Politik der Nadelstiche

Litauen schließt de facto die Grenze für LKW aus Russland und Weißrussland

Litauen ist bei der anti-russischen Politik eines der Ton angebenden Länder in der EU und es ist auch in der ersten Reihe beim Kampf gegen den weißrussischen Präsidenten dabei. Nun probt es die nächste Provokation.

Die EU-Sanktionen, die Litauen und andere Länder gegen Weißrussland gefordert und durchgesetzt haben, kommen als Bumerang zu Litauen zurück. Das kleine Land hat einen großen Hafen, der für das Land bis vor wenigen Wochen ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor war.

Für Weißrussland ist der Export von Benzin in die EU Benzin ein wichtiger Teil seiner Wirtschaft, das Öl dafür kommt aus Russland. Bisher wurde dieses Benzin über den litauischen Hafen Klaipeda in die EU exportiert, aber nach den fortwährenden Provokationen und Sanktionsdrohungen aus Litauen gegen Weißrussland haben Minsk und Moskau innerhalb kürzester Zeit eine Alternative gefunden. Nun wird das weißrussische Benzin mit der Bahn nicht mehr nach Klaipeda gebracht, sondern zu einem Hafen in der Nähe des russischen St. Petersburg und von dort in die EU verschifft. Ich habe über das Vorhaben schon mal in einem anderen Zusammenhang berichtet, den Artikel finden Sie hier.

Für Litauen ist das eine wirtschaftliche Katastrophe, denn der Transport von Benzin aus Weißrussland war für den Hafen lebenswichtig. Der Hafen von Klaipeda ist noch aus Sowjetzeiten und war darauf ausgelegt, den Handel mit dem sowjetischen Hinterland abzuwickeln. Weil Litauen sich aber immer aggressiver gegen Russland und Weißrussland stellt und auch den Handel immer weiter einschränkt, gibt es dieses Hinterland nicht mehr und für das kleine Litauen allein ist der Hafen völlig überdimensoniert. Das wäre so, als wenn Hamburg mit seinem riesigen Hafen nur noch sich selbst versorgen würde und nicht große Teile Europas.

Litauen hat aber aus dem Fehler nichts gelernt und nun meldet Litauen ein Computerproblem beim Zoll und verweigert de facto die Abfertigung von LKW, die aus Russland und Weißrussland kommen. Dass auch die sich Alternativrouten suchen könnten, scheint man in Litauen nicht zu bedenken, aber wenn das passiert kann Litauen den Hafen, einen der wichtigsten Wirtschaftsstandorte des Landes, praktisch schließen.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in der Sendung „Nachrichten der Woche“ über die Situation an den Grenzübergängen berichtet und ich habe den Bericht des russischen Fernsehens übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

An der Grenze von Litauen zu Russland und Weißrussland haben sich Kilometer lange Staus von Lastwagen gebildet. Hunderte Lastwagen mit Waren stecken fest. Die Wirtschaft erleidet Verluste, aber litauische Grenzschutzbeamte schieben die Schuld auf einen Fehler im Computersystem, den sie nicht beheben können.

Aber wie der Zufall es will, kommt das nur ein paar Wochen nachdem Russland begonnen hat, weißrussische Fracht unter Umgehung des litauischen Hafens Klaipeda über den russischen Hafen Ust-Luga zu verschicken. Litauen hat wegen seiner Sturheit enorme Summen verloren. Und jetzt sehen Staus an der Grenze Litauens wie eine Antwort darauf aus. Es scheint ohnmächtige Wut zu sein. Aber das ist ein Fehler, denn wenn das so weitergeht, werden sich andere Routen finden lassen. Von den Grenzen berichten unsere Korrespondentinnen.

Statt brüllender Motoren hört man nur das Pfeifen der Teekanne. Als Tisch fungiert der Fuß des Anhängers. Juri hat noch Eier in seinem Mini-Kühlschrank, aber die meisten Fahrer haben nur Essen dabei, das nicht verdirbt. Mit einer Bewegung verwandelt sich die Kabine des LKW aus einer Küche in ein Schlafzimmer.

Etwa 2.000 Lastwagen warten darauf, Weißrussland nach Litauen zu verlassen. Allein an diesem Kontrollpunkt erstreckt sich die Warteschlange über 17 Kilometer. Verluste machen alle: die Autonummern sind weißrussisch, russisch, ukrainisch, kasachisch und litauisch – sie halten auch ihre eigenen Fahrer auf.

Vor dem Zoll stehen sie bereits in drei Reihen: Weißrussische Grenzschützer lassen Lastwagen ohne Güter durch einen separaten Korridor passieren. Theoretisch ist es auch für die Litauer einfacher, leere LKW abzufertigen, aber die Geschwindigkeit ihrer Arbeit ist um mindestens die Hälfte gesunken.

In der Halle des weißrussischen Zolls gibt es keinen Hauch von Warteschlange: Die Dokumente auszufüllen und die Inspektion dauern maximal eine halbe Stunde. Aber dann wieder das quälende Warten. Das gesamte Gebiet des Checkpoints ist jetzt ein Parkplatz für LKW, vor denen die Litauer einfach nur die Schranke öffnen müssten.

Die Staatsgrenze von Weißrussland. Hier beginnt der neutrale Streifen. Zum Kontrollpunkt Medininkai sind es noch 200 Meter. Die ganze Brücke ist voll mit mit Lastwagen, die bereits die Grenze passiert haben. Nach der Registrierung warten die Fahrer noch 7 bis 8 Stunden.

Sieben Lastwagen können pro Stunde nach Litauen fahren. Normalerweise sind es bis zu 500 pro Tag. Nur Muldenkipper und Traktoren sind hier unterwegs: Die Litauer haben auch noch eine Rekonstruktion ihres Kontrollpunkts begonnen, die zwei Jahre dauern soll.

Vidzy, den nächsten Grenzübergang, hat Litauen vollständig geschlossen. Die Weißrussen haben angeboten, zumindest einen Teil der Lastwagen dorthin umzuleiten, weil ihr Strom am Wochenende noch größer wird. Von den Litauern kam keine Antwort.

Die Schlange der schweren Lastwagen erstreckt sich über viele Kilometer, man kann nicht einmal sehen, wo sie endet. In drei Reihen stehen Lastwagen auf der Fahrbahn.

In der Nähe gibt es keine Geschäfte oder Cafés. Auch keine Toiletten. Rundherum gibt es nur Felder, die bereits voll mit Müll sind. Die Trucker, die hier festsitzen, schlagen sich die Zeit mit Telefonaten mit ihren Lieben tot.

Auf der offiziellen Website des Zolls der Republik Litauen ist vor fünf Tagen ein Bericht über einen technischen Defekt aufgetaucht. Seitdem ändern sich die Informationen über die Wiederherstellung der Computersysteme ständig. Inzwischen haben sie angefangen, die Lastwagen per Hand mit Zolldeklarationen auf Papier abzufertigen.

Raimundas aus Litauen hat Baumaterial aus Finnland nach Kaliningrad gebracht und kann selbst mit seinem leeren LKW nicht nach Litauen zurückkehren. In der Warteschlange warten auch LKW mit Lebensmitteln: Käse, Fisch, Wurst, die längst ausgeliefert werden sollten und zu verderben drohen.

Die Nachrichten tauschen die Trucker per Funk aus. Aber fünf Tage nach dem Kollaps an der Grenze haben viele den Funk einfach ausgeschaltet.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Antworten

  1. Wirtschaft , Finanzen oder das Leben ihrer Untertanen, hat für die alten und neuen Pharaonen, nicht die geringste Bedeutung, in ihrem Jahrtausende langen Weg, um IHR 1000 Jähriges Reich, zu Vollenden. Nur der Kampf gegen die Hindernisse, Russland, China hat die absolute Priorität.

  2. Gehen wir doch getrost davon aus, dass die litauische Außenpolitik im Wesentlichen in Washington konzipiert wird. Russland auf alle erdenkliche Weise zu provozieren und zu schikanieren, ist dort wohl die Richtschnur aller Aktivitäten. Die Oblast Kaliningrad ist den Amerikanern sicher ein Dorn im Auge (den Deutschen sowieso). Vielleicht ist die Grenzschließung auch ein Versuchsballon für den Plan, den Russen den Über-Land-Zugang zu Kaliningrad zu erschweren oder zu verleiden.

  3. Ein Fehler im Computersystem? Ei, ei, wer hatte da seine Finger im Spiel? Derselbe, der den Pfropfen im Suezkanal nach abenteuerlicher Wegmarkierung verursacht hat? Litauen ist ein Werkzeug Washingtons. Ihm wird gerade gezeigt, daß es sich mit bestimmten Leute nicht anlegen sollte, denn sowas geht wie bei Georgien oder der Ukraine mit der Krim immer nach hinten los. Das muß der Merkelvasall auch noch lernen. Eine Kostprobe hatte sie ja schon vor Jahren von Putins Labrador zu schmecken bekommen. Aber das waren nur Blümchen, wie es im Russischen so schön heißt.

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