Wie das russische Fernsehen über die Lage an der griechisch-türkischen Grenze berichtet

Es läuft ein Propaganda-Krieg zwischen Griechenland und der Türkei. Was wirklich an der Grenze passiert, ist kaum sicher festzustellen, da die Berichte sich stark unterscheiden. Daher möchte ich auch zeigen, wie in Russland über die neue Flüchtlingskrise berichtet wird.

Die Situation an der griechisch-türkischen Grenze ist chaotisch. Damit die von Erdogan an die Grenze geschickten Flüchtlinge nicht umdrehen und in die Türkei zurückkehren, hat die Türkei selbst 1.000 Mann einer Spezialeinheit an die Grenze geschickt, um ihre Rückkehr zu verhindern.

Aber auch Griechenland greift zu harten Maßnahmen. Nachdem Griechenland das Asylrecht kurzerhand außer Kraft gesetzt hat, wurde angekündigt, jeden Migranten, der nach dem 1. März eingereist ist, abzuschieben. Außerdem will Griechenland die Asylverfahren beschleunigen und gleichzeitig allen, die Asyl bekommen haben keinerlei Unterstützung mehr bezahlen.

Obwohl diese Maßnahmen über alles hinausgehen, was die Kritiker der „Willkommenskultur“ 2015 gefordert haben, gibt es heute keinerlei Kritik von Politik und Medien an dem griechischen Vorgehen. Das ist vor allem deshalb interessant, weil man 2015 für wesentlich weniger drastische Forderungen als „Nazi“ bezeichnet werden konnte. Über die Frage, wie es sein kann, dass das, was 2015 „Nazi“ war, heute von niemandem kritisiert wird, habe ich hier eine Einschätzung geschrieben.

Die deutschen Medienberichte sind allgemein bekannt. Daher habe ich den Bericht des russischen Fernsehens aus der Sendung „Nachrichten der Woche“ vom Donnerstag übersetzt. Der „neutrale“ Blick von außen auf die Geschehnisse ist durchaus interessant. Übrigens dürfte der Beitrag des russischen Fernsehens mit meiner Übersetzung auch ohne Russischkenntnisse verständlich sein. Und die Bilder sprechen auch eine deutliche Sprache.

Beginn der Übersetzung:

An der türkisch-griechischen Grenze herrscht Chaos. Ende Februar kündigte die Türkei gegenüber der Europäischen Union an, Flüchtlinge nicht mehr zurückzuhalten und öffnete die Grenze. Zehntausende Menschen strömten nach Griechenland, überquerten den Fluss, den Stacheldraht und andere Grenzbarrieren.

So eine Woche haben die Griechen in den letzten viereinhalb Jahren nicht mehr erlebt. Erdogan musste nur sagen, die Grenze sei offen, und schon verwandelte sich der Grenzübergang Castaene-Edirne in ein Schlachtfeld mit 13.000 Flüchtlingen gegen 2.000 griechische Grenzschutzbeamten.

Die Polizisten stehen mit Helmen, Schilden und Gasmasken in einer Reihe.

Janis Karagejis lebt seit 86 Jahren hier am Rande Europas. Er kennt seine Nachbarn seit vier Generationen und will keine neuen haben.

„In den Jahren, in denen ich hier gelebt habe, sind Tausende von Migranten an uns vorübergezogen. Ich habe schon Türkisch gelernt! Aber jetzt, wenn sie die Polizei sehen, gehen gehen sie zur Grenze zurück“, sagte Janis.

Die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei ist nur auf 12 Kilometer mit einem Zaun und Stacheldraht gesichert. Die anderen 180 Kilometer sind nur eine Linie auf der Karte: Man muss nur den Fluss überqueren und schon ist man in der Europäischen Union.

Die griechischen Behörden schicken SMS an alle ausländischen Telefonnummern in der Nähe der Grenze: „Achten Sie die Grenze und das Gesetz!“ Es hilft nichts.

„Wir haben Angst, alle sitzen zu Hause. Jede Nacht kommen welche von der anderen Seite der Grenze. Wir notieren sofort, wie viele es waren und wie sie aussahen, und rufen die Polizei. Wenn ich diese Leute in mein Taxi setzen würde, würde ich 10 Jahre bekommen“, sagte ein griechische Taxifahrer.

Aber wenn jemand bereit ist, für etwas zu bezahlen, wird es er auch einen Verkäufer finden. Für die Fahrt aus dem türkischen Lager an die Grenze nehmen sie 15 Euro, für die Überquerung des Flusses 96. Die Boote pendeln zwischen den Ufern wie am Fließband. Sie fahren meist in der Dämmerung. Tagsüber sind die Boote in Schilf.

Es sind jedoch viel mehr Menschen, die sich dem Flüchtlingsstrom entgegen stellen, als diejenigen, die damit Geld verdienen wollen. Man erinnert sich hier noch so gut an das Jahr 2015, dass sogar Landwirte auf Traktoren nachts an der Grenze patrouillieren.

„Afghanen, Iraker, Iraner, Somalier – das treffen wir hier. Und uns wird gesagt, dass wir den armen Syrern helfen sollen. Wir haben keine Syrer gesehen! Vor fünf Jahren nicht und heute auch nicht. Erdogan will seine Ziel erreichen. Er versucht, von Europa zu profitieren“, sind sich die Einheimischen sicher.

Aber Migranten sind auch auf der anderen Seite des Zauns nicht mehr willkommen. Ein Mann mit der Aufschrift „Polizei“ auf türkischer Kleidung zwingt Passagiere des Busses buchstäblich, die Grenzen der Europäischen Union zu stürmen. Wer zögert, dem werden Prügel angedroht.

Und hier werden anscheinend diejenigen bestraft, die sich nicht genug bemüht haben, über die Grenze zu kommen. Es gibt auch Aufnahmen von Schüssen türkischer Polizisten hinter dem Rücken der Migranten. All dies wurde nicht offiziell bestätigt, aber die lokalen Nachrichten haben es gezeigt.

Diese kleinen Cafés gibt es in jeder kleinen griechischen Stadt, sie werden einfach „cafenio“ genannt. Es gibt keine Speisekarte, die Einrichtung ist einfach und besteht nur aus Tischen, Stühlen, Kaffee und dem unverzichtbaren Fernseher. Hier treffen sich ältere Menschen.

Die Gäste sind 70 oder älter. Aber mit dem türkischen Gambit kennen sie sich nicht schlechter aus, als Politologen.

„Wir verstehen nicht, warum man uns diese Leute schickt. Syrer haben auf türkische Soldaten geschossen und die Türkei forderte eine Entschuldigung. Aber warum sollten sie sich entschuldigen? Sie sind in ihrem eigenen Land. Sie sagen: Kommt nicht in unser Land, dann brauchen wir auch nicht zu schießen“, stellen die Einheimischen fest. „Es gibt immer Hoffnung, aber die Verhandlungen der Politiker werden nichts daran ändern, dass die Menschen nach Europa wollen. Sie können einem auch Leid tun. Es ist schlimm, dass wir uns in dieser Situation befinden.“

In Griechenland wird generell gerne bei Tisch gesprochen, deshalb sind Restaurants beliebt. Apostolos Pasias kaufte vor fünf Jahren, kurz vor der vergangenen Flüchtlingskrise, ein Café einen Kilometer vom Grenzübergang entfernt.

„Jetzt ist die Situation viel schlimmer. Damals gab es einen konstanten Strom, aber nicht so viele auf einmal. Sie wollen nicht hier leben, sie versuchen weiter zu gehen – nach Deutschland, nach Frankreich. Aber das Problem ist, dass sie zurückgebracht werden, und dann müssen sie irgendwie ernährt und unterstützt werden“, sagt Pasias.

Nun ist wegen der geschlossenen Grenze fast niemand im Café. In Griechenland, wo jeder sechste Erwachsene arbeitslos ist, sind leere Tische ein Zeichen für den Zustand der Wirtschaft, ganz zu schweigen davon, dass die täglichen Scharmützel an der Grenze laut lokalen Medien den Fiskus 350.000 Euro kosten. Für 700.000 Euro wurden allein Gasgranaten gekauft.

„Wir wollen nicht auf Flüchtlinge schießen. Seit ihnen vorgelogen wurde, dass die Grenze offen sei, ist die Situation sehr schwierig geworden. Hungrige Menschen sind immer gefährlich. Aber Menschen, die Asyl wollen, werfen keine Steine auf die Polizei. Ich denke, sie wollen etwas anderes“, sagte einer der griechischen Polizisten.

Apropos Granaten. In einigen Videos ist zu sehen, wie auf türkischer Seite sehr gut organisierte Menschen in polizeiähnlichen Uniformen in Richtung der griechischen Grenze feuern. Und hier sieht man die Migranten selbst. Aus irgendeinem Grund haben auch sie Gasgranaten. Hier ist ein Foto der Granaten, veröffentlicht im Nachrichtensender der Regierung.

Die 700 Millionen Euro, die die Europäische Union kürzlich an Griechenland überwiesen hat, werden in dieser Situation nützlich sein, ebenso wie die Kriegsschiffe, die die Grenzen in der Ägäis schützen. Kürzlich haben rebellische Flüchtlinge auf Lesbos eine orthodoxe Kirche verwüstet. Und das in Griechenland, wo, wie die Einheimischen versichern, auf hundert Menschen eine Kirche kommt. Unterdessen teilte Erdogan Angela Merkel mit, dass das Flüchtlingsabkommen mit der EU neu verhandelt werden muss, weil es nicht umgesetzt wird. Das kann niemand mehr bestreiten.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. In dem Buch gibt es auch ein Kapitel mit Putins Aussagen über die Flüchtlingskrise in Europa und seine Aussagen waren teilweise fast prophetisch, denn sie sind fast alle eingetroffen.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Wie das russische Fernsehen über die Lage an der griechisch-türkischen Grenze berichtet“

  1. Als Nazi sollte niemand bezeichnet werden, der einfach nur eine andere Meinung äußerst.
    Das Asylrecht auszusetzen, welches eine direkte Ableitung aus den Menschenrechten darstellt, ist aber mal wieder bezeichnend für den Zustand Europas. Schöne Reden halten, Feinde benennen, aber selbst alles, was wir nach 45 an Fortschritten gemacht haben, zu verachten, spricht leider für sich. :/

    Dabei kann ich die Griechen durchaus verstehen. Sie wurden ganz besonders auch unter Druck Deutschlands in den Wahnsinn der Austeritätspolitik getrieben und durften zugleich als Außengrenze all die Flüchtlinge aufnehmen und zusehen wie sie damit klarkommen.

  2. Auch künftige Millionen werden in Griechenland nützlicher sein als in der Türkei, denn angesichts der in den nächsten Jahrzehnten nicht abreißenden Flüchtlingsströme werden daraus Tributzahlungen. In diesen Regionen kennt man das schon von vor der Römerzeit. Aber Roger Letsch hat gerade darauf hingewiesen, daß das auch im frühen Mittelalter nicht unbekannt war. Bei den Briten hieß es „Danegeld“: Die angelsächsischen Könige des ausgehenden Frühmittelalters zahlen es den Wikingern (Dänengeld) und betrachteten dieses „Gjald“, so der Artikel auf WP, abzulesen an skandinavischen Runensteinen nicht so sehr als Einnahme, sondern als „Ehrenzeichen“.
    Treppenwitz am Rande: Später wurde aus dem „Gjald“ das „heregeld“, eine Militärsteuer wie z.B. unsere deutsche, inzwischen 117jährige ‚Schaumweinsteuer‘, die kanntlich nicht auf Prosecco (aufgrund – noch? – geringeren Flaschendrucks) erhoben wird. Ich sehe schon das Leuchten in den Augen der Minister „mit dem einnehmenden Wesen“: Außengrenzen-Sicherungs-Steuer.
    Was mich aber aufmerken lies, war eine der Bezeichnungen für das Danegeld in den angelsächsischen Chroniken: „pecunia pro pace“, heißt bekanntlich „Geld für Frieden“. Und, haben sie ihn bekommen? Ja, bis „Knut der Große“ England erobert hat, damit slebst an der Steuerquelle saß, und es mit seinen Söhnen regierte. Übertragen also, ja bis Sultan Recep I. aufhört – und das dürfte wohl erst passieren, nachdem er von seinen Türken aufgrund der Wirtschaftkrise in die (syrische?) Wüste gejagt worden ist und (bei Präsident Baschar Hafiz al-Assad?) um Asyl nachgesucht hat.
    Derweil würde geneigte Zuschauer eigentlich zumindest mediales Aufplustern der EU (Regierungschefs wie Kommission) erwarten, damit Sultan Recep I. wenigstens ahnt, daß es ein harter Ringkampf um die EU-Millionen wird. Nix da: „Die EU ist außenpolitisch ein Verein der substanzlosen Absichtserklärungen und Forderungen geworden. Richtiger wäre es, von ‚geblieben‘ zu sprechen, denn das ist schon seit Jahrzehnten nicht anders“ stellt Roger Letsch zu Recht fest. Und er hat das sicher nicht bei Assad abgeschrieben.
    Auch aus Deutschland hört man das „döhnende Schweigen“ Merkels statt allgegenwärtige Solidarität mit Griechenland: Die „Demnächst hier Ankommenden“ werden das als Zustimmung zu ihren Plänen werten. Einzig bei der Union wird gestritten: „Ihr habt nichts gelernt, die Leute wollen keine Flüchtlinge“, soll der ‚demokratische‘ Fraktionschef Brinkhaus seinen ‚aufnahmebereiten, sozialen‘ Minister Seehofer angeschrien haben. „Ihr sitzt hier im Kabinett, ich bin im Wahlkreis und spreche mit den Menschen“, um dann unverzüglich seine Lautstärke der Merkelschen Ruhe anzugleichen. „Ich bin daher davon überzeugt, dass die große Mehrzahl der Menschen in diesem Land auch weiterhin den Willen hat, hilfsbedürftige Menschen aus Krisengebieten aufzunehmen.“ Er wolle halt nur besser steuern – mit lautstarkem Mundwerk? Brüssel wird schon anfangen, das „Danegeld“ abzuzählen, wir brave Deutsche werden uns nicht lumpen lassen und Sultan Recep I. wird sich ob der „Ehre“ zufrieden zurücklehnen…

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