In den Tagen nach dem Wagner-Putsch gab es viele Spekulationen, auch ich habe einen spekulativen Artikel geschrieben, obwohl ich das bekanntlich ungern tue. Und wie das mit Spekulationen so ist, sie erweisen sich oft als unwahr. Die Spekulationen darüber, dass Verteidigungsminister Schoigu abgesetzt worden sei, haben sich als unwahr erwiesen. Schoigu war zwar nach dem Putsch einige Tage lang nicht öffentlich aufgetreten, saß aber wieder mit am Tisch, als Putin sich am Montagabend mit den Chefs der russischen Sicherheitsbehörden traf.

Sowohl meine Quellen als auch die öffentlichen Erklärungen in Russland zeigen alle in die gleiche Richtung: Der Putschversuch war keine Show, kein schlauer Trick, er war echt. Alles, was derzeit bekannt wird, deutet darauf hin, dass meine erste Einschätzung, die ich noch am Samstag, während der Putsch noch lief, bereits unter der Überschrift „Umsturzversuch – Prigoschin hat sich verrechnet“ veröffentlicht habe, ziemlich zutreffend gewesen sein dürfte.

Prigoschin war offenbar wirklich so derartig in seiner eigenen Blase gefangen, dass er der Meinung war, mit seinem „Marsch der Gerechtigkeit“ eine Welle der Sympathie und Unterstützung beim russischen Volk und zumindest bei Teilen der russischen Eliten auszulösen. Dass er damit falsch lag, war bereits am Samstagnachmittag offensichtlich. Alle einflussreichen Personen in Russland, die sich bis dahin geäußert haben (und das waren sehr viele), hatten Prigoschins Handeln scharf verurteilt und eine harte Strafe für ihn gefordert, weil er mit seiner Aktion nur den Gegnern Russlands in die Hände gespielt hat. Dass das so ist, sehen wir an den Berichten der westlichen Medien, die seitdem Jubel-Artikel veröffentlichen, in denen behauptet wird, Putin sei geschwächt worden.

Ist Putin nun geschwächt?

Dabei ist das Gegenteil der Fall, denn Wagner war die mächtigste Organisation Russlands, die nicht dem russischen Staat untersteht. Und selbst die hat es nicht geschafft, Putin zu schwächen. Im Gegenteil, denn Prigoschins Aktion hat vor allem eines gezeigt: Sowohl die russischen Eliten als auch das russische Volk (und erst recht die Armee) haben sich in der Situation geschlossen hinter Putin und seine Politik gestellt.

Russland sieht sich im Krieg mit dem Westen und Prigoschin ist Russland mit seiner Aktion in den Rücken gefallen, so sieht es die Mehrheit in Russland. Das alleine hat gereicht, damit seine Aktion von fast allen verurteilt wurde. Hinzu kommt, dass Prigoschin riskiert hat, die an der Front kämpfenden Einheiten zu entzweien, was im schlimmsten Fall zu einem Bürgerkrieg hätte führen können.

Warum ich den Aufstand als „Putschversuch“ bezeichne

Prigoschin wollte keinen Bürgerkrieg und er wollte auch Putin nicht stürzen, er wollte „nur“ Verteidigungsminister Schoigu loswerden. Aber seine nicht durchdachte, ja sogar ausgesprochen dumme, Aktion hat das Risiko in sich getragen, sich zu einer unkontrollierbaren Situation auszuwachsen. Und das alles nur wegen seines persönlichen Kleinkrieges mit Schoigu.

Dass ich von einem „Putschversuch“ spreche, auch wenn niemand den Präsidenten stürzen wollte, liegt daran, dass Prigoschin Schoigu aus dem Amt entfernen, also Druck auf Putin ausüben wollte, damit der Schoigu feuert. Damit hat Prigoschin die Souveränität des Präsidenten angegriffen, um ihm seinen Willen aufzuzwingen – und das ist in meinen Augen schon ein Putschversuch, denn es würde eine Einschränkung der verfassungsmäßigen Machtbefugnisse des Präsidenten bedeuten.

Schoigu stand (ob zu recht oder nicht, ist nicht entscheidend) unbestritten in der Kritik, aber selbst seine größten Kritiker haben sich in der Situation hinter ihn gestellt, denn dass Prigoschin für seine eigenen Ambitionen die Einigkeit Russlands und seiner Streitkräfte riskiert, das war nicht nur aus Putins Sicht, sondern aus der Sicht der Russen insgesamt unverzeihlich.

Oberstes Ziel: Kein Blutvergießen

Putins oberstes Ziel war es daher, ein großes Blutvergießen und eine mögliche Eskalation zu verhindern. Aus diesem Grund hat er die Wagner-Kolonnen ohne Gegenwehr über die Autobahn Richtung Moskau fahren lassen. Und aus diesem Grund hat er am Ende angeordnet, dass sogar die Organisatoren des Putschversuches straffrei bleiben. Die Einigkeit Russlands ist Putins höchstes Ziel und wenn er den Putschisten dafür Straffreiheit zusichern muss, dann ist das ein Preis, den Putin – vielleicht widerstrebend – zu zahlen bereit ist.

Die Rede, die Lukaschenko am Dienstag über die Ereignisse und seine Verhandlungen mit Prigoschin gehalten hat, bestätigt das. All das, was Lukaschenko erzählt hat, deckt sich mit dem, was ich schon am Samstag vermutet habe: Prigoschin war emotionalisiert, hat nicht rational oder durchdacht gehandelt und die Lage in Russland vollkommen falsch eingeschätzt, was ihm Laufe des Samstages, während seine Kolonne Richtung Moskau fuhr, immer klarer wurde. Daher hat er, nachdem Lukaschenko ihm Sicherheitsgarantien angeboten hatte, seine Kolonnen stoppen lassen, kurz bevor sie die um Moskau errichteten Verteidigungsanlagen der regulären russischen Armee erreicht haben.

Auch Putins Reden bestätigen das, denn Putin betont in all seinen Reden das gleiche: Er dankt denen, die die Wagner-Kolonnen durch ihre Entschlossenheit und durch ihre Besonnenheit fast ohne Blutvergießen aufgehalten haben und lobt die Wagner-Soldaten für ihren Mut und ihren Einsatz an der Front. Die Firma Wagner selbst hingegen dürfte nun genau überprüft werden, denn sie hat Milliarden vom russischen Staat bekommen, und nun wird die Verwendung der Gelder wohl genau überprüft.