"Sofa-Gate" bei Erdogan

Wie in Russland über der Besuch der EU-Delegation in der Türkei berichtet wird

In dieser Woche haben sich die europäischen Medien tagelang darüber aufgeregt, dass Ursula von der Leyen beim Türkei-Besuch auf einem Sofa sitzen musste, anstatt einen Stuhl neben Erdogan zu bekommen. Das russische Fernsehen hat die Lächerlichkeit dieser Posse hervorragend kommentiert.

Für die „Qualitätsmedien“ war es ein Skandal: Ursula von der Leyen durfte nicht neben Erdogan sitzen. Tagelang wurde der „Skandal“ in den Medien breit getreten. Es ist gut zu wissen, dass Politik und Medien angesichts der nach dem Lockdown kommenden wirtschaftlichen Katastrophe, eines sich anbahnenden Krieges in der Ukraine und all der anderen Probleme, keine anderen Sorgen zu haben scheinen, als die Sitzordnung bei einem Staatsbesuch. Das russische Fernsehen hat den Fall genau so kommentiert, wie ich es auch getan hätte, daher habe den Kommentar aus der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ von Sonntag übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Lustig war es im türkischen Ankara, wo der türkische Präsident Erdogan eine EU-Delegation empfing und für Ursula von der Leyen ein Stuhl unter der EU-Flagge fehlte. Ursula ist die einflussreichste Funktionärin des vereinten Europas. Ihre Befugnisse an der Spitze der Europäischen Kommission machen sie zu so etwas wie der Ministerpräsidentin der EU. Nach dem formalen Protokoll steht jedoch der Belgier Charles Michel – der Chef des Europäischen Rates, eine Art „Präsident“ der EU – über Ursula.

Jetzt schläft Charles Michel schlecht. „Ich verheimliche nicht, dass ich seither nachts schlecht schlafe, weil sich diese Szene immer wieder in meinem Kopf abspielt“, gestand der Politiker.

Interessant, was für ein Unsinn den Schlaf des ranghöchsten Brüsseler Bürokraten stört, was für eine Kleinigkeit ihn so sehr aus der Bahn geworfen hat, dass er sich nachts hin- und her wälzt und sich selbst regelrecht als Wurm empfindet. Er ist immerhin der Mann an der Spitze der gesamten Europäischen Union. Die Menschen in 27 Ländern betrachten ihn als Anführer mit den erhabensten Qualitäten und nun … Wie schrecklich! Selbstzufrieden ließ er sich in den thronartigen Stuhl fallen, den der türkische Sultan ihm heimtückisch hingestellt hatte, aber die Dame Ursula von der Leyen blieb stehen. Oder ist sie keine Dame? Schließlich hat sich Europa so lange davon entwöhnt, dass das Geschlecht eine Rolle spielt. Man bietet der Frau nicht seinen Platz an, man hilft ihr auch nicht in den Mantel, reicht ihr beim Aussteigen aus dem Auto nicht die Hand, hält ihr nicht die Tür auf. Das ist unanständig. Aber weshalb wird dann auf ihn geschimpft? Nun, er hat der Dame nicht seinen Platz angeboten und hat nicht dafür gesorgt, dass man ihr einen Stuhl bringt. Na und? Ist sie denn eine Dame? Sie ist eine Funktionärin. Und sie rangiert formal unter ihm. Welches Geschlecht hat sie? Was kann er dafür? Oder ist sie eine Dame? Sie hat immerhin sieben Kinder. Jetzt kann er nicht schlafen.

Und Erdogan? Was ist mit Erdogan? Er hat sich europäisch verhalten. Es gibt einen Delegationsleiter und der hat einen Stuhl bekommen. Und das Geschlecht? Das wurde in Europa abgeschafft. Elter 1 und Elter 2. Ist es nicht so? Die Europäer sind sich selbst auf den Leim gegangen. Hat Erdogan seinen Spaß gehabt? Das kann man sich durchaus vorstellen. Schließlich wartet die Türkei seit erniedrigenden 34 Jahren auf den Beitritt zur EU. Und wen haben sie nicht alles aufgenommen, nur die Türkei nicht. Nach dem Motto, sie passt nicht dazu. Sie ist nicht europäisch. Europäisch, was ist das? Das ist die Frage, die Charles Michel quälend den Schlaf raubt.

Muss man einer Dame den Platz anbieten? Dann wäre sie eine Dame und die Feministinnen hätten ihm das nicht verziehen. Um einen dritten Stuhl bitten? Aber was ist dann das heilige Protokoll noch wert? Und wenn auch das Protokoll wertlos gemacht wird, was bleibt dann? Und Erdogan hätte eine kritische Bemerkung als eine weitere europäische Arroganz aufgenommen. Hätte das die Verhandlungen erleichtert? Hätten alle stehen bleiben sollen? Kann man sich ein idiotischeres Bild vorstellen? Und wäre Erdogan stehen geblieben? Aber der schlaflose Charles Michel ist doch bereit, sich zu bessern.

„Ich bedauere diesen Vorfall zutiefst. Wenn es möglich wäre, würde ich zurückreisen und es beheben. Das war ein schockierender Vorfall“, sagte Charles Michel.

In dieser Situation kann einem der schlaflose Präsident des Europäischen Rates Charles Michel Leid tun. Weder die Millionen Flüchtlinge noch Hunderttausende Covid-Tote haben ihm den Schlaf geraubt. Aber so eine Kleinigkeit, und dann war auch noch in der Türkei, die Europa nicht würdig ist, war so fatal. Auch die Chefin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen kann einem Leid tun. Schließlich ist plötzlich ihr weibliches Geschlecht in den Mittelpunkt gerückt. Wie konnte man ihr das antun? Auch die EU kann einem Leid tun, denn es wurde deutlich, dass die EU-Vertreter keine anderen Sorgen haben und die Völker der 27 EU-Länder müssen irgendwie damit leben.

Ende der Übersetzung

Bemerkenswert ist, dass sich die Medien über diesen „Skandal“ so aufregen, zumal die Türkei nichts falsch gemacht hat. Sie hat sich einfach nur an das Protokoll gehalten das ranghöchste Delegationsmitglied neben Erdogan gesetzt.

Dagegen war es deutschen Medien aber keinen Aufschrei wert, als die Türkei bei einem Merkel-Besuch im Jahr 2017 keine deutsche Fahne aufgestellt hatte, wie es laut Protokoll üblich ist, sondern zwei türkische Fahnen. Merkel musste vor einer türkischen Fahne sitzen. Das war in der Welt der internationalen Diplomatie ein echter Affront, aber den deutschen Medien war das kein Geschrei wert. Regierungschefs anderer Länder hätten eine solche protokollarische Demütigung nicht hingenommen.

Werbung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Antworten

  1. Die vdL hat sich doch selbst ins Abseits geschossen, indem sie wie ein dummes Huhn dastand statt sich souverän nach einem Platz umzusehen und sich aufs Sofa zu fläzen. Irgendwo, ich glaube bei Tychi, las ich, dass das Protkoll so von D gewünscht war, es war also eine Inszenierung.

  2. Ja die Qualitätsmedien haben, so scheint es, ein Qualitätsproblem. Nicht erst jetzt sondern schon Jahrzehnte.

    Hatten all die angezettelten Kriege der US-NATO ein Hauch einer Konsequenz?

    Ja, für die Journalisten, die ihre Arbeit machen hat es Konsequenzen bis zum Tod.
    Es genügt eben nicht eine Beileidsbekundung abzugeben und dann schweigend, blind und taub den nächsten Krieg wortgewaltig den Weg zu bereiten.

    https://video.emergeheart.info/videos/watch/f2467447-f5a8-45c9-8d08-804d6a2d4747

    https://richardmedhurst.com/bbc-attacks-journalists-challenging-narrative-on-syria/

    Angesichts solcher Informationen ist es natürlich wichtig zu wissen ob ein Sessel, Sofa oder ein fliegender Teppich für den Hintern der EU Schranzen vorgesehen war.
    Sprach man über die Terrorunterstützung in Syrien?
    Sprach man über Pressefreiheit in der Türkei?
    Sprach man über die Uiguren Terroristen und deren illegalen Ansiedlung auf fremden Land?

    Nein, ganz sicher nicht sonst hätten die Qualitätsmedien doch über so wichtige Themen geschrieben, oder nicht?

  3. Das zeigt, daß Rußland die EU nicht ernstnehmern kann, ich übrigens auch nicht. Erst schaffen sie die Geschlechter ab und dann soll Uschi wie eine Dame behandelt werden? Wo sie doch kein Geschlecht hat? Rassen gibt es auch nicht, nur bei Katzen und Hunden. Wenn es die nicht gibt, wieso gibt es dann Diskriminierungen? Fragen über Fragen. Ein Irrenhaus.

Schreibe einen Kommentar