Leben in Russland

Die kleinen Freuden eines deutschen Auswanderers

Leider behandle ich die Rubrik "Russland-Blog" ziemlich stiefmütterlich, obwohl ich eigentlich auch viel über das Leben und den Alltag in Russland schreiben wollte. Heute habe ich einen guten Grund, etwas zu schreiben.

Ich werde oft dafür kritisiert, dass ich so positiv über Russland und das Leben in Russland berichte. Das geht so weit, dass auch Frank Höfer von NuoViso schon eine Sendung mit mir machen wollte, in der ich mal so richtig über alles meckern sollte, was mir in Russland nicht gefällt. Leider gibt es da nicht viel und die Sendung wäre ziemlich langweilig geworden. Ich bin ja bewusst in die Stadt ausgewandert, die ich wirklich liebe und daher habe ich nicht viel zu meckern über das Leben in meiner Lieblingsstadt.

Aber natürlich gibt es ein paar Dinge in Russland, die nerven. Es nervt zum Beispiel, dass man das Wasser nicht trinken kann, weil die Rohre in der Stadt so alt sind, dass man das Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt besser nicht trinken sollte. Daher haben Russen entweder Wasserfilter eingebaut oder sie haben, wie ich, einen Wasserspender. Wirklich nervig sind auch die langen Warteschlangen beim Ausländeramt.

Aber diese und andere Alltagsprobleme füllen keine Sendung und daher haben wir die Sendung, in der ich mal so richtig über Russland meckern sollte, nie gemacht.

Es gibt aber etwas, was auch nervt und was jeder kennt, der mal einige Zeit im Ausland gelebt hat. Es fehlen einem Lebensmittel, die typisch deutsch sind und von denen man gar nicht weiß, wie sehr man sie mag. Das merkt man erst, wenn man sie nicht bekommen kann.

Das gilt auch für Russland. Die Russen können zum Beispiel keine Würste machen! Alles, was in Russland als Würstchen verkauft wird, ist eine Beleidigung für den deutschen Gaumen. Daher habe ich, wenn ich in Deutschland war, immer ein paar Kilo Bratwurst mitgebracht und meine Freunde haben mich sehnsüchtig erwartet, denn bei mir sind sie auf den Geschmack von Currywurst gekommen. Das Ergebnis: Am Tag meiner Rückkehr aus Deutschland sind meine Freunde immer zu mir gekommen und haben Bier mitgebracht und ich habe Currywurst für alle gemacht. Das war eine nette Tradition.

Aber in Corona-Zeiten ist das mit dem Reisen bekanntlich schwierig und ich war schon ein Jahr nicht mehr in Deutschland. Daher bedanke ich mich hiermit (auch im Namen meiner russischen Freunde) bei einem Leser, der an dem Rechercheseminar teilgenommen und mir versprochen hat, mir Bratwurst zu schicken. Das geht in diesem Fall, weil er mit einer Russin verlobt ist, die ihn in Deutschland besuchen konnte und mir bei ihrer Rückkehr nach Petersburg fast drei Kilo Bratwürste mitbringen konnte.

Das sind die kleinen Freuden eines Deutschen, der ausgewandert ist. Schon eine einfache Bratwurst kann wirklich glücklich machen.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

12 Antworten

  1. Uiii…mal ein ganz tolles Thema ausser der Reihe (grins) TOLL !

    Die deutsche Bratwurst (Grins) Die deutsche Currywurst (Grins)
    Gibts die tatsächlich?

    Stell dich mal in Thüringen mit einem Grill an die Strasse und willst „Bratwürste“ aus Bayern verkaufen . Mach das mal .. und Du entgehst einer Steinigung nur dann, wenn du schnell dich verdrückst…

    Currywurst in der Kölner Altstadt …. Au ha, da habe ich mich als Jugendlicher, selbst schon in einer Klopperei wiedergefunden.

    Ich lebe nun mal jetzt in Polen und habe fast gleiches Problem trotz dessen, dass eben die deutschen Supermärkte das Geschehen fast bestimmen. Doch schon in Deutschland, habe ich jede Bratwurst, die meine Frau aus dem Kühlregal wieder zurückgelegt.

    Hier auf dem Land in Polen ( Am Arbeitsstandort ) https://www.facebook.com/Rozwi%C4%85zanie-Pacyna-105391361486045
    war es mir einfach einen Schlachter zu finden, der für uns die Wurst genauso macht, wie ich ihm das sagte, nach einem Thüringischen Rezept aus Oberhof eines ollen Meisters, der mir das mal vor Jahren gegeben hatte.
    Ach ja… der Link führt zu einem Verein, den wir (meine Frau und ich ) in Pacyna gegründet haben. Ist so was wie „Die Tafel“ in Deutschland, nur BESSER. Es kommen keine abgelaufenen ollen Produkte als Ersatzmülltonne zur Verteilung, sondern eben absolut fabrikfrische Produkte. Das haben wir dann noch gepaart, mit einer Stellfläche für einheimische Bauern, die nun auch ihre Nicht- EU-konformen krummen Gurken, ihre fast kürbisgroße Kartoffel usw. , bis hin zu gesammelten Waldfrüchten an die Leute zu Preisen auch verkaufen, welche einen ALDI neidisch werden lassen könnte…
    Ja jaaa.. und die Thüringer Bratwürste des einheimischen Schlachters finden zwischenzeitlich (im Verhältnis des Möglichen gesehen) Riiesigen Absatz.

    Und der Thomas Röper sollte mal nachdenken, sich auch einen zu organisieren, der ihm seine „Deutsche“ Lieblingsbratwurst ONLINE AUS RUSSLAND liefert. Die gibts bestimmt. !

  2. Oh ja, davon können wir hier in Ungarn auch ein Lied singen. Es gibt hier nichts, was man als Brot bezeichnen könnte. An Wurst fehlt mir auch nur die Mettenden zum Grünkohl (den es hier natürlich auch nicht gibt) und auch die Currywurst. Ach ja, und Roastbeef in der Aufschnitttheke gibts auch nicht, auf Rind stehen die Ungarn nicht so sehr. Aber ich werde satt, das ist die Hauptsache. 😊

    1. Haha Sie meinen sicherlich diese trockene Plastik-Grausamkeit, so weiss wie die verdammte Weihnacht, die die Ungarn als Brot bezeichnen. Ja, tatsächlich ist das Zeug sogar noch ungenießbarer als das „Bier“ der Magyaren.

      War aber wohl auch in Ungarn nicht immer so, jedenfalls früher, noch vor der Wende, oder als noch im Steinofen gebacken worden ist. Vor vielen Jahren war ich mal in die Wojwodina rüber gefahren und gleich hinter der Grenze gab es herrliches Steinofenbrot und beste Bäckerware. Überhaupt kam es einem dort vor wie Ungarn vor 20 Jahren. Wie es jetzt dort ist und ob das noch existiert, weiß ich aber auch nicht.

  3. Schöne Sache, ich esse sehr gerne internationale Küche und probiere eigentlich auch fasst alles aus. Aber mir geht es oftmals nach einem 14 tägigen Urlaub schon so, mir fehlt mein deutsches Schwarzbrot und meine Wurst.
    Heute Nacht kam mir so ein Gedanke wegen dem Berliner Patienten.
    Eigentlich müsste man diesen Mann doch, nach dieser epochalen Leistung, für einen Filmpreis vorschlagen.
    – nein nicht den Goldenen Bären, zu klein!
    – nicht die Goldene Palme von Cannes, nicht groß genug
    – aber für die Goldene Klobürste, dass währe angemessen und zeigt, die Russen haben einen schönen Humor. Ich hatte mir am Sonntag Bilder von den Protesten angesehen und bei einer Einstellung war immer wieder eine ältere Frau zu sehen. Die erste Zeit dachte ich sie hat ein Mikrofon in der Hand, war aber nicht als Presse gekennzeichnet und erst beim rann zoomen erkannte man die Klobürste. Sie die ganze Zeit alleine und etwas verunsichert dort, aber sie war vor Ort, alle Achtung.

  4. Ein schöner Beitrag im Meer der reichlich nervenden Geopolitik, danke, Thomas. Ich freue mich auf die Tage, an denen ich auch Sankt Petersburg besuchen werde. Ich habe aber den Anspruch, ein wenig besser russisch zu sprechen, muss also noch lernen…

  5. Da gibt es zwei Chancen zu packen:
    a) Die richtig guten Würste selbst produzieren und verkaufen.
    b) Die richtig guten Würste aus Deutschland importieren und verkaufen.

    Und damit hätten wir ein Thema, das mich interessiert: Wie einfach macht man in Russland solche Geschäfte (Firma gründen etc. pp…)?

    1. Ich WAR Selbständiger in RUS, habe das Gewerbe im August abgemeldet und bin seit Dez. v.J. Rentner mit dt. Rente. Ein Gewerbe zu eröffnen ist auch für Ausländer nicht weiter problematisch, allerdings werden an den Gewerbebetrieb im Lebensmittelbereich sehr hohe Anforderungen gestellt. So einen Straßen-Imbissstand, wie wir das kennen – unmöglich! Wenn man aber gut betucht ist, kann man durchaus eine kleinere Kneipe einrichten – nicht kein, aber wenig Probleme.

  6. Diese Unterschiede gibt es auch schon in Deutschland. Wir aus Rheinlandpfalz, machen mit unseren Hunden gerne Urlaub an der Nordsee. Dort gibt es ganz tolle Orte, welche sich gerade auf Hundebesitzer ausgerichtet haben. Unsere zwei lieben es nach ewigen Waldspaziergängen in der Pfalz, mal wieder Vollgas zu geben, am ausgewiesenen Hundestrand am Meer. Was uns aber immer auffällt, sorry liebe Norddeutschen, Ihr könnt keine vernünftigen Brötchen backen. Die bestehen zu 90% aus Luft und schon eine Stunde nach dem Frühstück, hat man wieder Hunger.
    Der Ortsansässige Bäcker erklärte mir Augenzwinkernd, das läge nicht an den Brötchen, sondern an der Gesunden Luft…;-)

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