Vom Komiker zum Präsidenten: Selensky früher und heute
Wer die Verwandlung des ukrainischen Präsidenten gesehen hat, der reibt sich die Augen, denn was er früher als Komiker verdammt hat, macht er politisch nun selbst. Ein Beispiel für Selenskys Auftritte, als er noch lustig war.
Der ukrainische Präsident Selensky war, bevor der Präsident wurde, ein in der Ukraine, in Weißrussland, Russland und anderen russisch-sprachigen Ländern sehr erfolgreicher und beliebter Komiker, der mit Vorliebe die Politik auf’s Korn genommen hat. Auch ich habe seine – politisch vollkommen unkorrekten, aber dafür ins Schwarze treffenden – Auftritte gerne gesehen. Selensky hat den nationalistischen, ja neonazistischen Wahnsinn, der nach dem Maidan das Land ergriffen hat, treffend und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, parodiert. Umso mehr verwundert es, dass er als Präsident mittlerweile noch radikaler ist, als sein Vorgänger Poroschenko.
Das russische Fernsehen hat in einem kurzen Beitrag einen Ausschnitt Selenskys aus der Zeit nach dem Maidan gezeigt, den ich übersetzt habe. Für deutsche Leser und Zuhörer dürfte das, was Selensky vor einigen Jahren auf der Bühne erzählt, und das bei jedem Satz Lachen und Applaus bekommt, schockierend sein, denn solche Witze sind in Deutschland tabu. Aber Selenskys Auftritte haben ins Schwarze getroffen, wie die Reaktionen des ukrainischen Publikums, das je weiß, was in seinem Land vor sich geht, zeigen.
Um ein Gefühl für die Stimmung in der Ukraine nach dem Maidan zu vermitteln, habe ich den Beitrag des russischen Fernsehens übersetzt. Und ja, dieser Auftritt von Selensky fand statt, als Obama noch US-Präsident war und Poroschenko ukrainischer Präsident. Aber unter Selensy wurde der Nationalismus, den er damals parodiert hat, noch extremer.
Beginn der Übersetzung:
In der Rubrik „Living Corner“ berichten wir über Naturphänomene, Tiere und Lebewesen insgesamt. Diesmal geht es um den Menschen. Schließlich ist auch der Mensch ein Tier. Und er ist ein erstaunliches Tier mit seinen Fähigkeit zur Evolution und Degradation. Seine Vielseitigkeit, seine Lächerlichkeit und seine Tragödien.
Nehmen Sie zum Beispiel Vladimir Selensky. Ein talentierter Schauspieler, ausdrucksvoll, Energie geladen, auf den Punkt, selbstironisch, präzise… Aber was passiert mit einem Menschen, wenn er plötzlich in eine unbekannte Umgebung versetzt wird, gezwungen wird, Dinge zu tun, die nicht seine eigenen sind, und die Last der Verantwortung zu groß für ihn ist? Aber es gab auch Zeiten, in denen bei ihm alles im Einklang war. Erinnern wir uns und vergleichen wir das mit dem, was wir jetzt haben. Welcher Selensky ist überzeugender? Der alte oder der neue?
(Anm. d. Übers.: Hier beginnt die Übersetzung von Selenskys Comedy-Programm von vor einigen Jahren)
Diesen Brief habe ich meinen geliebten Verwandten in Russland geschrieben.
Liebe Onkel Igor, Onkel Valentin und Onkel Sascha.
Entgegen Euren Befürchtungen teile ich mit, dass es mir gut geht. Noch lebe ich. (Lachen im Saal) Es wird auch nur noch besser, denn schon vor drei Wochen wurde ich bei den Banderas aufgenommen. (Lachen im Saal) (Anm. d. Übers.: Die Banderas sind die radikalen Nationalisten in der Ukraine)
Wie auch sonst? Anders kann man bei uns in der Ukraine keine Karriere machen. Aber wozu erzähle ich Euch das, Ihr wisst das ja sowieso alles. (Lachen im Saal)
Ich bekomme nur ein kleines Gehalt, aber das ist nicht so wichtig, denn sie haben uns erlaubt, den Russen Geld und Eigentum abzunehmen. (Lautes Lachen im Saal) Früher durften wir das auch mit den Juden machen, aber dann kam der der Ober-Bandera Kolomoisky und hat das verboten (Lachen im Saal) (Anm. d. Übers.: Kolomoisky ist ein Oligarch, er ist Jude und er war es, der Selensky dann mit seiner Medienmacht zum Präsidenten gemacht hat)
Ich zum Beispiel lerne jetzt Englisch. Um Russisch zu vergessen! (Lachen im Saal) Dabei helfen mir amerikanische Söldner, die es bei uns an jeder Ecke gibt. Übrigens habe ich jetzt zum zweiten Mal geheiratet, den Vadim. (Lachen im Saal) Für uns Europäer ist das normal. (Lachen im Saal)
Heute hat unser Präsident – also der wichtigste, der allerwichtigste Präsident bei uns, Barrack Obama – (Lautes Lachen im Saal) versprochen, dass wir bald in die NATO kommen. Erst mal als amerikanischer Fußabtreter.
Und noch eine gute Nachricht: Meine Tochter Hrapina, also die, die vorher mein Sohn Sascha war, hat den ersten Platz in einem Wettbewerb für Bandera-Lieder gemacht. Jetzt ist sie Kandidatin, um das Land bei einem internationalen Gay-Lesbian-Kontest zu vertreten. (Lachen im Saal) Also so nennt Ihr das, eigentlich ist das der Eurovision Song Kontest. (Lachen im Saal)
Wenn Ihr die Möglichkeit habt, Freunde, dann schickt mir Bitte das Buch „Mein Kampf“ von Hitler, bei uns ist es immer vergriffen. (Lachen und Applaus im Saal)
Außerdem zwingt man uns – und zwar wirklich alle – jetzt, die Wyschywanka zu tragen. Ihr kennt die Wyschywanka, das ist so ein Stickmuster auf der Brust. Tut weh, ist aber patriotisch. (Lachen im Saal) (Anm. d. Übers.: Die Wyschywanka ist ein Stickmuster der ukrainischen Trachten)
Morgens kommt es vor, dass ich auf den Balkon gehe, um Frühsport zu machen. Bewegungen mit dem Arm vom Herz zur Sonne, so… (Lachen im Saal) (Selensky macht mehrmals den Hitlergruß, wobei der die rechte Hand von der linken Bristseite, wo das Herz liegt, zum Hitlergruß erhebt)
(Anm. d. Übers.: Hier endet das Zitat von Selenskys Auftritt als Komiker, das Folgende ist der Kommentar des russischen Moderators)
Lustig. Dieser Selensky verursacht jetzt Traurigkeit… Aber achten Sie darauf, wie aufrichtig das ukrainische Publikum damals gelacht hat. Schließlich ist dort alles genau so. Aber im Ernst, jetzt setzen ihn Frankreich, Deutschland und Amerika unter Druck. Sie sagen, dass das Minsker Abkommen die einzige Lösung ist. Wir können also davon ausgehen, dass Selensky irgendwann Angst bekommen wird. In der Realität hat er keinen anderen Weg.
Ende der Übersetzung
Bleibt noch anzumerken, dass Selensky bei seinen Auftritten als Komiker russisch gesprochen hat, heute aber die Benutzung der russischen Sprache in der Ukraine, in der etwa 30 Prozent der Menschen russische Muttersprachler sind, per Gesetz de facto verboten hat.
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