Energiepreise

Gaspreis bei fast 1.000 Dollar: Wie ein Schweizer Gasversorger seinen Kunden Preiserhöhungen begründet

Die Preise für Erdgas in Europa explodieren derzeit. Innerhalb eines Tages sind sie von 800 auf fast 1.000 Dollar pro tausend Kubikmeter gestiegen. Die Gasversorger müssen ihre Kunden nun über Preiserhöhungen informieren und einige gegen dabei - nun ja - kreativ vor.

Erst am 14. September habe ich gemeldet, dass die Gaspreise an den europäischen Börsen immer weiter steigen und die Marke von 800 Dollar pro 1.000 Kubikmetern geknackt haben. Heute, nur einen Tag später, explodieren die Preise und erreichen stündlich neue Rekorde. Während ich diesen Artikel mittags schreibe, sind sie bereits auf 960 Dollar gestiegen.

Über die Gründe habe ich immer wieder berichtet und fasse sie auch hier noch einmal kurz zusammen, denn danach schauen wir uns an, was ein Schweizer Gasversorger seinen Kunden dazu mitteilt.

Warum die Gaspreise in Europa explodieren

In Europa gibt es derzeit zu wenig Gas, die Gasspeicher sind mit etwa 70 Prozent so gering befüllt, wie seit sehr vielen Jahren nicht. Das hat mehrere Gründe. Zum einen war der Winter kalt und hat die Gasspeicher stärker geleert als normal. Im Sommer werden sie normalerweise wieder aufgefüllt, um für den nächsten Winter bereit zu sein. Das ist in diesem Jahr nicht geschehen, weil der Energieverbrauch durch einen warmen Sommer (hoher Energieverbrauch durch Klimaanlagen) und durch das Wiederanspringen der Wirtschaft nach dem Lockdown hoch war.

Das importierte Gas ging in erster Linie in den Verbrauch und nicht in die Speicher. Das hat die Preise hoch gehalten und offensichtlich haben viele Gasfirmen sich gedacht, sie warten ab, bis die Preise sinken und füllen dann die Speicher. Die Rechnung ist nicht aufgegangen und die Preise steigen weiter. Wenn es im Winter keine Probleme geben soll, müssen die Speicher nun im Eiltempo gefüllt werden, denn die Heizsaison steht bereits vor der Tür und die Kapazitäten der Pipelines und Tanker reichen nicht aus, um den Bedarf im Winter zu decken, weshalb die Speicher normalerweise im Sommer gefüllt werden.

Gazprom tut, was es kann und liefert deutlich mehr Gas als 2020 nach Europa. Deutschland zum Beispiel hat in den ersten acht Monaten 2021 fast 40 Prozent mehr Gas erhalten, als im Vorjahreszeitraum. In den ersten acht Monaten hat Gazprom fast soviel Gas exportiert, wie im bisherigen Rekordjahr 2018. Die Gasknappheit in Europa hat also nicht Gazprom zu verantworten.

Das von der EU-Kommission geschaffene Problem

Das Problem ist hausgemacht. Gazprom exportiert sein Gas auf Basis langfristiger Lieferverträge und der Preis ist dabei recht stabil. Er wird auf Basis der Ölpreises berechnet, wobei jedoch eine langfristige Periode als Grundlage genommen wird, weshalb kurzfristige Preisschwankungen keinen Einfluss auf den Gaspreis haben. Das ist im Interesse aller Beteiligten, denn es gibt Planungssicherheit und schützt die europäischen Abnehmer des Gases vor kurzfristigen Preiserhöhungen und den Verkäufer Gazprom vor kurzfristigen Preisverfällen.

Die EU-Kommission ist jedoch der Meinung, der Markt könne alles besser und daher hat sie Richtlinien erlassen, die den Gasmarkt in Europa „liberalisiert“ haben. Das bedeutet im Klartext, dass man das Gas an Börsen handelt. Während Gazprom das Gas nach Deutschland zum Beispiel für knapp über 200 Dollar liefert, können die Importeure es dann an den Börsen verkaufen. Derzeit steigt der Preis und liegt heute bei fast 1.000 Dollar. Die Differenz streichen die die Konzerne ein, die innerhalb der EU mit dem Gas handeln, das sie für etwa 220 Dollar von Gazprom bekommen haben. Diese Preisexplosion ist eine direkte Folge der Politik der EU-Kommission, die den großen Konzernen mal wieder eine neue Einnahmequelle geschenkt hat.

Darauf, dass die hohen Preise in der EU hausgemacht sind, hat Präsident Putin erst vor fünf Tagen in einer Pressekonferenz aufmerksam gemacht, als der Preis noch unter 700 Dollar gelegen hat, woran man sieht, wie sehr die Preise gerade explodieren. Putin hat die Verantwortlichen in der EU-Kommission ironisch als „Schlaumeier“ bezeichnet:

„Ich habe eben gesagt, dass der Preis auf dem freien Markt in Europa derzeit 650 Dollar pro tausend Kubikmeter beträgt. Aber es waren die Schlaumeier der letzten Europäischen Kommission, die eine marktorientierte Gaspreisgestaltung vorgeschlagen haben, und hier haben Sie das Ergebnis.“

Bezahlen tut das der Verbraucher, die Gewinne sacken die Konzerne ein.

Was ein Schweizer Gasversorger seinen Kunden erzählt

Ein Leser hat mir einen Brief seines Gasversorgers geschickt, in dem der seine Kunden über die nun anstehende Preiserhöhung informiert und auch die Gründe nennt. Ich verwende für Artikel nur Informationen, die ich selbst verifizieren kann, also habe ich auf der Seite des Schweizer Gasversorgers SWG nachgeschaut und dort wurde der Text des Briefes, der an alle Kunden verschickt wurde, veröffentlicht.

Schauen wir zunächst das an, was der Wahrheit entspricht. SWG schreibt über die Gründe für die Preiserhöhung:

„Der nach wie vor hohe Nachfüllbedarf der westeuropäischen Gasspeicher. Diese werden voraussichtlich erst gegen Ende Jahr gefüllt sein, wo dann bereits die Kälte wiedereinsetzt.“

Das stimmt, aber über die Gründe des niedrigen Speicherstandes sagt SWG zunächst nichts, das kommt später. Weiter schreibt SWG:

„Zahlreiche Revisionen bei Westeuropäischen Gasanlagen, die teilweise wegen Covid-19 vom letzten auf das aktuelle Jahr verschoben wurden.“

Ich weiß nicht, ob diese Aussage der Wahrheit entspricht und kann sie nicht überprüfen. Aber es klingt für mich merkwürdig, dass Covid-19 daran schuld sein soll, dass „Revisionen“, also Wartungsarbeiten, verschoben worden sind. Weiter schreibt SWG:

„Erhöhte Verstromung von Erdgas in Deutschland, welche aufgrund dem schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie und der zu geringen Wind- und PV-Produktion notwendig wurde.“

Das stimmt wiederum und bedeutet im Klartext, dass die von Deutschland im Alleingang durchgepeitschte Energiewende die Strompreise in ganz Europa in die Höhe treibt. Die deutsche Regierung weiß eben, wie man sich Freunde macht.

Die fragwürdigen Antworten

Außerdem schreibt SWG den Kunden als weiteren Grund für die Preiserhöhung:

„Das vergleichsweise geringe Angebot an flüssigem Erdgas (LNG) in Europa, welches mit der gestiegenen Nachfrage in Asien primär dorthin verschifft wird.“

Das ist eine mehr als fragwürdige Aussage, denn Flüssiggas (LNG) wird in Tankern verschifft, die in der Regel für einen konkreten Gaskontrakt gebaut werden. Die Lieferverträge für Gas sind langfristig – auf oft zehn Jahre – angelegt. Wenn ein Land LNG kaufen will, schließt es mit einem Lieferanten (zum Beispiel aus Dubai) einen Liefervertrag und für den konkreten Vertrag wird extra ein Tanker gebaut. Es gibt meines Wissens keine nennenswerten freien Kapazitäten an LNG auf den Weltmärkten, die man mal eben spontan buchen kann.

Natürlich wird es gewisse flexible Kapazitäten geben, aber die dürften nicht so groß sein, dass sie die europäische Gasversorgung retten würden. Aber ja, die Preise sind auch in Asien in diesem Jahr stark gestiegen und die Gründe sind ungefähr die gleichen, wie in Europa: Ein warmer Sommer und vor allem das Wiederanspringen der Wirtschaft.

In 2020 wurde weltweit weniger Gas gebraucht, aber es wäre Sache der Gasversorger weltweit gewesen, die Phase zu nutzen, um Reserven für das Wiederanspringen der Wirtschaft anzulegen und so die nun stattfindende Explosion der Preise im Vorfeld zu verhindern oder zumindest abzumildern. Aber Regelungen, wie zum Beispiel die Liberalisierung der Märkte in Europa, schaffen dafür keine Anreize, im Gegenteil: Die Zwischenhändler verdienen sich gerade eine goldene Nase.

Weiter schreibt SWG:

„Leitungsgas aus Russland ist ebenfalls knapper geworden, da der russische Lieferant Gazprom Druck auf die Fertigstellung von Nordstream 2 machen will und deshalb weniger Transportkapazität durch die Ukraine gebucht hat.“

Dass „Leitungsgas aus Russland ebenfalls knapper geworden“ ist, ist allerdings glatt gelogen, denn wie gesehen exportiert Gazprom 2021 fast so viel Gas, wie im Rekordjahr 2018. Hinzu kommt, dass es für den Schweizer Verbraucher wurscht ist, wie viel Gas durch die Ukraine fließt, denn an der ukrainischen Pipeline hängen in erster Linie die Staaten Südosteuropas und wenn mich nicht alles täuscht, liegt die Schweiz nicht in Südosteuropa.

Aber selbst wenn: Südosteuropa wird nun auch durch die neue Pipeline Turkstream beliefert und dank dieser Pipeline sind die Gaslieferungen in die Region stark gewachsen. Nach Rumänien zum Beispiel hat Gazprom 2021 satte 344 Prozent mehr Gas geliefert als im Vorjahr. Sogar Polen, das offiziell am liebsten gar kein russisches Gas mehr haben möchte, hat 2021 immerhin 12 Prozent mehr Gas von Gazprom bekommen als 2020. Polen hängt zwar nicht an der ukrainischen, sondern an der durch Weißrussland laufenden Pipeline, aber die Zahlen zeigen, dass Gazprom seine Exporte 2021 in alle europäischen Regionen erhöht hat.

Was passiert, wenn ein kalter Winter kommt?

Man muss sich also fragen, warum ein regionaler Gasversorger seinen Kunden so etwas schreibt. Ist es Unwissenheit der Mitarbeiter, die sich das ausdenken? Oder will da jemand einen weiteren Hebel nutzen, um den Menschen in Europa ein weiteres Mal zu erklären, wie böse die Russen sind?

Ich berichte seit Monaten über die Lage am europäischen Gasmarkt und habe schon länger die Befürchtung, dass in Europa künstlich eine Gasknappheit (vielleicht sogar inklusive im Winter ausfallender Heizungen?) geschaffen wird, um den frierenden Europäern dann medienwirksam zu erklären, die bösen Russen setzen Gas als Druckmittel ein.

Briefe wie dieser, den ein regionaler Schweizer Gasversorger seinen Kunden schreibt, verstärken diesen Verdacht leider.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

16 Antworten

  1. „von Deutschland im Alleingang durchgepeitschte Energiewende“

    Also, das ist ja wohl: So. Ein. Quatsch!

    Wenn die deutsche Bundesregierung im Bezug auf die Energiewende eins erfolgreich getan hat, dann das Ausbremsen derselben. Gepeitscht wurde die Corona-Hysterie, aber nichts bei der Energiewende.

    Dass im Laufe der Zeit einige Kraftwerke stillgelegt wurden (Kohle, Atom), ist dabei unbestritten. Aber es wurden eben NICHT Ersatzkapazitäten im Bereich der Erneuerbaren geschaffen. Was ich mir aber gut vorstellen könnte, vor allem bei Merkel und Altmeier, ist ein Deal mit den Kraftwerksbetreibern, der auf genau das hinausläuft, was wir jetzt beobachten können: Erst wird die Stilllegung der alten Meiler versilbert, dann werden horrende Knappheitsprofite bei den lange Zeit vor sich hin dümpelnden Gaskraftwerken generiert, und dann kann man sich hinstellen und sagen: „Ihr wolltet doch die Energiewende. Wir haben euch gewarnt. So sieht nun die Rechnung aus.“ Und es wird eine Menge Leute geben – auch hier -, die genau das glauben werden.

  2. Den Russen zu unterstellen, sie würden die Kapazität ihrer Pipelines nach Europa künstlich verringern, ist ein schlechter Witz angesichts der Fertigstellung von Turkstream 2020 und der Tatsache, daß Nordstream 2 (die eine Verdoppelung der Ostsee-Pipeline-Kapazitäten darstellt) ohne die völkerrechtswidrigen Sanktionen bereits Anfang 2020 in Betrieb gegangen wäre.

    Bin mal gespannt, wie die Sache weitergeht. Vor allem auf den Eiertanz der „NS2 ist überflüssig und wird gar nicht gebraucht“-Fraktion können wir uns freuen.

    Übrigens dürfte die Schweiz tatsächlich noch im Einzugsgebiet der ukrainischen Pipeline liegen. Über Norditalien gibts da eine Verbindung nach Österreich und an die Sojus-Pipeline. Und ich erinnere mich daran, daß es damals, als die Ukraine die Leitung schloß, hieß, in Österreich käme kein Gas mehr an.
    Aber ebenso gibt es Pipelines nach Norden, also nach Deutschland, und damit Verbindungen an Yamal und die Nordsee-Felder. Zuletzt bezog die Schweiz etwas mehr als die Hälfte ihres Gases aus Russland. Über welche Pipeline weiß ich aber nicht.

  3. Gasprom ist nicht ganz so unbeteiligt an den Preiserhöhungen und spielt hier natürlich auch sein eigenes Spiel. Völlig legitim BTW.

    Gasprom hätte nämlich, wenn es gewollt hätte, dank Turkstream und deren Anbindung nach Südeuropa, 2021 deutlich mehr liefern können als 2018. Und es könnte auch aktuell die Lieferungen noch erhöhen können, kurzfristig, macht davon allerdings keinen Gebrauch. Es erfüllt bestehende Verträge und gut ist.

    Man beeilt sich nicht einmal mit der endgültigen Genehmigung von NS II.

    Der Grund für die Zurückhaltung von Gasprom ist klar – wenn die EU darauf besteht, dass NS II nur zu 50% genutzt werden darf, ok, dann heißt das halt, dass die EU auf die volle Nutzung nicht scharf ist. Was schließen lässt, dass sie genug Gas haben. Warum sollte sich Gasprom da einen Kopf machen?

    1. @Max

      Nun, warum sollte man sich jetzt auch beeilen, nachdem es die EU war, die durch das Akzeptieren der US-Sanktionen die Verzögerung von NS2 um ein ganzes Jahr ermöglichte, und zudem noch dieses bescheuerte Gesetz durchdrückte, wonach die Pipeline nur zur Hälfte benutzt werden darf?

      Und ob man die Lieferungen durch Turkstream in diesem Jahr noch mehr hätte erhöhen können, als man es schon tat, ist auch fragwürdig, da die Anschlußtrassen auch erst einmal gebaut werden müssen. Die nach Serbien ging erst kürzlich ans Netz.
      Für Deutschland spielt Turkstream keine Rolle, da es noch keine Verbindung gibt. Hier war eher entscheidend, daß im ersten Halbjahr die Erneuerbaren zuwenig Strom brachten, und deshalb nachweislich andere Quellen einspringen mußten. Vor allem Kohle (35% mehr) aber auch Erdgas (17% mehr). Und das zu einem Zeitpunkt, als gleichzeitig die Wirtschaft ansprang und die Gasspeicher leer waren….

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