Giftanschlag auf Navalny?

Die deutschen Medien berichteten gestern, dass Navalny im Gefängnis angeblich vergiftet worden sei. Was ist darüber bekannt?

Navalny, der derzeit 30 Tage Ordnungshaft wegen Aufrufs zu einer nicht genehmigten Demonstration absitzt, soll im Gefängnis vergiftet worden sein. Im Spiegel konnten wir am Montag lesen:

„Beobachter vermuten schlicht, Nawalny sei von Bettwanzen gebissen worden und habe darauf eine allergische Reaktion entwickelt. Politische Wegbegleiter hingegen befürchten, die Beschwerden könnten Folge einer Vergiftung sein. Kein allzu weit hergeholter Verdacht, kamen doch schon andere Oppositionspolitiker in Russland gewaltsam zu Tode (…) „Er wurde wirklich mit einer unbekannten chemischen Substanz vergiftet“, sagte Nawalnys Anwältin Olga Michailowa vor Journalisten.“

Das klingt dramatisch und sofort wird eine Verbindung zu Nemzow hergestellt. Dass Nemzow ein Politiker war, der in Russland keinerlei nennenswerte Anhängerschaft hatte und dass sein Tod für die russische Regierung wesentlich unangenehmer war, als ein lebendiger Nemzow, wird verschwiegen. Nemzow war in den 1990er Jahren Regierungsmitglied unter Jelzin, ist dabei zum Multimillionär geworden und danach genauso, wie seine alten Kollegen von der Partei „Rechte Kräfte“ in der Versenkung verschwunden. Seine Popularität reichte nur noch aus, um im Parlament der kleinen Stadt Jaroslawl einen Sitz zu ergattern. Er hatte keinerlei politische Bedeutung mehr, erst durch seinen Tod gelangte er nach 15 Jahren mal wieder in die großen Schlagzeilen.

Navalny war am Sonntag ins Krankenhaus gekommen, weil er einen Hautausschlag und eine starke allergische Reaktion hatte. Am Montag kamen dann die Meldungen über eine angebliche Vergiftung. Heute klingt das im Spiegel schon weniger dramatisch:

„Nawalny war zuletzt wegen eines angeblichen Allergieschocks in einem Krankenhaus behandelt worden. Er gehe davon aus, dass eine unbekannte Person eine giftige Substanz in seine Zelle gebracht hatte, schrieb er nach seiner Rückkehr ins Gefängnis in einem Blogbeitrag. Er gab an, noch nie zuvor an einer Allergie gelitten zu haben. (…) Er glaube jedoch nicht, dass Gefängniswärter damit zu tun haben. „Sie waren sehr schockiert, wie ich aussehe – sogar noch mehr als ich“, schrieb er. Nawalny will nun die Bilder der Kameraüberwachung aus seiner Zelle sehen, um weitere Erkenntnisse zu bekommen. „Wenn irgendwelche Leute in die Zelle gekommen sind, stärkt es die Vergiftungsversion. Wenn nicht, dann erhöht es die Wahrscheinlichkeit, dass das ein einzigartiger medizinischer Fall ist“, schrieb Nawalny (…) Nach der Einnahme von Medikamenten und einer Infusion gehe es ihm schon besser, schrieb er. „Jetzt sehe ich nur noch wie einer aus, der eine Woche lang durchgetrunken hat.““

Hier hat der Spiegel also aus einem Hautausschlag, der nach Einnahme von Medikamenten in 24 Stunden weitgehend verschwunden ist, einen dramatischen anti-russischen Vorwurf konstruiert, nämlich einen möglichen Giftanschlag auf einen Oppositionellen. Wenn der Staat Navalny vergiften wollte, hätte er es längst getan. Aber man wäre doch nicht so blöd, es in einem Gefängnis zu tun, wo alles videoüberwacht ist. Und ja, die Videoaufnahmen würden vor Gericht zur Verfügung stehen, Navalny darf sie jetzt ja auch einsehen.

Mal abwarten, ob und was wir davon noch hören.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Gedanken zu „Giftanschlag auf Navalny?“

  1. Auffällig ist auch, daß die Nemzow-Geschichte immer – und medienübergreifend identisch – mit denselben irrelevanten Floskeln wieder aufgerührt wird: „An der Kremlmauer ermordet…“ „In Sichtweite des Kreml…“ etc. pp. Als wenn das irgendeine Relevanz hätte! Von Scharfschützen auf der Kremlmauer wurde er jedenfalls nicht getötet.

    Man stelle sich vor, in Sichtweite des Kanzleramtes geschähe ein Mord – wäre dann Angela Merkel verantwortlich?

  2. Lieber Thomas, wird es dir beim Schreiben und Recherchieren der Fake-News und antirussischen Propaganda nicht irgendwann zuviel und kotzübel? Ich lese zuerst deine Blogs und dann den Spiegel. Das ist super, denn dann kann jeder interssierte direkt und zeitnah vergleichen was für einen Dreck die deutschen Qualitätsmedien und TV-Sender täglich hier abliefern. Danke, dass du diese Arbeit machst. Es schein so, dass du damit ziemlich ausgelastet bist diesen Müll zu trennen . Chapeu Thomas.

  3. Lieber Thomas, erst einmal möchte ich Dir danken für die wirklich guten Interviews mit Robert Stein. Nun zu meinem Bild von Russland. Ich habe schon lange eh hier viel über Russland gesprochen wurde gelesen bzw. Filme oder Musik angehört. Gute Reportagen von Gerd Ruge. Klaus Bednarz und Fritz Pleitgen gesehen, und das hat mich immer ziemlich auf gewühlt. Ich wurde immer belächelt, aber ich habe mich nicht beirren lassen, denn beide Länder haben eine gemeinsame tragische Geschichte.
    Mich hat auch immer die russische Musik gefesselt, diese Schwere in der Musik und doch was ganz unheimlich Schönes, aber dazu muss man noch ein Empfinden haben.
    Ich habe das Buch von Gorbatschow – Der Generalsekretär und Perestroika – Thomas Bender – Freiheit statt Demokratie, Hubert Seipel, Krone Schmalz, Oliver Stone Stone – Die Putin Interviews – ach, Herr Röper, die Antworten von Herrn Putin waren so umfassend, wie ich es noch von keinem Politiker in Deutschland erlebt habe.
    Nun habe ich mir heute Ihr Buch – Wladimir Putin – bestellt und kann es mir morgen abholen, ich bin schon ganz gespannt darauf. Ich finde ihre Argumentation immer sehr richtig, man muss nicht alles gut finden, aber man sollte sich die Argumente anhören und darüber nach denken, ganz nach dem Motto von Frau Krone-Schmalz – Russland verstehen heißt sich in die Lage des anderen hinein versetzen. Das ist mein Motto. Ich lass mich von keinem verbiegen, sicherlich muss ich etwas auf der Hut sein, denn ich bin schon zwei Mal auf FB gesperrt worden, weil ich nicht systemfreu geschrieben habe. Wer weiß wo das noch alles hin führt.
    Ich werde ihre Kommentare weiter verfolgen. Bleiben Sie gesund seien sie vorsichtig, was diesen verlogenen „Wertewwesten“ angeht. Herzlichen Gruß Rita M.

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