Weißrussland

Verhafteter Oppositioneller Protasewitsch hat wieder einen Twitter-Account

Der nach der Landung der Ryanair-Maschine in Minsk verhaftete oppositionelle Blogger Roman Protasewitsch hat wieder einen Twitter-Account und tweetet aktiv. Hier erfahren Sie, was er der in Weißrussland angeklagte Oppositionelle auf Twitter mitteilt.

Der in Weißrussland nach der Landung der Ryanair-Maschine verhaftete oppositionelle Blogger Roman Protasewitsch und seine ebenfalls bei der Landung verhaftete Freundin Sofia Sapega sind schon vor einigen Tagen aus dem Gefängnis in den Hausarrest entlassen worden. Die Mär der westlichen Medien, Protasewitsch sei gefoltert worden, ist damit immer weniger haltbar. Viel wahrscheinlicher ist, dass er verstanden hat, dass die Ryanair-Landung von seinen ehemaligen Weggefährten provoziert worden ist, die seine Festnahme schon vor seiner Verhaftung in Minsk in sozialen Netzwerken gemeldet haben. Die Landung der Ryanair-Maschine und Protasewtischs Verhaftung waren nötig, um eine weitere Medienkampagne als Rechtfertigung für neue Sanktionen gegen das von Präsident Lukaschenko regierte Weißrussland zu starten.

Protasewitsch hat von Anfang an mit den Ermittlern kooperiert und sich in einem langen Interview erklärt. Die westlichen Medien berichten, das sei unter Druck und Folter geschehen. Das ist unwahrscheinlich, wahrscheinlicher ist, dass er vom Westen geopfert wurde und das auch verstanden hat, weshalb er bereitwillig mit den Ermittlern zusammenarbeitet. Darauf deutet auch hin, dass er aus der Haft in den Hausarrest entlassen wurde, denn einen unkooperativen Häftling, den man mit Folter bearbeiten muss, würde man kaum aus dem Gefängnis lassen.

Natürlich wird bei Protasewitschs Überlegungen über die Zusammenarbeit mit den Ermittlern auch eine Rolle spielen, dass er durch seine Kooperation auf ein geringeres Strafmaß hoffen kann. Aber das passiert in jedem Land der Welt und kann kaum als „Druck“ auf den Gefangenen ausgelegt werden.

Seit kurzem hat Protasewitsch auch wieder Zugang zum Internet. Man darf davon ausgehen, dass er keinen freien, sondern einen überwachten Zugang zum Internat hat, aber selbst davon können Untersuchungshäftlinge in den allermeisten Ländern nur träumen. Protasewitsch hat nun auch einen neuen Twitter-Account eröffnet, in dem er Fragen beantwortet. Auch hierbei ist nicht bekannt, wie frei er dabei vorgehen darf und ob es Verbote gibt, welche Fragen er beantworten darf. Trotzdem will ich hier einige der Tweets, die er bisher geschrieben hat, übersetzen, denn auch wenn manche Fragen banal sind, so geben sie doch einen Einblick, den man ohne Russischkenntnisse nicht gewinnen kann.

Protasewitschs neuer Twitter-Account

Protasewitsch begann seine Tweets mit einem Video, in dem er sagt, die Leute könnten ihm Fragen stellen, und der schriftlichen Nachricht:

„Hallo Chat! Ich bin wieder bei Euch!
So, nun erzählt mal, was ich in der Zwischenzeit versäumt habe:)“

Die erste Frage an ihn war:

„Hallo. Wie ist Dein Status? Betreibst Du den Kanal selbst oder läuft es über jemand anderen?“

Seine Antwort war:

„Mein verfahrensrechtlicher Status hat sich nicht geändert – Hausarrest.
Ich schreibe und antworte selbständig, unbeaufsichtigt :)“

Eine weitere Frage betraf Protasewitschs Eltern, die nach Polen geflohen sind:

„Haben Sie Ihre Eltern kontaktiert? Halten sie ihre Anwesenheit in Weißrussland immer noch für gefährlich?
Wurden Sie von Personen aus dem Stab von Tichanowskaja kontaktiert?“

Er hat geantwortet:

„Ich stehe in Kontakt mit meinen Eltern, ja. Über ihre Rückkehr – ja, das tun sie.
Ich hatte noch keine Gelegenheit, mit jemandem vom Stab zu sprechen.“

Ein anderer wollte wissen:

„Guten Tag. Wenn Sie frei sind, planen Sie, in Weißrussland zu bleiben oder das Land zu verlassen?“

Seine Antwort war:

„Ich denke, die Antwort ist offensichtlich. Erst mal gibt es definitiv keine Pläne, das Land zu verlassen.“

Einer wollte etwas über die Haftbedingungen wissen:

„Hattest Du die Möglichkeit, andere politische Gefangene in der Untersuchungshaftanstalt zu sprechen?“

Protasewitsch darauf:

„In der Untersuchungshaftanstalt ist es unmöglich, Kontakt zu anderen Gefangenen zu haben (außer zu Zellengenossen natürlich).
Ich habe keine politischen Gefangenen gesehen.“

Ein User wollte etwas über das Interview erfahren, das Protasewitsch dem weißrussischen Fernsehen gegeben hat:

„Haben sich Ihre Ansichten über die Opposition während dem „Interview“ mit ONT geändert? Glauben Sie, dass es gerechtfertigt ist, dass die überwältigende Mehrheit diesem Interview misstraut?“

Protasewitsch schrieb dazu:

„Viele meiner Ansichten haben sich nicht geändert. Außerdem kann sich die Einstellung nicht im Laufe eines Interviews ändern.
Ich kann durchaus verstehen, dass viele Menschen selbst den unpolitischen Dingen, die ich hier schreiben werde, nicht trauen werden.“

Ein User wunderte sich, dass Protasewitsch bei seinen öffentlichen Auftritten immer gut gelaunt ist sogar lacht:

„Wie schaffst Du es, bei all dieser Folter so fröhlich zu sein?“

Darauf antwortete Protasewitsch:

„Zum Thema Folter. Noch einmal: Es wurde nicht gefoltert. Und es wäre zumindest dumm gewesen, mich unter der weltweiten Aufmerksamkeit auf die Situation zu foltern.
Und Fröhlichkeit ist die Fähigkeit, durchzuatmen und nach dem Besten zu streben.“

Ein anderer wollte wissen, wie Protasewitsch sich informiert:

„Woher beziehen Sie Ihre Informationen: TG-Kanäle, YouTube-Kanäle, Webseiten, Zeitungen :)), etc?“

Antwort:

„Ich habe gerade erst angefangen, alles aus der letzten Zeit zu lesen. Mir wird schwindelig von der Menge der Nachrichten :)“

Eine andere wollte wissen:

„Roman, haben Sie im Juni Briefe bekommen?“

Die Antwort war:

„Es gab Briefe, aber nicht viele.“

Da über Protasewitschs Freundin weniger bekannt ist, als über ihn, hat diese Frage sicher viele interessiert:

„Lebt Sofia mit Ihnen zusammen oder getrennt?“

Protasewitschs Antwort:

„Ja, wir wohnen zusammen. Mehr noch – wir leben in einem Zimmer.)“

Und er fügte mit Blick auf die Bewachung ihres Hausarrestes hinzu:

„Der Genosse Major wohnt eine Etage unter uns, falls es interessiert!“

Eine wollte Details über den Hausarrest wissen:

„Roman, können Sie sich frei bewegen und spazieren gehen?“

Seine Antwort:

„Ich stehe immer noch unter Hausarrest, also kann ich nicht rausgehen. Ich würde aber wirklich gerne raus und in Bars gehen. Ich wäre sogar mit Zybitskaya einverstanden!“

Zybitskaya sagt mir nichts, das dürfte eine bekannte Bar in Minsk sein, die ich nicht kenne.

Die folgende Frage war logisch, denn wenn Protasewitsch nicht raus darf, wie konnte er dann in seinem ersten Tweet ein Video an der frischen Luft zeigen:

„Und wo wurde das Video aufgenommen, nicht zufällig am Saslaujer Stausee? Und wie passt das zu „Ich kann doch nicht rausgehen“?“

Protasewitsch antwortete darauf:

„Ich wohne nicht in Minsk, sondern in einem Haus auf dem Lande. Wir können im Garten und auf dem Rasen herumlaufen :)“

Auch diese Antwort klingt danach, als würde Protasewitsch mit den Ermittlern freiwillig zusammenarbeiten. Sein Hausarrest in einem offensichtlich vom Staat bezahlten Haus entspricht „Haftbedingungen“, von denen Untersuchungshäftlinge nur träumen können. Offensichtlich wird seine Zusammenarbeit mit den Ermittlern honoriert.

Protasewitschs aktuell letzter Tweet lautet:

„Trotzdem ist der Wiedereinstieg in die Nachrichtenwelt schwierig. Vor allem wegen der Menge an Negativität in eben diesen Nachrichten.
Dennoch bin ich angenehm überrascht über die Anzahl Eurer Kommentare und Fragen. Eine echte Flut!
Ich war wohl etwas zu voreilig mit dem Versprechen, sie alle zu beantworten :)“

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

8 Antworten

  1. Das ist echt eine perfide Art, Menschen zu foltern. Man stellt sie unter Hausarrest und lässt sie sogar relativ frei ihrem Meinung vertreten. Echt, perfider gehrt es gar nicht. Da ist Waterbording geradezu eine Kur. Das ist schlimmer als die mittelalterlichen Foltermethoden (Streckbank, Eiserne Jungfrau oder Auspeitschen). Wie perfide ist Lukaschenkow bloß. Das muss unbedingt verfolgt werden. Tststs!
    [Sarkasmus Ende]

  2. Und der Spiegel dreht komplett durch und bezeichnet das als Schauspiel + in einem anderen (Bezahl) Artikel wird gemeinsam mit einem “Friedensforscher“ über Regime-Change in Russland und Weißrussland philosophiert.
    Was ein NATO-Schundblatt der Spiegel doch ist.

    1. Leider werden echte Dissidenten in Russland von einem solchen Regime Change nicht profitieren, sondern ausschließlich Einflussagenten der USA, Großbritanniens, der EU und NATO.

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