So sterben Klischees – WHO-Studie: Die Russen trinken weniger Alkohol, als die Deutschen

Mit Russland wird immer noch der Wodka-Konsum in Verbindung gebracht und wenn ich dann erzähle, dass ich kaum jemanden kenne, der Wodka trinkt, glaubt mir das kaum jemand in Deutschland.

Ich kenne Russland seit 1991 und ja: Früher wurde sehr viel getrunken! Aber das ist lange her.

In den 1990er Jahren war Russland arm, das Geld der Menschen reichte kaum zum Überleben und auch Unterhaltung gab es kaum, bestenfalls Kinos. Die Russen hatten kaum etwas anderes, als mit dem bisschen, was sie hatten, eine Party zu organisieren und der Standard-Spruch war: „Eine Flasche Wodka ist zu viel, zwei sind ok, drei sind zu wenig.“

Das bedeutete, dass, wenn man erst einmal angefangen hatte, zu feiern und zu trinken, man kaum mehr aufhören konnte. Aber die Zeiten sind vorbei.

Nachdem Putin an die Macht gekommen ist, hat er Russland umgekrempelt. Schon 2006 hatte das Land seine Auslandsschulden bezahlt, die Menschen, die vor wenigen Jahren kaum genug Geld für Lebensmittel hatten, verdienten plötzlich genug, um die Strände in den Urlaubsländern der Welt zu erobern.

Natürlich wirkte sich das auch auf den Alkoholkonsum aus. Wenn man ein vernünftiges Gehalt bekommt, will man den Job nicht verlieren. In den 1990ern war es den meisten egal, ob sie gefeuert werden. Die Gehälter waren gering, wurden oft auch noch monatelang nicht bezahlt und zu den Bedingungen fand man immer einen neuen Job. Die Fluktuation war in Firmen war riesig, weil die Leute oft lieber ausgiebig feierten, um sich vom tristen Leben abzulenken, als für 150 Dollar Monatsgehalt wie die Pferde zu arbeiten.

Aber inzwischen ist das anders. Die Menschen haben Vertrauen in die Zukunft, glauben an Karriere und Zukunft, nehmen Hypotheken auf und haben einen Anreiz, ihre Arbeit ernst zu nehmen. Russland hat den Wohlstand der meisten europäischen Länder längst erreicht oder überflügelt. Wer dabei nur die Gehälter vergleicht, geht am Ziel vorbei, denn in Russland sind die Steuern und monatlichen Fixkosten viel niedriger, als zum Beispiel in Deutschland. Wer in Deutschland 3.000 Euro brutto verdient, hat nach Abzug von Steuern und Fixkosten weniger Kaufkraft zum Leben, wie ein Russe, der 1.000 Euro verdient.

Aber ich schweife ab.

Die WHO hat eine Studie herausgebracht und festgestellt, dass die Russen inzwischen weniger Alkohol trinken, als die Deutschen. 2003 tranken die Russen noch 20,4 Liter reinen Alkohol im Jahr, 2016 waren es nur noch 11,7 Liter. Zum Vergleich: Die Deutschen tranken 2016 13,4 Liter pro Jahr.

Und auch die Lebenserwartung in Russland steigt rasant an. Vor 30 Jahren lag die Lebenserwartung von Männern bei kaum 60 Jahren. Die Mischung aus zu viel Alkohol und schlechter medizinischer Versorgung sorgte für diese schlechten Zahlen. Heute liegt die Lebenserwartung bei Männern bei über 68 Jahren, bei Frauen bei 78 Jahren. Immer noch weniger, als in den meisten europäischen Ländern, aber die Zahlen werden jedes Jahr spürbar besser.

Die WHO gibt nun bekannt, dass Russland die Trendwende geschafft hat. Sie berichtet zwar nur vom massiv gesunkenen Alkoholkonsum als Grund für die steigende Lebenserwartung, aber das ist zu kurz gegriffen. Natürlich spielt der geringere Alkoholkonsum eine wichtige Rolle und die Regierung hat viel getan, den Alkoholkonsum zu senken. Die Alkoholsteuer wird konsequent eingetrieben (in den 1990ern undenkbar) und der Verkauf von Alkohol ist Nachts verboten. Wer nicht genug für die Party gekauft hat, hat eben Pech. Nachkaufen „an der Tanke“ ist praktisch unmöglich. Einzige Ausnahme: Man kennt den Inhaber eines kleinen „Tante-Emma-Ladens“ gut genug, sodass er doch nachts mal ein Auge zudrückt.

Aber dass diese Maßnahmen überhaupt greifen, liegt daran, dass Putin den Staat so weit in Ordnung gebracht hat, dass Gesetze wieder gelten und befolgt werden. Als er Präsident wurde und davon sprach, es müsse eine „Diktatur der Gesetze“ her, wurde er belächelt. Dabei meinte er nur, dass Gesetze endlich wieder befolgt werden müssten. Das war in den 1990ern nicht der Fall. Die gleichen Maßnahmen hätten damals keinerlei Effekt gehabt. Kontrolleure, die nachts das Verkaufsverbot kontrollieren, wären in den 1990er Jahren mit einer Flasche Vodka für zwei Euro dazu gebracht worden, wegzusehen. Das ist heute undenkbar geworden.

Erst der wachsende Wohlstand ab dem Jahr 2000 brachte die Kombination aus positiven Effekten. Die Menschen planen wieder die Zukunft, sie nehmen ihre Arbeit ernst, sie verdienen genug, um sich Auto und Urlaub um Ausland leisten zu können, sie riskieren ihren Job nicht mehr wegen ein paar Euro Schmiergeld. Die Menschen wissen, was sie haben und wollen es nicht verlieren.

Und mit dem Geld, dass der Staat nun hat, hat er auch die medizinische Versorgung verbessert. Krankenhäuser sind inzwischen modern ausgestattet, natürlich ist es in den großen Städten besser, als in der Provinz, wo noch sehr viel zu tun ist. Aber es wird viel getan, die wachsende Lebenserwartung ist auch und gerade ein Ergebnis der besseren medizinischen Versorgung, die von der WHO-Studie gar nicht berücksichtigt wurde, weil sie nur den Alkoholkonsum analysiert hat.

Krebs war noch vor 20 Jahren ein Todesurteil in Russland, es gab nicht einmal Medikamente gegen Krebs. Heute kenne ich viele Freunde, die den Krebs besiegt haben. All diese Dinge führen eben zu einer Erhöhung der Lebenserwartung.

Die gute medizinische Versorgung führt sogar schon zu Medizin-Tourismus. So gibt es in Russland unglaublich viele moderne und private kleine Zahnkliniken, wo man sich für ein paar Hundert Euro Implantate einsetzen lassen kann. Da kostet eine Woche Urlaub inklusive Zahnarztbesuch weitaus weniger, als alleine die Zuzahlung in Deutschland kosten würde.

Und noch ein Wort zum Wodka: Nein, die Russen trinken kaum noch Wodka, die Russen lieben Bier! In russischen Supermärkten gibt es eine so große Auswahl an verschiedenen Bieren, dass die Regale mit Bier schon mal weit über zehn Meter lang sind. Und davon gibt es oft auch noch mehrere Regale. Die Auswahl ist in einem russischen Supermarkt oft größer, als in den meisten deutschen Getränkemärkten.

Das gleiche gilt für Wein.

Und auch im Nachtleben spielt Wodka keine Rolle, die Russen trinken, wenn es etwas härteres als Bier oder Wein sein soll, eher Mixgetränke wie Rum-Cola oder Whiskey-Cola.

Aber Klischees sind eben hartnäckig.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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