Der Besuch des türkischen Präsidenten Erdogan in Berlin hat schon im Vorwege für Unruhe in der deutschen Politik gesorgt, denn Erdogan hat einen ganz anderen Blick auf den Krieg in Gaza als die deutschen Politiker und Medien. Die deutsche Regierung unterstützt Israel bedingungslos und ignoriert die israelischen Kriegsverbrechen. Die deutschen Medien folgen dieser Linie kompromisslos, entsprechend aufgeregt waren ihre Berichte vor dem Erdogan-Besuch.

Da Erdogan eine ganz andere Meinung zum Krieg in Gaza hat und die israelische Regierung wegen Kriegsverbrechen vor internationale Gerichte bringen will, war bei dem Deutschland-Besuch Streit vorprogrammiert. Ich habe in einer Kurzmeldung berichtet, dass Erdogan auf der Pressekonferenz in Berlin mit einem deutschen Journalisten aneinandergeraten ist. Da der Spiegel auch darüber berichtet hat, dabei aber alles weggelassen hat, was der pro-israelischen Linie der deutschen Regierung und der deutschen Medien widerspricht, will ich auf den Vorfall detailliert eingehen, um ein weiteres Mal aufzuzeigen, wie der Spiegel seine Leser durch Weglassen desinformiert.

Der Bericht im Spiegel

Der Spiegel hat über den Vorfall unter der Überschrift „Erdoğans heikler Besuch in Berlin – »Sie sollten uns nicht drohen«“ berichtet und die Einleitung des Artikels klang wie folgt:

„Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan reist zu einem Kurzbesuch nach Berlin. Er bemüht sich um gemäßigtere Worte über Israel, doch nach einer Journalistenfrage verliert er die Beherrschung.“

Um beim Leser Stimmung gegen Erdogan zu erzeugen, begann der Spiegel seinen Artikel mit dem angeblichen Unterschied zwischen „Demokraten“ und „Autokraten“:

„Es ist so eine Sache mit Autokraten und der Freiheit der Presse, zu spüren ist das bei offiziellen Staatsbesuchen, wenn die obligatorische Pressekonferenz stattfindet. Üblicherweise darf jede Seite – die Journalisten aus dem Land des Gastgebers und diejenigen, die den Besucher begleiten – zwei, manchmal auch drei Fragen stellen, meist drehen sie sich um drängende, umstrittene Themen. Nur manchmal ist keine Frage erlaubt, was viel über den Gastgeber aussagt – oder den Besucher.“

Das ist reine Stimmungsmache, die mit der Realität wenig zu tun hat. Zum Beispiel lässt der US-Präsident, angeblich der Staatschef der führenden Demokratie, in der die Presse angeblich frei ist, fast nie Fragen von ausländischen Journalisten aus Nicht-NATO-Ländern zu.

Das konnte man nach dem letzten Gipfel von Putin, dem angeblichen Autokraten, und Biden, dem angeblichen Demokraten, im Jahr 2021 anschaulich beobachten, denn Putin ließ in seiner Pressekonferenz nach dem Treffen viele Fragen westlicher Journalisten zu, während Biden ausländische Journalisten zu seiner Pressekonferenz gar nicht erst zugelassen hat. Ich habe damals beide Pressekonferenzen übersetzt (hier und hier) und Sie können sich selbst davon überzeugen.

Aber kommen wir zurück zu dem Erdogan-Besuch in Berlin und dem Spiegel-Artikel.

Beim Besuch von Erdogan in Berlin hat man sich darauf geeinigt, dass je ein türkischer und deutscher Journalist eine Frage stellen durfte, wobei nicht klar ist, welches Land für diese Begrenzung der Anzahl der Journalistenfragen war.

Der Spiegel schreibt danach über die Pressekonferenz:

„Schnell wurde klar, warum auch diese Lösung riskant war. Auf die Frage des Vertreters der deutschen Journalisten nach Erdoğans Äußerungen zu Israel, reagierte dieser eher unwirsch: »Als Pressevertreter sollten Sie uns nicht drohen«, sagte Erdoğan. »Stellen sie uns nicht solche Fragen, die nicht menschlich sind.«“

Damit nutzt der Spiegel sein beliebtes Mittel, die Reihenfolge zu vertauschen. Der Spiegel-Leser bekommt vermittelt, Erdogan habe auf eine harmlose Frage sofort die Beherrschung verloren und den Journalisten sofort angegriffen. Das ist unwahr, wie wir noch sehen werden, denn erstens bestand die Journalistenfrage aus sehr vielen einzelnen Fragen, die in einem – höflich ausgedrückt – unfreundlichen Ton formuliert waren, und zweitens hat Erdogan seine Position erläutert und erst zum Schluss, nach seinen Argumenten, die oben vom Spiegel zitierten Worte gesagt.

Erst nach dem oben zitierten Absatz berichtete der Spiegel zumindest ein wenig von Erdogans Antwort, die diesen schon zitierten Äußerungen voraus gegangen war, wobei der Spiegel alles weggelassen hat, was die Spiegel-Leser nachdenklich stimmen könnte:

„Zuvor hatte der türkische Präsident auf das Leid im Gazastreifen verwiesen, 13.000 »Kinder, Frauen und alte Menschen« seien seit dem 7. Oktober getötet worden. Die Kraft der Hamas könne man nicht mit der Macht Israels vergleichen, sagte Erdoğan und warf Israel vor, über seine nuklearen Fähigkeiten nicht die Wahrheit zu erzählen. Er habe immer gegen Antisemitismus gekämpft, führte der türkische Präsident weiter aus, aber er könne frei sprechen, da sein Land »nicht in der Schuld Israels« stehe. Eine Verurteilung der Gräueltaten der Hamas kam Erdoğan in seinen länglichen Äußerungen nicht über die Lippen.“

Mehr hat der Spiegel in seinem recht langen Artikel über die Journalistenfrage und Erdogans Antwort nicht berichtet.

Die Kurzmeldung der russischen TASS

Das zeigt ein weiteres Mal, dass man bei russischen Medien weitaus ausführlicher informiert wird als bei deutschen Medien, denn sogar die Kurzmeldung der russischen Nachrichtenagentur TASS über den Vorfall enthielt mehr Informationen über das Gesagte als der lange Spiegel-Artikel. Um das zu zeigen, zitiere ich die entsprechenden Teile der TASS-Meldung hier noch einmal:

„Der DPA-Korrespondent fragte den türkischen Staatschef, wie die Türkei als NATO-Mitglied eine andere Position zu verschiedenen internationalen Themen einnehmen könne als ihre Verbündeten. Er fragte auch, ob Berlin Eurofighter Typhoon-Kampfjets an Ankara verkaufen würde.
„Zunächst einmal ist die Türkei eines der führenden Länder in der NATO, wir sind unter den Top-Fünf. Die Türkei ist kein gewöhnliches Land in der NATO. Im Moment ist es egal, welche Gedanken und Meinungen es in der NATO gibt, wer zwischen Russland und der Ukraine auf wessen Seite steht. Sie sind auf der Seite der Ukraine. Wir, die Türkei, verhandeln sowohl mit der Ukraine als auch mit Russland. Aber wir sind es, die 33 Millionen Tonnen Getreide durch den Getreidekorridor nach Europa und Afrika transportiert haben“, erinnerte Erdogan.
„Wird Deutschland Kampfjets verkaufen? Ist Deutschland das einzige Land der Welt, das Kampfflugzeuge herstellt? Es gibt viele Länder, die daran arbeiten. Die Türkei ist derzeit eines der führenden Länder bei unbemannten Flugzeugen. Drohen Sie als Pressevertreter uns nicht damit. Stellen Sie uns humanitäre, seriöse Fragen, und wir werden Ihnen Antworten in diesem Sinne geben“, riet der türkische Präsident dem Journalisten.
Erdogan wunderte sich auch darüber, dass den deutschen Medienvertreter der „Beschuss von Kirchen im Gazastreifen“ nicht kümmere. „Hat Israel nicht Tausende von Palästinensern getötet? Das hat es. Hat es Krankenhäuser zerstört, hat es Kliniken zerstört, hat es Gotteshäuser, Kirchen bombardiert, hat es Kirchen bombardiert? Als Muslim bin ich darüber beunruhigt. Sind Sie als Christ nicht beunruhigt über den Beschuss dieser Kirchen? Warum sprechen Sie sich nicht dagegen aus? Für uns darf es keinen Unterschied zwischen Juden, Christen und Muslimen geben. Ich war der erste Politiker, der den Antisemitismus bekämpft hat“, sagte er.“

Wir können festhalten, dass die russische Nachrichtenagentur TASS wesentlich mehr Informationen über den Wortwechsel zwischen dem dpa-Journalisten und Erdogan berichtet, als der Spiegel in seinem langen Artikel. Bleibt die Frage, wer wahrheitsgemäßer berichtet hat, der Spiegel oder die TASS?

Der Originaltext

Um diese Frage zu beantworten, schauen wir uns das vom Bundeskanzleramt veröffentlichte offizielle Protokoll der Pressekonferenz an. Ich zitiere die komplette Frage des dpa-Journalisten und die komplette Antwort Erdogans aus dem Protokoll:

„Frage: Herr Präsident Erdoğan, Sie haben in den letzten Wochen nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel mit mehreren Äußerungen für Irritationen und auch für Empörung gesorgt, nicht nur hier in Deutschland, sondern auch bei einigen anderen Ihrer NATO-Bündnispartner. Ich würde gerne nachfragen, wie Sie diese Äußerungen gemeint haben.
Zuallererst würde ich gerne wissen, ob Sie sich zum Existenzrecht Israels bekennen, das hier in Deutschland zur Staatsräson zählt.
Ich würde auch gern wissen, was Sie meinen, wenn Sie Israel Faschismus vorwerfen.
Mit welcher Begründung nennen Sie den israelischen Militäreinsatz gegen die Hamas Völkermord?
Wie begründen Sie, dass Sie die Hamas, die Hunderte Menschen in Israel ermordet hat und die von fast allen ihrer NATO-Partner als Terrororganisationen eingestuft wird, eine Befreiungsorganisation nennen?
Herr Bundeskanzler, Sie haben die Verbalattacken des türkischen Präsidenten auf Israel schon als absurd bezeichnet. Sind sie aus Ihrer Sicht wirklich nur absurd, oder gefährden sie auch die deutsch-türkischen Beziehungen und die Zusammenarbeit mit der Türkei in der NATO?
Was bedeutet das konkret zum Beispiel für Rüstungsexporte? Der türkische Präsident hat gerade gesagt, dass er keine Begrenzungen für Rüstungsexporte erwartet. Die Türkei wünscht sich 40 Eurofighter. Wird Deutschland diesem Rüstungsexport unter diesen Umständen zustimmen?
Erdoğan: Zunächst einmal: Wir als Türkei sind eines der vorrangigsten Länder in der NATO. Wir sind unter den ersten fünf. In der NATO ist die Türkei natürlich nicht nur irgendein Land. Sie ist unter den ersten fünf. Wer in der NATO ist, unabhängig von Gesinnung, Einstellung und so weiter, im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf der Seite der Ukraine? ‑ Alle. Wir aber sprechen mit der Ukraine, sprechen aber auch mit Russland, und wir unterscheiden in dem Sinne auch nicht zwischen diesen beiden Ländern. Aber wir haben 33 Millionen Tonnen Getreide über einen Getreidekorridor nach Europa, nach Afrika vermitteln können. Das war unser Land. Jetzt sagen Sie, Hunderte ‑ ich sage: Tausende ‑ Palästinenser werden oder wurden von Israel getötet, nicht wahr? Die Krankenhäuser wurden vernichtet, nicht wahr? Die Gebetshäuser wurden zerbombt. Die Kirchen wurden zerbombt. Ich als Muslim störe mich daran. Stört es Sie als Christ nicht, dass die Kirchen zerbombt werden? Warum gibt es keine Reaktion? Man müsste doch eine Reaktion zeigen.
Für uns gibt es in diesem Zusammenhang in der Region, wenn wir von Juden, von Christen, von Muslimen sprechen, keinen Unterschied. Den darf es auch nicht geben. Ich selbst bin sozusagen auch immer gegen die Einstellung, gegen Juden zu sein, also gegen Antisemitismus. Ich bin der gewesen, der sich eingesetzt hat.
Aber Sie sprechen zum Beispiel von Deutschland ‑ es gebe so und so viel Unterstützung von deutscher Seite ‑ oder von Eurofightern. Ob wir die jetzt von Deutschland bekommen oder nicht? Es gibt viele Länder, die Kampfflugzeuge herstellen. Es ist ja nicht nur Deutschland. Die kann man natürlich auch aus anderen Ländern besorgen. Beispielsweise als Hersteller von unbemannten Drohnen steht die Türkei momentan auch ganz vorne. Als Pressevertreter sollten Sie uns damit nicht drohen! Stellen Sie uns solche Fragen, die gewissenhaft sind, die menschlich sind, und auf die wir dann auch entsprechende Antworten geben können.“

Da der Spiegel auch behauptet hat, Erdogan habe die Beherrschung verloren, verlinke ich hier ein Video der Pressekonferenz, in dem Sie ab Minute 25.40 die Frage des dpa-Journalisten hören und Erdogans Reaktion und Antwort beobachten können. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber davon, dass Erdogan die Beherrschung verloren hätte, wie der Spiegel behauptet. sehe ich da nichts.

Nun können Sie selbst entscheiden, ob Sie sich beim deutschen Spiegel oder bei der russischen TASS besser informiert fühlen…