Ein Blick auf China zeigt, dass wirtschaftliche „Naturgesetze“, die man im Westen als regelrecht Gott gegeben ansieht, nicht unbedingt wirklich Gott gegeben sind. Im Westen wird den Märkten wesentlich mehr Macht zugeschrieben als zum Beispiel in China. Der Grund ist, dass sich die westlichen Staaten selbst die Instrumente haben nehmen lassen, mit denen Regierungen auf die Märkte einwirken können. Im Westen liegt die Macht längst de facto bei „der Wirtschaft“, also bei den Lobbyisten der großen Konzerne, und nicht mehr bei den Regierungen. Entsprechend eingeschränkt sind die Möglichkeiten der westlichen Regierungen, die Märkte (oder auch nur wirtschaftliche Entwicklungen) zu regulieren oder zu beeinflussen.

Das ist in China beispielsweise anders, denn dort lenkt die Regierung die Wirtschaft bewusst, was es im Westen gar nicht mehr gibt, und daher hat die chinesische Regierung auch viel mehr Einfluss auf die Märkte, als es westliche Regierungen haben.

Ein Beleg dafür sind die alle paar Jahre wiederkehrenden Prognosen westlicher Analysten, die chinesische Wirtschaft stehe vor einer schweren Krise. Sicherlich hat auch die chinesische Wirtschaft immer wieder mehr oder weniger ernsthafte Probleme, aber die westlichen Analysten übersehen in ihren Prognosen gerne die chinesischen Besonderheiten und die Möglichkeiten der chinesischen Regierung, auf wirtschaftliche Probleme zu reagieren.

Der Leiter des chinesischen TASS-Büros hat eine sehr interessante Analyse der aktuellen Situation der chinesischen Wirtschaft veröffentlicht, der die chinesischen Besonderheiten sehr anschaulich beschreibt und die ich daher übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Die Theorie des „großen Kuchens“: Wie China die Wirtschaftspolitik anpasst

Andrej Kirillow, Leiter des TASS-Büros in China, erörtert die Anzeichen für einen neuen Wirtschaftskurs in den jüngsten Entscheidungen der Kommunistischen Partei und der chinesischen Regierung

Nach Chinas Kampf mit dem Erbe der Deng Xiaoping-Ära – Chinas Version der Neuen Wirtschaftspolitik aus der Sowjet-Ära – nimmt das Land eine weitere Anpassung seines wirtschaftlichen Kurses vor. In den letzten zehn Jahren wurde den Staatsbetrieben auf Kosten des Privatsektors Vorrang eingeräumt, und überall wurde das direkte Management der Wirtschaft durch die Partei eingeführt, das die Allmacht der Regulierung durch den Markt ablöste, bei der unklar war, ob der Staat den Markt oder der Markt den Staat beherrschte. In den letzten Monaten hat sich die chinesische Führung erneut um die Förderung von Privatinitiative und ausländischen Investitionen bemüht.

Nach Auseinandersetzungen zwischen Ökonomen, die oft gegensätzliche Ansichten vertraten, scheint Peking beschlossen zu haben, „auf zwei Beinen zu gehen“, also das „Pferd und die ehrfürchtige Ricke“ – den Staat und die Privatwirtschaft – in einem Geschirr zu vereinen, die Binnennachfrage zu entwickeln und gleichzeitig zu versuchen, seine Position auf den ausländischen Märkten zu halten.

Die Geheimnisse des chinesischen Wirtschaftshofs

Erstaunlich ist, dass unsere Analysten mit den Feinheiten der amerikanischen Innen- und Außenpolitik bestens vertraut sind und die globalen Auswirkungen der nächsten Änderung des Leitzinses der US-Notenbank und der dramatischen Entwicklung der Staatsverschuldung gut einschätzen können. Während wir uns von der Abhängigkeit vom Dollar lösen, berechnen wir selbst den russisch-chinesischen Handel und die chinesische Wirtschaft insgesamt weiterhin in Dollar. Was in der chinesischen Politik und Wirtschaft vor sich geht, einschließlich der schicksalhaften Entscheidungen der chinesischen Führung in ihren wichtigsten Fragen, bleibt für uns etwas Unverständliches und generell schlecht Analysierbares.

Karl Marx und Friedrich Engels haben seinerzeit, nachdem sie die Periodisierung der stadialen Entwicklung Europas („Sklaverei – Feudalismus – Kapitalismus“, die das vage Gespenst des Kommunismus begraben sollte) brillant behandelt hatten, ob der Besonderheiten der chinesischen Zivilisation die Hände zusammengeschlagen. „Das ist die asiatische Produktionsweise!“, entschieden die Begründer des klassischen Marxismus. Das Paradoxe an der Geschichte ist, dass es nach Russland, das die Klassiker der Diktatur des Proletariats in ihren theoretischen Berechnungen nicht berücksichtigt haben, ausgerechnet China war, das die kommunistische Doktrin in die Praxis umsetzen wollte. Allerdings mit chinesischen Spezifika.

Leider scheint es, dass wir uns immer noch von dieser hilflosen Haltung gegenüber China leiten lassen und es im Zweifelsfall vorziehen, über die Machenschaften einiger Agenten hinter den weltweiten Kulissen zu spekulieren. Diese Machenschaften gibt es natürlich, aber sie bestimmen letztlich nicht die sozioökonomische Entwicklung des Landes mit 1,4 Milliarden Einwohnern, das seine eigenen tektonischen Verschiebungen durchläuft, die für die Außenwelt nicht immer offensichtlich sind.

Anzeichen einer wirtschaftlichen Verlangsamung

Die Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas ist keineswegs neu. Experten stellen das schon seit einigen Jahren fest und in den letzten Jahren hat auch die Coronavirus-Pandemie einen negativen Beitrag zu diesem Prozess geleistet. China mit seinen geschlossenen Grenzen und seinem logistischen Chaos wurde von COVID-19 wahrscheinlich stärker getroffen als viele andere Länder. Große Hoffnungen wurden in die Beendigung der chinesischen Anti-COVID-Isolation gesetzt, die sich jedoch nicht ganz bewahrheitet haben, auch wenn China mit seiner zweifellos starken Produktion nach Ansicht von Experten weiterhin eine treibende Kraft der Weltwirtschaft ist.

In der ersten Jahreshälfte war ein Rückgang des Handels mit den USA und auch mit der EU zu beobachten. Den ersten Platz beim Handelsumsatz mit China nahmen die südostasiatischen Länder ein. Aber die haben reichlich eigene Turnschuhe, Kleidung und Lebensmittel für den Export. Außerdem treten die ASEAN-Staaten als Konkurrenten Chinas auf und locken ausländische Firmen an, die sich bereits in den 1980er Jahren mit verschiedenen Präferenzen in China niedergelassen haben. Pessimistische Ansichten über den chinesischen Markt kursieren im Westen schon recht lange, und ihre Klagen über die Schwierigkeiten bei Geschäften mit den Chinesen und übermäßige bürokratische Hindernisse sind nicht unbegründet.

Chinesische Kommentatoren betonen, dass die derzeitigen wirtschaftlichen Probleme des Landes nicht so gravierend und nur vorübergehend sind. Es gebe auch keine Rezession, sondern nur Unruhe und Schwankungen.

Der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Wang Wenbin sagte bei einer regulären Pressekonferenz in Peking, dass sich die chinesische Wirtschaft weiter erholt und sich insgesamt auf dem Weg der Besserung befindet. Er erinnerte daran, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Juli im Vergleich zum Vorjahr um 5,5 Prozent gewachsen ist (Daten des Nationalen Statistikamtes). Der Diplomat sagte, dass die Zahl für die erste Jahreshälfte insgesamt „deutlich“ über den drei Prozent liege, um die das chinesische BIP im Jahr 2022 voraussichtlich wachsen werde. Es war auch höher als Chinas durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 4,5 Prozent während der drei Jahre der COVID-19-Pandemie und mehr als drei Prozent höher als Amerikas Wirtschaftswachstum in der ersten Hälfte des Jahres.

Auch die internationalen Finanzinstitutionen, so betont Peking, seien nicht übermäßig besorgt über den Zustand der chinesischen Wirtschaft. In seinem jüngsten Bericht zum Weltwirtschaftsausblick erklärte der Internationale Währungsfonds (IWF), dass Chinas Wirtschaft 2023 voraussichtlich um 5,2 Prozent wachsen und in diesem Jahr ein Drittel des weltweiten Wachstums ausmachen werde. „China schreitet auf dem Weg der qualitativen Wirtschaftsentwicklung stetig voran, mit Lichtblicken sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht“, sagte Wang Wenbin und merkte an, dass der Konsum mit „ziemlich offensichtlichen“ Ergebnissen zur treibenden Kraft des Wirtschaftswachstums des Landes geworden sei.

Nichtsdestotrotz ist die wirtschaftliche Verlangsamung nicht zu übersehen, ob sie nun auf die schleppende Entwicklung der internationalen Märkte oder auf die gegen China gerichteten Sanktionen des westlichen Blocks zurückzuführen ist. Ein besorgniserregendes Zeichen ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Chinas jungen Menschen, insbesondere unter Hochschulabsolventen. In der Vergangenheit reihten sie sich bereitwillig in die Reihen des Büroplanktons ein, das von ausländischen Unternehmen und Joint Ventures beschäftigt wurde, und gründeten zahlreiche Start-ups. Nicht alle diese innovativen Unternehmen haben den Test in der Realwirtschaft bestanden, aber sie halfen, das Problem der Jugendbeschäftigung zu lösen.

Die radikale Finanzierung der Entwicklung staatlicher Unternehmen hat natürlich den Zugang zu kostenlosen Krediten für Existenzgründer erschwert.

Insgesamt muss man feststellen, dass die plakativen Forderungen nach einer kurzfristigen Entwicklung des Binnenmarktes nicht erfüllt wurden. Und in der Tat: Kann man im chinesischen Hinterland, wo die Menschen weitgehend an traditionellere Formen von Wirtschaft und Handel gewöhnt sind, mit einem raschen Anstieg der Nachfrage rechnen? Und in den Großstädten haben viele kleine Unternehmer in Gastronomie und Einzelhandel während der COVID-Jahre ihre bisherigen Einnahmequellen (wenn nicht gar ihr Einkommen) verloren und lebten hauptsächlich von Ersparnissen. Nun spiegeln sich ihre dünneren Taschen auch in einem Rückgang der Verbrauchernachfrage wider.

Das Wort von Xi Jinping

Die chinesische Regierung ist stark in ihrer Fähigkeit, flexibel auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren. Das schrieb Xi Jinping, Präsident der Volksrepublik China und Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, in einem Artikel in der theoretischen Zeitschrift Qiushi im Juli 2023. Er wies darauf hin, dass Ziel des 18. Parteitages (2012) gewesen sei, die Reform der Partei- und Staatsinstitutionen zu vertiefen, um „die Gesamtführung der Partei zu stärken“. Xi Jinping wies darauf hin, dass es nun notwendig sei, die Entscheidungsfindung „auf der Grundlage der Analyse der tief verwurzelten Widersprüche und Probleme, mit denen wir konfrontiert sind“ zu verbessern, einschließlich derjenigen in den finanziellen, wissenschaftlichen, technologischen und sozialen Verwaltungssystemen.

Der Artikel des chinesischen Staatschefs erkennt die Probleme an und bekräftigt die Entschlossenheit der Regierung, dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Wirtschaft zu ergreifen.

Bereits im Mai wurde die neue Finanzaufsichtsbehörde Chinas eingerichtet. „Dies ist ein wichtiger Schritt in der institutionellen Reform der Finanzaufsicht des Landes“, erklärte der Staatsrat der Volksrepublik China in einer Erklärung. Die neue Behörde ist für die Regulierung des Finanzsystems mit Ausnahme des Wertpapiersektors zuständig und übernimmt einige der Funktionen der People’s Bank of China (Zentralbank) und der Wertpapieraufsichtsbehörde. „Die Einrichtung der neuen Regulierungsbehörde soll die Finanzregulierung im Land stärken und verbessern und einige der seit langem bestehenden und bemerkbaren Probleme im Finanzsektor lösen“, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua zu diesem Anlass.

Offensichtlich waren nicht alle führenden Genossen in der Lage, die neuen Trends in der Wirtschaftslenkung rechtzeitig zu erfassen, und haben es versäumt, sich an die neuen Anforderungen anzupassen. Im Juli entließ der Ständige Ausschuss des Nationalen Volkskongresses (das Gremium, das für die Aktivitäten des Parlaments während des Jahres verantwortlich ist) Yi Gang von seinem Posten als Leiter der Zentralbank und ernannte Pan Gongsheng für diesen Posten. Bereits im Februar wurde Liu Liange, Sekretär des Parteikomitees der Bank of China (eine der führenden Geschäftsbanken Chinas), auf einer erweiterten Sitzung des Parteikomitees der Bank seines Amtes enthoben. Die Entscheidung wurde von der Organisationsabteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, also von der Parteispitze, getroffen. Die Gründe für diese Entscheidung wurden nicht genannt.

Kurs auf die Synergie verschiedener Strategien

Wie in der heißesten Zeit des Jahres üblich, hielt die chinesische Führung eine Klausurtagung zur Wirtschaft ab, nach der Ministerpräsident Li Qiang vom Staatsrat (Kabinett) „zusätzliche Maßnahmen“ zur Organisation der Arbeit bis Ende 2023 ankündigte, um „die jährlichen Arbeitsziele zu erreichen und die Qualitätsentwicklung konkret zu fördern“. Li Qiang, der die Plenarsitzung der Regierung leitete, sagte, die Regierung werde die politischen Entscheidungen und Vereinbarungen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas in vollem Umfang umsetzen, nach Fortschritt streben und gleichzeitig die Stabilität aufrechterhalten, die Maßnahmen zur Makrokontrolle präzise und entschlossen umsetzen und die Synergien zwischen verschiedenen Strategien nutzen.

Mit anderen Worten: Wurde beschlossen, verschiedene Konzepte der wirtschaftlichen Entwicklung miteinander zu verbinden? Oder wie?

Neulich gaben das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas und der Staatsrat Leitlinien zur Förderung des Wachstums der Privatwirtschaft heraus. „Die Privatwirtschaft spielt seit langem eine positive Rolle bei der Stabilisierung des Wirtschaftswachstums, der Förderung von Innovationen, der Erhöhung der Beschäftigung und der Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen“, erläuterte Li Chunlin, stellvertretender Leiter des Staatlichen Entwicklungs- und Reformkomitees, den Inhalt des Dokuments auf einer außerordentlichen Pressekonferenz. Als Teil der Unterstützungsmaßnahmen wird der Ausschuss in Kürze ein Dokument zur Förderung privater Investitionen veröffentlichen, um „den Sektor vollständig zu motivieren“, so der Beamte. China werde sich auch für die Beseitigung von Zugangshindernissen zum Markt und die vollständige Umsetzung einer fairen Wettbewerbspolitik und fairer Wettbewerbsmechanismen einsetzen, fügte er hinzu.

Auf der gleichen Pressekonferenz versprach An Lijia, stellvertretender Vorsitzender der Allchinesischen Industrie- und Handelsvereinigung, ebenfalls Anstrengungen zu unternehmen, um ein günstiges soziales Umfeld für die Privatwirtschaft zu schaffen. „Wir werden die Sichtbarkeit herausragender Privatunternehmer erhöhen und ihren Unternehmergeist fördern. Wir werden mit den zuständigen Stellen zusammenarbeiten, um böswillige Gerüchte und Verleumdungen gegen private Unternehmen zu unterbinden“, sagte An Lijia.

Um die Bedeutung des Privatsektors für die chinesische Wirtschaft zu verstehen, genügt es, offizielle Statistiken zu zitieren. Auf den Privatsektor entfallen etwa 50 Prozent der Steuereinnahmen Chinas, 60 Prozent des BIP, 70 Prozent der technologischen Innovationen und 80 Prozent der Arbeitsplätze in den Städten. Inzwischen sind mehr als 90 Prozent der Privatunternehmen kleine und mittlere Unternehmen (KMU), und mehr als 90 Prozent der KMU sind Privatunternehmen.

Xu Xiaolan, Vizeminister für Industrie und Informationstechnologie, sagte, die Regierung wolle die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen weiter fördern. Bis heute hat die Kreditvergabe an kleine und kleinste Unternehmen 27,7 Billionen Yuan (etwa 3,88 Billionen Dollar) erreicht. China werde auch den nationalen KMU-Entwicklungsfonds dazu ermutigen, mehr in Neugründungen zu investieren, sagte sie.

Nach den Äußerungen der Beamten zu urteilen, stehen der Privatwirtschaft rosige Zeiten bevor.

Hat Alibaba das Zauberwort vergessen?

Aber das Interessante ist, dass die Regierung den kleinen und mittleren Unternehmen die größten Vorteile verspricht. Was die großen chinesischen Unternehmen betrifft, so scheint ihr Schicksal nicht so sicher zu sein. China ist übrigens weltweit die Nummer 2, was die Zahl der Dollarmillionäre angeht. Und auch der Milliardäre. Das passt irgendwie nicht zu der offiziellen Doktrin, die den Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten als ein System der gerechten Verteilung von Vorteilen für alle verkündet.

Die jüngsten Maßnahmen gegen den chinesischen Riesen Alibaba, dem China die erfolgreiche Entwicklung des Internet-Handelsmarktes und verschiedene innovative Ideen im Handel insgesamt zuschreibt, werfen immer noch Fragen auf, obwohl der berühmteste chinesische Unternehmer und Gründer des Unternehmens Jack Ma (Ma Yun) nach mehr als einem Jahr im Ausland auf das chinesische Festland zurückgekehrt ist, wie die in Hongkong ansässige South China Morning Post berichtet. Er wurde offenbar in der Stadt Hangzhou (östliche Provinz Zhejiang) gesehen, wo Alibaba seinen Hauptsitz hat.

Obwohl Jack Ma 2013 seinen Posten als CEO von Alibaba aufgab und 2019 als Vorstandsvorsitzender zurücktrat, bleibt er eine Ikone in der chinesischen Geschäftswelt. Im Oktober 2020 kritisierte Jack Ma das derzeitige chinesische Finanzsystem und forderte dessen Reform. Im November sollte ein rekordverdächtiger Börsengang von Aktien des Alibaba-Finanztechnologieunternehmens Ant Group an den Börsen von Shanghai und Hongkong stattfinden.

Doch die Marktaufsichtsbehörde bremste dieses Vorhaben plötzlich mit dem Hinweis auf „veränderte finanzielle und technische Aufsichtsbedingungen“. Im April 2021 gaben die chinesischen Behörden bekannt, dass Alibaba wegen Verstößen gegen das Kartellrecht mit 2,78 Milliarden Dollar die höchste Geldstrafe in der Wirtschaftsgeschichte des Landes auferlegt worden war. Laut der chinesischen Kartellbehörde verfolgte das Unternehmen eine Politik, die die Verbraucher zwang, seine Dienste „ohne Wahlrecht“ zu nutzen, was „das Wettbewerbsumfeld des chinesischen E-Commerce-Marktes negativ beeinflusste“.

Nach diesen Ereignissen verschwand Jack Ma aus der Öffentlichkeit und zeigte sich nur noch selten. Es heißt, er sei in verschiedene Länder gereist. Offenbar kann jeder ein König sein… Aber nicht in China.

Ich würde immer noch vorsichtig davon sprechen, dass den verschiedenen Formen der Wirtschaftstätigkeit gleiche Bedingungen geboten werden. Nach der Aufspaltung von Alibaba in sechs große und formal unabhängige Wirtschaftseinheiten hat sich die Situation rund um diesen Teil des chinesischen Marktes zwar etwas beruhigt, aber die Zukunft ist unklar.

Investitionen: wieder einmal „kommt alle zu uns“?

Kürzlich gab der Staatsrat der Volksrepublik China eine Erklärung ab, in der er seine Leitlinien für die weitere Optimierung der Bedingungen für ausländische Investitionen und die Intensivierung der Bemühungen um deren Anziehung darlegte. In dem Dokument wurden die regelmäßigen Erklärungen über Chinas Engagement für eine Politik der Öffnung gegenüber dem Ausland konkretisiert, die in den Reden der chinesischen Staatsführung häufig zu hören waren, allerdings begleitet von impliziter Kritik an der „ausländischen Kapitalschwemme“ in der chinesischen Wirtschaft und der Aufforderung, sich auf inländische Ressourcen zu verlassen.

Nun sollen die aktualisierten „Leitlinien“, so die Erklärung, „das Gesamtgleichgewicht zwischen der inländischen und der internationalen Situation verbessern und ein Unternehmensumfeld von Weltrang fördern“, das marktorientiert, gesetzesbasiert und im Einklang mit internationalen Normen ist. Mehr als zwei Dutzend spezifische Maßnahmen werden in sechs Bereichen vorgeschlagen, darunter die Stärkung des Schutzes ausländischer Investitionen, die Verbesserung der Investitions- und Betriebsbedingungen, die Erhöhung der staatlichen und steuerlichen Unterstützung und die Verbesserung der Förderung ausländischer Investitionen. Allen Regionen wird empfohlen, „Unterstützungsmaßnahmen unter Berücksichtigung der lokalen Bedingungen zu ergreifen, um politische Synergien zu fördern“.

Wie der Nachrichtensender CGTN berichtete, wurde das Handelsministerium angewiesen, „die Führung und die Koordinierung mit den zuständigen Abteilungen zu verstärken, um die Politik zu fördern, die Politik und die Maßnahmen rechtzeitig umzusetzen, ein optimiertes Investitionsumfeld für ausländische Investoren zu schaffen und das Vertrauen in ausländische Investitionen wirksam zu stärken“.

Das Konzept des „großen Kuchens“

Es liegt auf der Hand, dass es unmöglich ist, alle Bereiche der wirtschaftlichen Korrektur in einem kleinen Artikel zu behandeln. So bleiben beispielsweise Maßnahmen zur Lösung des Problems der enormen Verschuldung der lokalen Gebietskörperschaften außerhalb des Rahmens. Generell ist es kaum möglich, von einem „Wendepunkt“ oder „grundlegenden Veränderungen“ in der chinesischen Wirtschaftspolitik zu sprechen. Vielmehr ist Peking zu dem Schluss gekommen, dass es eine ausgewogenere Analyse seiner eigenen Erfahrungen mit Reformen und der Öffnung nach außen benötigt, wobei versucht wird, die angehäuften negativen Aspekte zu beseitigen und die Erfolge zusammenzufassen. Was dabei herauskommt, wird meines Erachtens bald deutlich werden.

Die chinesische Gesellschaft, die von außen manchmal „unbeweglich“ erscheint, eingefroren in bestimmten, von oben verordneten Mustern (unabhängig davon, ob man diesen Mustern gegenüber positiv oder negativ eingestellt ist), entwickelt sich in Wirklichkeit ständig weiter. In ihr sind verschiedene Kräfte am Werk, deren Interessen nicht immer übereinstimmen. Diese Kräfte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ist die Aufgabe, die sich die Führung des großen Landes stellt. Und auch die aktuellen Maßnahmen der Regierungspartei und der Regierung sind im Kontext der Bemühungen um eine bessere Regierungsführung zu sehen.

Gleichzeitig werden die grundlegenden Fundamente, auf denen das heutige China steht – die führende Rolle der Kommunistischen Partei Chinas beim Aufbau des Sozialismus sowie sein nationaler Charakter und seine chinesischen Besonderheiten – unverändert bleiben.

Aber Nuancen sind möglich. Deng Xiaopings Konzept wurde von den Chinesen selbst manchmal als „Katzentum“ bezeichnet, wobei an seine berühmte Aussage über zwei Katzen erinnert wird: Es spielt keine Rolle, welche Farbe eine Katze hat, solange sie Mäuse fängt (um die Schärfe dieser Maxime zu verstehen, muss man bedenken, dass „Katze“ auf Chinesisch „Mao“ heißt).

Letzte Woche rief der chinesische Präsident Xi Jinping das Land dazu auf, eine landesspezifische Modernisierung durchzuführen, die sich grundlegend vom westlichen Modell unterscheidet. Das erklärte er in seinem Artikel „Modernisierung nach chinesischem Vorbild ist der Weg zum Aufbau eines starken Landes und zur Wiederbelebung der Nation“ in der theoretischen Zeitschrift Qiushi. „Wenn sich ein Land auf die Modernisierung zubewegt, sollte es nicht nur den allgemeinen Gesetzen der Modernisierung folgen, sondern auch seiner eigenen tatsächlichen Situation entsprechen und seine eigenen Merkmale haben“, heißt es in dem Artikel. „Das ist nicht nur eine theoretische Verallgemeinerung, sondern auch ein praktisches Erfordernis und weist den Weg zum umfassenden Aufbau einer modernen sozialistischen Macht und zur Verwirklichung der großen Verjüngung der chinesischen Nation“, heißt es in dem Artikel, in dem die verschiedenen Merkmale der „Modernisierung im chinesischen Stil“ erörtert werden.

Das wesentliche Merkmal dieser Modernisierung im chinesischen Stil und das Unterscheidungsmerkmal (zum westlichen Modell) nennt Xi Jinping die Modernisierung im Interesse der gesamten Gesellschaft. „Während wir eine qualitativ hochwertige Entwicklung fördern und einen großen ‚Kuchen‘ backen, sollten wir diesen ‚Kuchen‘ weiterhin teilen, damit die Errungenschaften der Modernisierung allen Menschen gerechter zugute kommen, und wir sollten eine [Eigentums-]Polarisierung entschlossen verhindern“, forderte der chinesische Führer.

Wird das derzeitige chinesische Wirtschaftsmodell eines Tages als die Theorie des „großen Kuchens“ bezeichnet werden, der auf jeden Fall für alle Mitglieder der Gesellschaft ausreichen sollte?

Ende der Übersetzung

Kurz zusammengefasst bedeutet das, dass China sich auf die Förderung kleiner und mittlerer Betriebe konzentrieren wird, nicht auf die Förderung der Interessen der großen Konzerne. Damit würde China wieder eine völlig andere Wirtschaftspolitik betreiben als der Westen und man wird schon in wenigen Jahren vergleichen können, ob das chinesische Modell mehr Wohlstand für die Menschen bringt, oder das westliche.