Wer ist Kim Yo-jong, Schwester von Kim Jong-un und mächtigste Frau Nordkoreas?

Da es derzeit eigentlich nur wenige Themen gibt, die die Schlagzeilen dominieren, habe ich mich über eine interessante Analyse über Nordkorea gefreut, die ich heute gefunden habe und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Derzeit gibt es in den Medien nur vier Themen: Corona, Navalny, Weißrussland und den US-Wahlkampf. Das sind zwar sehr spannende Themen, aber seit Wochen praktisch nur über vier Themen zu lesen, wird langweilig. Daher habe mich gefreut, als ein Analyst der russischen Nachrichtenagentur TASS einen Artikel über die Schwester den nordkoreanischen Führers Kim Jong-un veröffentlicht hat, die von vielen als eine Art graue Eminenz hinter den nordkoreanischen Kulissen gehandelt wird. Da über sie kaum etwas bekannt ist, habe ich den Artikel, der die bekannten Fakten zusammenfasst und auch über ihre Machtposition berichtet, übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Wer ist sie, die mächtigste Frau Nordkoreas?

Schauen wir mal nach, ob Kim Yo-jong Anspruch auf die höchsten Regierungsposten in der Republik beanspruchen kann

Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete unter Berufung auf den Geheimdienst des Landes, dass der Vorsitzende des Staatsrates von Nordkoreas, Kim Jong-un, einen Teil seiner Befugnisse an seine jüngere Schwester übertragen hat, die nun den Posten des ersten stellvertretenden Leiters der Abteilung des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas innehat. Kim Jong-uns Schwester wird seit langem genau von den Medien beobachtet, die sie oft als eine der einflussreichsten Personen der Republik bezeichnen. Wir erzählen Ihnen mehr über die Biographie von Kim Yo-jong, über ihre politische Karriere und über die Beziehung zu ihrem älteren Bruder.

Die einzige Tochter

Alle Informationen über Familienmitglieder und Verwandte des derzeitigen Führers Nordkoreas, Kim Jong-un, sind geheim, so dass es wenig zuverlässige Informationen über sie gibt. Dasselbe gilt für Kim Yo-jong, die jüngere Schwester des nordkoreanischen Machthabers. Sie wurde am 26. September 1987 in Pjöngjang geboren. Sie ist das jüngste Kind und die einzige Tochter des verstorbenen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il und seiner Frau, einer ehemaligen Schauspielerin. Laut den Memoiren des ehemaligen Kochs von Kim Jong Il, Kenji Fujimoto, liebte der Vater seine einzige Tochter sehr, verwöhnte sie in jeder Hinsicht und nannte sie oft seine „Prinzessin“.

Wie ihre älteren Brüder war Kim Yo-jong mehrere Jahre an einem Internat in der Schweizer Hauptstadt Bern. Aus Sicherheitsgründen benutzte sie das Pseudonym Park Mi-hyang, und Kim Jong-un war Lehrern und Klassenkameraden als Park-young bekannt. Es wird angenommen, dass es diese Jahre waren, die sie und ihr Bruder gemeinsam weit weg von ihrer Familie in Europa verbrachten, die zu ihrer Nähe und damit der Tatsache beitrugen, dass Kim Yo-jong später zur Vertrauensperson des Führers Nordkoreas wurde.

Nach ihrem Abschluss in der Schweiz im Jahr 2000 oder 2001 kehrten Kim Yo-jong und ihr Bruder nach Pjöngjang zurück. Danach setzte sie ihr Studium fort, zunächst an der Pjöngjang Schule für die Kinder der politischen und militärischen Elite und dann an der renommiertesten Universität des Landes, der Kim Il Sung University. Bei einem der Treffen mit dem Botschafter des russischen Präsidenten im Fernen Osten, Konstantin Pulikovsky, der Pjöngjang oft besuchte, stellte Kim Jong Il fest, dass seine Tochter Politikerin werden wolle und außergewöhnliche Fähigkeiten in diesem Bereich gezeigt habe.

Sie soll ihrer Tante Kim Gye-ho lange nahe gestanden haben, die mehrere Jahre informelle Beraterin und Mitarbeiterin von Kim Jong Il war. Sie teilte ihre Erfahrungen mit ihrer Nichte und bereitete sie darauf vor, in den höchsten Rängen der Macht zu arbeiten. 2012 zeigte Nordkoreas Zentralfernsehen sie bei einem gemeinsamen Ausritt. Aber im folgenden Jahr wurde Kim Gye-hos Ehemann Jang Song Thaek beschuldigt, einen Staatsstreich geplant zu haben und wurde erschossen. Danach war seine Frau mehr als sechs Jahre lang verschwunden, doch dann, im Januar dieses Jahres, trat Kim Gye-ho wieder in der Öffentlichkeit auf. Das geschah bei einem Konzert im Pjöngjang-Theater „Samjiyoong“ anlässlich der Neujahrsfeier nach dem Mondkalender. Kim Gye-ho saß in der gleichen Reihe wie Kim Jong-un: links der Frau des Führers Nordkoreas und rechts von seiner Schwester Kim Yo-jong.

Laut informierten Quellen ist Kim Yo-jong glücklich verheiratet. Ihr Ehemann ist Choi Son, der Sohn des ersten stellvertretenden Vorsitzenden des Staatsrates Nordkoreas, des Vorsitzenden der Präsidentschaft der Obersten Volksversammlung Choi Ryoung Hae (in der Machthierarchie gilt Choi Ryoung Hae als die Nummer zwei nach Kim Jong-un). Kim Yo-jong und Choi Son haben zwei Kinder.

Karriere

Von 2010 bis 2011 war Kim Yo-jong Mitglied im Verteidigungskomitee und im Sekretariat ihres Vaters und half dabei, die Kampagne zu organisieren, um Kim Jong-un als Nachfolger Kim Jong Ils zu fördern, der bereits schwer krank war. Die erste Erwähnung von Kim Yo-jong auf den Seiten nordkoreanischer Zeitungen stammt aus dem Jahr 2011, als sie bei der Beerdigung ihres Vaters erschien.

Nachdem Kim Jong-un seine Position als oberster Führer des Landes gefestigt hatte, ging es mit der Karriere seiner Schwester bergauf. 2014 wurde sie stellvertretende Leiterin der Propaganda- und Agitationsabteilung des Zentralkomitees der Arbeiterpartei Koreas, aber de facto leitete sie die Abteilung. Laut südkoreanischen Medien war sie in dieser Position die Organisatorin aller großen öffentlichen Veranstaltungen im Land. Drei Jahre später wurde Kim Yo-jong zur Kandidatin für das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Arbeiterpartei befördert und gleichzeitig vom US-Finanzministerium wegen „Menschenrechtsverletzungen“ in Nordkorea auf die schwarze Liste gesetzt. 2019 wurde sie auch in die Oberste Volksversammlung des Landes gewählt.

Bekannt wurde sie 2018, als Pjöngjang überraschend beschloss, im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang die Beziehungen zu Südkorea zu verbessern. Kim Yo-jong besuchte als Sondergesandte des nordkoreanischen Führers Seoul, wo sie mit Präsident Moon Jae-in zusammentraf und ihm eine Botschaft ihres Bruders übergab. Diese Aufnahmen gingen um die Welt und verwandelten sie in eine mediale Persönlichkeit. Später besuchte Kim Yo-jong auch die Olympischen Spiele und begleitete Kim Jong-un bei seinem historischen Gipfeltreffen mit dem südkoreanischen Staatschef in Panmunjom und bei den beiden Treffen mit US-Präsident Donald Trump in Singapur und Hanoi. Bemerkenswert ist, dass Kim Yo-jong nach dem Scheitern der Verhandlungen in der Hauptstadt Vietnams von der Liste der Kandidaten für das Politbüro gestrichen wurde, aber im April dieses Jahres auf einer Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (die letzte Veranstaltung, an der Kim Jong-un vor seinem mysteriösen Verschwinden aus der Öffentlichkeit teilnahm) ihren Parteiposten wieder zurückbekam.

Der weibliche Faktor

Zweifellos hat Kim Yo-jong vor allem deshalb großen Einfluss in der Republik, weil sie Kim Jong-un nahe steht und das Blut des Gründers Kim Il Sung in ihren Adern fließt, der im Staat göttlichen Status hat. Auch ihre offiziellen Ämter spielen dabei eine Rolle. Aber wird sie gegebenenfalls in der Lage sein, ihre Position weiter zu stärken und eine höhere Position im Partei-Staatsapparat des Landes einzunehmen?

Die Experten sind in dieser Frage uneins. Einige argumentieren, dass das nicht möglich ist, weil Kim Yo-jong trotz all ihrer Verdienste und ihrer Herkunft eine Frau ist und daher in der konservativen „neokonfuzianischen“ nordkoreanischen Gesellschaft nicht als Herrscherin akzeptiert werden kann, in der die Macht seit Generationen vom Vater auf den Sohn übertragen wird. Darüber hinaus war Nordkorea historisch gesehen ein patriarchalisches Land, was sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft als Ganzes zum Ausdruck kommt. Frauen nehmen in Nordkorea im Vergleich zu Männern die untere Ebene der sozialen Leiter ein. Und trotz der Tatsache, dass viele von ihnen in den schwierigsten Positionen tätig sind, gibt es nur wenige Beispiele für Frauen in der Regierung Nordkoreas. Aus diesem Grund schließen viele Experten in den westlichen Medien die Möglichkeit, dass Kim Yo-jong für höhere Positionen in Nordkorea in Betracht kommt, aus.

Einige Beobachter glauben jedoch immer noch, dass Kim Jong-uns Schwester eine Chance hat, noch weiter in der politischen Hierarchie der Führung des Landes aufzusteigen. Und hier sind die Argumente, die sie vorbringen. In der offiziellen Geschichtsschreibung und dem politischen Pantheon Nordkoreas nimmt Kim Il Sungs Frau Kim Jong-suk einen beachtlichen Platz ein. Sie wird als treue Mitarbeiterin des Staatsgründers, als Teilnehmerin des anti-japanischen Kampfes, als Heldin und Mutter verherrlicht. Dutzende von Büchern wurden über sie geschrieben, ihre Verdienste sind jedem Bürger bekannt, und oft hängt das Porträt von Kim Jong-suk in Regierungsinstitutionen und Häusern gewöhnlicher Bürger in einer Reihe mit Porträts von Kim Il Sung und Kim Jong Il. So ist die Gesellschaft als Ganzes trotz der patriarchalischen Lebensweise auf die Möglichkeit vorbereitet, dass Frauen eine wichtige Rolle bei der Staatsführung spielen können. Schließlich gibt es Präzedenzfälle in der langen Geschichte des Landes. So hat sich die sehr bekannte Königin Songoc, die zwischen 632 und 647 den Staat Sylla regierte, als kluge Politikerin, Strategin und Mäzenin von Gelehrten und Künstlern etabliert.

Zweifellos wird es in der nordkoreanischen Elite Gegner und Unterstützer von Kim Yo-jongs Ernennung geben. Es scheint, dass ihr Erfolg in erster Linie von der spezifischen Situation im Land und ihrer Fähigkeit abhängen wird, einflussreiche Verbündete zu finden.

Mögliche Nachfolger

Trotzden ist Kim Yo-jong jedoch nicht die Einzige, die offiziell einer der führenden Köpfe Nordkoreas werden kann. Nur wenige wissen es und die Medien erwähnen kaum, dass Kim Jong-un einen älteren Bruder hat – Kim Jong Chol. Er wurde im September 1981 geboren, genau wie Kim Jong-un und ging in der Schweiz zur Schule. 2007 begann sein Vater, Kim Jong Chol in die Politik einzubinden und er wurde in eine der Positionen in der Arbeiterpartei Koreas berufen. Damals glaubten alle, dass es Kim Jong Chol wäre, der Kim Jong Il als Führer nachfolgen würde.

Doch 2009 wurde Kim Jong Chol plötzlich seines Amtes enthoben und vollständig aus dem politischen Leben des Landes ausgeschlossen. Er wurde durch seinen jüngeren Bruder Kim Jong-un ersetzt. Derzeit führt Kim Jong Chol einen geheimnisvollen Lebensstil und erscheint nicht in der Öffentlichkeit. Einigen Berichten zufolge wurde er professioneller Musiker, komponiert und macht Musik. Dennoch ist es Experten zufolge unmöglich, Kim Jong Chol vollständig von der Liste der Nominierungen für die höchsten Ränge der Macht auszuschließen.

Ein weiterer möglicher Kandidat für die Spitzenpositionen ist der 65-jährige Onkel des derzeitigen Machthabers, Kim Pyeong-Il. Nachdem Kim Jong Il der Führer des Landes wurde, verbrachte Kim Pyeong-Il fast vier Jahrzehnte im Ausland, de facto im Exil, wo er in den Botschaften Nordkoreas in Ungarn, Bulgarien, Finnland, Polen und der Tschechischen Republik arbeitete. Erst im vergangenen Jahr kehrte er in seine Heimat zurück. Er ist in der Republik wenig bekannt und hat nicht genug politisches Gewicht und Einfluss, um die Macht zu beanspruchen. Nach Ansicht südkoreanischer Experten kann sein Aufstieg in der politischen Hierarchie jedoch nicht vollständig ausgeschlossen werden.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Antworten

    1. Ja, das hört sich ein wenig wie die Ergüsse sogenannter „Society-Experten“, Spezialgebiet „Europäischer Hochadel“, an.
      https://www.stupidedia.org/stupi/Society-Experte

      Aber wahrscheinlich sind die Verhältnisse dort auch ähnliche.

      Die „Asiaten“ sind da wahrscheinlich überhaupt etwas anders „gestrickt“.
      Wenn man sich die Struktur und Kultur richtig großer Unternehmen in den Staaten anschaut, die nach westlichem Standard als „Demokratien“ durchgehen, dann „riecht“ das oft noch deutlich nach „Familie“ und dem „Paten“.

  1. Oha Thomas als Hofberichterstatter :), wer hätte das gedacht.

    Zumindest ist es Nordkorea offensichtlich wichtig das die Führungselite des Landes gut gebildet ist. In Deutschland wird da nicht so drauf geachtet wie man ja oft live sieht.

    1:0 für Nordkorea

    Auch das „niedere Volk“ scheint nicht so dumm zu sein sonst könnten sie doch keine Raketen starten. Oder hat da etwa jemand nachgeholfen und sind die allein drauf gekommen ? Muss so sein denn freundlich Gesinnte kann Nordkorea nach westlicher Erzählung nicht haben. Na ja ist auch egal. Hauptsache ist doch Bildung und dann sogar mit internationaler Erfahrung bei den Einen nennt man das Thronfolge bei den Anderen Bildungselite mit Anspruch auf Beförderung zur Machtelite.

    2:0 für Nordkorea.

    Das ist aber jetzt nicht fair, hat sich die Ukraine etwa am geistigen Eigentum von Nordkorea vergriffen? Bisher war „tot gesagte leben länger“ ihr Alleinstellungsmerkmal, na ja eben nur bis man in der Ukraine an einen Plagiatsversuch kläglich scheiterte weil man es nur 1 Tag schaffte.

    3:0 für Nordkorea

    Aber mal im Ernst, warum wird das jetzt thematisiert? Liegt es daran das dieser Versöhnungsposten gesprengt wurde? Hat man nun keinen direkten Zugang mehr? Dann sollte man eben die diplomatischen Beziehungen pflegen und nicht blind rum poltern. Aber die hohe Kunst der Diplomatie ist nicht jedermanns Sache.
    Der asiatische Raum hat generell eine uns oft noch fremde Ordnung und das ist nicht am System fest zu machen sondern eher historisch.
    Die Franzosen, so sagt man, arbeiten um zu Leben, der Deutsche alter Prägung lebte um zu Arbeiten. Der Japaner wirkt diesbezüglich wie der alte Deutsche nur noch extrem fixierter. Er ist so durchstrukturiert das man sich manchmal fragt ob er überhaupt ein Leben hat.
    Die Inder hat ihr beinahe undurchdringliches Kasten System und sind noch aus der Kolonialzeit fremdartig durchdrungen das man Den Inder wohl gar nicht kennt.

    Die Gesellschaften müssen jeweils den für sich selbst richtigen Weg finden und gehen. Denn was wohl als sicher gilt, von Außen können Impulse kommen aber das Tempo bestimmt das Innere.

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