Der „Fall Strache“: Das russische Fernsehen über die politische Kultur in Österreich und der EU

Der „Fall Strache“ war am Sonntag noch einmal Thema in der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“. Das russische Fernsehen stellte alle bekannten Fakten zusammen und stellte auch moralische Fragen: Sollte der politische Kampf geführt werden, indem man eine Falle mit Drogen, Alkohol und versteckten Kameras stellt? Was bedeutet das für die politische Kultur in Österreich und Europa? Sind solche Methoden überhaupt demokratisch? Der Beitrag des russischen Fernsehens macht nachdenklich, daher habe ich ihn übersetzt.

Zu dem Thema gab es in der Sendung unmittelbar danach noch einen zweiten Bericht, in dem eine Korrespondentin die Villa auf Ibiza besucht hat und auch auf die Folgen des „Falls Strache“ auf die Europawahl eingegangen ist. Da diese beiden Berichte thematisch zusammenhängen, habe ich auch den zweiten Beitrag übersetzt und beide in einem Artikel zusammengefasst.

Beginn der Übersetzung:

Der grandiose Skandal um den bereits ehemaligen österreichischen Vizekanzler Strache ist bereits zwei Wochen alt. Und er wird in die politische Geschichte Europas eingehen als Beginn der Nutzung neuer Technologien zur Beseitigung von Politikern und zur Umgestaltung der politischen Landschaft durch Methoden, die bisher nicht genutzt wurden, weil sie als unmoralisch galten. Es geht nicht um die Entwicklung der Demokratie. Das ist eine ganz andere Richtung.

Am 17. Mai veröffentlichten die deutschen Zeitungen Spiegel und Süddeutsche Zeitung ein Video, auf dem der österreichische Vizekanzler Strache in Begleitung einer Blondine und seines Assistenten am Tisch sitzt, der voll ist mit Flaschen hochprozentigen Alkohols. Das alles findet in den Räumlichkeiten einer Villa auf der Disco-Insel Ibiza statt. Heimlich gefilmt, aber professionell, wie in Hollywood. Auch der Ton ist hervorragend, es wurde mit mehreren Mikrofonen und mehreren Kameras aufgenommen. Strache redet über den Verkauf einer großen österreichischen Zeitung und mögliche Hilfe bei der Beschaffung von Regierungsaufrägen. Offensichtlich ist er betrunken. Und es heißt, die junge Gesprächspartnerin wäre die Nichte des russischen Oligarchen Makarov. Das ist schon eine brisante Mischung.

Der österreichische Präsident van der Bellen verlas einen epischen Text: „Das sind beschämende Bilder. Niemand sollte sich für Österreich schämen. Ich muss klar sagen: Wir sind nicht so, Österreich ist nicht so „.

„Wir sind nicht so“ ist etwas, das man sich merken muss. Darf ich fragen: Wie sind sie denn? Das ist bei den Folgen der Ereignisse wichtig zu verstehen.

Vizekanzler Strache trat zurück. Seine österreichische Partei die „Freiheitlichen“ ist die, die die Krim als russisch anerkennt und die gegen anti-russische Sanktionen ist. Sie steckt nun in der Krise und ist kompromittiert. Sie verliert die Wahlen zum Europäischen Parlament und ist gezwungen, die Regierungskoalition zu verlassen. Und damit kann sich der österreichische Kanzler Kurz, der eine eigenständigen Position innerhalb der Europäischen Union vertritt, nicht mehr halten und verliert auch sein Amt.

Österreich ist in einer politischen Krise. Präsident van der Bellen spricht von der Notwendigkeit vorgezogener Parlamentswahlen. Die politsichen Positionen der Partei der „Freiheitlichen“ sind untergraben: Russische Spuren, Unmoral, Korruptionsverdacht …

Und jetzt reden wir darüber, was tatsächlich passiert ist. Als die – von wem auch immer – unerwünschten politischen Figuren bereits unwiderruflich eliminiert waren, stellte sich heraus, dass die angebliche „Nichte des russischen Oligarchen“ gar keine Nichte und nicht einmal Russin war, sondern eine bosnische Studentin, die vier Sprachen spricht, darunter auch Russisch. Für die Teilnahme an den Aufnahmen, für die sie 7.000 Euro am Tag bekommen hat, ist sie speziell gecastet und ausgebildet worden. Ihr wurde beigebracht, wie sie das Gespräch beginnen und über welche Themen sie sprechen sollte.

Es stellte sich heraus, dass österreichische Profis mit Erfahrung bei Sicherheitsdiensten alles organisiert haben. Sie haben die Vorlieben von Strache ausgekundschaftet und ein passendes Mädchen gesucht. Die Aufnahmen wurden vor zwei Jahren auf Ibiza gemacht, als Strache noch nicht Vizekanzler war. In der mit Kameras und Mikrofonen gespickten Villa wurden bereits Undercover-Operationen durchgeführt. Das Unterfangen mit Strache kostete 400.00 Euro, wie inzwischen bekannt ist.

Und es ist besonders wichtig, dass außer Alkohol auch verschiedene rauchbare Substanzen eingesetzt wurden, die die Zunge lösen. Heute kann niemand mehr definitiv sagen, was genau es war. Aber es ist so, dass moderne psychotrope Drogen die Wahrnehmung eines Menschen verändern, indem sie sein Urteilsvermögen verändern.

Die Beurteilungen verändern sich und auch die Grenzen dessen, was man als zulässig einstuft. Das heißt, Strache wurde eine Zeit lang zielgerichtet chemisch in eine andere Person verwandelt, damit er sich so verhält, wie es die Organisatoren der Provokation wollten. Die Aufgabe bestand darin, unangemessenes Verhalten von Strache zu filmen.

Ja, das ist eine professionelle Manipulation der Persönlichkeit. Und so, das ist das Beängstigende, kann man es mit jedem machen. Vielleicht wird jetzt jemand sagen: „Aber nicht mit mir!“ Und vielleicht sagt jemand, der uns jetzt zuschaut und zuhört: „Mich kann man nicht so leicht reinlegen!“ Aber darf ich fragen, haben Sie mal Alpträume gehabt, in denen Sie etwas getan haben, was Sie im wirklichen Leben nie getan hätten? Nun, wahrscheinlich ja. Das heißt, im Traum waren Sie ein anderer Mensch, dessen Einschätzung von Gut und Böse ganz anders ist, als Ihre. So wurde Strache zum Opfer professioneller Manipulationen. Und er hat nun die Verantwortung für das übernommen, was er durch den Willen anderer in einem Traum getan hat.

Und nun zurück zur Aussage des österreichischen Präsidenten van der Bellen „Wir sind nicht so. Österreich ist nicht so“. Nicht so in dem Sinne, dass Strache sich unter psychotropen Drogen so verhalten hat, wie es in einer normalen Situation nicht üblich ist? Das bestreitet niemand. Aber Provokationen zu arrangieren, um unerwünschte politische Figuren zu liquidieren und die allgemeine politische Lage im Land und in Europa zu beeinflussen, ist das jetzt die Norm?

Schließlich ist nach der Provokation alles genau so gelaufen, wie es sich die Provokateure vorgestellt hatten. Alles ging genau den Weg, den sich die Verschwörer gewünscht haben. Und heißt das, dass Österreich jetzt so ist? Und Europa ist auch so, denn die Provokateure werden nicht bestraft, ihr Plan war auf ganzer Linie erfolgreich und sie haben sogar noch Geld mit der Geschichte verdient. Sie haben gewonnen, denn sie haben alle gesetzten Ziele erreicht. Also sollen die Österreicher nun sagen, dass sie so sind? Und sind solche Methoden, den politischen Kampf zu führen, für uns akzeptabel?

Von Ibiza berichtet unsere Korrespondentin.

Geld kann viel bewegen. 1.200 Euro pro Nacht kostet diese Villa, aber jemand hat mehr bezahlt, um hier vor der Ankunft einer Gruppe von Gästen aus Österreich herein zu kommen, Kameras aufzustellen und den Thriller „Heinz-Christian Strache und das russische Mädchen“ zu filmen.

Die Hauptdarstellerin, die nicht existierende Nichte des Milliardärs Igor Makarov, Alena Makarova, wurde sehr sorgfältig ausgewählt. Hohe Absätze, Kleid und Russischkenntnisse. Diese Villa betreten und die Rolle von Alena, der Nichte der russischen Oligarchen, zu spielen, könnte jede Blondine, auch ich.

Diejenigen, die das Spiel mit dem Mädchen spielten, studierten die Vorlieben von Strache akribisch und er hat angebissen. Der ungeliebte Chef der Partei der Freiheitlichen, schöpfte erst am Ende Verdacht, als er die schlecht pedikürten Füße bemerkte. Aber es war spät, die Kameras in der Villa hatten schon alles aufgenommen.

Die deutschen Zeitungen haben noch nicht mitgeteilt, wer ihnen die zwei Jahre alten Aufnahmen zugespielt hat, aber die Identität des Mädchens wurde bekannt. Es handelt sich um eine bosnische Studentin, ihr Honorar betrug 7.000 Euro pro Tag. Sie spricht russisch. Vielleicht nicht einmal sehr gut, aber Johann Goodenus, ein Freund von Strache und Chef der Fraktion der Freiheitlichen im Parlament, konnte das nicht einschätzen. Er spricht auch russisch, aber nicht so gut, um einen Akzent zu erkennen.

Übrigens kamen sie durch Johann an Strache heran, der das Mädchen zwei Monate vor der Reise nach Ibiza kennengelernt hat. Gudenus war in der Partei die wichtigste Kraft für die Verbesserungen der Beziehungen zu Russland. Sowohl Strache als auch Johann waren oft in Moskau. Ein Video zeigt, wie sie Wodka trinken und auf russisch rufen: „Wir lieben Russland!“

Die Villa kann man online buchen. Der Ort ist historisch: Wer will nicht dort Urlaub machen, wo der Film, der die österreichische Regierung gestürzt hat, gedreht wurde? Wer, wie und wann die Kameras installiert hat, wer das Haus vor dem Besuch von Strache gemietet hat, will der Besitzer des Hauses Gaetano nicht beantworten, aber vor der Presse versteckt er sich nicht.

„Ich kann nichts darüber sagen, was vor zwei Jahren passiert ist. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Ihnen die Villa zur Verfügung zu stellen. Mieten Sie sie und machen Sie dort was Sie möchten“ sagte der Eigentümer der Villa.

Das Gespräch fand wirklich zur Hälfte in „besoffenem“ Zustand statt. Das hat Strache selbst so formuliert. Die Hälfte ist ein normales Gesprächs beim Abendessen im Wahlkampf: Woher kann man Geld bekommen? Welche Medien sind loyal, welche kann man beeinflussen? Aber eine Woche vor der Europawahl ist alles, was mit dem explosiven Wort „Russisch“ zusammen hängt, natürlich eine Bombe.

Ein russisches Mädchen, das keine Russin war – aber wen interessiert das nach der Wahl noch? – zerstörte nicht nur einen Politiker, sondern die Koalition und die Regierung. Und hinter der Provokation stehen höchstwahrscheinlich Österreicher. Es ist ein Anwalt aus Wien aufgetaucht, der seine Beteiligung an dem Komplott zugegeben hat. Es ist bereits bekannt, dass man das Video an Politiker und Geschäftsleute Österreichs verkaufen wollte, aber am Ende hat eine deutsche Organisation für 600.000 Euro zugeschlagen.

Es ist schwer zu messen, aber höchstwahrscheinlich war es der österreichische Skandal, der ein nur gutes, aber nicht brillantes Ergebnis der extremen Rechten im Europäischen Parlament verursacht hat. Sie haben 150 Mandate, aber sie sind verteilt auf mehrere verschiedene Fraktionen.

Am deutlichsten war der Sieg der italienischen Liga-Nord, der Nummer eins in Italien, sie erhält 28 Sitze. Matteo Salvini hat bereits seine Mitstreiter Marin Le Pen, den ungarischen Premier Victor Orban und Nigel Farage, Chef der Brexit-Partei, angerufen.

Der Partei von Marine Le Pen in Frankreich bekam 24%, die Partei von Macron 22,5%, das ist eine demütigende Niederlage von 1,5%, ein Scheitern des derzeitigen Präsidenten, der versprach, alles zu tun, damit Len Pen nicht an erster Stelle landet: Seine Energie und Autorität haben nicht ausgereicht, mehr noch, die Niederlage kostets Macron 2 Prozent Beliebtheitspunkte und jetzt halten ihn nur noch 30 Prozent der Franzosen für einen guten Präsidenten.

Das Scheitern bei den Wahlen schmerzt Emmanuel Macron sehr, aber nicht genug, um zurückzutreten, wie Alex Tsipras. Dessen Partei „Syriza“ landete bei der Wahl bei 9% hinter der oppositionellen konservativen Partei „Neue Demokraten“. Am 2. Juni finden in Griechenland Kommunalwahlen statt. Und unmittelbar danach wird Tsipras zum Präsidenten gehen: Ihm zufolge sei es seine moralische Pflicht, den Griechen die Vertrauensfrage zu stellen.

Am ungewöhnlichsten waren die Wahlen in Großbritannien, das die Europäische Union eigentlich verlassen wollte, aber den Brexit nicht rechtzeitig organisieren konnte. Darum nahm Großbritannien an der Abstimmung teil und die Brexit-Partei von Nigel Farage bekam 31,5%. Die Konservativen haben schwere Verluste zu verkraften.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Ein Gedanke zu „Der „Fall Strache“: Das russische Fernsehen über die politische Kultur in Österreich und der EU“

  1. Ich fürchte, das wird nie aufgeklärt werden, denn die Urheber werden sicherlich vom VS geschützt, in Österreich genauso wie in Deutschland. Deshalb musste Stickl gehen, denn der hätte für Aufklärung gesorgt. Wenn nicht sogar die Geheimdienste selbst dahinter stecken. Mir kommt es so vor, als würde zur Zeit überall da geputscht werden, wo die Rechten Erfolg haben. Österreich ist bereits erledigt, in Deutschland wird die Groko nicht halten – und wenn doch, dann ist deren einziger Plan wie bisher auch der Kampf gegen rechts, was früher einmal die Mitte war, die Linksgrünen stehen schon bereit, die Deutschen funktionieren also brav nach Plan. In Italien rumpelt es laut RT gerade. Und Frankreich? Notre Dame hat nicht funktioniert. Was passiert dort als nächstes, um Macron den Allerwertesten zu retten? Bis Ungarn reicht der Arm der Putscher offenbar nicht. Vielleicht versucht man dafür, Ungarn aus der EU zu drängen? Aufklärung ist jedenfalls offenbar nicht erwünscht. Was treibt eigentlich Soros zur Zeit?

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