In Russland wurden angeblich „linke Aktivisten“ gefoltert – Wie in Russland darüber berichtet wird

Letzte Woche gab es Berichte über angebliche Folter in Russland. Am Sonntag hat das russische Fernsehen über den Fall der Gruppe „Netz“ berichtet.

Ich habe letzte Woche über Berichte geschrieben, die auch in Deutschland erschienen sind, in denen es hieß, in Russland seien harmlose linke Aktivisten gefoltert und mit erpressten Geständnissen zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Wie ich schon dargestellt habe, gibt es für die Vorwürfe keinerlei Bestätigung und die Berichte lassen sich alle zu einer einzigen Quelle zurückverfolgen. Die Details finden Sie hier.

Nun hat auch das russische Fernsehen die Berichte aufgegriffen und darüber berichtet. In der Sendung „Nachrichten der Woche“ wurde am Sonntag ausführlich über die Gruppe berichtet, die sich „Netz“ nennt und der vorgeworfen wird, in Russland Terroranschläge geplant zu haben. Der Bericht ist vor allem deshalb interessant, weil dort auch Videos der Gruppe gezeigt werden, wie sie paramilitärische Übungen mit scharfen Waffen abgehalten hat, was die Gruppe auch nicht bestreitet. Der Bericht des russischen Fernsehens ist – wenn man meine Übersetzung dazu liest – auch ohne Russischnkenntnisse verständlich.

Beginn der Übersetzung:

Das ausländische Online-Portal Meduza hat eine eigene Untersuchung des sogenannten „Netz“-Falls veröffentlicht. „Netz“ ist eine paramilitärische, anarchistische Jugendorganisation, die ihre Kämpfer für politisch motivierte, bewaffnete Angriffe ausgebildet hat. Das Gericht hat langjährige Haftstrafen verhängt.

Ausgerechnet die Meduza-Untersuchung hat bestätigt, dass die Linken und Anarchisten mit Drogen gehandelt haben und auch Komplizen getötet haben, weil sie befürchteten, dass sie Informationen durchsickern lassen könnten. Die Geschichte ist unheimlich. Es spielen zwei Leichen, mindestens zwei Selbstmordversuche, viel Wildheit und Ignoranz mit.

Nun versuchen Menschenrechtsaktivisten, die Ergebnisse der Ermittlungen und sogar das Urteil des Gerichts in Frage zu stellen. Doch Meduza selbst gibt im Vorgriff auf ihre Veröffentlichung zu: „Wir sind uns bewusst, dass dies ein schwerer Schlag für alle ist, die die Angeklagten in dem Fall unterstützen. Auch für ihre Freunde und Verwandten. Viele Fakten sind immer noch schwer vorstellbar, aber wir als Journalisten haben nicht das Recht, solche wichtigen Informationen zu verheimlichen.“

Was die Gerichtsverfahren betrifft, so werden sie gegen die anderen Angeklagten im Fall „Netz“ fortgesetzt. Natürlich sollte die Untersuchung gewissenhaft und fehlerfrei durchgeführt werden. Das ist eine absolute Forderung des Gesetzes und der Gesellschaft. Gleichzeitig ist es jedoch unmöglich, bewaffneten Gruppen zu erlauben, ungestraft in Russland zu operieren.

Der Korrespondent des unseres Programms „Polizeiwache“ traf sich mit den bereits verurteilten Angeklagten.

Auf diesen Aufnahmen der Angeklagten im hochkarätigen Fall der terroristischen Vereinigung „Netz“ sieht man, wie sie sich ausgebildet haben. Nicht weit von der Stadt Penza üben sie schießen mit scharfen Waffen. Sie stürmen das Gebäude und werfen Molotowcocktails. Die Angeklagten nannten es eine einfache Paintball-Trainingseinheit, ein Spiel, ähnlich wie Cowboy und Indianer, in dem zwei Teams sich gegenseitig mit Plastikbällen beschießen.

„Kein Paintball-Club arbeitet jemals mit Sprengstoffen und brennbaren Substanzen. Vor allem nicht ohne Feuerwehrausrüstung.“, sagte Sicherheitsexperte Petr Fefelov.

Auf den Aufnahmen, die die Angeklagten des Falles selbst gefilmt haben sind ganz und gar keine Spielzeugschlachten zu sehen. Ilja Schakurski ist einer der Organisatoren der verbotenen Terrorgruppe „Netz“ in Russland. Journalisten befragten ihn nach dem Urteil: „Ich bin mit den Anklagepunkten nicht einverstanden“, sagte er.

Ilja Schakurski ist in den Videos zu sehen. Er brüllt Parolen über Straßenterror. Nach Angaben der Ermittler zündet er eine Stele mit der Aufschrift „Freiheit oder Tod“ am Eingang seines Heimatdorfes Mokshan an.

In den Wohnungen der Angeklagten wurde anarchistisches Material und das sogenannte Manifest des „Netzes“ gefunden. Darunter sind auch konkrete Pläne der Gruppe über individuellen Terror und die Tötung von Regierungsbeamten. Sie wollten 2018 bei den Präsidentschaftswahlen oder der Fußball-WM zuschlagen.

„Zuallererst sind die Szenarien zu erarbeiten (schnelles Eindringen in Gebäude, schnelle Säuberung, Geiseln nehmen, sie fesseln und durchsuchen, etc.). Zweitens werden wir Szenarien für den Bürgerkrieg und unsere Taktik in den Städten erarbeiten“, heißt es in einem Dokument des „Netzes“.

„Sie wollten Menschen töten, nicht nur Vertreter der Regierung. Es ging um Menschen, deren Tod einen öffentlichen Aufschrei hätte auslösen können“, sagte Jewgeni Putschkow, stellvertretender Vorsitzender der Öffentlichen Beobachtungskommission der Region Penza.

In den Wohnungen der Kämpfer des „Netzes“ wurde ein Arsenal registrierter und illegaler Waffen beschlagnahmt.

„Zwei F-1-Granaten wurden in Ptschelinzevs Auto gefunden. Bei Schakurski wurde eine Pistole mit Munition und ein improvisierter Sprengsatz gefunden. Und beim verurteilten Kuksov wurde eine Pistole mit Munition gefunden“, sagte Sergej Semerenko, Staatsanwalt der Region Penza.

Nach Angaben der Ermittler umfasste das „Netz“ auch Zellen, die in St. Petersburg organisiert waren. Dort läuft jetzt ein Prozess gegen Mitglieder der Gruppe. Zunächst legten die Angeklagten Geständnisse ab. Hier spricht der zweite Organisator der terroristischen Gruppe, Dmitri Ptschelinzev, über die Pläne der Gruppe. Er gab zu, dass die Gruppe Bombenanschläge und Terroranschläge plante.

Doch schon bald schalteten sich Moskauer Menschenrechtsaktivisten, darunter Lew Ponomarew, ein. Er hat bereits Erfahrung in der Verteidigung von Terroristen, er hat Mitglieder der Hizb ut-Tahrir al-Islami Bewegung verteidigt (Anm. d. Übers.: Das ist eine der Terrorgruppen, die in Syrien kämpft). Wir haben Ponomarev telefonisch kontaktiert. Aber er wollte die Aktionen der Terroristen vom „Netz“ nicht kommentieren.

Nach Gesprächen mit den Moskauer Menschenrechtlern haben die Angeklagten mehrmals ihre Aussage geändert, ihre Geständnisse zurückgezogen und erklärten dann, sie seien gefoltert worden. Vertreter der öffentlichen Beobachtungskommission der Region Penza begaben sich in das Untersuchungsgefängnis. Die Angeklagten sagten ihnen, dass sie nur Aufmerksamkeit erzeugen wollten. Gleichzeitig leitete die Dienstaufsicht eine Untersuchung ein.

„Jeder Hinweis auf angeblich illegale Methoden der Inhaftierung, auf illegale Erlangungen von Beweismitteln durch FSB-Offiziere, auf Anwendung körperlicher und psychischer Gewalt durch Beamte wird im Rahmen von Voruntersuchungskontrollen umfassend untersucht und bewertet. Die angeführten Vorwürfe wurden nicht bestätigt“, sagte Swetlana Petrenko, Sprecherin der Dienstaufsicht der Russischen Föderation.

Später tauchte ein Video auf, in dem Dmitri Ptschelinzev, allein in seiner Zelle, den Klodeckel zerbrach und versuchte, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Er wurde zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Ilja Schakurski zu 16 Jahren. Der Rest erhielt kürzere Haftstrafen von bis zu 6 Jahren. Schakurskis erster Anwalt, Michail Grigorjan, ist sich sicher, dass die Moskauer Menschenrechtsaktivisten dem Angeklagten einen Bärendienst geliefert haben, indem die Verteidigungslinie gebrochen und die Angeklagten überredet haben, ihre Aussage zurückzuziehen. Aufgrund der Geständnisse hätten sie eine kürzere Haftstrafe erhalten.

„Die Rücknahme des Geständnisses hat mich auch deshalb überrascht, weil sie mir das Mandat zugunsten der Organisation entzogen haben. Die verkündete, dass die Jungs unschuldig sind und gefoltert wurden. Es gibt keine Beweise für Folter. Es tut mir leid für Ilja Schakurski. In einem Jahr ist der Fall vergessen, aber seine Mutter wird mit ihrem Leid alleine sein“, sagte Michail Grigorjan.

Einige Menschenrechtsaktivisten meinten gar, dass sie unschuldig verurteilt worden seien. Sie hätten ja niemanden getötet.

„Nicht erst die Ausführung eines Terroranschlages oder Mordes ist ein Verbrechen. Sie wurden aufgrund der Artikel 33 und 30 verurteilt. Das ist die Vorbereitung und Planung von Verbrechen. Sie haben Terroranschläge geplant“, erklärte Wladimir Kalinitschenko, ein ehemaliger Ermittler für besonders wichtige Fällen der Generalstaatsanwalt der UdSSR.

„In den Vereinigten Staaten zum Beispiel wurde ein Mann, der in sozialen Medien geschrieben hat, dass er angeblich Barack Obama töten wollte, ohne Federlesen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. In Großbritannien erhielt ein Schüler, der im Internet schrieb, dass er Terroranschläge vorbereitete, eine lebenslange Haftstrafe“, sagte Armen Gasparyan, Kolumnist bei Russia Today.

Später stellte sich heraus, dass die Verurteilten in einen Doppelmord verwickelt sein könnten. Das hat das Portal Meduza geschrieben. Zuvor hatte es die Position der Moskauer Menschenrechtler unterstützt. Die Quelle der Journalisten ist ein Mitglied des „Netzes“, Alexej Poltawets, der in die Ukraine geflohen ist. Er sagte, dass einer der Organisatoren der Gruppe – Dmitri Ptschelinzev, der sich in der Haftanstalt die Pulsadern aufschneiden wollte – angeblich den Befehl gegeben haben soll, zwei Zeugen ihrer Verbrechen zu beseitigen: Artem Dorofeev und Jekaterina Levtschenko. Sie wurden vermutlich vom bereits verurteilten Maxim Ivankin erschossen.

„Ivankin tötete und vergrub Jekaterina nicht mehr als hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem Artems Leiche gefunden wurde, sagte Poltavets. Er sagt, er habe den genauen Ort des Mordes nicht gesehen. Laut Poltavts wurde Artem zuerst aus einem 12-kalibrigen Saiga-Gewehr ins Gesicht geschossen. Er blieb am Leben und dann wurde seine Halsschlagader aufgeschnitten“, schreibt Meduza.

Nach einer Version mietete das ermordete Paar eine Wohnung zusammen mit den Mitgliedern der Gruppe, nach einer anderen Version haben sie zusammen mit der Gruppe mit Drogen gehandelt. Dass es drei Drogenhändler unter den Verurteilten im Fall „Netz“ gibt, bestreitet niemand. Sie hatten Drogenverstecke. Fotos davon wurden auf ihren Handys gespeichert. Die Verdächtigen führten die Ermittler selbst zu den Verstecken. Nun werden aller Wahrscheinlichkeit nach die Informationen über den Mord von Ermittlern überprüft. Unterdessen legten die verurteilte Mitglieder der terroristischen Vereinigung Berufung gegen die Urteile ein.

In dem Fall wurden zahlreiche Beweismittel beschlagnahmt. Hier ist ein Karabiner vom Typ „Vepr“ und eine Pumpgun. Ein weiteres „Saiga“-Gewehr und ein weiteres „Vepr“. Ein Container mit Aluminiumpulver, das zur die Herstellung von Sprengstoffen dient. Hier sind Computer mit anarchistischem Material. Und hier Granaten und Makarov Pistolen. Alles ist versiegelt und wird so bis zur endgültigen Entscheidung des Berufungsgerichts aufbewahrt. (Anm. d. Übers.: Der Korrespondent filmt hier die Beweise in der Asservatenkammer)

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Antworten

  1. Alles Propaganda dieses homophoben, diktatorischen, totalitären, aggressiven „Putin-Regimes“.
    Derartig edle Kämpfer für „Freiheit“ und „Menschenrechte“ braucht der „Westen“ doch so dringend, die einfach dauerhaft wegzusperren, ist schlicht und einfach eine „Gemeinheit“ dieses „russischen Zaren“.
    Deshalb „Kein Frieden mit Russland!“ Niemals nicht!

    1. Sie haben noch vergessen zu erwähnen, dass man das Lager einer Autowerkstatt dann noch als Asservatenkammer präsentierte. Wer sich auskennt sieht da genau ein altes Ölfass und Katalysatoren, mit Folie umwickelt um als angebliche Waffen und Sprengstoff herzuhalten…

  2. Für mich ist auffallend bei den Terroristen, der massive Dilettantismus beim Umgang mit den Waffen.
    Einer muss erstmal zurück in den Wald, nachdem er den Molli geworfen hat, um seine Waffe wieder zu holen…
    Es sieht für mich aus, als wenn Jugendliche vom Dorfe (bitte nicht persönlich nehmen, wenn Dörfler dies lesen!) sich nicht genug beachtet und bestätigt fühlen, dann versuchen ihr Ego aufzuhübschen.
    Manche machen dies mit aufgemotzten Autos und manche halt mit Waffen. In Städten überwiegt das aufmotzen von Autos, an Ermangelung von schußfreiem Gelände.
    Und die hätten auch sicher weiterhin in „ihrer Welt“ bleiben können, wenn sie nicht die Morde begangen hätten und somit in den Fokus von Ermittlungen des Staates gerückt wären.
    Das Vorgehen des Staates ist somit nicht nur gerechtfertigt.
    Dass die Höhe der Haftstrafen hier nur auf Grund der zurückgezogenen Geständnisse so massiv ausfielen, zeigt der Bericht dann auch recht gut.

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