Putins Fragestunde

Putin im O-Ton über den Vorfall im Schwarzen Meer und die Gefahr eines dritten Weltkrieges

Die Grenzverletzung der russischen Hoheitsgewässer durch das britische Kriegsschiff Defender war auch Thema bei der Fragestunde des russischen Präsidenten Putin und seine Antwort auf die Frage war sehr interessant.

Wie angekündigt übersetze ich die Teile von Putins vierstündiger Fragestunde, die meiner Meinung nach für deutsche Leser interessant sind. Ein wichtiges Thema der letzten Tage war die Provokation des britischen Kriegsschiffes Defender in den Gewässern der Krim. Immerhin bestand dabei die Gefahr, dass Russland ein britisches Kriegsschiff versenkt und die Folgen wären unabsehbar gewesen. Daher war Putins Antwort, bei der er bisher unbekannte Details bekannt gab, sehr interessant.

Beginn der Übersetzung:

Beresowskaja: Zum britischen Zerstörer bei der Krim. Glauben Sie nicht, dass die Welt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr und nicht weniger als an der Schwelle zum Dritten Weltkrieg stand?

Putin: Nein, das glaube ich nicht. Ist das eine Frage, oder…

Beresowskaja: Wir haben Fragen zu diesem Thema bekommen.

Putin: Ich glaube das nicht. Lassen Sie mich erklären, was ich dazu glaube und was nicht.

Zunächst einmal war das natürlich eine Provokation. Es ist ganz klar, dass es eine Provokation war. Was wollten diese Provokateure zeigen und welche Ziele versuchten sie zu erreichen?

Erstens war das sehr komplex und wurde nicht nur von den Briten, sondern auch von den Amerikanern gemacht, denn die Briten kamen am Nachmittag in unsere Gewässer, aber schon früh am Morgen, um 7:30 Uhr, startete von einem der NATO-Militärflugplätze in Griechenland, von Kreta, glaube ich, ein amerikanisches strategisches Aufklärungsflugzeug. Natürlich wurde mir darüber berichtet, ich weiß das sehr gut. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte das Flugzeug die Nummer 63/9792. Wir haben es gut gesehen, haben es beobachtet. Es war offensichtlich, dass der Zerstörer kam und in erster Linie militärische Ziele verfolgte, er wollte mit dem Spionageflugzeug die Aktionen unserer Streitkräfte aufdecken, mit denen sie auf solche Provokationen reagieren. Das Flugzeug wollte sehen, was wir tun, wo was eingeschaltet wird, wie es funktioniert, was sich wo befindet. Wir sahen das und wussten es, also gaben wir ihnen die Informationen, die wir für notwendig hielten. Vielleicht habe ich etwas zu viel gesagt, das Militär möge mir verzeihen. Das ist das erste.

Die zweite ist die politische Komponente. Wir haben gerade ein paar Tage zuvor ein Treffen in Genf gehabt. Die Frage ist, warum war eine solche Provokation nötig? Wozu wird das alles gemacht? Um zu betonen, dass diese Leute keinen Respekt vor der Entscheidung des Volkes der Krim haben, sich der Russischen Föderation anzuschließen? Erkennen sie das dort nicht an? In Ordnung, dann sollen sie es nicht anerkennen. Aber wozu führen sie solche Provokationen durch?

Asker-Sade: Vielleicht will uns die NATO ärgern? Immerhin findet jetzt auch das Manöver Sea Breeze statt, gestern war da eine niederländische Fregatte.

Putin: Ja, verstehen Sie, worum es geht? Sie sagten, die Welt stehe am Rande eines Weltkrieges. Nein, natürlich nicht. Selbst wenn wir dieses Schiff versenkt hätten, wäre es immer noch schwer vorstellbar, dass die Welt am Rande des Dritten Weltkriegs steht, denn diejenigen, die das tun, wissen, dass sie aus diesem Krieg nicht als Sieger hervorgehen können. Das ist eine sehr wichtige Sache.

Ich glaube nicht, dass wir selbst über die Entwicklungen, von denen Sie sprechen, glücklich wären, aber zumindest wissen wir, wofür wir kämpfen: Wir kämpfen für uns selbst, für unsere Zukunft auf unserem Territorium. Wir sind nicht diejenigen, die über Tausende von Kilometern gekommen sind oder auf dem Wasserweg gekommen sind. Sie sind an unsere Grenzen gekommen und haben unser Hoheitsgewässer verletzt und das ist ein wesentliches Element in dieser ganzen Konstruktion.

Aber das ist nicht einmal das, was mich beunruhigt, oder dass jemand die Entscheidung des Volkes der Krim, sich Russland anzuschließen, nicht respektiert. Mich beunruhigt etwas anderes. Sehen Sie, es wurde viel Aufhebens darum gemacht, dass wir auf unserem Territorium in der Nähe der ukrainischen Grenzen Manöver durchführen. Falls es jemanden interessiert, ich habe das Verteidigungsministerium angewiesen, die Truppen still und leise abzuziehen. Das haben wir getan. Aber anstatt positiv darauf zu reagieren und zu sagen: Okay, gut, wir verstehen Ihre Reaktion – stattdessen haben sie was getan? Sie sind an unsere Grenzen gekommen.

Beresowskaja: Herr Präsident, Sie haben in Ihrer Rede vor der Bundesversammlung gesagt, dass es bereits wie ein Sport ist, Russland zu beißen. Das bedeutet, dass das auch ein Versuch war, uns zu beißen.

Putin: Nein, nicht beißen. Ich wiederhole, das ist es nicht, was mich beunruhigt, ich mache mir Sorgen um etwas anderes, etwas Grundsätzlicheres, nämlich den Beginn der Militarisierung des ukrainischen Territoriums. Laut der Verfassung der Ukraine darf es dort keine ausländischen Militärbasen geben. Es können Schulungszentren eingerichtet werden, es können andere Formen verwendet werden. Die militärische Entwicklung des direkt an uns angrenzenden Gebietes schafft für uns erhebliche Sicherheitsprobleme. Dies beeinträchtigt bereits die vitalen Interessen der Russischen Föderation und der Menschen in Russland. Das ist natürlich ein Grund zur Sorge und wir müssen darüber nachdenken.

Ende der Übersetzung


Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

5 Antworten

  1. Ein wichtiger Satz unterschiedlich in 2 Übersetzungen bzw. fehlt hier anscheinend: Bei nachdenkseiten.de heißt es
    „Die faktische Beherrschung der Ukraine durch die Nato ist eine Gefahr für die „Lebensinteressen Russlands“.“

    „Lebenswichtige Interessen“ ist nicht unbedingt dasselbe wie „vitalen Interessen“, deshalb nicht, weil bei solchen Formulierungen es sehr auf die Feinheiten ankommt: Putin hat, so weit ich die Publikationen in Zusammenhang mit der „Roten Linie“ verfolgt habe, von „Lebenswichtigen Interessen“ gesprochen, also die Linie, bei deren Überschreiten ein Kriegsgrund besteht, bzw. militärisches Eingreifen. „vitalen Interessen“ ist hingegen kurz vor der „Roten Linie“.

    1. In der offiziellen englischen Übersetzung des Kremls ist es wie bei Herrn Röper mit „vital interests“ übersetzt.
      („vital“ kann im Englischen alles von „wichtig“ über „wesentlich“ bis „lebenswichtig“ bedeuten.)

      http://en.kremlin.ru/events/president/news/65973
      Zitat:
      „Vladimir Putin: No, this is not picking on us. As I said, this is not what is worrying me. I am worried about another, more fundamental thing, namely, the beginning of military development in Ukrainian territory. Under the Ukrainian Constitution, no foreign bases can be established in the country. Training centres and other facilities and formats are possible. But the military development of a territory that directly borders on our country creates a considerable security problem for us. This has to do with the vital interests of the Russian Federation and the Russian people. Of course, this is alarming, and we must think about it.“

  2. Wir haben gerade ein paar Tage zuvor ein Treffen in Genf gehabt. Die Frage ist, warum war eine solche Provokation nötig?

    Über den Geistes – und Gesundheitszustand des Mr Biden ist ja ausführlich und seit Monaten in Text und Bild berichtet worden , ich frage mich , wie konnte sich Präsident Putin mit Mr Biden auf Augenhöhe unterhalten ,bzw mit wem hat sich Präsident Putin auf Augenhöhe unterhalten ?

    1. Biden ist doch nur noch eine Marionette, der entscheidet doch nichts mehr. Der Deep State ist es, der dafür verantwortlich ist und man braucht mit den USA ohnehin keine Verträge und keine Absprachen treffen, die halten sich ohnehin nicht daran.

  3. Putin is een, in mijn ogen, te vriendelijk en nadenkend bestuurder. Hij, Rusland, wordt op de huid gezeten door scrupuleuze tegenstanders (USA/NATO). Zij gaan steeds met kleine stappen (hyena tactiek) verder, totdat blijkt dat Rusland elke speelruimte en veiligheid is verloren en uitgeput raakt.

    Putin ist meiner Meinung nach ein zu netter und nachdenklicher Politiker. Er, Russland, wird von gewissenhaften Gegnern (USA/NATO) verfolgt. Sie unternehmen immer wieder kleine Schritte (Hyänentaktik), bis es so aussieht, als hätte Russland alle Spielräume und Sicherheiten verloren und ausgeschöpft.

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