Ryanair-Landung in Minsk

Wer ist der in Minsk verhaftete weißrussische Oppositionelle Roman Protasewitsch?

Da die Ereignisse rund um die Festnahme von Roman Protasewitsch die Schlagzeilen beherrschen, will ich hier auch auf die Hintergründe des Festgenommenen selbst eingehen.

Ich habe heute über den Protasewitsch recherchiert und als ich darüber einen Artikel schreiben wollte, hat das russische Fernsehen ebenfalls einen Bericht über den Mann veröffentlicht. Da darin das erzählt wird, was auch meine Recherchen ergeben haben, übersetze ich den Bericht des russischen Fernsehen, um bei der Gelegenheit ein weiteres Mal zu zeigen, wie in Russland über die Geschichte berichtet wird.

Über die Landung des Flugzeugs in Minsk habe ich bereits ausführlich geschrieben (den Artikel finden Sie hier), weshalb wir hier direkt zur Übersetzung des russischen Fernsehberichts über Protasewitsch kommen.

Beginn der Übersetzung:

Er fuhr auf den Maidan und wurde im Donbass verwundet: Was über Roman Protasewitsch bekannt ist

Lettland drückte seine Haltung zur Notlandung des Flugzeugs auf dem Flughafen von Minsk anschaulicher als andere aus. Die weißrussischen Luftfahrtbehörden erklärten alle Umstände des Vorfalls, aber einige ihrer Nachbarn sind besorgt, natürlich nicht über das Flugzeug selbst und seine Notlandung, sondern über das Schicksal des Passagiers, der danach festgenommen wurde: Roman Protasewitsch. Er wurde in seinem Heimatland gesucht, weil er einer der Koordinatoren von illegalen Kundgebungen war.

Der Sprecher des weißrussischen Verkehrsministeriums hat den Grund für die Notlandung des irischen Flugzeugs in Minsk am Vortag genannt. Er verlas eine Mail, deren Text nahelegt, dass Terroristen der Hamas die Teilnehmer des Delphi-Wirtschaftsforums bedrohten, die in dem Flugzeug saßen.

„Wir, die Soldaten der Hamas, fordern, dass Israel das Feuer im Gaza-Streifen einstellt. Wir fordern, dass die Europäische Union ihre Unterstützung für Israel in diesem Krieg zurückzieht. Es ist bekannt, dass die Teilnehmer des Delphi Economic Forum mit dem Flug 4978 nach Hause zurückkehren. In dem Flugzeug befindet sich eine Bombe. Wenn Sie unsere Forderungen nicht erfüllen, wird die Bombe am 23. Mai über Vilnius explodieren.“

Nach Angaben des Verkehrsministeriums haben Mitarbeiter des Flughafens versucht, Mitarbeiter der Fluggesellschaft Ryanair in Litauen zu erreichen, was aber nicht gelang. Sie kontaktierten auch die Piloten. Die hatten mindestens vier mögliche Landebahnen zur Auswahl: Minsk, Vilnius, Lviv, Kiew. Die Piloten entschieden sich für Minsk.

„Das ist die Entscheidung des Kapitäns. Er trägt die Verantwortung, es ist allein seine Entscheidung. Er hat sich so entschieden, wie jeder zivile Pilot entschieden hätte.“, sagt der Luftfahrtexperte Viktor Sazhenin.

Nach offiziellen Angaben ist erst 17 Minuten nach der Entscheidung der Besatzung, nach Minsk zu fliegen, ein MiG-29-Jagdflugzeug aufgestiegen, um die Boeing zu eskortieren.

„Es gab keinen Zwang, das Flugzeug an den Grenzen von Weißrussland umzudrehen, wie es in verschiedenen Quellen berichtet wurde. Das Flugzeug war bereits auf dem Weg nach Minsk.“, kommentierte der Kommandeur der weißrussischen Luftstreitkräfte, Igor Golub.

Diese Version erschien in westlichen Medien aufgrund der Tatsache, dass Roman Protasewitsch, der in Minsk beschuldigt wird, im letzten Sommer Unruhen organisiert zu haben, an Bord des Flugzeugs war. Seine Freundin, die russische Staatsbürgerin Sofia Sapega, flog mit ihm. Sie war es, die dieses Foto von Protasewitsch machte, und es war Sofia, der er versuchte, seine Sachen zu übergeben. Einer der Zeugen sagte folgendes:

„Wir sahen, wie er im Flugzeug plötzlich aufstand, um dem Mädchen seine Sachen zu geben. Den Computer, das Telefon, wollte er so schnell wie möglich abgeben.“

Sapega wurde ebenfalls festgenommen. Der russische Konsul hat sich bereits mit ihren Angehörigen getroffen. Es ist bekannt, dass sie in Wladiwostok geboren wurde. Ihr Vater lebt dort. Sofia hat fast ihr ganzes Leben in Weißrussland verbracht. Sie flog nach Vilnius, um ihre Dissertation an der Europäischen Geisteswissenschaftlichen Universität zu verteidigen, der Minsker Universität, die vor 17 Jahren eilig nach Litauen umzog und immer noch auf gebürtige Weißrussen ausgerichtet ist, um ihnen eine „liberale Bildung für unabhängiges Denken“ zu lehren.

Sapega ist der sechste Student dieser Universität, der in Weißrussland inhaftiert wurde. Die anderen fünf landeten nach den illegalen Aktionen von 2020 in Untersuchungshaft. Das war der Zeitpunkt, als Protasewitschs Stern aufging. Er hatte bereits als Journalist in von westlichen NGOs geförderten Medien gearbeitet und die Sommerproteste in Weißrussland aktiv koordiniert.

Aber Protasewitsch hatte noch ganz andere Erfahrungen. 2014 ging er zum Maidan. Er posierte vor dem zerbrochenen Lenin-Denkmal. Dann, so Medienberichte, kam er mit Hilfe des Rada-Abgeordneten Igor Guz, der Soldaten für die ukrainischen Freikorps rekrutierte, in das Neonazi Bataillon „Asow“. Protasewitsch wurde im Donbas verwundet und stieg sogar zum stellvertretenden Kommandeur der 2. Stoßtruppkompanie auf.

„Das ist ein Mann mit einem ernsthaft negativen Hintergrund, mit engen Kontakten zu Nationalisten in der Ukraine und in Weißrussland, der im Donbass im Nazi-Bataillon „Asow“ gekämpft hat. In letzter Zeit war er für Sabotage im Informationsraum zuständig.“, sagte der Politikwissenschaftler Alexej Dzermant.

Als Roman aktiv an den weißrussischen Unruhen beteiligt war, nahm derselbe Nationalist Guz ein Video zur Unterstützung der Demonstranten auf.

Protasewitsch war für die Medien zuständig. Er war der Chefredakteur des Telegram-Kanals Nexta, der zu der koordinierenden Plattform der Kundgebungen wurde und seinen Besitzern gute Einnahmen brachte. Hier ist, was Protasewitsch in einem Interview mit Dmitry Gordon sagte:

„Wir arbeiten nach dem Schema privater Medien, wir haben Werbung. Stellen Sie sich vor, dass jeder einzelne unserer Beiträge im Durchschnitt von etwa einer Million Menschen gelesen wird. Wir haben genug Geld, um davon zu leben.“

(Anm. d. Übers.: Dmitry Gordon ist ein im russischsprachigen Raum bekannter ukrainischer Journalist, auch der Anti-Spiegel hat bereits über seine Arbeit berichtet, ein Beispiel finden Sie hier.)

Der Kanal Nexta wurde von Warschau gesponsert, was die Besitzer von Nexta erzählt haben. Ihre Arbeit wurde in Weißrussland als extremistisch eingestuft, und sie selbst stehen auf der Terrorliste. Jetzt sitzt Protasewitsch in Untersuchungshaft. Gegen ihn wurden drei Verfahren eingeleitet: Aufstachelung zum Hass, Organisation von Unruhen und grobe Verletzung der öffentlichen Ordnung. Entgegen den Aussagen der lokalen Opposition droht ihm nicht die Todesstrafe, sondern 15 Jahre Gefängnis.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

16 Antworten

  1. Komisch, dass diese ganzen „liberalen, demokratischen, europäischen“ Freigeister und „Menschenrechtler“ immer mit den Neonazi-Batallionen auf Kuschelkurs gehen. Noch komischer ist, dass unsere Qualitätspresse, die sich ja zuverlässlich „gegen Rechts“ positioniert derartig komischen Gestalten ihren Applaus geben.

    1. Nicht nur die Qualitätspresse, sondern auch deren Konsumenten, die sich ja als Verteidiger einer liberaldemokratischen Wertegesellschaft betrachten (z.B. Politiker und Sympathisanten der FDP, Grüne, gegenwertige Linkspartei, Transatlantifanten usw.)

      1. Es ist Heuchelei in Höchstform. Deshalb darf man froh sein dass es solche unahänigen Blogs gibt, die mal etwas gegengewicht zu den Mainstream-Narrativen und Politik geben.

    2. Eigentlich ist das nur konsequent. Wenn man ein Doppelsprech ausübt, wie es unsere Medien tun, dann ist alles, was der Feind meines Feindes tut, gut, während alles, was der Freund meines Feindes tut schlecht. Und der Feind ist klar ausgegeben: Es istRussland, bzw. Putin. Nun ja, der Freund des Feindes ist Lukaschenko, und der Feind des Feindes… u.a. Asow-Regiment.
      Was die Leute vom Asow-Regiment sonst noch tun, ist unseren Medien egal. Und wenn sie mit Hakenkreuzfahnen in die Schlacht zögen, dabei Horst-Wessel-Lieder grölten … oder von irgendwelchen Supernationalisten der Vergangenheit, die hervorragend mit der SS zusammengearbeitet hatten, träumten … egal. Darum kümmert man sich, wenn die Schlacht geschlagen ist. Wetten? Dann werden die „Fußtruppen“ medial entsorgt. Doch jetzt … Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

      1. Die deutsche Edelpresse schweigt daher die Verbechen der Bandera-Faschisten einfach tot.
        Warum gibt es keine Leitartikel über den Vorfall in Odessa, als in einem Pogrom die antifaschistischen Odessiten von Ukro-Skinheads in einer Treibjagd ins Gewerkschaftshaus gejagt wurden, welches dann angezündet wurde?

  2. Da hat Lukaschenko mal vorzeitig die richtige Marionette erwischt, bevor die Marionette bei der Bevölkerung im Westen populär geworden wäre.
    Und die Transatlantiker laufen wie aufgeschreckte Ameisen wild umher, weil einer ihrer besten Männer jetzt weg ist.

    1. Lukaschenko tritt mit seinem großen, schweren, patriotischen Stiefel mitten in den Ameisenhaufen der Transatlantiker, die nun alle verwirrt durch die Gegend huschen. Da verwundert es nicht, dass in letzter Zeit vermehrt solche Knallköpfe auftauchen, die einen Regimechange in Weißrussland verursachen wollten.

  3. Da springen sie im Westen wieder im Karreé wie eine Horde wildgewordener Ochsen! Die Lügenmedien schmieren wieder den größten Müll zusammen und machen jede Stimme, die diesen Wahn auch nur mal hinterfragt, mundtot!
    Ich frage mich, wo das enden soll? Einen Krieg können sie gegen Russland nicht führen, das endet für diese Wahnsinnigen selber in der totalen Zerstörung. Nachdem sie mit ihrem Corona-Wahn die Staatsfinanzen ruiniert haben, die Gesellschaften noch weiter in arm und reich, in gläubige Anhänger und Dissidenten des Systems gespalten haben, sinkt die Attraktivität des Westens für Leute aus dem weiß-russischen Raum immer weiter. Hinzu kommen der Genderwahn und die massive Einschränkung von Presse- und Meinungsfreiheit im Westen, die schon diktatorische Zügen angenommen hat.
    Im Zuge des Corona-Wahns wurde einer ganzen Generation die Chance auf eine vernünftige Bildung genommen, so dass der wirtschaftliche Rückstand des Westens immer größer werden wird. Was haben die vor? Ich verstehe es nicht mehr? Russland, Weißrussland, China, Iran, Indien sowieso nicht, lassen sich doch nicht mehr am westlichen Gängelband durch die Manege führen.

    1. Ich fürchte, Sie irren sich bzgl. des Krieges. Ich bin überzeugt, Leute wie H. Clinton, Biden, Blair, Merkel, Macron … wissen zwar, dass ein Atomkrieg Europa in eine strahlende Masse zu Glas erstarrten geschmolzenen Steins verwandeln würde. Aber zum einen glauben sie sicherlich, dass sie irgendwie rechtzeitig mit Hilfe ihrer Milliardärsfreunde „davonkommen“ könnten in die Südsee, nach Neuseeland oder so – und dass sie der radioaktive Fallout oder gar der Krieg dort nicht erreichen würde. Aber die Milliardäre lieben den Verrat (der Volksinteressen), nicht den Verräter. Die werden ihren Marionetten aus ihren Privatjets noch freundlich und hämisch lächelnd zuwingen. Aber ich bin überzeugt, dass sie selbst tatsächlich sogar glauben, sie könnten einen „konventionellen“ Krieg gegen Russland führen (und gewinnen), weil Putin und die russische Generalität vor dem Einsatz von Atomwaffen zurückschrecken und lieber „klein beigeben“ als die Welt vernichten würden. Sie könnten damit recht haben, denn auch die „sozialistischen Diktatoren“ haben ja schon bei einem – aus westlicher „Demokraten“-Sicht lächerlichen – Häufchen Protestler 1989 die Segel gestrichen statt zu schießen. Dass sie selbst schießen würden, haben sie nicht nur 1918 bewiesen (SPD), sondern immer und immer wieder. Menschenleben, Millionen oder gar Milliarden von Menschenleben, zählen für sie nicht: Sie werden lächelnd über diese Leichenberge hinwegschreiten, so wie sie es immer getan haben. Die Kunst der Politik für Putin u.a. kann also nur darin bestehen, diese Irren von ihren Plänen abzuhalten, denn auch ein „konventioneller“ Krieg würde in Europa zig Millionen Tote fordern und (dank Uranmunition und Chemiewaffen) zu unbewohnbaren Landstrichen riesigen Ausmaßes führen. Aber diese „Menschen“ sind ja sogar bereit, den ganzen Planeten ihren Profitinteressen zu opfern – was interessieren die Völker, Länder, Kontinente?

      1. Dieser Satz erinnert an den 2.WK, in dem kein Gas eingesetzt wurde: „Aber ich bin überzeugt, dass sie selbst tatsächlich sogar glauben, sie könnten einen „konventionellen“ Krieg gegen Russland führen (und gewinnen), weil Putin und die russische Generalität vor dem Einsatz von Atomwaffen zurückschrecken und lieber „klein beigeben“ als die Welt vernichten würden. “
        Genau davon geht man wohl aus!
        Allerdings, um einen Krieg in Europa vom Zaun zu brechen, braucht man eine Kriegswillige Bevölkerung. Die bekommt man, indem man die Wirtschaft, den sozialen Zusammenhalt so zerstört, dass ein Bürgerkrieg droht. Zudem die Verschuldung so in die Höhe treibt, dass keine Luft mehr zum Atmen verbleibt.
        Dann zeigt man mit dem Finger auf den Feind und schon geht es los.
        Somit ist Corona bereits eine der Kriegswaffen!

    2. Wenn man nur in den „Kategorien Darwins“ denkt und denken kann, und das tun die Leute einfach (und mehr und mehr auch wir alle), dann kann da nichts anderes heraus kommen.

      Man muß nur zuhören – außerhalb der großen Politik ist praktisch jedes zweite Wort „Wettbewerb“ oder „Wettbewerbsfähigkeit“, und man muß sich bitteschön auch mal über die Konsequenzen im Klaren werden, was das heißt, wenn diese Maßstäbe letztendlich die allein maßgeblichen sind.

  4. Unsere bundesdeutsche Zivilgesellschaft ist ja davon überzeugt, dass das Reisen mit dem Flugzeug das Klima zu sehr erhitzt! 😉
    Dann ist es doch gut, wenn solch ein Flug unterbrochen wird und mit 2 Passagieren weniger fortgesetzt wird!

    1. Es gibt aber auch schöne Erklärungen vom ehemaligen Lufthansa-Kapitän hier:
      https://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-20211/der-westen-muss-weissrussland-um-verzeihung-bitten/

      „Fakt ist nämlich, dass der Ryan-Air-Kapitän gar nicht auf eine Landung in Vilnius vorbereitet war. Er war zu hoch, hatte seinen Sinkflug auf Vilnius noch nicht eingeleitet. Dazu sollte man wissen, dass ein Landeanflug mit einem Jet sorgfältig geplant werden muss. Man muss rechtzeitig den Sinkflug einleiten… …Die Ryan-Air war noch 90 Kilometer von Vilnius entfernt, als die Bombenmeldung kam und flog immer noch in Flugfläche 390, also etwa 13 Kilometer Höhe.“

      Mit anderen Worten, nach Vilnius wollten die erstmal nicht.

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