Orwell wird Realität: Wohin übertriebenes Gendern und die „cancel culture“ führen

Im russischen Fernsehen wurde am Sonntag in einem sehr nachdenklich machender Kommentar ausgeführt, wohin die im Westen – und vor allem in den USA – um sich greifende „cancel culture“ führen kann (und nach Meinung des Kommentators führen wird). Ein solcher Kommentar wäre in westlichen Medien undenkbar.

In Russland gibt es keine Political Correctness, keine Lehrstühle für Gender und andere Dinge, die im Westen mit Brachialgewalt vorangetrieben werden. Ich habe immer wieder Berichte des russischen Fernsehens übersetzt, die aufzeigen, mit welch ungläubigem Kopfschütteln man in Russland auf diese Phänomene blickt (drei willkürlich ausgewählte Beispiele dafür finden Sie hier, hier und hier). Am Sonntag folgte in der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ auf die Einschätzung der aktuellen Lage in den USA direkt ein Kommentar im dazu, den ich übersetzt habe.

Der Beitrag des russischen Fernsehens straft übrigens ganz nebenbei alle Behauptungen Lügen, in Russland würde die Sowjetunion verherrlicht werden. Das stimmt nicht, in Russland hat man die Lektionen der Sowjetzeit gelernt und steht ideologisch begründeten gesellschaftlichen Experimenten sehr skeptisch gegenüber, da man deren Folgen in Russland lange genug „genießen“ konnte.

Beginn der Übersetzung:

Die Bilder von all dem, was das ganze Jahr über gelaufen ist, die Straßenpogrome von Biden-Anhängern und die gewaltsame Erstürmung des Kapitols durch Trumpisten, von denen Trump selbst sich distanziert hat, die Truppen in Washington und das Chaos im Netz reichen nicht aus, um die Tiefe der Transformation zu verstehen, die die Vereinigten Staaten von Amerika durchmachen. Das wichtigste dabei ist meiner Meinung nach das kulturelle Phänomen, das im Englischen als „cancel culture“ bezeichnet und auf Russisch in der Regel als „Abschaffungskultur“ übersetzt wird. Die Übersetzung ist meiner Meinung nach nicht ganz korrekt. Auf jeden Fall vermittelt sie keine Vorstellung davon, was wirklich hinter dem Phänomen steckt. Viel genauer und verständlicher wird es für uns, wenn wir „cancel culture“ als „Liqudierungskultur“ übersetzen, denn in Amerika wurde und wird noch immer vieles und viele liquidiert.

Wir haben schon mehr als einmal über Denkmäler historischer Persönlichkeiten gesprochen. Auch über Persönlichkeiten der Filmindustrie: von Harvey Weinstein über Kevin Spacey bis Johnny Depp. Sie wurden liquidiert, diese Helden gibt es im heutigen im amerikanischen Film nicht mehr.

Auch die Meisterwerke der Vergangenheit wurden liquidiert: von „Vom Winde verweht“ bis zu Western mit Clint Eastwood. Sie wurden verurteilt und im modernen Verständnis der amerikanischen Kultur als offiziell schändlich eingestuft.

Jetzt ist es die Aufgabe des Publikums, Donald Trump und seine Rollen zu liquidieren. Früher, als Trump noch nicht in die Politik eingetreten war und ein Liebling Hollywoods war, wurde er oft eingeladen, sich selbst zu spielen. Jeder erinnert sich an Trump in „Kevin allein zu Haus 2“

Jetzt ist es die Aufgabe der Aktivisten im Netz, Trumps Kopf freudig aus der Szene herauszuschneiden und andere Köpfe über seinen typischen Mantel zu setzen. Eine Liquidierung. Das Ziel ist es, Trump zu verbannen. (Anm. d. Übers.: Beispiele dafür werden in dem Beitrag gezeigt und auch diverse Beispiele von Auftritten Trumps in anderen Fernsehserien)

Schon vor Jahren erschien Donald Trump auf dem Cover eines Journals verblüffenderweise als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten. Jetzt ist Trump für Hollywood liquidiert. (Anm. d. Übers.: Gezeigt wird dazu im Beitrag ein entsprechender Ausschnitt aus einer US-Serie) Er wird nie wieder in einem Film auftreten. Und wenn das Bild von Trump doch einmal auftaucht, dann nur als peinliche Parodie.

Trump wird aber nicht nur in Hollywood liquidiert. Die Demokraten planen, ihn als politischen Führer zu liquidieren – mit einem lebenslangen Verbot, bei Wahlen zu kandidieren. Aber es ist nichts Persönliches. Und es geht nicht um Politik.

Sogar Worte werden liquidiert. Anfang des Jahres verabschiedete das US-Repräsentantenhaus eine Resolution, die die Worte „er“ und „sie“ im Parlament liquidierte. Das heißt, dass das Geschlecht als solches abgeschafft wird. Die Nennung des Geschlechts ist verboten… Laut der Resolution dürfen die Kongressabgeordneten folgende Worte nicht aussprechen: „Sohn, Tochter, Bruder, Schwester, Onkel, Tante, Cousine, Cousine, Neffe, Nichte, Ehemann, Ehefrau, Schwiegervater, Schwiegervater, Schwiegermutter, Schwiegersohn, Schwiegertochter, Schwager, Schwägerin, Stiefvater, Stiefmutter, Stiefsohn, Stiefvater, Großvater, Großmutter, Enkel, Enkelin.“

Aus Vater oder Mutter wird einfach Elter, aus Bruder oder Schwester wird Geschwister und Enkel oder Enkelin wird das Kind der Kinder. Und die Großmutter ist jetzt nur noch Elter eines Elter. Meine Meinung: Das ist ein Schritt zur Liquidierung der Familie, denn die Vielfalt der Emotionen in ihr und die familiäre Wärme selbst sind das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen von Vätern, Müttern, Töchtern und Söhnen, Großmüttern und Großvätern. Und mit der Liquidierung dieser für alle verständlichen Rollen in der Familie wird alles viel flacher. Und, Sie werden mir zustimmen, es ist seltsam, dass in Amerika, das immer stolz darauf war, dass der Mensch dort ein Individuum, eine Persönlichkeit war, jetzt gesetzgeberisch flach wird, mit Auslöschung der Selbstidentifikation sogar in der Familie. Aber ein russisches Sprichwort sagt, wie Sie das Schiff nennen, so wird es auch segeln.

Das neue Wörterbuch für Kongressabgeordnete spiegelt jedoch nur den realen Trend und die Werte wider, die die neue aggressive Kultur erzwungen hat. Bei den Schwarzen in Amerika werden zwei Drittel der Kinder außerehelich geboren, was bereits die Norm ist. Und wenn das so ist, wozu braucht es dann noch diese Worte für die Familie?

Und wenn die Kultur der Liquidierung auf dem Vormarsch ist und es jetzt in den Staaten das unmodernste ist, ein weißer Cisgender-Mann zu sein, warum nicht nach den Geschlechtern auch noch die Farbe abschaffen? Lassen Sie uns weiß und schwarz abschaffen! Wozu diese Unterschiede? Bei der Gelegenheit können wir auch Farbtöne abschaffen. Dann muss man nicht streiten, wie sehr Kamala Harris´ Haut auf dem Cover der Februar-Ausgabe der Vogue aufgehellt wurde, denn jetzt ist das ein echtes Problem nach dem Motto, sie kam nicht schwarz genug rüber. Das ist verdächtig. (Anm. d. Übers.: Im Beitrag wird das Cover der Vogue gezeigt und darauf ist Kamala Harris´ Haut hell, wie die einer Weißen)

Lassen Sie uns weitermachen. Das Wort „dick“ wurde bereits abgeschafft. Stattdessen ist man jetzt „body positive.“ Dann müssen wir auch das Wort „dünn“ abschaffen. Und das Wort „kurz“. Schließlich können Assoziationen mit „kurz“ irgendeinen Mann beleidigen und ihm Schmerzen zufügen. Aber, entschuldigen Sie, welche Männer? Es muss natürlich heißen, „eines der Gender“ beleidigen. Es tut mir sehr leid, dass wir die grammatikalischen Geschlechterbegriffe männlich und weiblich verwenden. Aber da wir verstehen, dass das nur vorübergehend ist, wagen wir es, damit weiterzumachen. Schaffen wir schnell und langsam, hoch und niedrig und auch noch dreieckig und quadratisch ab. Wo wird das aufhören? Schaffen wir Noten an Universitäten und Schulen ab und verändern wir die Wahrnehmung von Erfolg. Und am Ende kommen wir zur Abschaffung von Gut und Böse.

Wenn jemand meint, das wäre Unsinn, nein. Vor mehr als hundert Jahren begab sich das revolutionäre Russland auf den Weg der Liquidierung von allem und hat dieses Glas der revolutionäre Experimente bis zum Ende ausgetrunken – inklusive jeder möglichen Selbstaufopferung. Unter der Flagge der Gerechtigkeit und im Namen einer glänzenden Zukunft haben sich die Begriffe Gut und Böse so stark verändert, dass offiziell alles zu einer guten Sache wurde, was dem Aufbau des Neuen, des Kommunismus, geholfen hat. Erschießungen und massenhafte Repressionen – also die Kultur der Liquidierung selbst – haben sich auch offiziell in etwas Gutes verwandelt.

Die moderne cancel culture – die „Kultur der Eliminierung“ – führt Amerika in genau diese Richtung, in Richtung der Repression und zu einem totalitären Staat. Ja, das ist die Zerstörung des alten Amerikas, aber auch die Schaffung eines neuen und auch mächtigen, vielleicht sogar eines für den Planeten noch gefährlicheren Amerikas. Denn sehen wir nicht, wie George Orwells Warnungen – Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Macht – hier in einer neuen Version wahr werden? Und man dachte immer, dass es um uns ging, um die UdSSR, und heute stellt sich heraus, dass es um sie ging.

„Die Diktatur wird nicht errichtet, um die Revolution zu schützen; die Revolution wird durchgeführt, um die Diktatur zu errichten“, schrieb Orwell.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

5 Antworten

  1. Lawrow laut TASS vom 13.10.2020 https://tass.ru/politika/9707147 :
    „…
    Лавров заявил, что России нужно перестать рассматривать западных партнеров как источник оценок своего поведения, которым стоит следовать.

    „Я согласен с теми политологами, [которые] как бы угадали вызревающее у нас ощущение: нам надо перестать рассматривать наших западных коллег, и в том числе Евросоюз, в качестве источника оценок нашего поведения, которым мы начинаем следовать и как бы мерить себя тем самым аршином. Мне кажется, нам нужно перестать оглядываться на них“, – сказал Лавров.
    …“

    Übersetzt heißt das wohl etwa:
    „…
    Lawrow sagte, Russland müsse aufhören, seine westlichen Partner als Quelle für Bewertungen seines Verhaltens zu betrachten, die befolgt werden sollten.

    „Ich stimme den Politikwissenschaftlern zu, die das Gefühl sozusagen erraten haben, das in uns reift: Wir müssen aufhören, unsere westlichen Kollegen, einschließlich der Europäischen Union, als Quelle für Bewertungen unseres Verhaltens zu betrachten, dem wir zu folgen hätten, an deren Maßstab wir uns messen müßten. Ich denke, wir müssen aufhören, auf sie zu schauen.“ – sagte Lawrow.
    …“

    Nun – damit sollten sie, was die Bewertung ihrer Geschichte betrifft, auch langsam mal anfangen.

  2. In Einklang mit dem Header hat der Australischer Komiker Neel Kolhatkar bereits vor Jahren in seiner Nummer:
    „Modern Educayshun“ hingewiesen.
    https://www.youtube.com/watch?v=iKcWu0tsiZM

    Der letzte Kommentar unter dem Video: …“the scary thin is, theese people exist“… ist drei Jahre alt.

    Ab 21.01. werden die „Progessiven“ (schon eine Frage was Fortschritt ist) alles tun um Ihre „Idiocracy“ wehementest auszubauen und völliges Unverständis zeigen, dass es vermutlich Milliarden Menschen gibt, die auf genau diesen „Fortschritt“ NULL-BOCK, wie ebensowenig Toleranz, dafür haben.

  3. Unfaßbar… Das haben die wirklich beschlossen? Was für Vollidioten!

    Du hast übrigens absolut recht mit dem Vergleich zu früheren Zeiten unter Stalin, und daß man wohl vor allem deshalb in Russland jeder Ideologie, die mit diesem Weltverbesserer-Anspruch daherkommt, mit größter Skepsis begegnet. Ich empfinde ähnlich, wenn ich mir die aktuellen Entwicklungen in Deutschland anschaue, und mich dabei immer öfter an die DDR erinnert fühle.

    Jetzt steht also die Sprache auf der Abschußliste. Solche Versuche gab es ja in der Geschichte schon oft. Auf arte lief neulich eine interessante Doku zum Thema der Latinisierung der Schriftsprache. Die Initiativen dazu waren vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts recht modern. So stellte beispielsweise Kemal Atatürk die Schriftsprache in der Türkei von den arabischen Schriftzeichen auf die lateinische Lautschrift um. Und auch in Vietnam schreibt man lateinisch – ein Erbe der Kolonialherrschaft Frankreichs sowie europäischer Missionare. In der Sowjetunion wurden Versuche gestartet, die kyrillische Schrift zu ersetzen und das Gleiche war anfangs unter Mao auch in China geplant. Es gab schon fertige Vokabelbücher mit latinisierter Schrift statt der uralten Glyphenschrift der chinesischen Hochkulturen.

    Wißt Ihr, woran das Projekt trotz der massiven „Kulturrevolution“ letzten Endes gescheitert ist? An der Praktikabilität! Statt die Schriftsprache zu vereinfachen (so wie das in Deutschland ja schon mit der vergleichsweise harmlosen Rechtschreibreform herrlich gegen den Baum ging), hätte eine latinisierte Schriftsprache China in ein babylonisches Sprachchaos gestürzt! In China wird nämlich nicht „chinesisch“ gesprochen, sondern es bestehen nebeneinander viele verschiedene Sprachen der unterschiedlichen Volksgruppen, die zwar alle den beiden Hauptfamilien der sinotibetischen bzw. tibetobirmanischen Sprachen angehören, sich aber in den Vokabeln teilweise völlig voneinander unterscheiden. Das sind nicht nur Dialekte, sondern eigenständige Sprachen! Am verbreitetsten ist Mandarin, das von über 800 Millionen Chinesen gesprochen wird, aber es gibt eben auch Wu, Kantonesisch, Min, Jin, Xiang, Hakka, Gan, Hui und Pinghua.

    Und jetzt kommts. Was haben all diese Sprachen gemein? Sie benutzen DIESELBE Schriftsprache!!! Alle!
    Das ist eben der Vorteil einer Glyphenschrift, die auf den ersten Blick kompliziert erscheinen mag, aber eben wiederum eine sehr einfache Kommunikation über Sprachgrenzen hinweg ermöglicht, da sie ganze Wörter und Begriffe in einzelnen Schriftzeichen vereint. Maos Kulturrevolutionäre mußten vor der Realität kapitulieren.

  4. „Die Nennung des Geschlechts ist verboten…“ dass ist zutiefst sexistisches Anti-Queer !!!!!!!!!!!!!!
    Als male-to-female (d.h. Person mit biol. Geschlecht: Person ohne Gebärelter1 [ehem. Mann] und gender / soziales Geschlecht: Person mit Gebärelter1 [ehem. Frau]), verbieten die mir, mich im sozialen Geschlecht als Person mit Gebärelter1 zu fühlen!!!!!

    NB: Gebärelter1 ehem. Gebärmutter

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