Wie in Russland über die Iran-Krise berichtet wird

Die Iran-Krise und das abgeschossene ukrainische Flugzeug waren ebenfalls Thema in der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ und es ist ausgesprochen interessant, wie anders die Dinge in Russland gesehen werden.

In Deutschland waren die Medien von der Eskalation zwar sichtlich schockiert, aber nichts desto trotz blieb für sie der Iran der Böse und die USA waren die Guten, auch wenn sie es waren, die die Welt an den Rand eines wirklich gefährlichen Krieges getrieben haben. In Russland wird das anders gesehen und daher habe ich den Beitrag des russischen Fernsehens zu dem Thema übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Wie ist die Welt an den Rand des Unmöglichen gekommen?

Der Iran schießt ballistische Raketen auf US-Luftwaffenstützpunkte. Es ist wie im Film, aber es ist kein Film. Am Jahrestag des Beginns der Islamischen Revolution sind Explosionen auf amerikanischen Stützpunkten im Irak zu hören. Es schien, als ob Trumps Schuss in Bagdad einen großen Krieg ausgelöst hätte.

Der große Krieg hat bisher nicht stattgefunden, aber es ist trotzdem eine große Tragödie geschehen. Das iranische Militär hat unabsichtlich ein ziviles Flugzeug mit Passagieren an Bord abgeschossen. Der Flug Teheran-Kiew der International Airlines der Ukraine wurde durch Raketen der iranischen Luftverteidigung zerstört. Das Flugzeug stürzte 15 Kilometer nördlich des internationalen Flughafens von Teheran ab und alle 176 Menschen an Bord wurden getötet.

Die iranische Regierung brauchte nur sehr wenig Zeit, um die Verantwortung für die Katastrophe zu übernehmen. Das ist erstaunlich, wenn wir uns an ähnliche Tragödien erinnern, bei denen die Vereinigten Staaten, die Sowjetunion und die Ukraine irrtümlicherweise zivile Flugzeuge abgeschossen haben.

„Wir entschuldigen uns für diese Tragödie. Wir trauern mit den Familien der Opfer. Es ist, als hätten wir unsere eigenen Lieben verloren. All dies ist die Folge der feindlichen und subversiven Aktionen Amerikas in der Region. In dieser Nacht bereiteten wir uns auf einen umfassenden militärischen Konflikt vor. Feindliche Kampfflugzeuge, die vor kurzem in die Region geflogen wurden, waren am Himmel und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kampfflugzeug oder ein Marschflugkörper in unserem Luftraum auftauchte, war extrem hoch“, sagte Amir Ali Hajizadeh, Kommandeur der Luftstreitkräfte der Revolutionsgarden.

Teheran ist bereit, Entschädigungen an die Angehörigen der Opfer der Katastrophe zu zahlen, die meisten der Toten sind Bürger der Islamischen Republik, und die Trümmer und die Blackboxen des Flugzeugs werden an Boeing-Spezialisten übergeben. (Anm. d. Übers.: In westlichen Medien wird berichtet, die meisten der Opfer seien Kanadier. Beides ist korrekt, es handelte sich bei den Opfern um Exil-Iraner, die beide Staatsangehörigkeiten hatten) Die iranischen Behörden bekannten sich in vollem Umfang schuldig, machten aber einen Vorbehalt und sagten, die USA hätten die Eskalation begonnen, die schließlich zu der Tragödie führte. Und es ist schwer, das zu bestreiten. Die Amerikaner haben den Iran angegriffen, Trump ordnete die Ermordung eines Generals des Korps der Islamischen Revolutionsgarden an und erklärte der Islamischen Republik im Grunde den Krieg.

General Soleimani war nicht nur ein bekannter und populärer militärischer Anführer. Er war nicht nur ein Anhänger von Ayatollah Khomeneis Ideen. Der getötete General war ein langjähriger Co-Autor des iranischen Einflusses in der Region, er war der Architekt der Konsolidierung der schiitischen Welt. Darüber hinaus war Soleimani in der Tat einer der prominentesten Kämpfer gegen die Terrorgruppe IS im Irak und in Syrien.

Er war ein Nationalheld, wurde aber zum Bannerträger anti-amerikanischer Kräfte in der Region. In der gesamten schiitischen Welt trauerten Millionen um den General und sahen im Fernsehen Soleimani auf seiner letzten Reise und lauschten der wütenden Rede der Tochter des Generals.

„Millionen sahen die stillen Tränen des Ayatollah. Khomeni trauerte um den von Trump getöteten General wie um einen Sohn. Hier vermischen sich persönliches uns staatliches. Der Oberste Führer der Islamischen Republik hatte keinen verständnisvolleren Anhänger“, sagte Seinab Soleimani.

Nach einem solchen Abschied von dem Ermordeten schien es, als würde der Iran die härteste Antwort auf die Ermordung des de facto dritten Mannes im Staate wählen. Die Rhetorik versprach nichts Gutes.

Auf Trumps Kopf wurde ein Kopfgeld in Höhe von 80 Millionen Dollar ausgesetzt. Der Außenminister des Landes, Zarif, twitterte täglich, wahrscheinlich um sicherzustellen, dass der amerikanische Staatschef es auch wirklich las, und er drohte Washington in aller Ruhe.

Auch das Weiße Haus drohte. Der US-Präsident versprach sogar, Kulturdenkmäler in der Islamischen Republik zu zerstören. Gleichzeitig verlegte das Pentagon zusätzliche Truppen in die Region und Experten spekulierten bereits, wie lange der Iran einen Krieg durchhalten könnte. Im Iran aber haben sie ruhig kalkuliert. Teherans Antwort entsprach nicht der Rhetorik.

Die ballistischen Raketen haben die US-Stützpunkte genau getroffen. Das US-Militär sah die Abschüsse nicht. Die Luftstreitkräfte der Revolutionsgarden zerstörten Gebäude. Ein Angriff auf amerikanische Einrichtungen fand wahrscheinlich zum ersten Mal seit Vietnam statt. Die Iraner haben deutlich gemacht, dass sie wissen, wie man schießt, genau schießt und dass das nächste Mal auch zum Beispiel Kasernen mit Personal das Ziel sein können.

Hier sehen wir eine Reportage von CNN. Die Korrespondentin befindet sich auf der Basis von al-Assad. Diese Bilder veranschaulichen am besten die iranische Zurückhaltung. Sie beschränkten sich auf eine Ohrfeige.

Dieser einstündige Krieg hätte ein Beispiel dafür sein können, wie man mit den Säbeln rasseln kann, ohne dass es Tote gibt, aber das hat nicht geklappt. Der Absturz der ukrainischen Boeing ist eine direkte Folge der Eskalation und ohne dem Iran die Verantwortung zu entziehen, dürfen wir nicht vergessen, wer den ersten Schuss abgefeuert hat. Washington wird sicherlich versuchen, die iranische Ehrlichkeit auszunutzen. Die Trump-Administration wird diese Chance nicht verpassen, den Iran noch mehr zu verteufeln.

Ende der Übersetzung


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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Wie in Russland über die Iran-Krise berichtet wird“

  1. Danke für die Übersetzung, Thomas!

    In der Rede der Tochter Soleimani heißt es oben „(…) Der Oberste Führer der Islamischen Republik hatte keinen verständnisvollen Anhänger“ (…)“

    Das macht m.E. keinen Sinn. Müsste es nicht „keinen verständnisvolleren Anhänger“ heißen?

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