte den Verkauf Währungen an, um Haushaltslücken zu kompensieren. Diese Maßnahmen haben bereits Wirkung gezeigt.

Die weltweiten Börsen sind seit der Großen Depression, den 1930er Jahren, nicht mehr so stark gefallen. In nur einer Woche hat der japanische Nikkei-Index ein Minus von fast 18 Prozent gemacht. Fast ebenso viel verlor der Index der 500 größten Unternehmen in den Vereinigten Staaten.

In Europa ist es noch schlimmer. Die stärksten Verluste machten Großbritannien, Deutschland und Frankreich, dort fielen die Kurse um mehr als 20 Prozent. Und in Italien, das durch das Virus eingefroren ist, sind es fast 30 Prozent.

Der Dollar-Index rts der Moskauer Börse verlor an vier Werktagen ein Viertel des Wertes.

Und Öl erlebte im März den größten Rückgang seit 30 Jahren. Der Preis brach von 50 auf fast 30 Dollar pro Barrel ein.

Unter dem Druck des Ölpreises verlor der Rubel in einer Woche gegenüber dem Dollar mehr als 5 Prozent und gegenüber dem Euro etwa 4 Prozent. Das Ergebnis zum Wochenende: Der Dollar kostet 73,18 Rubel und der Euro 81,86 Rubel.

Der Coronavirus hat das globale Finanzsystem getroffen, das bereits durch das enorme Defizit des US-Haushalts unausgewogen ist.

„Nach dem Coronavirus begann China, den Ölverbrauch zu senken. Der Rückgang war mit bis zu 20 Prozent recht signifikant. Das sind ernst zunehmende Volumina. Panikprognosen, dass der Markt für das Jahr um 600.000 Barrel pro Tag fallen wird, gingen um. Die Saudis reagierten sehr nervös auf diese Geschichte und sie kamen mit einem Ultimatum nach Wien, auf das wir nicht eingehen konnten“, sagte Konstantin Simonow, der erste Vizekanzler für Außenbeziehungen an der Finanzuniversität der russischen Regierung.

Auf dem Höhepunkt der Pandemie forderte Saudi-Arabien weitere Produktionskürzungen. Ohne eine Garantie dafür, dass das Kartell angesichts einer globalen Rezession die Preise tatsächlich halten kann. Moskau bot den Partnern an, nichts zu übereilen, nicht hektisch zu reagieren.

„Die vorgeschlagenen zusätzlichen Reduzierungen von anderthalb Millionen Barrel hätten das Problem des weltweiten Wirtschaftsabschwungs nicht gelöst. Sie konnten nur dazu führen, dass wir in wenigen Monaten die Produktion weiter reduzieren müssten. Wir haben vorgeschlagen, die Situation zu stabilisieren. In ein paar Monaten könnte sich alles komplett verändern und dann wäre es sinnvoller, die richtigen Entscheidungen zu treffen“, sagte der russische Energieminister Alexander Novak.

Aber Riad hat offensichtlich die Nerven verloren. Unter dem Motto „Das werdet Ihr noch bereuen“ zogen sich die Saudis aus dem Abkommen zurück und erklärten Moskau den Preiskrieg. Sie versprechen, die Welt mit Öl zu 25 Dollar zu fluten. In Moskau war man auf ein solches Szenario vorbereitet.

„Die Ölexperten rechneten und erkannten, dass sie Marktanteile verlieren und ihre Positionen nicht wiederherstellen würden. Nicht nur die Amerikaner haben Anteile erobert, sondern auch die Brasilianer, Kanada und andere Länder, die in den Markt eingetreten sind. In der Tat haben wir freiwillig Marktanteile abgegeben“, erklärte Alexander Kareevsky, ein Wirtschaftsanalyst.

Angesichts der engen Beziehungen zwischen Riad und Washington machte Trump dort seinen ersten Auslandsbesuch. Es ist schwer zu glauben, dass das Königreich ohne das Wissen des großen Bruders die Tür zugeschlagen hat. Aber der arabische „Wüstensturm“ ist in der Tat ein Eigentor. Die Kosten für Fracking in den USA belaufen sich auf etwa 50 US-Dollar pro Barrel. Riad selbst kann einen billigeren Öl kaum lange durchhalten.

Saudi-Arabiens Haushalt ist ein Staatsgeheimnis, aber internationale Agenturen schätzen, dass er einen Preis von 75 bis 85 Dollar pro Barrel benötigt. In jedem Fall ist dies deutlich mehr als die aktuellen Ölpreise und vor allem deutlich mehr, als unser Haushalt benötigt. So gesehen gehen wir nicht nackt oder bettelnd in diesen Krieg“, sagte Konstantin Simonow.

Der russische Haushalt ist auf einem Preis von 42 US-Dollar berechnet. Wenn die Kosten für ein Barrel niedriger sind, geben wir Reserven aus, wenn der Preis höher ist, wachsen unsere Reserven. Diese Haushaltsregel hat uns ein solides Sicherheitspolster geschaffen. Weitere Vorteile Russlands sind die geringe Staatsverschuldung und die niedrige Inflation.

„Das Inflationsziel von 4 Prozent wird in diesem Jahr eingehalten werden, diese Zielmarke gilt auch für die kommenden Jahre. Zwar wird die Umsetzung der Ziele, die der Präsident in seiner Rede an die Nation angekündigt hat, wirklich beträchtliche Mittel benötigen, aber der Haushalt und die Reserven geben uns alle Möglichkeiten, die wir brauchen“, sagte der russische Finanzminister Anton Siluanow.

„Wir sind bereit für niedrige Preise. Die Kosten unserer Produktion betragen 3,5 USD pro Barrel. Wir haben einen niedrigen Schuldenstand, also können wir auch eine sehr lange Phase niedriger Preise schmerzlos überstehen und die Produktion aufrecht erhalten. Aber wir haben allen Grund und auch die Möglichkeit, unsere Produktion zu steigern. Niedrige Preise werden dazu beitragen, den Markt zu bereinigen und hochpreisige Projekte vom Markt zu entfernen, was eine Garantie für eine erfolgreiche, langfristige Entwicklung des Ölmarktes sein wird“, sagte Alexander Dukov, Vorstandsvorsitzende von Gazprom Neft.

„Wir sind in eine ziemlich neue Realität eingetreten und wir müssen für eine lange Zeit mit etwa 35 Dollar leben. Ich glaube nicht wirklich, dass Preise von 20 Dollar pro Barrel von Dauer sind. Und zwar aus einem einfachen Grund: niemand hat etwas davon, weder die ölproduzierenden Länder noch die ölverbrauchenden Länder“, sagte Andrej Belousow, stellvertretender Vorsitzender der russischen Regierung.

In China ist der Höhepunkt des Virus vorbei, was bedeutet, dass sich die Wirtschaft bald erholen wird. Aber wird Europa in der Lage sein, die Infektion genauso schnell zu stoppen und in ein normales Leben zurückzukehren? Die UNO schätzt, dass die Pandemie die Weltwirtschaft eine Billion Dollar kosten wird. Russlands akkumulierte Reserve wird dazu beitragen, den Lebensstandard aufrechtzuerhalten und alle sozialen Verpflichtungen vollständig zu erfüllen. Während die Märkte fielen, meldete die russische Zentralbank einen Anstieg der Reserven auf einen 12-Jahresrekord.

Ende der Übersetzung

Werbung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Schreibe einen Kommentar