Strompreise

Was wären die Folgen, wenn Nord Stream 2 nicht genehmigt wird?

Der Streit um die Genehmigung von Nord Stream 2 ist seit Jahren ein politischer Dauerbrenner. Aber was wären die Folgen, wenn die Pipeline nicht genehmigt wird? Wer profitiert, wer bezahlt?

Es wird immer berichtet, dass Russland die Gaslieferungen nach Europa als politisches Druckmittel einsetzen könnte, was Russland allerdings in den 50 Jahren, in denen es Gas nach Europa liefert, noch nie getan hat. Aber mit diesem Argument wollen die Gegner der Pipeline das Projekt noch im letzten Moment verhindern.

Die etablierte Meinung ist, dass Russland darunter leiden würde, weil es ohne Nord Stream 2 weniger Gas nach Europa verkaufen kann. Diese Frage wurde von Foreign Affairs analysiert und die Ergebnisse sind interessant. Das russische Fernsehen hat darüber in einem Artikel berichtet, den ich übersetzt habe. Da der Artikel sehr kurz ist, mache ich am Anschluss an die Übersetzung noch einige Ergänzungen.

Beginn der Übersetzung:

Die USA und Deutschland berechnen Verluste aus der Blockade von Nord Stream 2

Die einflussreiche US-Zeitung Foreign Affairs erklärte, dass eine Blockierung des Baus von Nord Stream-2 der russischen Wirtschaft nicht schaden würde. Russland verfügt bereits über überschüssige Exportkapazitäten, stellt Foreign Affairs fest. Dazu gehören die bestehenden Pipelines Nord Stream und Turkish Stream, während Jamal-Europa sogar in die entgegengesetzte Richtung arbeitet und Gas zu Börsenpreisen von Deutschland über Polen in die Ukraine pumpt. (Anm. d. Übers.: Darüber habe ich berichtet, Details finden Sie hier)

Die USA profitieren sogar von den hohen Gaspreisen, denn das Land hat niedrigere Preise als andere und die Nachfrage nach amerikanischem Flüssiggas ist stark gestiegen.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank werden die Industriekonzerne in der EU in der Lage sein, die steigenden Gas- und Strompreise zu verkraften. Für die Bevölkerung wird das schwerer.

Die Erdgas- und Strompreise an den europäischen Terminmärkten sind immer noch deutlich höher als vor einem Jahr, auch wenn sie inzwischen unter den Höchststand vom Dezember gefallen sind, als Gas 2.200 Dollar pro tausend Kubikmeter gekostet hat. Die Preise für Gas mit kurzfristiger Lieferung sind um mehr als 450 Prozent gestiegen (Gas liegt jetzt bei etwa 1.000 Dollar) und Verträge mit Lieferung im Jahr 2024 um fast 100 Prozent. Die Preise an der deutschen Strombörse sind für kurzfristige Lieferungen um rund 320 Prozent bzw. um 100 Prozent bei Lieferungen in 2024 gestiegen.

Das gilt nicht nur für private Haushalte, sondern auch für Unternehmen, wie die größte deutsche Bank erklärte. Für Industriekonzerne zum Beispiel könnten die Stromkosten im Jahr 2022 um 70 Prozent höher sein als im Vorjahr, wenn man von den traditionellen Strategien zur Preisabsicherung ausgeht. Aber die Kosten für Gas könnten sich verdoppeln. Die zusätzlichen Kosten betragen jedoch nur bei wenigen Industrieunternehmen mehr als 5 Prozent des Vorsteuergewinns und dürften insgesamt verkraftbar sein. Hohe Energiepreise könnten sich sogar positiv auf Unternehmen auswirken, die Anlagen und Ausrüstungen für Energieeffizienz herstellen, da die Nachfrage nach ihren Produkten steigen dürfte, prognostiziert die Deutsche Bank. Für die Bevölkerung wird es schwieriger sein, die hohen Preise zu verkraften.

Ende der Übersetzung

Die kurzfristigen Folgen einer Blockade von Nord Stream 2

In der Tat ist es so, dass Nord Stream 2 derzeit gar nicht gebraucht wird und dass die vorhandenen Pipelines zur Versorgung Europas ausreichen. Das ist allerdings unter anderem auf Sondereffekte zurückzuführen und dürfte sich in Zukunft aus mehreren Gründen ändern.

Die Sondereffekte betreffen die aktuelle Situation, über die ich schon oft berichtet habe. Die aktuelle Situation ist fast schon schizophren, denn einerseits herrscht in der EU eine massive Gasknappheit, andererseits geben die europäischen Importeure aber kaum Bestellungen in Russland auf, obwohl Russland immer wieder mitteilt, es könne mehr Gas liefern.

Das zeigt sich derzeit bei zwei Pipelines. In dem russischen Artikel wurde erwähnt, dass die Jamal-Europa-Pipeline, die durch Weißrussland über Polen nach Deutschland führt, derzeit sogar Gas in die entgegengesetzte Richtung pumpt. Das Gas wird aus deutschen Speichern abgepumpt und über Polen in die Ukraine geschickt, anstatt Gas aus Russland in die deutschen Speicher zu pumpen.

In der Ukraine sind die Gasspeicher noch geringer befüllt als in der EU und wie die Ukraine über den Winter kommen will, steht in den Sternen. Bei Europa sieht es etwas besser aus, denn auch wenn die Speicher zu gering befüllt sind, könnten die Reserven im Falle eines nicht sehr kalten Winters ausreichen.

Auch bei der Pipeline durch die Ukraine ist das Bild ähnlich, wie bei der Jamal-Europa-Pipeline. Die Ukraine weigert sich aus politischen Gründen, Gas in Russland zu kaufen und die Bestellungen aus Europa sind auch über diese Pipeline derzeit gering.

Daher kommt Europa derzeit auch ohne Nord Stream 2 klar, was sich aber ändern kann, wenn Europa im nächsten Jahr seine Gasspeicher wieder so füllen möchte, wie es in der Vergangenheit gewesen ist, und eine erneute Gasknappheit verhindern möchte. Hinzu kommt, dass der Gasbedarf in der EU in Zukunft steigen dürfte, da die EU aus der Kohle aussteigen möchte und Deutschland zusätzlich aus der Atomenergie aussteigt.

Die langfristigen Folgen einer Blockade von Nord Stream 2

Da der Stromverbrauch in der EU aufgrund der wachsenden Zahl von Elektroautos steigen, die Stromproduktion aber eher abnehmen wird, weil die erneuerbaren Energien nicht so schnell ausgebaut werden können, wie die grünen Träumer es sich wünschen, wird es zwangsläufig eine steigende Nachfrage nach Gas geben, um den Wegfall von Kohlekraftwerken und der deutschen Kernreaktoren zu decken.

Nord Stream 2 ist langfristig angelegt und soll dafür sorgen, den in Zukunft steigen Gasbedarf in Europa zu decken. Daher teile ich die Ergebnisse des russischen Artikels: Kurzfristig gesehen ist es egal, ob Nord Stream 2 freigegeben wird und die Folgen der Gasknappheit werden in erster Linie die privaten Haushalte schwer treffen, während die Wirtschaft das eher verkraften kann. Und Russland kann über die bestehenden Pipelines derzeit genug Gas verkaufen, würde kurzfristig durch eine Freigabe von Nord Stream 2 also nicht mehr Gas verkaufen und mehr Geld verdienen.

Langfristig sieht es hingegen anders, denn wie der steigende Gasbedarf der EU in den nächsten Jahren gedeckt werden soll, ist ohne Nord Stream 2 kaum vorstellbar. Wenn die Milliardeninvestitionen in Nord Stream 2 zu einer Bauruine werden, wäre das für Russland zwar sehr ärgerlich, aber nicht tödlich.

Und da Russland seine Jamal-Gasfelder, von denen es Europa mit Gas beliefert, derzeit an die nach Asien führenden Pipelines anschließt, könnte Russland sein Gas eben dorthin verkaufen, wenn die Europäer es nicht haben wollen.

Als Fazit kann man daher festhalten: Russland wird auf seinem Gas nicht sitzenbleiben, wie Europa allerdings in Zukunft, also mindestens den nächsten 15 oder 20 Jahren, ohne mehr russisches Gas auskommen möchte, das können auch die grünen Traumtänzer nicht überzeugend erklären.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

21 Antworten

  1. „Grüne Traumtänzer“?
    Das sind keine Traumtänzer, sondern Marionetten die genau das tun, was ihnen ihre Fädenzieher vorgeben!
    Dieser Satz sagt es doch:
    „Die USA profitieren sogar von den hohen Gaspreisen, denn das Land hat niedrigere Preise als andere und die Nachfrage nach amerikanischem Flüssiggas ist stark gestiegen.“
    Das „sogar“ kann man getrost weglassen!

    1. Zu den Grünen gehören eben auch die desinformierten Normi-Wähler, die SUV fahren, mehrmals in Urlaub fliegen und Umwelt und Klima schützen wollen indem sie ihr Kreuz bei Grün machen und sich so Lastenfahrräder und eine bessere Welt mit Deutschland als Vorbild erhoffen.

          1. Da wird es sicher amüsante Kompetenzstreitigkeiten mit dem „Gleichstellungsbeauftragten“ geben – oder ist das vielleicht der gleiche Posten mit einem „schöneren“ Namen … is auch egal ….

            1. Keine Ahnung. Auf jeden Fall will die Bundesregierung jährlich 70 Millionen Euro für einen Aktionsplan bereitstellen, mit dem Queerfeindlichkeit angegangen werden soll. Davon werden wieder einige Berufsversager satt. 😅

  2. Wenn ich das bei Yandex richtig gelesen habe, ist die NS2 schon bezahlt und zwar durch die höheren Gaspreise die Gazprom über seine Verträge hinaus, geliefert hat. So gesehen sind die echten Leidtragenden die europäischen Firmen die sich beteiligt haben und letzten Endes der Staat , weil die Kosten von den Firmen ja abgeschrieben werden. Selbst wenn die NS2 nicht in Betrieb geht oder Russland sich weigert, die europäischen Bedingungen zu akzeptieren , ist die NS2 wie ein ewiges Mahnmal für selten dämliche Wirtschaftspolitik. Da werden noch viele Finge auf die Europäer zeigen, noch viele Fragen von den Firmen und Bürgern gestellt werden und die westliche Werte-Propaganda wird immer und immer wieder versuchen ,Putin die Schuld zu geben und der mitdenkende Bürger wird irgendwann die Idioten zum Teufel schicken wenn die Bude kalt ist. Hoffe ich zumindest.

  3. Zum ersten:
    Die aktive sabotage der versorgungssicherheit/energiesicherheit gehört durchaus in die gleiche kategorie wie landesverrat im militärischem umfeld und gehört auch so verfolgt und geahndet.
    Zum zweiten:
    Das schlimmste was passieren kann ist das die gasvorräte gerade so durch den winter reichen wenn dieser relativ mild über die bühne geht und es gelingt sich da irgendwie durch zu wursteln. Dann fühlen die verantwortlichen sich bestätigt und die hohen preise bleiben auf längere zeit erhalten d.h. die katastrophe + blackout wird in die zukunft verschoben.

  4. „Daher kommt Europa derzeit auch ohne Nord Stream 2 klar, was sich aber ändern kann, wenn Europa im nächsten Jahr seine Gasspeicher wieder so füllen möchte, wie es in der Vergangenheit gewesen ist, …“

    Ich finde, das hat sich hier schon mal deutlich dramatischer angehört. Hat sich meine Wahrnehmung geändert oder die Einschätzung durch Herrn Röper?

    1. Für Ihn und alle gleichgestrickten „Experten“ nochmal:

      NS-2 ist sicher für die Gasversorgung Europas nicht zwingend erforderlich, das hat auch niemand behauptet.
      Das Theater um NS-2 ist grundsätzlich auch nicht für die hohen Gaspreise verantwortlich, wenn man von typisch irrationalen Reaktionen eines sog. freien Marktes im Falle von schlechten Nachrichten einmal absieht.

      Aber:
      1.
      Die Transportstrecke ist über NS-2 erheblich kürzer (ich habe da so 1000 km im Hinterkopf).
      Das liegt zum Teil wohl auch an der Erschließung neuer Gasfelder in anderen Regionen, weil die alten langsam zur Neige gehen.
      Und daß das eine unmittelbare Auswirkung auf den Preis hat, dürfte jedem einleuchten.

      2.
      NS-2 ist – man schlage mich jetzt nicht – um das fünffache, sagen wir, „klimaschonender“, als bspw. die Leitungen durch die Ukraine, weil NS-2 und zugehörigen Anlagen einfach „neuer“, moderner sind.

      3.
      NS-2 ist von den Befindlichkeiten Dritter unabhängig, also sicher vor politischen Spielchen derzeitiger Transitländer.

      Und schließlich
      4.
      NS-2 ist für den H² – Transport geeignet, weil so vorgesehen und entsprechend ausgelegt. Auch dafür hat das Konsortium, das nicht nur aus Gasprom sondern auch europäischer Unternehmen besteht – das muß man offenbar auch ab und zu wieder einmal erwähnen – bereits entsprechende Pläne.

    2. Man kommt ohne NS2 klar, würde man die anderen Pipelines denn nutzen.
      Im Artikel heißt es ja weiterhin das wir Probleme bekommen wenn der Winter besonders kalt und/oder lang wird.
      Und ein Herr Röper kann natürlich nur Schätzungen abgeben, er war bestimmt nicht bei den Speichern und hat nachgemessen und das dann mit dem Verbraucht des Landes bzw. der EU verglichen.
      Aber seine Prophezeihung hat sich ja bereits zum Teil schon erfüllt!
      Erste Betriebe mussten bereits schließen.
      https://www.tichyseinblick.de/wirtschaft/energienot-und-produktionsstillstaende/

  5. Wie hoch sind eigentlich Transportkosten und Transportverluste bei den alten und neuen Pipelines, und wer bezahlt die?

    Eine Kritik am Erdgas sind die hohen Transportverluste bei alten Pipelines – Gas strömt direkt in die Atmosphäre und ist dort weitaus klimaschädlicher als nach der Verbrennung. Wer das Klima schützen will, sollte wenigstens neue Pipelines nutzen, bei denen weniger Gas unterwegs freigesetzt wird.

    1. Kaum jemand will das Klima schützen. Abgesehen davon, das Klima bruacht keinen Schutz, das kommt bestens mit oder ohne uns zurecht. Wenn überhaupt dann wäre es Menschenschuz und nicht Klimaschutz.
      Die, die so tun als ob wollen vor allem reich werden und bestimmten Konzernen unsere Steuern zukommen lassen damit sie als Investoren noch mehr Geld verdienen können.

  6. Was könnte man denn tun wenn man Blackouts und Energieknappheit in der EU herbeiführen möchte?
    Man würde doch genau das machen was gerade so passiert!
    Für mich ist es fast sicher das irgendwer diese Zustände ganz bewusst herbeiführt.
    Ich meine hallo, wir haben schon zu wenig Gas und schicken es trotz dem zurück in die Ukraine??
    Haben die Entscheider, also die, die das Gas kaufen denn überhaupt keine Verantwortung? Hat die mal jemand gefragt warum sie nichts kaufen? Der Bedarf ist ja da…
    Und warum fordert keiner das der Börsenhandel den die EU beschlossen hat und der unser Gas so sehr verteuert hat wieder abgeschafft wird?
    Wie nennt man denn jemanden, der absichtlich eine Katastrophe wie einen Blackout herbeifürhen möchte um die Gesellschaft zu destabilisieren? Ist das nicht die Bilderbuchdefinition eines Terroristen? Was sagen denn „unsere“ Sicherheitsbehörden dazu? Wären die da nicht zuständig?

    Und warum baut Russland eingentlich ohne jede Absicherung eine Milliarden-Pipeline wenn die Gefahr besteht das diese nie zum Einsatz kommt?
    Wäre es nicht logisch sich VOR dem Bau die Abnahme, zumindest eine Mindestabnahme vertraglich zusichern zu lassen? Ist Nord Stream 2 ein reines Spekulationsobjekt der Russen?
    Ich kenne mich nicht aus, aber es baut doch niemand solche teuren Objekte ohne irgend eine Sicherheit.

  7. Gazprom tut es nicht besonders weh wenn es 5 Milliarden Euro abschreiben muss, aber in Europa könnte auch die gesamte Heiz- und Energieversorgung zusammenbrechen, und wenn Firmen wie Total , Uniper , OMV , Wintershall die anderen 5 Milliarden abschreiben müssen, dann wird es für diese kritisch!

  8. Russland kann die Verhältnisse sehr kurzfristig verändern, es vereinbarte 2015 die Power of Sibiria Pipeline die bereits 2019 in Betrieb ging, ein Umleiten des Gases nach Asien wird bald möglich sein, und bei den Überschüssen die Russland in der Handelsbilanz aufweist könnte Gas das in der Erde bleibt die beste Geldanlage sein!

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