Wie ist die Corona-Situation in Russland und welche Einschränkungen wurden beschlossen?

Russland hat nun auch Ausgangsbeschränkungen eingeführt. Da ich in Russland lebe, werde ich hier berichten, welche Maßnahmen die russische Regierung nun eingeführt hat. Sie sind wesentlich strenger, als die Maßnahmen, die in Deutschland gelten.

Russland hat weit weniger Corona-Fälle, als die Länder der EU, aktuell sind 3.548. Das liegt daran, dass Russland fast immer am schnellsten reagiert hat. Russland hat seine Grenze zu China schon Ende Januar geschlossen, als die Epidemie gerade erst losging und noch kein anderes Land an derartige Maßnahmen gedacht hat. Russland hat auch sehr früh angefangen, Menschen, die aus gefährdeten Ländern zurückkehrten, unter häusliche Quarantäne zu stellen. Damit hat Russland sich – im Vergleich zum Beispiel zu Deutschland – fast einen Monat Zeit verschafft. Die Zahl der Corona-Fälle in Russland liegt derzeit etwa so hoch, wie in Deutschland vor drei Wochen. Und Russland gehört zu den Top-3-Ländern der Welt, was die Anzahl der getesteten Personen angeht, es wurden bereits über eine halbe Million Menschen getestet.

Am Mittwoch, dem 25. März, hat Putin in einer Fernsehansprache angekündigt, dass ab dem 28. März in Russland für eine Woche Homeoffice angeordnet ist. Alle, die nicht zur unmittelbaren Versorgung der Bevölkerung nötig sind (Lebensmittelläden, Gesundheitsbereich und so weiter) sollten von zu Hause arbeiten oder die Firmen bei Lohnfortzahlung schließen. Ob das mit der Lohnfortzahlung in Praxis klappt, wird sich zeigen, denn die russischen Kleinunternehmen haben die gleichen Probleme, wie ihre Kollegen in Deutschland. Natürlich wurden auch in Russland Hilfsprogramme beschlossen, die wahrscheinlich – wie in Deutschland auch – kaum alle werden retten können.

Am 26. März wurde mitgeteilt, dass ab Samstag um 0.00 Uhr auch landesweit alle Restaurants, Bars, Kinos, Einkaufszentren und so weiter geschlossen sein müssen.

Am 29. März hat der Moskauer Bürgermeister für Moskau eine Art Ausgangssperre verhängt. Man durfte ab Montag, dem 30. März, dort nur noch aus dem Haus, wenn man entweder zur Arbeit musste (wobei ja für die meisten Menschen ohnehin schon Homeoffice galt). Ansonsten darf man die Wohnung nur verlassen, um zum nächstgelegenen Lebensmittelgeschäft, zur nächstgelegenen Apotheke oder zum Arzt zu gehen. Haustiere darf man nur im Umkreis von 100 Metern um das eigene Haus ausführen.

Einen Tag später haben viele russische Regionen die Moskauer Regelungen übernommen. Auch in St. Petersburg, wo ich wohne, gelten seit Dienstag diese Einschränkungen.

Am heutigen Donnerstag hat Putin erneut eine Fernsehansprache gehalten und die Maßnahmen bis zum 30. April verlängert.

Russland ist – wie Deutschland auch – ein föderaler Bundesstaat, in dem die Bundesländer – in Russland „Region“ oder „Oblast“ genannt – viele Entscheidungen treffen. Daher haben sich noch nicht alle Regionen den Ausgangssperren angeschlossen. Lediglich die von Putin verkündete Pflicht für Homeoffice und die Schließung aller Geschäfte, die nicht zur Versorgung mit lebensnotwendigem, wie Lebensmitteln, nötig sind, gilt landesweit. Über etwaige Ausgangsbeschränkungen entscheiden die Regionen selbständig.

Putin hat das in seiner heutigen Ansprache auch noch einmal unterstrichen. Er hat darauf hingewiesen, dass Russland ein sehr großes Land ist, in dem in Regionen wie Moskau mit seiner Bevölkerungsdichte andere Maßnahmen nötig sind, als in fernöstliche Regionen, wo nur wenige Menschen auf hunderten Quadratkilometern leben. Daher hat er die Gouverneure, also die Regierungschefs der Regionen, aufgerufen, innerhalb einer Woche die für ihre Region passenden Maßnahmen zu erarbeiten und zu implementieren.

Es gibt auch Regionen, die strengere Maßnahmen ergriffen haben, als Moskau. In Tatarstan, einer Region in Zentralrussland, muss man, wenn man sein Haus verlassen will, eine SMS an eine Kurzwahlnummer schicken und bekommt eine Antwort, wann man das Haus verlassen darf. Die Polizei kann dann kontrollieren, ob man sich mit Erlaubnis auf der Straße aufhält.

Die Region „Moskauer Umland“ hat angekündigt, bis nächste Woche eine App zu erarbeiten, mit der diese Dinge etwas bequemer gelöst werden, aber vermutlich wird es ähnlich streng werden, wie in Tatarstan.

Interessant ist, dass es in russischen Geschäften noch immer alles zu kaufen gibt. Die Regale mit Klopapier waren in allen Geschäften, in denen ich in den letzten Tagen gewesen bin, genauso voll, wie die Regale mit Nudeln oder Konserven. Lediglich Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind praktisch nicht zu bekommen.

Da deutsche „Qualitätsmedien“ vor kurzem gemeldet haben, Russland würde die Todesopfer der Corona-Epidemie verschweigen, sei der Vollständigkeit halber noch angemerkt, dass es nach offiziellen Angaben in Russland bis heute 30 Corona-Tote gibt.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

7 Gedanken zu „Wie ist die Corona-Situation in Russland und welche Einschränkungen wurden beschlossen?“

  1. Hier in Ungarn sind die Geschäfte, in denen ich einkaufe, auch gut ausgestattet, es fehlt an nichts. Die Ungarn gehen sehr entspannt mit der Situation um, es wird augenscheinlich zwar etwas mehr gekauft, aber ich habe noch niemanden gesehen, der hamstert. Agressivitäten, wie ich sie aus D höre, habe ich hier noch nicht erlebt. Alte Leute ab 65 können von 09:00 – 12:00 Uhr ganz entspannt alleine einkaufen, jüngere dürfen in dieser Zeit die Geschäfte nicht betreten. Ich fühle mich hier jedenfalls gut aufgehoben.

      1. Schön, dass es jemandem positiv auffällt. 🙂 Eine andere Fürsorgemaßnahme vergaß ich zu erwähnen. Wer über 75 ist und zu Hause bleiben möchte, braucht das nur der Gemeinde melden. Die ist dann dafür verantwortlich, dass die Versorgung dieser Menschen sichergestellt ist.

        Mich beeindruckt die Fürsorge für die Alten, die so ganz anders ist als in D. Sogar bei uns als Deutsche, die etwas abseits am Dorfrand leben, schauen plötzlich viel öfter Nachbarn vorbei, die zwar so tun, als gingen sie nur spazieren, man aber trotzdem merkt, dass sie nach dem Rechten schauen wollen. Ein sehr sympathisches Volk, diese rechten fremdenfeindlichen Ungarn. 😉

    1. Jeder zählt wie er will, jeder testet wie er will und jeder stirbt wenn seine Zeit um ist ob getestet und gezählt oder nicht.
      Irgendwie hat man das Gefühl niemand darf mehr sterben ohne Grund.
      Ich persönlich gönne jedem ein erfülltes Leben ganz gleich wie lange es dauert und friedfertiges Gehen. Das ist mein Maßstab.

      Früher hörte man oft “ er/sie bekam noch Lungenentzündung“ wenn jemand im Pflegeheim verstarb. Es galt offensichtlich nicht als Ausnahmefall. Es wurde akzeptiert. Der alte Mensch stürzte und die müden Knochen wollten nicht mehr. Es wurde akzeptiert. Warum?
      Warum forscht man da nicht warum die Alten in Heimen so oft eine Lungenentzündung bekommen? Warum Alten/Pflegeheime relativ hoch mit vielen Keimen belastet sind?

      Meiner Meinung nach weil man dann über Personalmangel nicht nur reden sondern Handeln muss der dann auch zur Lohn Diskussion führt. Nicht den paar Pflegern trifft die Schuld sondern den der meint es wären genug, die werden ja versorgt.

      Jetzt sperren wir die Alten weg und nennen das „Vorsorge“. Das ohnehin überlastete Personal bekommt nun nicht mal mehr die Hilfe der Angehörigen. Und dann zeigen wir uns geschockt wenn man gleich 8 Tote mit einmal aus so einem Heim trägt?
      Wurden ALLE Heimbewohner getestet bevor man sie wegschloss? Wird das Personal regelmäßig getestet? Kann ich mir nicht vorstellen wenn nicht mal ausreichend Schutzbekleidung da ist.
      Wenn gerade Alte so gefährdet sind sollte man sie schützen und gut beobachten und nicht wegsperren.

      Diesbezüglich erstaunt mich die Gelassenheit der Alten. Liegt es vielleicht daran das sie schon ganz andere Dinge im Leben sahen und erlebten?

      Wir sollten unseren gesellschaftlichen Kompass wieder richten und nicht wie die Lämmer Schlange stehen vor der Schlachtbank.

      Eltern jammern weil sie plötzlich erleben was es heißt ihre Kinder zu unterrichten. Scheint wohl doch nicht an den sch*** Lehrern zu liegen. Sie jammern das ihre Kinder nicht richtig spielen können. Zankt man sich jetzt um den Fernseher?
      Komisch denn bis vor 2 Wochen wurde gejammert man hätte zu wenig Zeit für seine Kinder.

      Diese Liste kann man beliebig fortsetzen und man wird erkennen das man allein nicht viel schafft, als Gemeinschaft um so stärker ist.

      Also rafft euch auf helft den Bauern bei der Ernte, helft dem kleinen Handwerksbetrieb und schielt nicht nach Amazon nur weil man gefühlt gerade jetzt den Pulli braucht, bestellt vor wenn es geht und gebt damit den Firmen eine bessere Verhandlungsposition bei der Bank, helft den Lehrern damit sie nicht wieder bei Null anfangen müssen. usw.
      Wartet nicht auf Hilfe denn dem Kleinen wurde noch nie wirklich unbürokratisch geholfen.
      Es gibt sehr viel mehr Kleine als Große.

      Paradebeispiel ist Adidas, erst Miete nicht zahlen wollen und nun Mrd. Hilfe fordern und das obwohl es der Firma nicht schlecht geht sondern nur etwas weniger Rendite abfällt. Wo bleibt da die gesellschaftliche Mitverantwortung?

      Da stehen Abmahn-Anwälte bereit um eine Notsituation auszunutzen weil ein alltägliches Wort nicht mehr so alltäglich ist.

      Lasst sie zählen was sie wollen denn das ist nicht so wichtig wie die Frage wer sich gerade mal wieder schamlos die Taschen füllt. Stichwort Bankenrettung.
      Denn die Schuldenlast trifft uns alle und das sind zu aller erst wieder die Kleinen.
      Nehmt eure Gewerkschaft in die Pflicht dafür zu sorgen das die Politik nicht wieder vergisst wer hier im Land wichtig ist.

      Denn den offenen Brief verstehe ich als verdeckten Hinweis das einiges an dem weltweiten Zahlenmaterial nicht stimmt.
      Denn mal ehrlich, man vollführt Testszenarien, man labert in angeblichen Fachkreisen rum und brüllt was von Pandemie und dann ist für den Ernstfall nicht klar welche Daten erhoben werden müssen? Wer, bei Verstand, soll das glauben?
      Wo sind denn die Notfallpläne zu einer weltweiten Pandemie, welche Maßnahmen sind zu treffen und wie werden die Länder unterstützt die am unteren Tabellenplatz sind? Oder ist das egal ? Denkt mal drüber nach.

      1. „Warum forscht man da nicht warum die Alten in Heimen so oft eine Lungenentzündung bekommen? Warum Alten/Pflegeheime relativ hoch mit vielen Keimen belastet sind?“

        Dafür muss man nichtmal großen Forschungsaufwand betreiben, es reicht, wenn man meine Tochter fragt, die Altenpflegerin ist. Was die mir manchmal berichtet, lässt einen die Haare zu Berge stehen. Ich weiß, dass meine Tochter sehr fleißig und fürsorglich ist, aber bei aller Anstrengung, die auch noch schamlos ausgenutzt wird, ist sie schon seit Jahren am Rande ihrer Kräfte. Seit Tagen fehlt es sogar an Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln, sodass das Personal gezwungen ist, zu strecken. 🙁

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