Kommt MeToo in Russland an?

In Russland sind westliche Debatten, wie die MeToo-Debatte, bisher kein Thema. Ein aktueller Fall von sexueller Belästigung wurde jedoch nun im russischen Fernsehen diskutiert und fand eine ganz andere Resonanz, als es im Westen der Fall gewesen wäre.

Ich habe schon mehrmals darüber berichtet, dass MeToo in Russland kein Thema ist und wenn doch mal darüber berichtet wird, dann ganz anders, als in Deutschland. In Russland sieht man die Entwicklungen im Westen mit Sorge, denn wenn Vorwürfe alleine ausreichen, um einen Menschen gesellschaftlich zu ächten, seine Karriere und seinen guten Ruf zu vernichten, dann hat das mit Rechtsstaatlichkeit nichts mehr zu tun. Es ist vielmehr eine öffentliche Vorverurteilung, die schlimmer ist, als es ein Pranger im Mittelalter war. Diese These habe ich mal aufgestellt und erklärt, warum ich dieser Meinung bin.

Nun gibt es in Russland einen „Skandal“ um einen Journalisten, Pawel Lobkow ist sein Name, der einen anderen Journalisten und einen Studenten sexuell belästigt haben soll. Er hat sich dann bei allen entschuldigt, denen er „Unwohlsein“ verursacht haben könnte. Obwohl es offensichtlich um einen homosexuellen Journalisten geht, findet er Unterstützung in staatlichen Medien. Der Grund ist der oben genannte: Den Russen ist die Unschuldsvermutung wichtiger, als einfache Behauptungen. Und für Schuldsprüche sind Gerichte zuständig, nicht eine mehr oder weniger empörte Öffentlichkeit.

Xenja Sobtschak, eine Journalistin und sogar ehemalige Präsidentschaftskandidatin, die normalerweise eher regierungskritisch auftritt und sich oft im Sinne des westlichen Liberalismus äußert, wurde kritisiert, weil sie sich öffentlich zu Gunsten von Lobkow geäußert hat. Dazu wurde sie in einer russischen politischen Talkshow befragt. Die Frage lautete, warum sie sich den Mann verteidigt. Ihre Antwort war:

„Ich habe mich nicht für Pawel Lobkow eingesetzt, sondern für uns alle. Weil das, was ich um mich herum sehe, alarmierend ist, ich halte es für sehr falsch. Diese neuen Ethikregeln werden von einigen Leuten als Werkzeug verwendet, um andere zu besiegen. Es sind einfach nur Werkzeuge im Kampf, mit denen man den Ruf eines jeden Menschen mit den Füßen zertreten kann und für die keine Beweise erforderlich sind.
Wir kommen zu einem inakzeptablen Lynchsystem, wenn jemand auf einem Platz mit dem Finger auf einen anderen zeigt und den als Vergewaltiger oder sonst etwas bezeichnet und alle sich auf ihn stürzen und ihn zerreißen. Es braucht keine Gefängnisse mehr, keine Beweise, kein Gericht. Man braucht nur ein beleidigtes Opfer, das mit traurigem Gesicht eine Geschichte erzählt und danach kann man mit einem Menschen alles tun, was man will. Ich bin absolut dagegen.
Ich bin für das Strafgesetzbuch. Und ich bin gegen das Gesetz über die Beleidigung von Gefühlen. Egal, ob es die Gefühle der Gläubigen, die Gefühle von Frauen oder Männern sind. Wenn wir anfangen, über Gefühle zu sprechen, geraten wir auf sehr dünnes Eis, denn unter diese Beleidigungen kann alles fallen – ein unschuldiger Witz und jeder Streit. Das gehört nicht vor Gericht!“

Bei dem Gesetz über Beleidigung von Gefühlen geht es um einen Paragrafen im russischen Strafgesetzbuch, der es verbietet, religiöse Gefühle zu beleidigen. Der Hintergrund ist, dass Russland – immerhin ein Staat, in dem alle Weltreligionen mit Millionen von Gläubigen vertreten sind – nicht will, dass religiöse Konflikte entstehen. Daher ist das russische Gesetz sehr streng, wenn zum Beispiel Religionen in Karikaturen beleidigt werden.

Natürlich hat das Gesetz viele Gegner, auch und gerade unter den Atheisten. Die Aussagen von Sobtschak im russischen Fernsehen zeigen ganz nebenbei auf, dass in den angeblich so streng zensierten russischen Staatsmedien die Gesetze der Regierung auch kritisiert werden. Die Leser des Anti-Spiegel haben dafür schon viele Beispiele gesehen.

Die Argumente von Sobtschak finde ich aber absolut treffend, denn in einem Rechtsstaat sollte die Unschuldsvermutung gelten. Bloße Anschuldigungen, wegen was auch immer, dürfen nicht dazu führen, dass Menschen gesellschaftlich geächtet und beruflich ruiniert werden. Wer allerdings einem anderen Menschen widerrechtlich sexuelle Gewalt angetan hat, der gehört streng bestraft.

Aber für Strafe sind in einem Rechtsstaat die Gerichte zuständig und nicht der am lautesten schreiende Mob.

Leider scheint das im Westen mittlerweile anders zu sein, wie wir bei MeToo immer wieder beobachten konnten.

Werbung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Antworten

  1. In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Schriften hinweisen:

    1. „Identitätspolitik und der neue Geist des Kapitalismus“
    https://makroskop.eu/2020/07/identitaetspolitik-und-der-neue-geist-des-kapitalismus/
    Der Autor, Sebastian Müller, kommt zwar sicher für den einen oder anderen etwas zu „intellektuell“ daher, aber analytisch liegt er doch ganz richtig. (In dieser Hinsicht ist er mir in der Vergangenheit öfter als recht „hellsichtig“ aufgefallen.)
    Und das
    „Herrschaft ist immer Gewalt, ein politischer Raum ohne Herrschaft Illusion. Die Frage ist nur, in welcher Form Herrschaft ausgeübt wird.“
    haben wir dann doch mit einiger Genugtuung wohlwollend zu Kenntnis genommen.

    2. Böckenförde-Diktum
    https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6ckenf%C3%B6rde-Diktum
    „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann…“

    „Vom Staat her gedacht, braucht die freiheitliche Ordnung ein verbindendes Ethos, eine Art ‚Gemeinsinn‘ bei denen, die in diesem Staat leben. Die Frage ist dann: Woraus speist sich dieses Ethos, das vom Staat weder erzwungen noch hoheitlich durchgesetzt werden kann? Man kann sagen: zunächst von der gelebten Kultur. Aber was sind die Faktoren und Elemente dieser Kultur? Da sind wir dann in der Tat bei Quellen wie Christentum, Aufklärung und Humanismus. Aber nicht automatisch bei jeder Religion.“

    Das Stammt noch aus Zeiten, in denen die Rechtswissenschaft sich noch nicht dem „Zeitgeist“, besser dem „Markt“ unterworfen hatte.

    Das Problem dieser EU ist da z.B., daß man mit der Schaffung eines „Europäischen Parlamentes“, welches DIREKT von den jeweiligen Völkern gewählt wird, im Grunde über mindestens 500 Jahre europäisch Geschichte hinweg getrampelt ist.

  2. Ich kann mich der sehr guten Begründung nur anschießen.

    Früher reichte ein „hau ab“ „nicht mein Typ“ oder sonst was um verständlich zu machen was los ist heute wimmert man in ner Zeitung rum.
    Wenn Mio darunter so sehr leiden von jemanden als begehrenswert gesehen zu werden sollte man dann nicht die Me Too Debatte dahingehend nutzen aus dem Antragsdelikt ein „öffentliches Interesse“ zu machen? Vielleicht wird dann klar auf welch dünnen Eis man sich begibt wenn man solche Anschuldigungen ausspricht.
    Das gilt für Alle gleich welchen Geschlecht.

    Das andere Thema ist von viel entscheidender Natur. Das friedliche Nebeneinander unter einem Dach hat bis vor 30 Jahren in vielen Ländern funktioniert.
    Mir kann es egal sein wer sich wegen welchem Gott auch immer in den Sand wirft. Diese Toleranz endet dort wo man mich zwingen will Gleiches zu tun. Wer gar versucht das gemeinsame Dach anzuzünden sollte sich in Acht nehmen vor dem Zorn anderer Göttern und dem gemeinen Volk.

  3. Ist Metoo nicht diese Bewegung, wo so viele Schauspielerinnen (schauspielernd?) darüber jammern, dass sie auf die Besetzungscouch mussten? Es ist eine Sache, so eine Couch aufzustellen, eine andere ist es, sich draufzulegen. Nun lässt man die Wut darüber, dass man sich prostituiert hat, am Freier aus.

    Respekt verdient Xenja Sobtschak für ihre Aussage. Im Westen hätte sie dafür ein Shitstorm getroffen eben von Jenen, die mit der bekannten Nazimethode von Anschuldigungen und Diffamierung arbeiten, um andere mundtot zu machen. Auf den „Nachdenkseiten“ erschien kürzlich ein sehr guter Artikel zu dem Thema.

Schreibe einen Kommentar