Warum Russland den iranischen Angriff auf Israel nicht verurteilt
Während im Westen Empörung über den iranischen Angriff auf Israel herrscht, ist das in Russland anders. Dafür gibt es Gründe, die ich hier aufzeigen werde.
Ich habe Ende Februar einen Artikel mit der Überschrift „Der Frontverlauf im Dritten Weltkrieg wird deutlicher“ veröffentlicht, in dem ich aufgezeigt habe, dass Russland sich bei dem Konflikt im Nahen Osten auf die Seite der Gegner Israels gestellt hat und warum das so ist. Russland hat den iranischen Angriff auf Israel, der eine Reaktion auf die gezielte Bombardierung der iranischen Botschaft in Syrien war, ausdrücklich nicht verurteilt, die offiziellen russischen Erklärungen dazu finden Sie hier.
Die Gründe, warum Russland sich beim Konflikt im Nahen Osten so positioniert, werde ich gleich noch einmal aufzeigen. Vorher möchte ich kurz auf den iranischen Angriff auf Israel der letzten Nacht eingehen.
Die geschickte iranische Reaktion
Ich habe immer wieder berichtet, dass Israel ständig Syrien bombardiert, was es mit der Bekämpfung iranischer Einheiten oder pro-iranischer Gruppen in Syrien begründet. Jeder einzelne dieser israelischen Angriffe auf den souveränen syrischen Staat ist laut Völkerrecht illegal, denn man darf nicht nach Lust und Laune andere Länder bombardieren.
Natürlich hat jeder Konflikt, auch der zwischen Israel und dem Iran, eine lange Vorgeschichte, aber die Bombardierungen Syriens durch Israel bleiben illegale Kriegshandlungen, denn Israel wird aus Syrien nicht angegriffen. Von israelischer Selbstverteidigung kann also keine Rede sein.
Das sieht übrigens praktisch die gesamte nicht-westliche Welt so, während der US-geführte Westen Israel dafür nicht kritisiert, sondern es unterstützt. Ich habe in meinen Artikeln darüber immer wieder auf die Doppelmoral des Westens hingewiesen, und behauptet, dass die westlichen Politiker und Medien ganz anders reagieren würden, wenn es umgekehrt wäre und ein Staat Ziele in Israel angreifen würde. Nun bestätigt sich meine Behauptung, wie die Reaktionen des Westens auf den iranischen Angriff zeigen. Auch diese Doppelmoral des Westens, Israel nicht für seine Angriffe auf iranische Ziele in Syrien zu kritisieren, aber ganz entsetzt den Iran zu verurteilen, wenn er darauf reagiert, sieht die ganze nicht-westliche Welt sehr deutlich.
Daher war die Reaktion des Iran ausgesprochen geschickt. Der Iran hat Israel mit fast 200 Drohnen und Raketen angegriffen, aber dabei peinlich genau darauf geachtet, nur militärische Ziele anzugreifen. Der Iran hat der Welt damit zu verstehen gegeben, dass seine Angriffe sich gegen die israelische Regierung und das israelische Militär richten, nicht gegen die israelische Zivilbevölkerung.
Angesichts der wahllosen Massaker, die Israel seit Oktober an den Zivilisten in Gaza anrichtet, sieht die ganze (nicht-westliche) deutlich, dass die Reaktion des Iran angemessen war. Hätte der Iran israelische Wohngebiete bombardiert, wäre das etwas anderes gewesen.
Daher war die iranische Reaktion, ich wiederhole mich, ausgesprochen geschickt. Erstens hat der Iran damit noch einmal gezeigt, wer bestialisch Menschen abschlachtet und wer sich akkurat nur auf militärische Ziele konzentriert. Zweitens ist der Westen so dumm, in die iranische Falle zu tappen und den Iran wegen seines Angriffes scharf zu verurteilen, während der kollektive Westen Israels Völkermord in Gaza mit inzwischen 100.000 toten und verletzten Zivilisten (oder Israels Angriff auf die iranische Botschaft in Syrien) nicht verurteilt. Der Westen demonstriert der ganzen Welt noch einmal offen seine Doppelmoral.
Russland und Israel
Kommen wir nun, wie eingangs versprochen, auf die Gründe dafür zu sprechen, warum Russland den iranischen Angriff auf Israel ausdrücklich nicht verurteilt hat.
Das Verhältnis zwischen Israel und Russland schien trotz der unterschiedlichen Interessen beispielsweise in Syrien lange gut zu sein. Die Treffen zwischen Präsident Putin und dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu waren nach außen hin immer freundlich, ja fast herzlich.
Aber hinter den Kulissen dürfte es schon seit einiger Zeit anders aussehen, denn Israel stört sich an dem guten Verhältnis Russlands zum Iran, während Russland beispielsweise keinerlei Verständnis für die illegalen israelischen Bombardierungen von Russlands Verbündeten Syrien hat. Und nach dem Beginn der russischen Operation in der Ukraine gab es nur noch wenige Meldungen über Kontakte zwischen Russland und Israel.
Mitte Oktober 2023 wurde gemeldet, dass anscheinend offizielle israelische Soldaten in der Ukraine gegen Russland gekämpft haben. Wenn das stimmen sollte, dürfte das Verhältnis zwischen Russland und Israel schon seit einiger Zeit eiskalt sein, auch wenn beide das nicht öffentlich gezeigt oder kommuniziert haben.
Mit dem Beginn des Gaza-Krieges Anfang Oktober 2023 änderte sich das und aus Israel gab es wilde Beschimpfungen und Anfeindungen gegen Russland, weil die russische Regierung das brutale Vorgehen Israels von Anfang an kritisiert und nachdrücklich endlich die Zwei-Staatenlösung gefordert hat. Russland steht der israelischen Palästina-Politik traditionell kritisch gegenüber und an dieser Bruchlinie der politischen Interessen ist der Streit zwischen Israel und Russland im Oktober entbrannt und die russische Regierung kritisiert Israels Vorgehen gegen die Palästinenser immer öfter.
Israel und Russland haben in der UNO dann sogar wüste Beschimpfungen ausgetauscht. Am 21. Februar hat Russland mitgeteilt, es akzeptiere „Israels Logik zur Rechtfertigung des Gewalt in Gaza nicht“, woraufhin Israel Russland mit der – in seinen Augen terroristischen – Hamas gleichgesetzt hat. Darauf hat Russland Israel mit der – in seinen Augen nazistischen – Ukraine gleichgesetzt und erklärt, dass „Israel und die Ukraine einen Kampf gegen die Menschheit führen“. Deutlicher konnte man nicht zeigen, wie schlecht die Beziehungen zwischen Russland und Israel geworden sind.
Die Frontlinie im Dritten Weltkrieg
Ich schreibe seit Februar 2022, also seit der Eskalation in der Ukraine und den ersten Sanktionspaketen des Westens, das wäre bereits der Dritte Weltkrieg. Das einzige, was fehlt, ist die direkte Konfrontation zwischen der NATO und Russland, weil keine der beiden Seiten einen Atomkrieg will. Aber der US-geführte Westen kämpft mit allen wirtschaftlichen, diplomatischen, propagandistischen und militärischen Mitteln gegen Russland, außer dem Einsatz eigener Soldaten. Es ist ein Krieg des Westens gegen Russland, der mit einem Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine nicht enden wird.
Formell hängen die Konflikte in der Ukraine und in Gaza nicht miteinander zusammen, aber die Frontlinien der internationalen Politik gleichen sich in beiden Konflikten immer mehr an, weshalb sie das Potenzial haben, zu einem großen Konflikt zu verschmelzen, wie es beispielsweise im Zweiten Weltkrieg war, als ab Ende 1941 die Konflikte in Europa und in Asien zu einem großen Weltkrieg verschmolzen sind.
Die Tatsache, dass Israel im Februar angekündigt hat, der Ukraine zum ersten Mal militärisches Gerät zu liefern, zeigt ebenfalls, wie tief der Bruch zwischen Russland und Israel inzwischen ist. Hinzu kommen die gute russische Zusammenarbeit mit Israels Erzfeind, dem Iran, und die Gerüchte, der Iran würde Russland Drohnen und Raketen liefern.
In Russland leben alle Weltreligionen friedlich zusammen und weil Russland sein etwa 30 Millionen Moslems ihre Religion und Traditionen nicht nur leben lässt, sondern sie explizit schützt und unterstützt, ist Russland praktisch das einzige nicht-muslimische Land, das in der 57 Staaten umfassenden Organisation für Islamische Zusammenarbeit Beobachterstatus hat. Russland hat beste Beziehungen zur islamischen Welt.
Die Huthis im Jemen haben Israel den Krieg erklärt und beschießen, trotz Angriffen von NATO-Schiffen, im Roten Meer Handelsschiffe, die mit Israel in Verbindung stehen. Und inzwischen beschießen sie auch aktiv Handelsschiffe aller Länder, die den Jemen bombardieren. Sogar teure US-Drohnen haben sie schon abgeschossen.
Da kam es nicht überraschend, dass Russland und Jemen im Februar gegenseitige Besuche technischer Gruppen vereinbart haben, um die Zusammenarbeit im Bereich der Bodenschätze zu erörtern.
Der kollektive Westen und der globale Süden
Der kollektive Westen kämpft auf dem Gebiet der Ukraine einen Krieg gegen Russland, das mehr oder weniger offiziell von China, Nordkorea und dem Iran unterstützt wird. Der globale Süden würde gerne neutral bleiben, wird aber vom Westen gedrängt, sich für eine Seite zu entscheiden. Und weil Russland und China anderen Ländern keine Vorschriften machen, welche „Werte“ oder politischen und wirtschaftlichen Systeme sie haben sollen, und weil beide Länder im Gegensatz zum Westen keine neokoloniale Politik verfolgen, neigt der globale Süden zu Russland und nicht zum Westen.
Der Gazakrieg hat im Grunde die gleiche Frontlinie, wie der Ukraine-Konflikt. Der US-geführte Westen unterstützt Israel, während viele Länder des globalen Südens Israel Völkermord an den Palästinensern vorwerfen. Und die zynische Doppelmoral des Westens in diesem Konflikt treibt den globalen Süden weiter in die Arme Russlands und Chinas. Das gilt gleichermaßen für islamische und nicht-islamische Länder.
Man sieht also, wo die Frontlinie im Dritten Weltkrieg, sollte er offen ausbrechen, verlaufen dürfte. Auf der einen Seite ist der Westen, zu dem auch Israel gehört, auf der anderen Seite stehen die Gegner des Westens und Israels. Mit seinem Druck auf Länder des globalen Südens, sich dem Westen anzuschließen, könnte der Westen das Gegenteil von dem erreichen, was er erreichen will, und diese Länder in die Arme des Gegner des Westens treiben.
Sollte Israel nun den Iran angreifen und sollte der Konflikt im Nahen Osten zu einem Flächenbrand eskalieren, bestünde die Gefahr, dass das mit dem Konflikt in der Ukraine zu einem großen Konflikt verschmilzt. Und Taiwan könnte ebenfalls hinzukommen, wenn die USA China – ähnlich wie zuvor Russland in der Ukraine – so sehr bedrängen, dass China keinen anderen Ausweg mehr sieht, als militärisch zu reagieren.
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