Frankreichs Präsident hat seinem Botschafter in Niger die Erlaubnis gegeben, das Land zu verlassen, und auch den Abzug des französischen Militärs aus Niger bis Jahresende verkündet. Nachdem Frankreichs Militär bereits aus Mali und Burkina Faso abziehen musste und Burkina Faso auch französische NGOs und Medien verboten hat, geht der Machtverlust Frankreichs in der Region weiter.

Die Mentalität der Kolonialmacht

All diese Länder und auch ihre Nachbarn haben eines gemeinsam: Sie waren alle früher französische Kolonien und wurden auch nach ihrer offiziell verkündeten Unabhängigkeit weiterhin von Frankreich dominiert und ausgebeutet, als habe die Kolonialzeit nie geendet. Während der Präsidentschaft von Charles de Gaulle wurde in den 1960er Jahren die Politik von „Françafrique“ („Französisch-Afrika“) entwickelt, die eine informelle Vormundschaft von Paris über seine ehemaligen Kolonien in Afrika bedeutete.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in letzter Zeit wiederholt erklärt, dass „die Ära von ‚Françafrique‘ vorbei“ sei. Das hat er vor allem bei seinen letzten Afrika-Reisen ständig gesagt, wobei er damit aber wohl nur die Menschen vor Ort beschwichtigen wollte, denn Taten sind den Worten von Macron nie gefolgt.

Im Gegenteil, denn er war und ist nach dem Putsch in Niger einer glühendsten Befürworter, den abgesetzten – Frankreich treu ergebenen – Präsidenten wieder einzusetzen, anstatt den neuen Machthabern eine Zusammenarbeit anzubieten, um Niger, das als das fast ärmste Land der Welt gilt, endlich zu helfen, an seinen eigenen Rohstoffen zu verdienen, die von französischen Konzernen zu Spottpreisen ausgebeutet werden.

Dass die französische Regierung sich immer noch für die Kolonialmacht hält, die den Ländern Westafrikas vorschreiben kann, wie sie zu leben haben, zeigten auch andere Äußerungen aus Paris. Eric Ciotti, der Vorsitzende der alt ehrwürdigen de Gaulle-Partei „Republikaner“, bezeichnete den Rückzug Frankreichs aus Niger als eine Demütigung und Niederlage für Paris. Ciotti zufolge könnte der Rückzug vom afrikanischen Kontinent schwerwiegende Folgen für Paris haben und zu einem Rückgang seines Einflusses führen:

„Wir haben eine Demütigung und eine Niederlage erlitten. Das ist die Folge einer langen politischen Entwicklung, die dazu geführt hat, dass Frankreich aus Afrika verschwunden ist. Man muss verzweifelt zusehen, wie die große gaullistische Politik gegenüber Afrika zusammenbricht. Das ist unentschuldbar.“

Vor allem könnte das teuer für Frankreich werden, denn Niger hat die Preise für seine Rohstoffe, ich rede vor allem von Uran, massiv erhöht und damit die Zeit, als französische Konzerne die nigrischen Rohstoffe für einen Bruchteil des Weltmarktpreise abbauen konnten, beendet. Welche Folgen es für die französische Atomkraft haben wird, wenn das Uran künftig wesentlich teurere wird, wird man abwarten müssen.

Die Legende der Terrorbekämpfung

Die deutschen Medien stehen Frankreich treu zur Seite und berichten ebenfalls betroffen, anstatt sich über die Chance auf Freiheit zu freuen, die sich Mali, Burkina Faso und Niger nun bietet, wenn es ihnen tatsächlich gelingt, nicht nur auf dem Papier, sondern de facto unabhängig von Frankreich zu werden.

Eine Legende, die die französischen und deutschen Medien in diesem Zusammenhang gerne verbreiten, lautet: Frankreichs Militär habe den Ländern beim Kampf gegen den Terror in der Sahelzone geholfen. Ohne das französische Militär würden die Terrorgruppe sich weiter ausbreiten. Dass die deutschen Medien diese Legende auch verbreiten, liegt unter anderem daran, dass auch die Bundeswehr unter diesem Vorwand in Mali war.

In Wahrheit war die Anti-Terror-Mission Frankreichs, bei der auch Deutschland mitgemacht hat, ein so „beeindruckender Erfolg“, dass die UN-Friedensmissionen den UN-Sicherheitsrat im Mai 2023 darauf hinwiesen haben, dass „die Unsicherheit im Dreiländereck von Burkina Faso, Mali und Niger weiter zunimmt“. The Economist titelte im April über die Lage in dem gleichen Dreiländereck „Zügellose Dschihadisten verbreiten Chaos und Elend in der Sahelzone“, während das Wilson Center im selben Monat berichtete, dass „die Sahelzone nun für 43 Prozent der weltweiten terroristischen Todesfälle verantwortlich ist“.

Dass der Terror dort gewachsen ist, ist die „Erfolgsbilanz“ der jahrelangen französischen und deutschen „Anti-Terror-Missionen“ in der Region, nur erfährt man das nicht in den deutschen Medien.

Genauso wenig erfährt man in den deutschen Medien, dass der Terror dort eine direkte Folge des von Frankreich geforderten und geführten Krieges gegen Libyen zum Zwecke des Sturzes von Gaddafi ist, denn erst dadurch ist der Terror in die Region gekommen und noch wichtiger, die Terroristen der Sahelzone haben ihre Waffen von den Dschihadisten aus Libyen bekommen, die wiederum zuvor vom Westen für den Kampf gegen Gaddafi bewaffnet wurden.

In der Folge hat Frankreich den von ihm selbst geschaffenen Terror in der Sahelzone als Vorwand genutzt, um seine Soldaten in seine ehemaligen Kolonien zu schicken, um gegen den von Frankreich selbst erschaffenen Terror zu kämpfen. Beabsichtigt oder nicht, aber die ehemalige Kolonialmacht Frankreich konnte so ihre ehemaligen Kolonien von sich abhängig machen, weil sie ja ohne Frankreich angeblich keine Chance gegen die Terroristen hatten.

Das hat fast zehn Jahre lang gut funktioniert, bis es zu den ersten Putschen in Mali und Burkina Faso gekommen ist. Einer der Gründe dafür sein, dass die Menschen vor Ort gesehen haben, dass die Franzosen keine Erfolge gegen den Terror vorweisen konnten, was sie wahrscheinlich auch gar nicht wollten, denn ein Sieg über den Terror hätte ja bedeutet, dass es keinen Vorwand mehr für die Stationierung französischer Truppen in den ehemaligen Kolonien gegeben hätte.

Stattdessen suchen diese Länder nun die Nähe zu Russland und der Wagner-Gruppe, die im Gegensatz zu Frankreich Erfolge im Kampf gegen den Terror vorweisen kann und diese Länder nicht nach Kolonialherrenmanier ausbeuten will.

Ein Zeichen für Kolonialmacht

Zum Schluss erzähle ich noch aus eigener Erfahrung, denn ich habe letztes Jahr hier in Russland mit Teilnehmern einer Delegation aus Westafrika gesprochen. Dabei wunderte sich mein afrikanischer Gesprächspartner, dass er in seinem Land von seinen (französischen) Medien so wenig über Russland erfahren hat und er war ganz überrascht davon, wie fortschrittlich Russland auch im Vergleich zu europäischen Ländern ist. Auch im Geschichtsunterricht hatte er nichts über Russland gelernt und er war beeindruckt von der Geschichte und Kultur Russlands.

Da habe ich ihn gefragt, was er denn im Geschichtsunterricht gelernt hat und er hat mir in allen Details von der französischen Geschichte erzählt.

Als ich ihn daraufhin fragte, ob das daran liegen könnte, dass seine alte Kolonialmacht bis heute die Geschichtsbücher seines Landes schreibt, um die Bevölkerung auch in Zukunft pro-französisch zu indoktrinieren, wurde mein Gesprächspartner zuerst nachdenklich und dann sogar ein wenig wütend, denn mit einem Mal fand er viele Antworten auf Fragen, über die er schon lange nachgedacht hatte. Ich habe ihm dann das alte deutsche Sprichwort „Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht“ erklärt, was er sehr passend fand.

Fanden Sie diese kleine Geschichte unterhaltsam? Dann habe ich noch einen Denkanstoß für Sie.

Ich habe kürzlich die Abituraufgaben einer deutschen Schule gesehen und dabei fand ich die Fragen der Prüfung in Geschichte interessant. Sie drehten sich nämlich ausschließlich um die Entstehung der Wirtschaft der USA im 18. und 19. Jahrhundert, es gab dabei weder eine Frage zur deutschen Geschichte, noch zu anderen Ländern.

Ob die Tatsache, dass deutsche Schüler bei der Abiturprüfung nur über die Geschichte der USA befragt werden, das gleiche Zeichen der Macht einer Kolonialmacht über seine Kolonie ist, wie es mein afrikanischer Gesprächspartner in seinem Land erlebt hat?

Sollten Sie die Frage mit „ja“ beantworten, dann sollte die nächste Frage sein, wann Deutschland von seinem Kolonialherren unabhängig wird…