Welche Maßnahmen die USA gegen Russland planen: Teil 19 – Russlands Risikoeinschätzung manipulieren

In diesem 19. Teil meiner Reihe über die von der RAND-Corporation empfohlenen Maßnahmen gegen Russland geht es um Maßnahmen, die Russland dazu bringen sollen, größere Risiken zu empfinden und darauf zu reagieren.

Die RAND-Corporation ist ein enorm mächtiger Think Tank der USA, dessen Empfehlungen von den US-Regierungen sehr oft eins zu eins umgesetzt werden. 2019 hat die RAND-Corporation eine Studie mit dem Titel „Russland überdehnen – aus vorteilhafter Position konkurrieren“ (Extending Russia – competing from advantageous ground) veröffentlicht, die im Grunde eine Anleitung zu einem wirtschaftlichen, politischen und medialen Krieg gegen Russland ist. Es werden alle Maßnahmen gegen Russland erörtert und empfohlen, außer einem heißen Krieg. Man will Russland in die Knie zwingen.

Das ist insofern bemerkenswert, weil die RAND-Corporation 2019 in einer anderen Studie auch festgestellt hat, dass Russland keinerlei aggressive Absichten hat. Anstatt sich aber darüber zu freuen und nun für eine Entspannung gegenüber Russland zu plädieren, hat RAND ein sehr umfangreiches Maßnahmenpaket vorgeschlagen, mit dem Russland endlich dazu gebracht werden soll, aggressiv auf die Provokationen aus den USA zu reagieren. Die Details finden Sie hier.

Die Studie unter dem Titel „Russland überdehnen“, um die es in dieser Reihe geht, ist quasi die Fortsetzung der anderen Studie, denn sie führt im Detail auf, wie man Russland in existenzielle Not bringen und damit zu aggressiven Reaktionen provozieren kann. In dieser Reihe werde ich darauf im Detail eingehen.

In dieser Woche behandeln wir das Kapitel über militärische Maßnahmen am Boden, die für Russland Kosten und Überdehnung verursachen sollen. Das Kapitel hat vier Unterkapitel, heute geht es um das dritte und vierte Unterkapitel.

INF-Vertrag kündigen

Im dritten Unterkapitel geht es um eine mögliche Kündigung des INF-Vertrages, der den USA und Russland bodengestützte Kurz- und Mittelstreckenraketen verboten hat. Der Vertrag war besonders für Europa wichtig und ist Ende der 1980er Jahre wegen der SS-21-Raketen und der Pershing-Raketen nach dem Nato-Doppelbeschluss abgeschlossen worden. Da die USA den INF-Vertrag jedoch bereits 2019 gekündigt haben, will ich auf das Kapitel nicht näher eingehen.

Die RAND-Corporation stand in ihrer Studie einer Kündigung des Vertrages eher skeptisch gegenüber, weil sie bei allen drei Möglichkeiten, die sie als Konsequenz daraus durchgespielt hat, wenig Nutzen für die USA, aber hohe Risiken durch die russische Reaktion gesehen hat. Da der Vertrag aber seit über einem Jahr Geschichte ist, lohnt es nicht, darauf im einzelnen einzugehen.

Wenn das Thema für sie unbekannt ist, finden Sie hier einen Artikel, der ausführlich alle Abrüstungsverträge erklärt, die es zwischen den USA und Russland gegeben hat. Auch der INF-Vertrag wird dort im Detail erläutert.

In neue Fähigkeiten zur Manipulation der Russische Risikowahrnehmung investieren

Im vierten Unterkapitel geht es um Möglichkeiten der Entwicklung von Waffensystemen und anderer Maßnahmen, die für Russland das Gefühl der Bedrohung erhöhen und Russland dadurch zu kostenintensiven Reaktionen verleiten sollen, die Russland im Endeffekt schwächen würden.

Die RAND-Corporation stellt fest, dass Russland in den letzten Jahren stark in defensive Waffensysteme investiert hat, die so gut sind, dass Russland auf dem Gebiet derzeit überlegen ist. Genannt werden neue Raketen und vor allem die russische Luftabwehr, die in der Lage ist, im Kriegsfall eine Luftüberlegenheit der Nato zu verhindern. Die RAND-Corporation schlägt verschiedene Waffensysteme vor, die entwickelt werden können, um die russischen Flugabwehrsysteme zu neutralisieren. Das geht bis hin zur Neuentwicklung komplett autonom fliegender Kampfflugzeuge.

Aber auch am Boden hat Russland mit seinen neuen Panzern Fortschritte gemacht, die der RAND-Corporation Sorgen machen. RAND stellt fest, dass Russland eine starke Armee hat, die im Kriegsfall dem, was die Nato an Russlands Grenzen hat, überlegen wäre. Hinzu kommt, das RAND sich nicht sicher ist, ob die US-Panzerabwehrwaffe Javelin überhaupt eine Gefahr für die neuen russischen Panzer darstellt. Auch hier schlägt RAND vor, auf mehr Langstreckenfeuerkraft zu setzen oder neue Panzer zu entwickeln, die autonom und unbemannt agieren können.

Als dritten Punkt diskutiert die Studie die Entwicklung von Energiewaffen, also Laserwaffen. Aber das ist noch Zukunftsmusik, denn die bisher bestehenden Laserwaffen sind zu schwach, um größeren Flugzeugen oder Raketen ernsthaft gefährlich zu werden. Aber da Russland auch auf dem Gebiet der “esoterischen Waffen”, wie RAND sie an anderer Stelle genannt hat, aktiv ist, macht RAND sich Sorgen über die russischen Fortschritte. Vor allem dürften da die russischen radioelektronischen Waffen gemeint sein, die mit Radiowellen in der Lage sind, die Elektronik von feindlichen Waffen zu deaktivieren. 2014 hat Russland im Zuge der Ukraine- und Krimkrise als Machtdemonstration die Elektronik des US-Zerstörers “Donald Cook” im Schwarzen Meer lahmgelegt, woraufhin die US-Schiffe einen weiten Bogen um die Krim gemacht haben.

Die RAND-Corporation gibt am Ende keine klare Empfehlung ab, denn die Entwicklung komplett neuer, technisch revolutionärer Waffen birgt laut RAND große Risiken. Die Kosten sind nicht abschätzbar und ob die Entwicklung zum Erfolg führt, ist ebenfalls offen. Und schließlich dürfte der Gegner ebenfalls solche Waffen entwickeln, weshalb das Risiko besteht, dass der Gegner sie sogar vorher hat. Insgesamt wird die Erfolgswahrscheinlichkeit zwar als hoch eingeschätzt, aber auch die Risiken werden von RAND bei den meisten Maßnahmen als Mittel bis Hoch eingeschätzt.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

2 Gedanken zu „Welche Maßnahmen die USA gegen Russland planen: Teil 19 – Russlands Risikoeinschätzung manipulieren“

  1. Hier hat aber RAND etwas gründlich mißverstanden: Autonome Waffen wie Luft- und UW-Drohnen oder autonome Panzer reduzieren den menschlichen Blutzoll und machen Dauerkriege i.S. von Orwells „1984“ erst führbar. Im Bergkarabach-Konflikt haben wir gerade erst gesehen, daß Sultan Recep aus genau dieser Angst sich auch gescheut hat, die eigenen Leute zur Aserischen Unterstützung zu schicken. Stattdessen hat man auf eilig geworbene und noch eiliger ausgebildete Kurdische Jugendliche und junge Männer zurückgegriffen, eine Strategie, die uns aus dem 17./18. Jahrhundert nicht nur aus Preußen wohl bekannt ist (vgl. „Deutsche Beteiligung am Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg“, WP), und RAND sicher noch besser kennt – und diesen Einfluß auf die Kampfkraft beurteilen kann.

    Damit verlagert sich aber der eigentliche Konflikt zusehends von den Soldaten und ihrer militärischen Führung zur Entwicklungsfähigkeit von Sensoren und deren Hardware-Umgebung sowie der Software. Dazu braucht man auch kein tiefes Verständnis von Militärgütern, es reicht das Debakel von VW um die Halde der Elektroautos ID3 – wegen SW-Problemen. Hier sind die USA nicht mehr führend, sie müssen im Gegensatz aufpassen, nicht von Asien abgehängt zu werden. Und Rußland kann (und konnte – siehe den Wettlauf zu Mond, der auch durch innere Probleme verloren wurde) dort mithalten. Auch die im ganzen Westen grassierende Mißachtung von MINT-Fächern in der Bildung ist in Rußland nicht vorhanden, folglich steht dieses RAND-Argument auf sehr tönernen Füßen.

    Zu guter letzt nicht vergessen ist die allgemeine Zuverlässigkeit von Technik (Stichwort: „F-35 Lightning II“ und der lange Abschnitt „Technische Probleme“ in WP). Aber auch ein anderes Beispiel gehört hier hin: Die Entwicklung eines luftgekühlten (kein Einfrieren von Kühlwasser) Dieselmotors von KHD für den „Raupenschlepper Ost“ (WK II). Man hat hier zielgenau ‚Unwägbarkeiten‘ (Versorgung: Verfügbarkeit von Glycerin als Beimischung fürs Kühlwasser) und ‚Einsatzlage‘ (kalte Winter) zusammengeführt. Und die russischen Streitkräfte mit ihrer (nicht abwertend gemeinten) „Rumpel“technik wußten diese Zusammenhänge immer schon besser einzusetzen als der Westen.

  2. Diese Elektronische Abwehrwaffe ist sicherlich die stärkste, die Russland hat. Sollten autonome Panzer zum Einsatz kommen werden diese kurzerhand ausgeschaltet. Oder einfach übernommen, in dem der Sender der Amerikaner blockiert wird. Der Iran hat es eindrucksvoll bewiesen, als er eine Drohne übernommen hat. Der Einsatz gegen die Donald Cook hat mich schwer beeindruckt. Und dem Militär der Nato mit Sicherheit den Kakstift gehen lassen.
    Ich bin froh, dass Russland keine aggressiven Absichten hegt. Mit den technischen Möglichkeiten die die mittlerweile haben würde die Nato alt aussehen. Ich habe nur Angst, dass einige 4 Sterne Idioten das nicht begreifen und gegen Russland vorgehen wollen. Dann wird sich der Bär wehren und das wird nicht gut ausgehen.
    Der Westen schafft sich ab mit Jodeldiplomen und GaGa Gender. Wir tragen immer noch eine Arroganz zur Schau, die nicht im Geringsten berechtigt ist.

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