Erdgas in Europa

2021 muss die EU 60 Prozent mehr Gas aus Russland importieren, als 2020

Wegen des politisch-medialen Kampfes gegen Nord Stream 2 wird diese Meldung es in Deutschland kaum in die Schlagzeilen schaffen. Aber der kalte Winter hat gezeigt, wie wichtig russisches Erdgas für Europa ist. Und es wird noch wichtiger werden.

Schon Mitte Februar wurde gemeldet, dass der kalte Winter die Gasspeicher in Europa im Rekordtempo geleert hat und auch wenn die extreme Kälteperiode vorbei ist, geheizt werden muss weiterhin und inzwischen sind die Gasspeicher in Europa an einer kritischen Marke angekommen. Da es wohl zu keinem schweren Wintereinbruch mehr kommen wird, werden die Verbraucher davon nichts bemerken, aber schon jetzt liefert Gazprom der EU um die Hälfte mehr Gas als im Vorjahr, um die Gasversorgung aufrecht zu erhalten. Dazu gab es eine Meldung auf der Seite des russischen Fernsehens, die ich übersetzt habe. Danach werde ich für alle, die das Thema nicht so gut kennen, einige Erklärungen anfügen.

Beginn der Übersetzung:

Die Gasreserven in den europäischen unterirdischen Speicheranlagen sind unter 30 Prozent gefallen, um die Reserven in diesem Sommer aufzufüllen, muss 1,6-mal mehr Gas als im vergangenen Jahr in die EU gepumpt werden, meldete Gazprom. Seit Jahresbeginn hat Gazprom die Gaslieferungen an die EU für eine Reihe von Ländern verdoppelt.

„Bis zum 25. März wurden insgesamt 65,5 Milliarden Kubikmeter Gas aus europäischen Speichern entnommen. Um sie wieder zu füllen, braucht es mindestens 57 Prozent mehr Gas als im letzten Jahr geliefert wurde. Dabei ist die Heizperiode noch nicht einmal vorbei“, erklärte Gazprom.

Gazprom hat die Gasexporte 2020 um 10 Prozent auf 179,3 Milliarden Kubikmeter reduziert und die Einnahmen aus Gasexporten gingen um 39,6 Prozent auf 25,25 Milliarden US-Dollar zurück.

Ende der Übersetzung

Win-Win-Situation für die EU und Russland

Die genannten Zahlen zeigen nebenbei auf, dass die Legende, Russland brauche den Gasexport zum Überleben, unwahr ist. Zwar sind 25 Milliarden Dollar pro Jahr eine Menge Geld, aber im Vergleich zum russischen BIP ist es eine sehr kleine Zahl. Wichtiger sind für Russland die Einnahmen aus dem Ölexport, die bei weit über hundert Milliarden liegen.

Für Europa ist das Gas jedoch lebenswichtig, denn ohne das russische Gas würde in Europa im wahrsten Sinne des Wortes das Licht ausgehen. Das russische Gas ist selbst mittelfristig für Europa nicht ersetzbar und ein Ersatz würde darüber hinaus wesentlich teurer werden. Russland ist seit Jahrzehnten ein zuverlässiger Lieferant für Europa und Europa ist für Russland seit Jahrzehnten ein zuverlässiger Kunde. Beide profitieren voneinander.

Die in dem Artikel des russischen Fernsehens erwähnten Gasspeicher sind nötig, weil die Pipelines nicht genug Gas nach Europa pumpen können, um den Bedarf im Winter zu decken. Daher werden die Gasspeicher im Sommer aufgefüllt, damit genug Gas für den Winter vorhanden ist. Die geringe Menge von weniger als 30 Prozent in den Speichern bedeutet, dass derzeit in Europa keine Reserven für unvorhergesehene Engpässe mehr vorhanden sind.

Der Streit um Nord Stream 2

Bei dem Streit um Nord Stream 2 geht es nicht um Energiesicherheit, wie die USA und andere Gegner der Pipeline behaupten. Russland und vorher die Sowjetunion liefern seit fast 50 Jahren Gas nach Europa und das wurde weder von Russland, noch der Sowjetunion jemals als Druckmittel eingesetzt, nicht einmal auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges oder heute als Reaktion auf EU-Sanktionen. Die einzigen Unterbrechungen der Gaslieferungen aus Russland gab es, als die Ukraine im Streit mit Gazprom zu Erpressung gegriffen und die Durchleitung von russischem Gas nach Europa kurzerhand gestoppt hat. Dazu finden Sie hier sehr ausführliche Details.

Es geht bei dem Streit um Nord Stream 2 auch nicht um den Klimaschutz, wie andere behaupten. Die EU und auch Deutschland werden noch mindestens zwei bis drei Jahrzehnte fossile Energieträger brauchen. Und selbst wenn – wie einige Lobbyisten in letzter Zeit behaupten – Gas kaum sauberer sein sollte als Kohle, ist Gas – im Gegensatz zu Kohle – dennoch unersetzlich. Der Grund ist, dass alternative Energien nicht stabil Strom liefern und man zum Ausgleich konventionelle Kraftwerke vorhalten muss, die die Schwankungen ausgleichen. Und im Gegensatz zu Kohlekraftwerken können Gaskraftwerke spontan hoch und wieder runtergefahren werden. Und da der Stromverbrauch alleine durch die Einführung von Elektroautos in Zukunft steigen und nicht sinken wird, wird in Zukunft (auch vor dem Hintergrund von Kohle- und Atomausstieg) eher mehr Gas als weniger gebraucht werden.

Auch wenn Ideologen in Politik und Medien es anders sehen mögen, um Erdgas kommen wir in den nächsten Jahrzehnten nicht herum. Die Frage ist also nur, welches Gas Europa von wem kauft, zumal die Gasförderungen der EU rückläufig sind.

Welche Wahl die EU hat

Es gibt zunächst einmal das Pipeline-Gas, das Europa zuerst über die beiden Pipelines durch die Ukraine und Weißrussland bezogen hat. Dann kam Nord Stream hinzu und kürzlich für Südeuropa Turk Stream. Aber selbst diese Pipelines dürften in Zukunft nicht ausreichen, zumal die Ukraine in den 30 Jahren seit dem Zerfall der Sowjetunion nicht in die Instandhaltung oder gar Modernisierung ihrer Pipeline investiert hat. Irgendwann dürfte es dort zu technischen Problemen kommen, das ist inzwischen nur noch eine Frage der Zeit.

Um zusätzliches Gas nach Europa liefern zu können (und erst recht, um für den Ausfall einer bestehenden Pipeline gerüstet zu sein), wird Nord Stream 2 gebaut.

Bei ihrem Kampf gegen Nord Stream 2 geht es den USA bekanntermaßen nicht um die europäische Energiesicherheit, sondern ganz banal um den Verkauf ihres Frackinggases, dass sie als Flüssiggas (LNG) mit großen Tankern nach Europa fahren. Das US-Gas ist jedoch ca. 30 Prozent teurer als russisches Pipeline-Gas, denn sowohl die Förderung durch Fracking ist teurer, als auch der Transport mit Tankern inklusive Verflüssigung des Gases. Und da niemand freiwillig das gleiche Produkt um 30 Prozent teurer einkauft, müssen die USA Nord Stream 2 verhindern, wenn sie im großen Stil in den europäischen Markt einsteigen wollen.

Aber selbst wenn es den USA noch gelingen sollte, Nord Stream 2 in letzter Minute zu verhindern, werden sie russisches Gas kaum aus Europa fernhalten können. Der Grund ist, dass Russland in 2020 die USA auch bei der Lieferung von Flüssiggas in die EU überholt hat, das Russland inzwischen auch in immer stärkerem Maße exportiert, um auch Länder beliefern zu können, zu denen keine Pipelines gebaut werden können. Und da das russische Gas in der Förderung günstiger ist, als das Frackinggas aus den USA, wächst der Anteil von russischem Flüssiggas in der EU, einfach weil das russische Gas günstiger ist.

Auch wenn es den Klimaideologen und den Transatlantikern nicht passt: Die EU kann auf Gas in den nächsten Jahrzehnten nicht verzichten, sie kann nur entscheiden, in welcher Form und damit zu welchem Preis sie ihr Gas importiert.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

6 Antworten

  1. Ich rechne dieses Jahr mit einem anderen Szenario: Wenn der Krieg in Urkaine um den Donbass wieder losgeht (im Mai) dürfte der ukrainische Teil der Pipeline zum Objekt werden, um Nordstream2 zu torpedieren. EInfach durch Sabotage oder Abschalten, wobei das dann Russland in die Schuhe geschoben werden wird und das wiederum als „Beweis“ genommen wird, dass Russland eben doch das Gas als politisches Druckmittel benutz und beutzen wird.
    Folge: Natürlich ist nur das US-Fracking-Gas sicher und politsch ohne Druck, also darf nur noch das verbraucht werden. Irgendeine passende gesetzesänderung wird man in Brüssel schon irgendwie hinbekommen.
    Ich glaube an Betrieb von Nordstream 2 erst, wenn ich es sehe.

  2. Wer die Situation seit Monaten rundum beleuchtet , wer sich über Zeiträume Gedanken macht, dass überhaupt es möglich sein könnte, dass die Amerikaner den Gasmarkt beherrschen in Europa, der lächelt ganz müde darüber, dass die EU Zukunft gestalten könnte. Das sie bestimmt, wer liefert.

    Alles nur ein Trugbild der eigenen Wahrnehmung aus dem, was man so erfährt aus den Medien. Eigene Recherchen werden aus, was der Autor schreibt, nicht ersichtlich.

    https://agsi.gie.eu/#/

    Man nehme noch Tankerkapzitäten- Man nehme Bauzeit von Terminals – Man nehme und nehme…rühre um und kommt zu einem ganz anderen Ergebnis.

    Die Russen haben begonnen, der Russophobie seine Grenzen aufzuzeigen. Dies mit Recht. Das Auffüllen der Gasspeicher liegt erst dann wieder im Interesse der Lieferanten, wenn man wieder langfristig denken kann, als Lieferant. Mit solchen Holzköpfen wie in Brüssel und Berlin, wird man seitens der Russen nicht mehr arbeiten wollen. Man denke nur an die Oberschlauen GRÜNEN.

    „Es läuft seitens der Russen die Strategie: “ Erst Reden (Lawrow) nachdem ersichtlich wird, ab wann Handeln sich sofort bemerkbar machen wird. Die Deutschen sind bei 25 % angelangt. Zieht man den unbedingt notwendigen Bestand an Gas in den Speichern ab (zum Druckerhalt) , verbleibt nicht mehr viel. Wir wandern auf die Wahlen zu. So par Tage ohne Strom würde ich mir wünschen. Vielleicht hört man mich ja im Kreml. Diese Dummköpfe mit ihrem Russopobenem Gequatsche in Berlin und Brüssel, gehen mir sowas auf den Senkel, dass glaubt keiner.

    1. Zusatz. Noch bisschen mehr Russophobie und es wird keine EU mehr geben, welche bestimmen kann, was abgeht in Europa. Ohne Gas werden die einzelnen Nationalstaaten wieder sehr viel schneller Russenfreunde werden, als man in Brüssel reagieren kann.

      So ein kleiner Vorgeschmack gibt die sogenannte Pandemie. Schwups, sind die Russen wieder Freunde, bei einigen, weil nicht mal das, bekommen die Amis mehr hin.

  3. Was in dem Zusammenhang selten erwähnt wird, aber sehr wichtig ist: Die Niederlande haben ihre Erdgasförderung bereits erheblich gedrosselt. Ursprünglich war der Ausstieg aus der Förderung für 2030 geplant, jetzt will man schon 2022 an dem Punkt sein. Grund sind Umweltschäden und Erdbeben an der Küste des Landes durch Senkungen der Gasreservoires. Schon deshalb sind erheblich größere Gasimporte nötig, denn die Niederlande waren vor wenigen Jahren noch der mit Abstand größte Erdgasförderer und -exporteur der EU. Rund ein Drittel des in Deutschland benötigten Gases kam von dort. Und Norwegen (kein EU-Land) ist dafür nur ein ungenügender Ersatz.

  4. So banal, wie der angeblich wahre Grund für die US-Interventionen gegen Nord Stream 2 lautet, sieht es laut RT nicht aus, auch wenn RT dies nicht in einem Redaktionsartikel, sondern in einem Gastartikel schreibt. Der Autor ist nach eigener Aussage in Deutschland lebender US-Bürger, und was er schreibt klingt für mich durchaus plausibel.

    Damit will ich nicht in Abrede stellen, dass ein Ende von NS 2 auch den Fracking-Unternehmen schadet, aber deren Interessen standen ja bei der US-Regierung auch nicht so hoch im Kurs, als diese international auf eine Senkung des Ölpreises hinwirkte, um Russland zu schaden, was einige Fracker in den Ruin trieb.

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