Ostukraine

Ein Korrespondentenbericht über den Alltag im Donbass

Das russische Fernsehen hat einen Korrespondentenbericht aus dem Donbass gebracht, wo der Alltag trotz des stärker werden Beschusses der ukrainischen Armee weitergeht. Da solche Berichte in Deutschland selten sind, habe ich den Bericht übersetzt.

Das russische Fernsehen berichtet oft aus dem Donbass und ich wollte schon so manchen Bericht übersetzen, habe aber bei der Übersetzung immer wieder bemerkt, dass der Bericht als schriftliche Übersetzung kaum verständlich war. Das ist mir bei Berichten aus dem Donbass oft so ergangen.

Am Sonntag hat das russische Fernsehen in seinem wöchentlichen Nachrichtenrückblick endlich einmal einen Bericht aus dem Donbass gebracht, den man auch als Text gut verstehen kann. Allerdings ist es sehr empfehlenswert, sich den Beitrag des russischen Fernsehens auch anzuschauen, denn er ist zusammen mit meiner Übersetzung auch ohne Russischkenntnisse verständlich.

Beginn der Übersetzung:

Schwerer Beschuss und ein Weihnachtsbaum: Wie der Donbass lebt und an ein Wunder glaubt

Nach Angaben des russischen Außenministeriums ist die Lage an der Kontaktlinie im Donbass sehr ernst: „Die ukrainischen Streitkräfte bauen ihre Streitmacht aus und bringen schweres Gerät und Personal. Einigen Berichten zufolge hat die Zahl der ukrainischen Truppen in der Konfliktzone bereits 125.000 Mann erreicht. Falls jemand es nicht weiß: Das ist die Hälfte der gesamten ukrainischen Streitkräfte. Verstöße gegen die Waffenruhe werden nicht lokal, sondern entlang der gesamten Kontaktlinie registriert“, sagte Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums.

Im Donezker Opern- und Balletttheater laufen die letzten Proben für das traditionelle Ballett Nussknacker. Die Darsteller tragen noch keine Kostüme, aber die Karten für den 31. Dezember sind bereits ausverkauft.

„Wir glauben an dieses Wunder. Das Wunder, dass wir in einem friedlichen Land leben und arbeiten und unsere Kinder und Enkelkinder großziehen können. Das ist etwas, woran wir fest glauben müssen. Und in gewisser Weise ist das in unserer Realität wie ein Wunder“, sagt Ljudmila Jewtichowa, Direktorin des Donezker Opern- und Balletttheaters.

Im heutigen Donezk gibt es viele Dinge, die man als Wunder ansehen kann. Auf dem zentralen Platz wird ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Gleichzeitig kommt es in Dokuchayevsk zu schwerem Beschuss von Wohngebieten.

In dieser Situation arbeiten die Unternehmen, wird Kohle abgebaut. Bergleute steigen in die Grube hinab. Wir klettern auf das Dach des Minenschachtes, die Aussicht ist überwältigend.

Von hier aus kann man die ganze Stadt sehen. Wir befinden uns am höchsten Punkt der Mine. Das ist das traditionelle und obligatorische Element jeder Mine, der rote Stern. Zu Zeiten der Sowjetunion war er beleuchtet. Das bedeutete, dass das Bergwerk den Plan übererfüllt hat, und alle, die hier gearbeitet haben, einen Bonus für das Familienbudget erwarten konnten. Das Unternehmen liegt immer noch über dem Plan, aber der Stern leuchtet nicht. Er wäre ein zu guter Orientierungspunkt für die ukrainischen Artilleristen. Die Schornsteine der Kokerei Avdeevka sind von hier aus zu sehen, dort stehen bereits die Streitkräfte der Ukraine.

Früher wurde die Kohle aus dieser Anlage an vier Wärmekraftwerke geliefert. Drei ukrainische stehen jetzt still, nur eins funktioniert, weil es sich auf dem Gebiet von Donezk befindet. Und die Versorgung der metallurgischen Unternehmen der Republik verläuft planmäßig.

„Das Unternehmen hat schwere Zeiten hinter sich. Aber heute, mit einem Investor, spüren wir neuen Wind; wir stellen jetzt Leute ein“, sagte Sergej Teschchenko, Direktor des Kohlebergbauunternehmens.

Wir fahren zur Frontlinie. Das Radio empfängt ukrainisches Programm. Selensky erzählt in der Rada, wie gut alles ist.

Hier ist der Schlamm, den die russischen Panzer nach Angaben westlicher Nachrichtenagenturen nicht überwinden können. Das letzte Stück zur Frontlinie legen wir in einem Armee-Geländewagen zurück. Der Schlamm ist noch nicht gefroren.

Die Kriegsrhetorik und fast schon Hysterie der Ukraine, die jeden Tag eine Offensive aus diesen Schützengräben erwartet, steht in starkem Kontrast zu der ruhigen Zuversicht derjenigen, die hier die Stellung halten.

„Hätten Sie sich vor 2014 vorstellen können, was jetzt los ist?“, frage ich einen Soldaten.

„Natürlich nicht! Auf keinen Fall. Ich habe damals ein normales, ruhiges, häusliches Leben geführt, wie alle anderen auch. Als ich hierher gekommen bin, hat sich mein Innerstes vollkommen verändert. Ich bin jetzt ein anderer Mensch.“

„Was würden Sie Ihrem früheren Ich heute sagen?“

„Sei vorbereitet…“

Alle, die täglich in diese Schützengräben hinabsteigen, wissen, warum sie hier sind und was sie verteidigen.

Im Waisenhaus von Amvrosiyivka laufen die Vorbereitungen für die Neujahrsaufführung auf Hochtouren und es wird der Schneeflockentanz geprobt. Im Büro des Kinderpsychologen gibt es ein neues, bisher unbekanntes Gerät: einen Tisch zum Sandmalen. Dieses Geschenk für die Kinder wurde von unserem Produzenten Andrej Rudenko organisiert.

„Ich möchte in den Sport gehen“, sagt dieser Jugendliche.

„Ich möchte eine medizinische Ausbildung machen“, meint diese Jugendliche.

Und dieser Junge sagt: „Ich möchte basteln.“

„Was willst Du basteln?“

„Schneeflocken“

„Die Kinder glauben, dass sie ihre eigenen Familien finden werden. Jeder glaubt das, auch die Großen, die sich das nicht anmerken lassen, aber sie glauben, dass entweder ihre Mutter oder ihr Vater sie abholen oder dass sie eine andere Familie finden werden, auch wenn es keine Blutsverwandtschaft ist“, sagt die Leiterin des Internats.

Was das nächste Jahr für die Donbass-Republiken bringen wird, ist schwer vorherzusagen, aber Frieden und Vertrauen in die Zukunft haben diese Menschen auf jeden Fall verdient.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich für die Ukraine nach dem Maidan und für die Ereignisse des Jahres 2014 interessieren, als der Maidan stattfand, als die Krim zu Russland wechselte und als der Bürgerkrieg losgetreten wurde, sollten Sie sich die Beschreibung zu meinem Buch einmal ansehen, in dem ich diese Ereignisse detailliert auf ca. 670 Seiten genau beschreibe. In diesen Ereignissen liegt der Grund, warum wir heute wieder von einem neuen Kalten Krieg sprechen. Obwohl es um das Jahr 2014 geht, sind diese Ereignisse als Grund für die heutige politische Situation also hochaktuell, denn wer die heutige Situation verstehen will, muss ihre Ursachen kennen.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

6 Antworten

  1. Hier zeigt sich der ganze widerwärtige, menschenverachtende Zynismus der westlichen Diktaturen, denn Demokratien kann man diese verbrecherischen Staaten nicht mehr nennen. Während man uns hier etwas von der „russischen Aggression“ auftischen will, beschießt das Kiewer US-Marionettenregime jeden Tag den Donbass! Man sollte dieses ganze verlogene Pack, wie Merkel, Stoltenberg, Maas, von der Leyen, Blinken und vor allem die neue deutsche Außenministerin Baerbock, die eine „feministische“ Außenpolitik betreiben will, mal eine Woche hier einquartieren, damit die mal am eigenen Leib spüren, was sie hier treiben.
    Ich habe erst vor 14 Tagen wieder Geld für Kinder im Donbass gespendet.

  2. Leider wurde im Donbass nichts Halbes und nichts Ganzes geleistet. Im Gegensatz zur Krim, wo es schnell klare Verhältnisse gab. Das rächt sich jetzt täglich, und die Opfer sind die sowieso schon armen Menschen dort. Mein Wunschtraum ist, alle diese Gestalten, die für das Leid dort verantwortlich sind, vor allem aber ihre Hintermänner und -frauen in Washington, Brüssel, Berlin usf. vor einem Kriegsgericht und abgeurteilt zu sehen – nach dem Völkerrecht, auf das sich die dümmste Völkerrechtlerin aller Zeiten soviel einbildet.

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