Kommentar: Ist die Einteilung in „links“ und „rechts“ noch zeitgemäß?

Die Menschen teilen sich politisch gerne in „links“ und „rechts“ ein. Das geht oft einher damit, dass sich die „Linken“ gerne für die „Guten“ halten und die „Rechten“ sich als Bewahrer von Traditionen sehen oder ähnlichen Pauschalbeurteilungen. Und natürlich sind sich beide Gruppen spinnefeind. Diese Einteilung mag in früheren Zeiten, als noch Könige und Fürsten herrschten und es eine echte Arbeiterklasse gab, durchaus angemessen sein. Aber wie sieht es heute aus?
 
Ich sage es ganz offen, ich halte diese Einteilung in „links“ und „rechts“ mindestens für überholt. In unserer Zeit mit ihren komplexen Problemen funktionieren solche Pauschalurteile nicht mehr.
 
Nehmen wir zum Beispiel die Wirtschaftspolitik. Da ist es doch eigentlich ganz einfach oder? Links ist, wer zumindest „mehr Staat“ oder am besten gleich Verstaatlichung von (bestimmten) Unternehmen oder Branchen fordert. Und natürlich ist das für alle, die sich hier nicht als „links“ bezeichnen ganz schlecht, denn die Geschichte von DDR und Sowjetunion hat ja gezeigt, dass dies nicht funktioniert hat. Dass der Kapitalismus auch nicht wirklich funktioniert, zeigt die auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich und die ungehemmte Zerstörung der Natur für wirtschaftliche Vorteile und Konzerngewinne.
 
Aber im Gegensatz zum Sozialismus sowjetischer Prägung ist der Kapitalismus (noch) nicht zusammengebrochen und so kann man jede Forderung nach mehr Staat mit dem Totschlagargument „Sozialismus“ abwürgen.
 
Das erste Kuriosum ist schon, dass jemand, der für die kompromisslose Freiheit der Märkte ist, sich nicht als „rechts“ bezeichnet. „Rechts“ ist nämlich nach heutigem Verständnis ganz böse, denn Hitler war ja rechts. Aber der Mainstream heute plädiert laufend für freien Handel, weniger staatliche Einmischung in die Wirtschaft und dafür, dass „die Märkte“ schon alles regeln werden. Und obwohl dies das Gegenteil der „linken“ Positionen ist, ist es eben nicht „rechts“, sondern „liberal“. Das klingt gleich viel besser, als „rechts“, denn „liberal“ bedeutet ja „frei“ und wer kann schon gegen „Freiheit“ sein?
Dabei geht es hier ja nur um die Freiheit der Wirtschaft, möglichst hohe Gewinne zu erwirtschaften. Mit der Freiheit der Menschen hat es erstmal nicht viel zu tun. Unter Pinochet herrschte eine sehr liberale Wirtschaft, aber die Menschen waren nicht frei in dem Land.
 
Und so werden schon die Begriffe so gesetzt, dass sie in unserem Unterbewusstsein etwas auslösen. „Liberal“ finden die meisten gut, auch wenn sie gar nicht so genau wissen, was sich dahinter verbirgt. „Rechts“ finden die meisten schlecht, weil die Nazis waren ja „rechts“. Und „links“, naja, die werden oft als etwas naive Spinner abgetan.
 
Auf diese Weise werden tatsächliche, offene Diskussionen von vornherein abgewürgt. Wenn nur einmal jemand auf die Tatsache hinweist, dass die Kriminalität unter Flüchtlingen nun einmal höher ist, als bei Deutschen, dann wird er als „rechts“ beschimpft, obwohl er nur eine Tatsache feststellt, die jeder aus der offiziellen Kriminalitätsstatistik ersehen kann. Aber wer sich einer Tatsache verschließt, weil sie angeblich „links“ oder „rechts“ ist, der ignoriert Probleme. Und ignorierte Probleme haben die schlechte Angewohnheit, zu wachsen und nicht etwa einfach zu verschwinden.
 
Und wenn jemand die sogenannte „Griechenland-Rettung“ als „Konjunkturprogramm für die Banken“ bezeichnet und mehr Kontrolle der Finanzmärkte fordert, dann ist er „links“ und will angeblich am liebsten wieder den Sozialismus einführen. Dabei hat auch er objektiv recht: Die über 200 Milliarden, die Griechenland angeblich bekommen hat, sind ja nicht in Griechenland geblieben, sondern sofort an die „Gläubiger“ überwiesen worden. Hier auch wieder eine Beeinflussung des Unterbewusstseins der Menschen: In Medien und Politik wird beim Thema Griechenland immer von den „Gläubigern“ gesprochen, aber wer sind denn diese Gläubiger? Die Banken, nur das wird in Presse und Politik so deutlich nicht formuliert.
 
Ein klassisches Beispiel ist Sarah Wagenknecht. Sie war sogar Mitglied der „kommunistischen Plattform“, also so richtig ganz doll links. Als sie im Zusammenhang mit der „Flüchtlingskrise“ plötzlich von den „Grenzen der Aufnahmefähigkeit“ Deutschlands sprach, da war die Presse richtig ratlos. Man kann einer „Linken“ ja nicht plötzlich vorwerfen, „rechts“ zu sein. Obwohl die AfD, die auch diese Meinung vertritt, natürlich ganz schrecklich „rechts“ ist.
 
Die Einteilung in „links“ und „rechts“ verhindert es auf diese Weise, dass man Themen ohne Scheuklappen diskutieren kann. Oder wie die Römer schon sagten: „Divide et impera“, „Teile und herrsche“. Solange die Menschen sich, wie derzeit in Chemnitz, bei Demos „links“ gegen „rechts“ gegenüberstehen, sind sie mit sich selbst beschäftigt. Und solange sie mit sich selbst beschäftigt sind, lassen sie die Regierenden in Ruhe. Sehr praktisch: Anstatt von der Regierung Veränderung zu fordern, hauen sie sich gegenseitig die Köpfe ein. Und zwar entlang der Grenze von „links“ und „rechts“.
 
Oder nehmen wir ein gesellschaftliches Thema, und ich weiß, dass mich nun auf ideologisch vermintes Gebiet begebe.
 
Sollen Homosexuelle die gleichen Rechte haben, wie Heterosexuelle? Auch hier geht die Spaltung entlang der Linie „links“ und „rechts“. „Links“ sagt, dass sie natürlich die gleichen Rechte haben sollen, „rechts“ redet von den „Werten der Familie“. Auch hier ist eine sachliche Diskussion kaum möglich.
 
Dabei wäre es doch ganz einfach: Was braucht eine Gesellschaft? Kinder. Wir hören immer vom „demografischen Wandel“, der uns zwingt, die Renten zu kürzen. Im Klartext bedeutet der „demografische Wandel“ nur eins: Wir brauchen mehr Kinder in Deutschland. Das wäre die richtige Diskussion.
 
Als in Deutschland die Steuerklassen eingeführt wurden, da förderte man damit die Familien steuerlich, weil es damals noch üblich war, dass Familien Kinder hatten, denn es gab kaum Verhütungsmethoden. Oder wie Adenauer es ausdrückte: „Kinder bekommen sie immer“. Das ist heute anders.
 
Eine Lösung wäre es, die Steuervorteile, die man heute nach Leistung zweier Unterschriften auf dem Standesamt bekommt, nur noch denen zu geben, die tatsächlich Kinder in ihrem Haushalt großziehen. Egal, ob eigene, adoptierte oder Pflegekinder. Und egal, ob verheiratet oder nicht. Denn es ist doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass eine alleinerziehende Mutter eine schlechtere Steuerklasse hat, als ein kinderloses Ehepaar.
 
Und schon wäre auch der Streit um die Homoehe gelöst: wenn Homosexuelle Kinder großziehen, hätten sie die gleichen Vorteile, wie heterosexuelle Paare, die Kinder großziehen.
 
Nun mögen Sie eine andere Lösung besser finden, als die, die ich aufzeige. Aber mir geht es darum, dass man Themen ohne ideologische Scheuklappen diskutiert. Vorurteilsfrei und ohne die Einteilung in „links“ und „rechts“. Denn dabei übersieht man die eigentlich großen Probleme sehr leicht. Anstatt das gesellschaftliche Problem der geringen Geburtenrate in Deutschland und der Benachteiligung von Alleinerziehenden in die Schlagzeilen zu holen, geht es in den Schlagzeilen um Rechte für Homosexuelle. Dabei könnte man beides in einem Abwasch lösen. Und als „Abfallprodukt“ könnte man für viele Kinder, die bei Alleinerziehenden oder Paaren ohne Trauschein aufwachsen, finanzielle Vorteile herausholen.
 
Zurück zu meiner These, dass die Einteilung in „links“ und „rechts“ nicht mehr funktioniert, ein Beispiel: Wenn ein Mensch für freie Märkte ist (also ein „Rechter“, oder wie man es beim Thema Wirtschaft lieber nennt, ein „Liberaler“ ist), außerdem dem Thema Flüchtlinge kritisch gegenüber steht (ebenfalls „rechts“), aber andererseits für Feminismus und Homosexuellenrechte (zwei traditionell „linke“ Positionen) eintritt, ist dieser Mensch dann links oder rechts?
 
Die Einteilung der Menschen in „links“ und „rechts“ entstand im 19. Jahrhundert, als die Fürsten alles beim Alten lassen wollten und die Bauern und Arbeiter für ihre Rechte zu kämpfen begannen. Da war es noch einfach, die Menschen in „links“ und „rechts“ einzuteilen, es gab klar sichtbare Klassen in der Gesellschaft. Heute sind die Klassen unsichtbar geworden und die Probleme komplexer. Die alten pauschalen Einteilungen funktionieren nicht mehr.
 
Aber trotzdem werden die alten Kampfbegriffe von „Linker“ und „Rechter“ noch erfolgreich genutzt, um sachliche Diskussionen über bestehende Probleme im Keim zu ersticken.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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