Das russische Fernsehen über Corona und das Impfchaos in Deutschland und der EU

Das Impfchaos der EU und vor allem in Deutschland macht auch im Ausland Schlagzeilen. In Russland reibt man sich die Augen darüber, was die Deutschen, die als so gute Organisatoren angesehen wurden, veranstalten.

Während in Russland bereits genug Impfstoffe da sind, damit diejenigen, die sich impfen möchten, das auch tun können, schaut man aus Russland ungläubig auf das, was im Westen in Sachen Impfungen vor sich geht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich bereits mehrere meiner Bekannten hier in Petersburg die Impfung abgeholt haben. Dazu brauchte es keinen Termin, es gibt keine Prioritätenlisten, man geht einfach ins nächste Krankenhaus, zeigt seine Krankenversicherung vor, und wird geimpft.

Daher ist es für die Russen, von denen die meisten immer noch der Meinung sind, im Westen wäre alles viel besser, als in ihrem eigenen Land, unverständlich, was im Westen derzeit abläuft. Darüber hat das russische Fernsehen in der Sendung „Nachrichten der Woche“ berichtet und weil der Bericht aus Europa als Schwerpunkt die Lage in Deutschland hatte, habe ich den Bericht übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Die Europäische Kommission hat den Beginn der dritten Welle der Coronavirus-Pandemie verkündet. „Wir sehen die dritte Welle, die in verschiedenen EU-Ländern allmählich oder sogar schnell kommt. Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Phase, die Wirtschaft wird von der Situation ernsthaft betroffen sein“, sagte die Sprecherin der Europäischen Kommission, Dana Spinant.

Nach und nach verkünden die europäischen Länder neue Beschränkungen, Krankenhäuser sind überfüllt, die Wirtschaft pfeift aus dem letzten Loch. Dabei wäre der Impfstoff des schwedisch-britischen Unternehmens AstraZeneca sehr nützlich. Aber zu ihm gibt es immer noch viele Fragen wegen der Nebenwirkungen. Zwei Dutzend europäische Länder, darunter Frankreich, Italien, Norwegen und Deutschland, haben die Verwendung von AstraZeneca ausgesetzt, bis die Ursachen der Thrombosen nach Impfungen ermittelt sind.

Der amerikanische Impfstoff von Pfizer würde helfen, aber Biden will ihn nicht mit anderen teilen, bis alle Amerikaner geimpft sind. Dann wäre da zum Beispiel noch der russische Sputnik-V. Aber Europäische Union bremst die Zulassung unseres Impfstoffs aus politischen Gründen aus, selbst wenn es zum Nachteil ihrer eigenen Bevölkerung ist.

Aus Europa berichtet unser Korrespondent Michail Antonow.

Die Hoffnungen der Deutschen auf einen schnellen Ausstieg aus den Einschränken erfüllen sich nicht. Noch vor kurzem schien es, als müsse man sich nur noch ein wenig gedulden: die Inzidenzrate war auf 57 pro hunderttausend in der Woche gesunken. Und dann ist sie wieder gestiegen: Es sind schon 90 von hunderttausend. Die geplante Öffnung von Cafés, Restaurants und Theatern wird nach neuesten Informationen bis Ende April verschoben. Es braucht noch mehr Geduld.

Krankenhäuser in Polen, der Tschechischen Republik, Ungarn, Serbien, Griechenland und Bosnien sind mit schwerkranken Patienten gefüllt. Die Menschen fliehen aus Paris. Die französischen Behörden planen, die gesamte Hauptstadtregion Ile-de-France für einen Monat komplett zu sperren.

Die deutsche Kanzlerin formuliert die Hauptaufgabe im Geiste von Lenins Ausspruch „Lernen, lernen und nochmal lernen.“ „Impfen, impfen und nochmal impfen!“, sagte Angela Merkel.

Aber womit impfen? Das ist die Frage. Mehr als die Hälfte der EU-Länder, darunter Frankreich und Deutschland, haben ein vorübergehendes Moratorium für die Verwendung des britisch-schwedischen Impfstoffs von AstraZeneca, dem wichtigsten verfügbaren Impfstoff, verhängt. Die EMA, die Europäische Arzneimittel-Agentur, prüft Informationen, wonach der in Oxford entwickelte Impfstoff, zusätzlich zu allergischen Reaktionen und Fieber von in einigen Fällen bis zu 40 Grad auch Blutgerinnsel im Gehirn und in der Lunge verursachen kann. Die Briten empfinden das als Beleidigung für ihre Wissenschaft. Und Ratschläge kommen auch von jenseits des Ozeans.

„Der beste Impfstoff ist der, den man schnell bekommen kann“, sagte Justin Trudeau, Kanadas Premierminister.

Aber in Europa herrschte Einvernehmen darüber, dass AstraZeneca den Problemen mit den Impfplänen, die ohnehin alle nicht funktionieren, ein Ende bereiten würde. Das vorübergehende Moratorium war die notwendige minimale Reaktion der Behörden auf Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen, die in den Medien auftauchten. Am 18. März gab die EMA erwartungsgemäß grünes Licht für den britischen Impfstoff.

In klinischen Studien hat AstraZeneca eine Wirksamkeit von nur etwa 60 Prozent gezeigt. Das ist das schlechteste Ergebnis unter allen Impfstoffen. Aber was tun? Der französische und der britische Premierminister versuchten, den zerstörten Ruf des Impfstoffs durch ihr persönliches Beispiel wiederherzustellen. Zunächst wurde Jean Castex gepikst – außer AstraZeneca kann er seinen Landsleute nichts bieten – und nach ihm auch Boris Johnson, natürlich aus patriotischen Gründen.

„Ich habe überhaupt nichts gespürt“, sagte Johnson.

Aber nicht jeder hat so viel Glück. Eine Stunde nachdem die europäische Regulierungsbehörde grünes Licht für den Einsatz des Oxford-Impfstoffs gegeben hatte, kam aus der deutschen Stadt Halle ein Bericht, dass eine 36-jährige Frau nach der Injektion von AstraZeneca eine schwere Lungenembolie entwickelt hat, und am nächsten Morgen veröffentlichte eine Gruppe Greifswalder Wissenschaftler die Ergebnisse einer Studie, die den Zusammenhang des Impfstoffs mit Thrombosen bestätigte.

Die Schlussfolgerung ist: Das Medikament ist gut, aber die Menschen sollten vor den möglichen Folgen gewarnt werden. Auf der einen Seite, ja, gibt es bei einer ganz kleinen Anzahl von Geimpften schwere Nebenwirkungen, aber auf der anderen Seite, wer will mit etwas geimpft werden, woran man theoretisch sterben kann?

Auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof wurde ein Impfzentrum eingerichtet. Hier wird AstraZeneca verimpft. Man kann mit dem Privatwagen oder dem Shuttle, das einem am Checkpoint abholt, auf das Gelände fahren. Man braucht dazu eine persönliche Einladung, die per E-Mail gesendet wird. Vor mir sind noch 18 bis 41 Millionen Menschen in dieser Warteschlange und es macht nicht den Eindruck, dass sich da etwas bewegt.

Es gibt eine winzige Chance, irgendwann in diesem Jahr eine Einladung in das Impfzentrum in Treptow zu erhalten, wo sie mit dem Medikament von Pfizer-BionTech impfen, aber das ist jetzt Mangelware und nur für ältere Menschen der obersten Prioritätsgruppe vorgesehen.

Die Gründer von Biontech, Ugur Sahin und Özlem Türeci, wurden in der Residenz des Bundespräsidenten als Erfinder des ersten zertifizierten Impfstoffs geehrt. Die türkischen Auswanderer erhielten die höchste Auszeichnung Deutschlands, das Bundesverdienstkreuz. Aber egal wie großartig sie sind, das Unternehmen kommt bei der Lieferung nicht nach und zwei Drittel der Produktion verlassen die EU.

Dem Plan zufolge sieht alles ziemlich gut aus: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen verspricht im zweiten und dritten Quartal von allen Herstellern insgesamt eine Milliarde Dosen zu bekommen, doch es gibt Probleme bei der Umsetzung des Plans. AstaraZeneca sollte im ersten Quartal 90 Millionen Impfdosen liefern, dann nur noch 40, und tatsächlich wurden es nur 30 Millionen Dosen.

Von der Leyen droht den Export des deutschen Impfstoffs – BionTech hat seinen Sitz in Belgien – von der Zahl der Geimpften im Empfängerland abhängig zu machen. Das ist ein eindeutiges Signal an Großbritannien, wo der Anteil der Geimpften deutlich höher ist als auf dem Kontinent. Aber auch in der Europäischen Union gibt es Unterschiede, beklagte sich der österreichische Kanzler diese Woche.

Das Ungleichgewicht lässt sich nur mit Impfstoffen aus anderen Quellen beseitigen. Und hier wird es kurios. Der Lübecker Medizinprofessor Winfred Stecker ging als Milliardär in den Ruhestand, indem er 2017 seine Firma Euroimmun an Amerikaner verkauft hat. Mit dem Erlös richtete er ein Labor ein, in dem er seinen eigenen Impfstoff kreierte. Der hat keinen Namen, wer will, der kann ihn „Erdbeere“ nennen, weil die Fläschchen in Gläsern für hausgemachte Marmelade gelagert werden – eine weitere Leidenschaft des Professors neben der Medizin. Er hat sich selbst, die ganze Familie und das Personal – insgesamt 150 Leute – geimpft.

„Fast alle geimpften Freunde und Kollegen haben eine hohe Immunität entwickelt. Sie sind sehr glücklich und zufrieden. Sie sind mir sehr dankbar“, sagte Winfred Stecker.

Die Wirksamkeit von 97 Prozent hat die Behörden nicht beeindruckt. Stattdessen kam die Staatsanwaltschaft zu Stecker. Sie ermittelt. Das Paul Erich Institut hat Strafanzeige gestellt. Für Experimente mit Menschen kann der Professor im Gefängnis landen.

Dänische Wissenschaftler sind dem Protokoll treu geblieben. Jelke Fros war die erste von 47 Freiwilligen, die von der dänischen Firma AdaptVac mit dem experimentellen Medikament ABNCoV2 geimpft wurden. Im Gegensatz zum Pfizer-Serum kann es in einem normalen Kühlschrank aufbewahrt werden. Die Produktion soll in Bayern sein, aber bis es auf den Markt kommt, dauert es noch mindestens ein Jahr.

Sputnik-V ist genauso pflegeleicht und zuverlässig. Seit dem 4. März zertifiziert die EMA das Medikament und im April sollte das abgeschlossen sein. Deutsche Zeitungen schreiben, das sei ein geopolitischer Sieg für Putin. Nach dieser Logik könnte man sagen, dass Merkel aus dem Erwerb von Sputnik innenpolitische Vorteile herausholen will.

„Ich würde eine Bestellung auf EU-Ebene vorziehen, aber wenn das nicht passiert, obwohl ich keine Hindernisse sehe, dann wird Deutschland die Bestellung allein machen. Das wird möglich sein und wir werden es tun“, versicherte Merkel.

Je mehr Impfstoffe, desto eher wird es eine kollektive Immunität geben und man muss die Menschen nicht mehr um Geduld bitten. Merkels Partei hat kürzlich wichtige Landtagswahlen in Banden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verloren. Endloser Lockdown und Lobbyismus-Skandale im Zusammenhang mit staatlichen Aufträgen für die Lieferung von medizinischen Masken haben dem Ruf der Christdemokraten ernsthaft geschadet.

Gesundheitsminister Jens Spahn spielt noch in einer anderen merkwürdigen Geschichte eine Rolle. Sein Ministerium hat die Kosten für den Kauf von Schutzmasken, die kostenlos über Apothekennetzwerke an soziale Einrichtungen, Krankenhäuser und Pflegeheime verteilt wurden, übernommen. Die Apotheken zahlten anderthalb Euro, das Gesundheitsministerium erstatte ihnen aber sechs Euro pro Stück. Wie sollte man sich dabei nicht daran erinnern, dass Spahn und sein Mann im vergangenen Jahr für mehr als vier Millionen Euro eine Villa in einem prestigeträchtigen Berliner Stadtteil gekauft haben. Überhaupt muss Merkels Partei einen Weg finden, den Wählern zu gefallen. Die Bundestagswahl ist in etwas mehr als einem halben Jahr und die Zeit wird knapp.

Die Sache mit dem Coronavirus müsste am besten schon gestern beendet sein. Die Beliebtheitswerte der Christdemokraten sind auf 29 Prozent abgerutscht. Ohne Merkels „Bonus“ – sie tritt bei den Wahlen nicht mehr an – wird die Partei nicht nur Probleme haben, die Opposition und die Partner in der künftigen Regierung im Zaum zu halten, sondern sie muss sogar um den Kanzlerposten fürchten.

Ende der Übersetzung

Werbung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

6 Antworten

  1. Guten Tag Herr Röper!

    Sie betreiben mit Rieseneinsatz quasi eine eigene Nachrichtenredaktion, die für viele deutsche Leser inzwischen unverzichtbar ist. Dabei können Sie natürlich nicht wochenlang durch spezielle Themen abseits der brennenden Politikfelder ackern. Und Viren, Atemwegserkrankungen, Immunreaktionen, Infektionsimmunologie, Wirkung und Zulassungsverfahren für Impfungen usw. sind ein solch heikles Thema. Vorschlag: Behalten Sie Ihre geimpften Bekannten im Auge und sprechen wir uns in paar Jahren nochmal.

  2. Dieser ewige Minderwertigkeitskomplex der Russen geht mir mächtig auf die Nerven.

    Denen sollte man mal erklären, daß die noch einen „richtigen Staat“ haben – und auch wenn der einem manchmal auch „mächtig auf die Nerven geht“, wenn er weg ist, kann man sich von einigen Vortsellungen verabschieden, z.B. daß man die Fertigstellung des einen oder anderen überegional bedeutsame Großprojektes noch erleben würde.
    Mit einem vor lauter Machthunger so mit der Unterwerfung Europas und der Welt beschäftigten Staat (sie nennen das hier „Integration“), wie dem hiesigen, hätten die Russen heute immerhin schon die Planung für die Krimbrücke fertig – vielleicht.

    Und der Typ, dieser Konstantin Bogomolow, bringt hier
    https://de.rt.com/meinung/113637-entfuehrung-der-europa-20-regisseur-bogomolows-manifest-neue-rechte-ideologie/
    auch eine ganz ansprechende Bestandsaufnahme, auch wenn er ein bißchen „komisch“ drauf ist.
    ————————————————————————

    https://de.rt.com/meinung/113195-wenden-sich-jetzt-schon-russlands-liberale-von-eu-und-usa-ab/
    „…
    „Der russische Liberale ist eine gedankenlose Fliege, die im Strahl der Sonne schwirrt; diese Sonne ist die Sonne des Westens.“
    Dies sagte der russische Philosoph Pjotr Tschaadajew im 19. Jahrhundert.“
    …“
    (Und ich dachte schon, ich wäre der einzige Spinner.)

    1. Die USA Propaganda reicht halt auch bis in Russland hinein. Vor allem die Spielfilme in denen die USA immer für das gute kämpfen werden vir allem die jungen Menschen stark prägen bzw. abrichten. War bei uns ja auch nicht anders.

  3. Ich finde, Viren wären, für Russland, die beste Verteidigungsstrategie: wenn die NATO mit der deutschen „schnellen“ Eingreiftruppe (Speerspitze) anrückt: Virus in Russland verteilen! Bis die Bundesrecken durchgeimpft sind, kann Russland, in Seelenruhe, seine Soldaten wecken und den Deutschen einen Impfstoff anbieten, damit wenigstens ein Teil der Armee es bis zur Grenze schafft……..

  4. Herdenimmunität ist nicht möglich
    Herdenimmunität ist (Ro – 1)/Ro = 2/3 der Weltbevölkerung bei Ro = 3
    Wirkungsgrad AstraZeneca 60%, J&J 70%
    Kinderanteil der Weltbevölkerung ca. 20% – kann nicht geimpft werden

    Kopfrechnung: (100% Weltbevölkerung ./. 20% Kinder) * 70 % Wirkungsgrad = 56 % < Somit alle Jahre dieselbe Hysterie.

    NB: Regionale Herdenimmunität ist grober Unfug .

    Siehe auch EMA https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/covid-19-vaccine-astrazeneca

Schreibe einen Kommentar