Geopolitik

„Deutschland wird sich von äußeren Einflüssen befreien und zu einer unabhängigen Politik zurückkehren“

Der Sekretär des russischen Sicherheitsrates hat ein sehr interessantes Interview über die internationale politische Lage gegeben und dabei auch interessante Thesen zu Deutschland aufgestellt.

Nikolai Patruschew ist eine der grauen Eminenzen der russische Geopolitik. Er war Putins Nachfolger als Chef des russischen Geheimdienstes und ist heute Sekretär des russischen Sicherheitsrates und sicher einer der führenden Architekten der russischen Außenpolitik. Daher sind die Interviews mit ihm immer interessant.

Nachdem in den letzten Tagen mehrere Gipfeltreffen wichtiger internationaler Institutionen stattgefunden, über die im Westen praktisch nicht berichtet wurde, hat Patruschew der russischen Zeitung „Argumenty i Fakty“ (AiF) ein Interview gegeben, das ich übersetzt habe.

Vorausgeschicken möchte ich noch einen Denkanstoß, denn es ist bezeichnend, dass diese wichtigen Gipfeltreffen in westlichen Medien nicht thematisiert wurden. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Einfluss des Westens abnimmt, was die Medien ihren Lesern aber verschweigen. Sie berichten zum Beispiel immer ausführlich über G7-Treffen, aber nicht über Treffen der BRICS-Staaten, obwohl die BRICS inzwischen mehr Menschen und sogar einen größeren Teil der Weltwirtschaft repräsentieren als die G7, die immer noch als Treffen der führenden Industrienationen bezeichnet werden, obwohl sie das längst nicht mehr sind.

Damit genug der Vorrede und wir kommen zu dem Interview mit Nikolai Patruschew.

Beginn der Übersetzung:

In diesen Tagen fanden Gipfeltreffen von Organisationen statt, in denen Russland eine wichtige Rolle spielt: die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) und die BRICS. Die internationale Sicherheit steht traditionell ganz oben auf ihrer Agenda. In einem Interview mit AiF äußerte sich Nikolai Patruschew, Sekretär des russischen Sicherheitsrates, dazu.

AiF: Herr Patruschew, die Abkürzungen BRICS, SOZ und OVKS sagen den meisten Lesern wenig. Können Sie sagen, welchen konkreten Beitrag diese Strukturen zur Aufrechterhaltung von Frieden und Stabilität leisten?

Patruschew: Die Rolle dieser Organisationen in der modernen Welt wird immer wichtiger. Das ist ein objektiver Trend. So repräsentieren die BRICS-Länder mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung, 25 Prozent des weltweiten BIP und 22 Prozent des Welthandels. Betrachtet man zum Beispiel die Kaufkraftparität, so haben die BRICS die G7 beim Bruttoinlandsprodukt bereits überholt: 33 Prozent gegenüber 30 Prozent.

Im Rahmen von SOZ, BRICS und OVKS unternehmen wir praktische Schritte zur Stärkung der globalen Stabilität, der regionalen Sicherheit und der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Wir arbeiten ständig bei der Bekämpfung von Terrorismus, grenzüberschreitender Kriminalität, Drogenproduktion und -handel, illegaler Migration, Piraterie und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für kriminelle Zwecke zusammen. Und im Zusammenhang mit der laufenden Pandemie konzentrieren wir uns auf gemeinsame Anstrengungen zur Bekämpfung der Ausbreitung der Infektionen.

Ich werde nicht alle Bereiche aufzählen, in denen unsere Länder zusammenarbeiten. Wichtig ist, dass diese Maßnahmen dem Wohl aller Menschen dienen. Es ist nicht unser Prinzip, gegen andere befreundet zu sein.

AiF: Auf den Gipfeltreffen wurde den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Haben Sie den Eindruck, dass die Amerikaner mit ihrem Rückzug aus dem Land die Verantwortung einfach auf Russland und seine regionalen Partner abgewälzt haben?

Patruschew: In der Tat hat der unverantwortliche Abzug der amerikanischen Truppen die Staaten der Region mit wachsenden Problemen konfrontiert, die der Westen nicht nur nicht gelöst, sondern sogar noch verschärft hat. Unter diesen Bedingungen sind die Länder der SOZ und der OVKS zu den wichtigsten Garanten der Stabilität in Zentralasien geworden. In der Tat ist Afghanistan zu einem Lackmustest geworden, der einmal mehr bestätigt, dass Washington in der Welt keine Freunde hat, sondern nur seine eigenen egoistischen Interessen. Nachdem die USA und ihre Verbündeten Billionen von Dollar für militärische Operationen ausgegeben haben, haben sie überall Chaos und Zerstörung hinterlassen. Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, die heutige Ukraine und sogar das frühere Jugoslawien, Dutzende asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Staaten – sie alle sind Beispiele für die zerstörerische amerikanische Strategie der globalen Vorherrschaft.

Wo Washington seine Ziele nicht durch offene militärische Intervention erreichen kann, mischt es sich aggressiv in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten ein. Washington versucht, Länder mit anderen Meinungen von der Außenwelt zu isolieren und sie sogar von der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern abzuschneiden. Schauen Sie sich Venezuela oder zum Beispiel Kuba an, wo die Situation in diesem Sommer eskaliert ist. Fast sofort sind Flugzeuge mit Lebensmitteln, Medikamenten und medizinischer Ausrüstung von Moskau nach Havanna geflogen. Und aus Washington kamen Aufforderungen an die Kubaner, auf die Straße zu gehen und die rechtmäßige Regierung zu stürzen. Das ist Demokratie auf amerikanische Art.

Andererseits bezeichnet Washington in jedem seiner Gesetzentwürfe Russland, China, den Iran und mehrere andere Länder zynisch als „böse“ Länder, Störenfriede, Revanchisten und bösartige Akteure.

AiF: Offensichtlich können nach Ansicht der US-Gesetzgeber nur die USA ein „gutes“ Land sein.

Patruschew: Die USA sind der Hauptverursacher der Unruhe in der Welt. Darüber hinaus betrifft jedes geopolitische Experiment Washingtons nicht nur einen einzelnen Staat und seine Bevölkerung, sondern löst eine Kettenreaktion aus, die ganze Regionen, einschließlich des Westens selbst, destabilisiert.

Nach dem Fiasko der USA in Afghanistan bilden sich die Bedingungen für eine neue Migrationskrise, die noch schlimmer ist als die von 2015. Damals strömten so viele Flüchtlinge aus den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas, die von den Amerikanern und Europäern zerstört worden waren, über das Mittelmeer, dass man ihre genaue Zahl bis heute nicht berechnen kann.

Ich meine, dass die USA und ihre Verbündeten die Verantwortung für die Zerstörung der Wirtschaft souveräner Staaten, die Verschärfung zwischenethnischer und politischer Probleme und für die Verschärfung terroristischer, extremistischer und anderer Bedrohungen tragen müssen. Dazu gehören Reparationen, die weit über die Billionen Dollar hinausgehen, die sie für die Untergrabung der Stabilität auf der ganzen Welt ausgegeben haben.

AiF: Die Afghanistan-Krise war für die G7 ein Anlass, die Rolle Russlands und Chinas bei der Lösung globaler und regionaler Probleme anzuerkennen. Glauben Sie, dass aus den G7 wieder die G8 oder sogar das G9 werden könnte?

Patruschew: Mit ihrem Vorschlag, China und Russland in die Lösung von Sicherheitsfragen in Zentralasien einzubeziehen, bestätigten die G7-Staaten, dass die Gruppe nur ein Diskussionsclub ist. Die Diskussionen dort werden von Washington streng kontrolliert.

Das von Ihnen erwähnte Format hat heute seine Bedeutung verloren. Russland beteiligt sich nur an denjenigen internationalen Strukturen und Clubs, in denen echte Probleme gelöst werden und der Grundsatz der Gleichheit herrscht, wo keine fremden Normen und Verhaltensregeln auferlegt werden.

AiF: Vor nicht allzu langer Zeit erklärte Präsident Biden in seiner Rede zum Truppenabzug aus Afghanistan, dass die Ära der gewaltsamen Umstrukturierung souveräner Staaten zu Ende geht.

Patruschew: Ich erinnere daran, dass praktisch jeder amerikanische Präsident in den letzten hundert Jahren ähnliche Aussagen gemacht hat. Vielleicht kennen Sie den Ausdruck „der Krieg, der alle Kriege beenden wird“? Nun, diese Formulierung stammt von Woodrow Wilson, der sie verwendet hat, als er seine Mitbürger davon überzeugte, seine Entscheidung zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg zu unterstützen. Und seither haben die Amerikaner mehr Kriege entfesselt als jedes andere Land. Diese weitere aufsehenerregende Erklärung aus dem Weißen Haus ist nur leere Worte, die eher aus der Verzweiflung heraus gesprochen wurden. Die Regierungen in den USA und den westlichen Ländern insgesamt sind sich bewusst, dass ihre Fähigkeit, die globale Situation zu beeinflussen und ihre Hegemonie aufrechtzuerhalten, von Jahr zu Jahr abnimmt. Die innenpolitischen Probleme im Westen wachsen rasch an und haben bereits eine kritische Masse erreicht. Besonders deutlich wurde das in den USA bei der Erstürmung des Kapitols und bei den von innen inspirierten Rassenprotesten, die zu regelrechten Straßenschlachten eskaliert sind.

Aus diesen Gründen wird es für die Amerikaner und ihre Verbündeten immer schwieriger, der Welt ihren Willen zu diktieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie diese imperiale Strategie aufgeben werden. Im Gegenteil, ihre Handlungen werden aggressiver und unberechenbarer werden, um die Aufmerksamkeit ihrer Gesellschaften mit außenpolitischen Abenteuern von innenpolitischen Turbulenzen abzulenken. Alle zusammenbrechenden Imperien, vom alten Rom bis Großbritannien, haben so gehandelt.

AiF: Aber das heutige England wird nicht müde, seinen eigenen Exzeptionalismus und seine imperialen Ambitionen zu demonstrieren, auch indem es Russland scharf kritisiert und fordert, dass es seine Linie auf der Weltbühne ändert.

Patruschew: Nach dem Austritt aus der Europäischen Union hat London seine Anstrengungen zur Umsetzung des Projekts Global Britain verdoppelt. Die Briten täten jedoch gut daran, die Probleme im eigenen Land anzugehen, bevor sie versuchen, ihre frühere imperiale Größe wiederzuerlangen. Eine beträchtliche Anzahl von Menschen in Schottland, Wales und Nordirland betrachtet sich immer noch nicht als Briten. Die Engländer haben die Schotten jahrhundertelang in die Berge getrieben, die Waliser wurden als billige Arbeitskräfte eingesetzt, die Iren wurden als Sklaven zur Arbeit in die Kolonien exportiert. Diese Völker sind jahrhundertelang nicht weniger missbraucht worden als die Afrikaner und Asiaten, die von England erobert wurden.

Auch die anti-russische Politik Londons hat eine lange Geschichte. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat England versucht, Japan gegen Russland auszuspielen, und damit den Krieg von 1904-1905 provoziert, in dem unser Land zu erheblichen territorialen Zugeständnissen gezwungen wurde. Mit dem Münchner Abkommen haben sie versucht, dasselbe mit Nazi-Deutschland zu tun.

Heute wollen die Briten ihr Imperium unter dem neuen Banner des „globalen Britanniens“ mit den alten Methoden aufbauen. Das ist ein Grund zum Nachdenken, sowohl für England selbst als auch für die Länder und Völker, die einst unter der britischen Kolonialunterdrückung gelitten haben.

AiF: Sie haben Japan erwähnt. Sollte es auch Lehren aus der Geschichte ziehen?

Patruschew: Zweifellos. Im August 1945 hatte die Sowjetunion die Kwantung-Armee blitzschnell besiegt und alles zurückerobert, was die japanischen Militaristen unserem Land zu nehmen versucht haben. Jetzt versuchen einige Politiker in Tokio, die Vergangenheit aufzurühren und alte Rechnungen mit Russland zu begleichen. Sie folgen weiterhin blindlings amerikanischen Befehlen und lassen sich bereitwillig auf anti-chinesische und anti-russische Pläne wie die indopazifischen Formate ein.

AiF: Beziehen Sie sich auf die QUAD-Allianz, der die USA, Indien, Australien und Japan angehören?

Patruschew: Das ist faktisch ein neuer politisch-militärischer Block mit deutlich pro-amerikanischem Charakter. QUAD ist im Grunde genommen der Prototyp des asiatischen Gegenstücks zur NATO. Washington wird versuchen, andere Länder in diese Organisation zu ziehen, vor allem um eine anti-chinesische und anti-russische Politik zu verfolgen.

Erst kürzlich wurde in der Region ein weiterer Militärblock gebildet, der amerikanisch-britisch-australische AUKUS, der die gleichen Ziele verfolgt. Es ist merkwürdig, dass die Amerikaner ihre französischen Partner bei der Gründung dieses Blocks rausgedrückt und ihnen ein lukratives Geschäft gestohlen haben, um ein Geschäft zum Bau von Atom-U-Booten für Canberra zu machen. Offensichtlich hat die atlantische Solidarität ihren Preis. Ich glaube, viele in Paris erinnern sich jetzt an die Mistral-Geschichte. (Anm. d. Übers.: Russland hatte bei Frankreich zwei Hubschrauberträger vom Typ Mistral bestellt. Als 2014 die anti-russische Politik des Westens mit harten Sanktionen begann, hat Frankreich die Auslieferung der fertigen Schiffe an Russland auf Druck des Westens gestoppt)

Um eines weiteren Abenteuers des Weißen Hauses willen, das darauf abzielt, die Kontrolle über eine vielversprechende Region wie den asiatisch-pazifischen Raum auszuweiten, wird die gesamte Sicherheitsarchitektur in Asien gefährdet und die Glaubwürdigkeit der ASEAN und anderer regionaler Zusammenschlüsse untergraben.

AiF: Heute verlagert sich das Interesse der ganzen Welt im Prinzip von den westlichen Ländern auf den asiatisch-pazifischen Raum, in dem die Hälfte der Weltbevölkerung lebt und ein großer Teil der Weltwirtschaft konzentriert ist. Ist das ein objektiver Prozess oder das Ergebnis einer europäischen Fehleinschätzung?

Patruschew: Asien ist heute geopolitisch und wirtschaftlich so wichtig für die Welt, wie es Europa nie war. Die Europäer selbst haben dazu in hohem Maße dazu beigetragen, indem sie für das so genannte europäische Projekt einen großen Teil der Souveränität ihrer Staaten an Brüssel delegiert haben. Und wer spielt in den Institutionen der Europäischen Union den Ball? Jedenfalls nicht die Vertreter der europäischen Bevölkerung, sondern Bürokraten im Dienste der Interessen multinationaler Konzerne.

Die EU diskreditiert sich nur selbst, wenn sie versucht, ihre Ambitionen in der internationalen Politik durchzusetzen. Der letzte Woche angenommene Bericht über die Beziehungen zwischen der EU und Russland bestätigt das. In Fortsetzung seiner anti-russischen Politik hat sich das Europäische Parlament bereits vor den Wahlen zur Staatsduma bereit erklärt, die Ergebnisse nicht anzuerkennen.

Heute verstehen immer mehr Länder, dass sie von der Europäischen Union kaum etwas anderes erwarten können als Belehrungen über Menschenrechte und das Aufzwingen pseudoliberaler Werte.

Dabei können einige europäische Staaten auf eine gute außenpolitische Bilanz verweisen, einschließlich einer umfangreichen, jahrhundertelangen Erfahrung im Aufbau von Diplomatie in allen Regionen der Welt. Ich beziehe mich dabei vor allem auf Deutschland, Frankreich und Italien. Wir gehen davon aus, dass sich diese Mächte mit der Zeit von äußeren Einflüssen befreien und zu ihrer einst pragmatischen und unabhängigen Politik zurückkehren werden.

AiF: Aber wird Washington diesen Ländern erlauben, sich aus den von ihm kontrollierten Vereinigungen zurückzuziehen?

Patruschew: Die USA sind nicht an unabhängigen europäischen Staaten interessiert und versuchen daher bereits jetzt, auch innerhalb der Europäischen Union lokale Formate zu schaffen, die für sie von Vorteil sind. Zum Beispiel die „Drei-Meere-Initiative“, die die Länder Osteuropas konsolidiert. Sie wird als konstruktives Integrationsformat dargestellt, ist aber in Wirklichkeit eine neue anti-russische Vereinigung von Staaten. De facto ist das die Wiederbelebung der jahrhundertealten Idee, einen so genannten „Cordon sanitaire“ entlang der Westgrenze unseres Landes zu schaffen.

AiF: Von den neu geschaffenen Bündnissen hat die so genannte „Krim-Plattform“ in den letzten Tagen die besondere Aufmerksamkeit einiger Länder auf sich gezogen. (Anm. d. Übers.: Wenn Sie von der Krim-Plattform noch nie gehört haben, finden Sie hier Details dazu)

Patruschew: Die Krim-Plattform wurde von Washington ins Leben gerufen, um den Anschein zu erwecken, sich um die Interessen der Ukraine zu kümmern. Ihre erklärten Ziele sind zum Scheitern verurteilt. Die Pläne zur Verletzung der territorialen Integrität Russlands verbleiben in den Büros, in denen sie entstanden sind. Es ist unklug und gefährlich, sich den unrealistischen territorialen Ambitionen der Ukraine anzuschließen. Die Krim-Plattform ist zu einer Versammlung von Vertretern der Länder geworden, die die offizielle Regierung in Kiew, die Nationalisten hegt und pflegt, Radikalen nachgibt und offen ihre Bereitschaft zu groß angelegten Militäraktionen gegen Russland erklärt, unterstützen.

Selenskys Besuch in Washington hat das wahre Gesicht des angeblichen pro-ukrainischen Wohles gezeigt. Die getroffenen Vereinbarungen kommen nur der amerikanischen Wirtschaft zugute, die wieder einmal ohne Konkurrenz von ukrainischen Projekten profitieren kann. Das ist nichts anderes als getarnter Kolonialismus. Der ukrainischen Bevölkerung selbst wird diese anti-ukrainische Politik aktiv als Annäherung an den so genannten fortschrittlichen Westen präsentiert. Und es gibt viele, die diese Propaganda glauben.

AiF: Die Amerikaner und Europäer behaupten, sie würden die Menschenrechte schützen…

Patruschew: Was sind die Menschenrechte? Freiheit, Schutz des Lebens und der Gesundheit, Gleichheit vor dem Gesetz und vor Gericht, persönliche Würde und vieles mehr. Der Westen gibt sich den Anschein der Menschenrechte, verletzt sie aber in Wirklichkeit massenhaft selbst. Die Biolabors, die Washington in der ganzen Welt eingerichtet hat, gefährden die Gesundheit von Millionen von Menschen und verletzen damit ihre Rechte. In den USA selbst werden Andersdenkende verfolgt, vielen Menschen wird der Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung verwehrt und nicht alle Rassen und Nationalitäten können sich auf faire Entscheidungen von Richtern und Polizei verlassen. (Anm. d. Übers.: Da die Problematik der US-Biolabors in deutschen Medien kaum thematisiert wird, finden Sie hier und hier Details dazu)

Ähnliche Dinge geschehen in Europa. In den baltischen Staaten beispielsweise wird die russischsprachige Bevölkerung einer regelrechten Apartheidpolitik unterworfen. Die Menschen leben seit Jahren ohne Staatsbürgerschaft, also praktisch außerhalb des Rechtsraums, und wenn sie die russische Sprache gebrauchen, wird das als Vergehen angesehen. In der Ukraine verabschiedet die Regierung diskriminierende Gesetze über die russische Sprache und die einheimischen Völker, während die Vereinigten Staaten und Europa das entweder nicht zur Kenntnis nehmen wollen oder offen dulden. (Anm. d. Übers.: Weil auch das Thema in deutschen Medien nicht vorkommt, finden Sie hier Details über die neuen Rassen- Sprachengesetze in der Ukraine)

Unter dem heuchlerischen Slogan des Kampfes für Gleichheit werden im Westen Menschen, die traditionelle Werte vertreten, eklatant diskriminiert. Nehmen wir nur die systematische Untergrabung der normalen Geschlechterbeziehungen, wenn Vater und Mutter in Eltern Nummer Eins und Zwei umbenannt werden, Kindern das Recht gegeben wird, ihr eigenes Geschlecht zu wählen, und es mancherorts zur Legalisierung von Ehen mit Tieren kommt.

Länder mit jahrhundertealten Traditionen werden kaum etwas mit solchen Werten gemein haben wollen. Die Auferlegung fremder Normen auf die Gesellschaften wird die Welt weiter nach dem Prinzip „wir und die anderen“ spalten und ein Grund für Feindseligkeiten zwischen den Ländern sein und zu einer Polarisierung der Gesellschaften in den Ländern führen, in denen versucht wird, solche Stereotypen künstlich aufzuzwingen.

AiF: Welche Agenda schlägt Russland der modernen Welt in diesem Zusammenhang vor?

Patruschew: Unser Land tritt für den Ausbau einer gleichberechtigten multilateralen Zusammenarbeit, der Entwicklung universeller internationaler Institutionen, der Zusammenarbeit zum Abbau globaler Spannungen und der Stärkung der internationalen Sicherheit ein.

Während der Westen Staatenbündnisse schafft, um kurzfristige Aufgaben zu lösen, nicht einverstandene Länder einzudämmen und die eigenen Verbündeten zu unterdrücken, haben Russland und unsere Partner in SOZ, BRICS, OVKS, GUS und der Eurasischen Wirtschaftsunion keine Schattenagenda. Unsere Länder sind geeint durch ihren gemeinsamen Beitrag zur nationalen Sicherheit und zur globalen Stabilität, ihre Anerkennung des Vorrangs des Völkerrechts und der koordinierenden Rolle der Vereinten Nationen, ihre Ablehnung der Einmischung in die inneren Angelegenheiten unabhängiger Staaten, ihre Bereitschaft, ihre nationalen Interessen kompromisslos zu verteidigen, und durch ihr Verständnis für die Souveränität anderer Länder.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

11 Antworten

  1. Ein frommer Wunsch – doch mehr leider nicht… – ist „deutschland“ doch inzwischen großteils fremdregiert – und diese „regierenden“ haben panische Angst vor einem souveränen und starken Deutschland…

    Nicht allein geschichtlich bedingt – sondern vor allem aus Konkurrenz-Denken heraus…

    1. Souveränität gegenüber Anderen muss man sich einfordern, durchsetzen oder sogar erkämpfen. Das setzt jedoch Charaktere voraus, die auch den entsprechenden Schneid haben, und wenn wir mal W.Putin und A.Merkel einander gegenüberstellen, fällt uns sofort auf, wer hier wirklich einen „Arsch in der Hose“ hat und wessen Arsch vom Aussitzen nur noch ein Stück Speck ist … 😉

  2. Es macht einfach Spaß diesen Mann zu zu hören. Kein Gelaber fernab der Realität, kein Hass, keine Hetze sondern wir gemeinsam und das in ruhigen angenehmen Ton. Das können übrigens auch Chinesen sehr gut. Finde ich angenehm weil man diesen Menschen Vertrauen entgegen bringt. Stellt diesen Interview mal eines mit dem Maas entgegen. Danke für die Veröffentlichung. Davon kann es gerne mehr sein.

    1. Schließe mich an. Damit wir das so flüssig lesen können, gehört aber auch eine treffende Übersetzung dazu. Darum an dieser Stelle mal ein großes Lob für diese, es würde aber auch zu vielen anderen Artikeln passen.

      Man merkt, diese wurde nicht mit Google und nicht einmal mit Deepl erstellt. Sondern da wurde offensichtlich von einem echten Kenner BEIDER (höchst gehaltvoller) Sprachen im Zeilentakt äußerst treffende Übertragungen von der einen in die andere gewählt, die offenbar reiche Erfahrung des russischen Experten anschaulich für deutsche Ohren transportiert. Damit ganz nebenbei zu den Fakten noch ein echter Lesegenuß.

  3. Eine weitere interessante und fähige politische Person. Ich bin immer wieder überrascht, über das Potential russischer Politiker und die Fähigkeit, in Ruhe geopolitische Ereignisse einzuordnen und dabei den Weitblick nicht zu verlieren.
    Die Rolle Deutschlands, Frankreichs und Italien in der Zukunft (mehr Souveränität) ist interessant – es könnte mit dem Zerfall des Hegemons einhergehen und sogar sich zu einer Notwendigkeit entwickeln. Einen Gedankengang, den ich schon fast für unmöglich eingeschätzt habe.

  4. Die größte Gefahr für die Umsetzung des wenig Aussicht auf Realisierung versprechenden und höchst ambitionierten geopolitischen Großprojekts Global Britain als Neuauflage des British Empires sind weniger die separatistischen Bewegungen in den nicht-englischen Landesteilen Großbritanniens, sondern viel mehr die wachsende muslimische Bevölkerungsminderheit im Vereinigten Königreich und die fortschreitende Islamisierung!

    Im UK existiert offiziell eine schariatische Paralleljustiz und die Mehrheit der orthodoxen Muslime hat sich bereits seit längerer Zeit freiwillig der islamischen Jurisprudenz unterstellt.

    Der soziale Brennpunkt Derby ist schlimmer als Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln und durchaus vergleichbar mit den Hotspots der Islamisierung Malmö in Schweden und Marseille in Frankreich.

  5. Abgesehen von den hochwertigen Übersetzungen durch Th.Röper profitiere ich in dieser Website von den vielen interessanten Kommentaren – sodass in den letzten Monaten diese Infoquelle eine meiner Favoriten geworden ist.
    Danke an alle hier!

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