Droht Russland mit der Versenkung eines US-Flugzeugträgers?
Im russischen Fernsehen wurde am Sonntag ein Kommentar ausgestrahlt, den man sich genau anhören sollte, denn der Kommentator war nicht irgendwer.
Es ist bekannt, dass die Supermächte nicht nur über diplomatische Kanäle miteinander kommunizieren, sondern sich auch über ihre Staatsmedien Botschaften zukommen lassen. So war es bei der Kubakrise 1962, als öffentlich übertragene Reden von Chrustschow und Kennedy die Entschärfung der Krise einleiteten. So war es auch 1983, als die USA die Sowjetunion so sehr mit Luftraumverletzungen gereizt hatten, dass man in Moskau mit dem Beginn des Dritten Weltkrieges rechnete und in die sowjetischen Flugzeuge in der DDR mit laufenden Motoren und angehängten Atombomben bereitstanden, um loszuschlagen. Damals sendete das US-Fernsehen demonstrative Live-Berichte davon, wie Präsident Reagan sich auf seiner Farm erholt und ausreitet, um Moskau zu signalisieren, dass die USA keinen Erstschlag und keinen Krieg planen.
Das waren nur die bekanntesten und inzwischen geschichtlich gesicherten Fälle, aber sicher gab und gibt es noch weitaus mehr Fälle, in denen sich Moskau und Washington mit Medienberichten und Kommentaren ihrer führenden Journalisten Signale und Botschaften senden.
Im russischen Fernsehen ist die Plattform der Wahl für solche Botschaften in Richtung der USA der wöchentliche Nachrichtenrückblick, den der russische Journalist Dmitri Kisselev jeden Sonntag moderiert. Kisselev ist ein Urgestein des russischen Fernsehens, wird im Westen als Russlands „Chefpropagandist“ bezeichnet und er ist in der Tat nicht selten der Verkünder der russischen politischen Linie. Das ist einer der Gründe dafür, dass ich jeden Sonntag viele Berichte aus seiner Sendung übersetze, denn – ob man von „russischer Propaganda“ sprechen will, oder nicht – in seiner Sendung erfährt quasi man aus erster Hand, welche Ziele Russland verkündet und welche Argumente Russland ins Feld führt.
An diesem Sonntag gab es einen recht ungewöhnlichen Kommentar von Kisselev, denn er sprach plötzlich von der russischen Hyperschallrakete Zirkon, die Russland auch in der Ukraine schon ohne Not, dafür aber sehr demonstrativ, eingesetzt hat, um dem Westen zu zeigen, dass sie tatsächlich funktioniert und kein Bluff oder Papiertiger ist.
Der Grund für den Kommentar von Kisselev waren Berichte über die Lieferung von Raketen aus den USA an die Ukraine, die weit in russisches Gebiet feuern können, was für Russland eine sehr klare rote Linie wäre und unkalkulierbare Folgen haben könnte. Daher habe ich Kisselevs Kommentar übersetzt, der in meinen Augen weniger an die russischen Fernsehzuschauer, als vielmehr an die ebenfalls zuschauenden Analysten der US-Regierung gerichtet war.
Beginn der Übersetzung:
Zur Erinnerung: Es ist unmöglich, die Zirkon abzufangen
Die amerikanische Zeitung New York Times berichtete unter Berufung auf Quellen in der Regierung von Präsident Biden über die Pläne der USA, der Ukraine Langstrecken-Mehrzweckraketen zu liefern. Diese satellitengesteuerten mobilen Raketenwerfer sollen weiter schießen als alle anderen, die die Ukraine derzeit einsetzt. „Sie können mehr als 40 Meilen weit fliegen, was die Reichweite aller Artilleriegeschütze, die die Ukraine derzeit einsetzt, bei weitem übersteigt“, schreibt die Zeitung. (Anm. d. Übers.: CNN berichtete sogar von einer Bestückung der Werfer mit Raketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern)
Das ist ein sehr leichtsinniger Schritt. Kiew bittet Amerika seit langem um Waffen, die weiter in das russische Territorium schießen und genauer treffen können, als es derzeit der Fall ist. Die Lieferung solcher Waffen wird der Ukraine definitiv keinen Frieden bringen, sondern nur neue Opfer. Und auch die Amerikaner bringen sich selbst in eine immer zweideutigere Position, indem sie sich immer stärker als Konfliktpartei zeigen. Und ist das nicht das, wovor dem Putin bereits am 24. Februar gewarnt hat?
„Jetzt ein paar wichtige, sehr wichtige, Worte an diejenigen, die versucht sein könnten, sich von außen in das Geschehen einzumischen. Wer auch immer versucht, sich bei uns einzumischen, geschweige denn eine Bedrohung für unser Land, für unser Volk darzustellen, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und Konsequenzen nach sich ziehen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben. Wir sind auf jede Entwicklung der Ereignisse vorbereitet. Alle notwendigen Entscheidungen in dieser Hinsicht wurden getroffen. Ich hoffe, dass ich gehört werde“, sagte das russische Staatsoberhaupt.
Sergej Lawrow warnte den Westen am Donnerstag davor, Kiew mit Waffen zu versorgen, die russisches Territorium erreichen können. Denn es sollte klar sein, dass die Verrückten in Kiew nur davon träumen, die Kampfhandlungen über die Ukraine hinaus auszudehnen, nach dem Motto „nach uns die Sintflut“
„Der Westen hat dazu aufgerufen, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen, und um das zu erreichen, muss der Krieg weitergehen und die ukrainischen Nationalisten und das ukrainische Regime müssen mit Waffen versorgt werden, die auch die Russische Föderation erreichen können. Es sind genau solche Waffen, die Selensky öffentlich fordert. Wir haben den Westen aufs Schärfste gewarnt, dass er mit den Händen, Körpern und Gehirnen der ukrainischen Neonazis faktisch bereits einen Stellvertreterkrieg mit der Russischen Föderation führt, aber dies wird der schwerwiegendste Schritt hin zu einer nicht hinnehmbaren Eskalation sein. Ich hoffe, dass die vernünftigen Köpfe im Westen – von denen es nur noch wenige gibt – das verstehen“, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow.
Es lohnt sich, den Standpunkt Russlands anzuhören. Damit niemand Zweifel an Russlands Fähigkeiten hat: Wir arbeiten weiter an der Verbesserung unserer nuklearen Triade. So hat die Fregatte Admiral Gorschkow am Samstag einen Hyperschall-Marschflugkörper vom Typ Zirkon von der Barentssee aus auf ein Seeziel abgeschossen. Das Ziel im tausend Kilometer entfernten Weißen Meer wurde erfolgreich zerstört. Die Zirkon wird nicht zufällig als „Flugzeugträger-Killer“ bezeichnet. Es handelt sich um den ersten seegestützten Hyperschallflugkörper der Welt, der in der Lage ist, in den dichten Schichten der Atmosphäre zu manövrieren. Seine Höchstgeschwindigkeit beträgt Mach 9 und seine Reichweite liegt bei etwa 1.000 Kilometern. Die Zirkon abzufangen, ist unmöglich.
Ende der Übersetzung
Wenn meine Interpretation dieses kurzen Kommentares richtig ist, war das die unverhohlene russische Drohung, einen amerikanischen Flugzeugträger zu versenken, wenn die an die Ukraine gelieferten Waffen zu Angriffen auf russisches Gebiet genutzt werden. Oder vielleicht auch, wenn die aus Dänemark an die Ukraine gelieferten Harpoon-Anti-Schiffsraketen russische Schiffe im Schwarzen Meer angreifen?
Nachtrag: Ob es mit dieser Warnung aus Russland zu tun hat oder nicht, ist unklar, aber nur wenige Stunden nach Ausstrahlung dieses Kommentars hat die russische Nachrichtenagentur TAS unter Berufung auf den Journalisten-Pool des Weißen Hauses gemeldet, Biden habe verkündet, keine Raketen an die Ukraine liefern zu wollen, deren Reichweite ausreicht, um russisches Gebiet zu beschießen.
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