Angriff auf saudische Raffinerie – Die Widersprüche der US-Anschuldigungen gegen Iran

Noch immer beherrscht der Angriff auf die saudische Raffinerie die Schlagzeilen. Die wichtigste Frage ist, warum die Luftabwehr versagt hat. Die Antwort von US-Außenminister Pompeo in Riad lautete sinngemäß: „Shit happens“.

So hat er es natürlich nicht gesagt, zum wörtlichen Zitat kommen wir gleich noch. Ich habe schon am Dienstag dazu geschrieben, dass die Kernfrage tatsächlich die Frage nach der Luftabwehr ist. Die Jemeniter behaupten, sie wären verantwortlich für den Angriff. Aber er kann kaum aus dem Jemen erfolgt sein, denn dazu hätten die Drohnen und Raketen ca. 1.000 Kilometer über saudisches Gebiet zurücklegen müssen, ohne bemerkt zu werden.

Und die US-Version, der Iran sei Schuld, hat das gleiche Problem: Die Raketen und Drohnen hätten mindestens 300 Kilometer über den Persischen Golf fliegen müssen, ohne von US-Kriegsschiffen oder der Luftabwehr bemerkt zu werden. Das ist ausgesprochen unwahrscheinlich. Allerdings hat das Pentagon gemeldet, derzeit zu untersuchen, wie das passieren konnte. Nur widersprechen sich damit die USA selbst: Wenn sie einerseits behaupten, aus Radardaten beweisen zu können, der Angriff sei aus dem Iran gekommen, warum haben sie die Drohnen und Raketen dann nicht abgeschossen, wenn sie sie auf dem Radar hatten?

Meiner Meinung nach ist die wahrscheinlichste Lösung, das der Angriff aus unmittelbarer Nähe erfolgt ist. Dass einige Kämpfer aus dem Jemen, bzw. ihre Sympathisanten, auch in Saudi-Arabien sind, ist nicht abwegig.

Aber die USA wollen unbedingt dem Iran die Schuld geben und so hat US-Außenminister Pompeo in Saudi-Arabien verkündet, dass es eben keine perfekte Luftabwehr gibt. Das ruft natürlich Häme in Russland hervor, das sowieso derzeit seine modernere und bessere Luftabwehr vom Typ S-300 und S-400 weltweit verkauft und damit die USA zur Weißglut treibt.

Auch Putin hat das bereits für Seitenhiebe in Richtung USA genutzt, wie wir gleich sehen werden.

Das russische Fernsehen hat über die Geschichte in einem durchaus hämischen Beitrag berichtet, den ich übersetzt habe, weil er die Entwicklungen der letzten Tage gut zusammenfasst.

Beginn der Übersetzung:

US-Außenminister Mike Pompeo hat am Donnerstag, dem 19. September, auf die Frage, warum die US-Patriot-Systeme in Saudi-Arabien die Drohnen nicht abgeschossen haben, hilflos geantwortet: so was kann vorkommen. Und das trotz der Tatsache, dass Riad 88 amerikanische Patriot-Systeme im Einsatz hat, wodurch eine solide Luftüberwachung geschaffen wird. Es ist also nicht einfach ein Fehler, sondern ein Fehler im System. Saudi-Arabiens Ölindustrie kämpft gegen Berichte, dass sie jetzt Öl im Irak kauft, um die Versorgung ihrer Kunden zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund warnte der Iran, den die Vereinigten Staaten für alles vor Abschluss der Untersuchung verantwortlich machen, dass jede Operation gegen ihn zu einem umfassenden Krieg führen werde. Um sicher zu gehen, dass die Amerikaner es auch verstehen, sagte der iranische Außenminister Zarif das auf CNN.

Auf diesem Werbevideo von der Website der US-Nationalgarde kann man sehen, in welch schönen Farben die USA ihre Patriot-Systeme den Käufern anpreisen, die davon überzeugt werden sollen, dass das neueste Radar und die Abfangrakete jeden Feind zerstören können. Aber hier sehen wir zwei Dutzend andere Raketen und Drohnen, die fast alle ihr Ziel, die saudischen Ölanlagen, erreicht und getroffen haben. Es ist ein Schlag unter die Gürtellinie für die Patriot-Raketenabwehrsysteme, die das Königreich Saudi-Arabien von den Vereinigten Staaten gekauft hat.

„Hören Sie, Luftverteidigungssysteme auf der ganzen Welt funktionieren immer mit unterschiedlichem Erfolg. Selbst einige der besten Exemplare der Welt können die Bedrohung nicht immer stoppen. Wir sind entschlossen, Infrastruktur und Ressourcen so zu nutzen, dass ähnliche Angriffe in Zukunft weniger erfolgreich sind, als es dieses Mal anscheinend der Fall war“ sagte US-Außenminister Mike Pompeo in Riad.

2017 haben Saudi-Arabien und die Vereinigten Staaten den vielleicht größten Waffendeal der jüngeren Geschichte geschlossen. Die USA haben Waffen im Wert von 110 Milliarden Dollar zugesagt. Laut einer Quelle im russischen Verteidigungsministerium haben die Saudis 88 Patriot-Raketenstartrampen an der Grenze zum Irak und zum Iran, darunter 52 der letzten Generation. Und im Persischen Golf sind noch einmal 3 US-Zerstörer im Einsatz, jeder hat hunderte Anti-Raketen an Bord. Vor diesem Hintergrund klingen die Äußerungen des US-Außenministers, dass alle Systeme Fehler haben können, nicht überzeugend. Das leistungsstärkste und teuerste Luftverteidigungssystem funktionierte einfach nicht. Aber es gibt billigere und vor allem zuverlässigere Optionen, die russischen S-300 oder S-400. Sie sind die modernsten der Welt und derzeit gibt es nichts vergleichbares.

Unmittelbar nach dem Beschuss des Territoriums Saudi-Arabiens bot Wladimir Putin Riad russische Waffen an:

„Der heilige Koran sagt, dass jegliche Art von Gewalt unannehmbar ist, außer zum Schutz der eigenen Leute. Damit sie ihre Leute und ihr Land schützen können, sind wir bereit, Saudi-Arabien angemessene Hilfe zu leisten und die politische Führung Saudi-Arabiens muss nur eine kluge Entscheidung im Interesse ihres Staates treffen. Wie die iranische Führung die S-300, wie Präsident Erdogan die neuesten S-400-Luftverteidigungssysteme von Russland gekauft haben, so kann es auch Saudi-Arabien tun. So können sie alle ihre Einrichtungen und die Infrastruktur Saudi-Arabiens zuverlässig schützen“ sagte Putin lächelnd bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem türkischen und iranischen Präsidenten in Ankara.

Der iranische Präsident fragte – ebenfalls lächelnd – zurück: „Die S-300 oder die S-400?“ worauf Putin antwortete: „Das sollen die sich aussuchen.“ (Anm. d. Übers.: Putin macht sich in letzter Zeit immer wieder einen Spaß daraus, den USA vorzuführen, dass die modernen russischen Waffen teilweise weit besser sind, als die der USA. In Japan hatte er Trump sogar angeboten, den USA hochmoderne Hyperschallraketen zu verkaufen, die USA könnten sich so die teuren Entwicklungskosten sparen)

Der Angriff auf die Ölraffinerien ist für Saudi-Arabien sehr kostspielig. Die Ölförderung hat sich halbiert und das Königreich ist gezwungen, auf Reserven zurückzugreifen. Der Drohnenangriff verursachte beispiellose Störungen in der Ölproduktion. Das Wall Street Journal berichtete, dass Saudi-Arabien, um seine Öl-verarbeitende Industrie zu beliefern, den Irak um Öl-Lieferungen gebeten hat.

Doch die staatliche irakische Ölgesellschaft dementierte die Meldung der Journalisten. Riad hätte sie um nichts gebeten.

Unterdessen drohen dem Königreich neue Angriffe. Die jemenitischen Huthis, die die Verantwortung für den Angriff übernommen haben, wollen solange weiter zuschlagen, bis Saudi-Arabien die seit Jahren andauernde Bombardierung Jemens einstellt.

Aber der US-Außenminister, der jetzt bei den Verbündeten im Nahen Osten Stimmung macht, ohne Beweise zu liefern, macht weiterhin den Iran verantwortlich.

Der Iran nimmt seinerseits auch kein Blatt vor den Mund. Auf die Frage eines CNN-Journalisten, welche Folgen US-amerikanische oder saudische Angriffe auf den Iran hätten, sagte der iranische Außenminister Mohammad Zarif, die Folge werde ein „vollständiger Krieg“ sein. Ihm zufolge will Teheran keinen militärischen Konflikt, aber es werde sein Territorium entschlossen verteidigen.

Am Vortag sprach der Präsident der Vereinigten Staaten zusammen mit seinem neuen Nationalen Sicherheitsberater, der eindeutig friedliebender als sein Vorgänger ist, vor der Presse und der Ton war schon gemäßigter:

„Die Tatsache, dass wir den Iran nicht angreifen, ist ein Zeichen unserer militärischen Stärke. Mal sehen, wie es weitergeht. Wenn wir handeln müssen, werden wir alles ohne Zögern tun.“

Geld haben sie genug, wie die Bilder von Trump auf der Treppe zum Flugzeug zeigen. Der Wind verwehte sein Jacket und in der Gesäßtasche der Präsidentenhosen sahen die Kameras eine 20-Dollarnote. Potenzielle Käufer amerikanischer Waffen werden das Debakel der Raketenabwehrsysteme sicherlich genau beobachten. Die Bilder der brennenden Ölraffinerien sind überzeugender, als jede Werbung für Patriot-Systeme.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

4 Gedanken zu „Angriff auf saudische Raffinerie – Die Widersprüche der US-Anschuldigungen gegen Iran“

  1. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man die Weltöffentlichkeit hier ganz gewaltig an der Nase herumführt. Vielleicht sollten die Raketenabwehrsysteme auch versagen. Die USA müssen doch die Flugbahnen der Geschosse haben. Die werden die Region doch auch ständig mit Satelliten überwachen, denn es handelt sich ja um rund 20 Einschläge! Wenn die Geschosse nicht von einem Standort aus abgeschossen wurden, muss das doch alles koordiniert werden, das geht doch nicht ohne Telefon- oder Funkverkehr, auch das müsste den USA doch aufgefallen sein. Und wenn 20 Geschosse von einem Standort abgefeuert werden, so müsste es doch auch US oder israelische Systeme geben, die das erfasst haben!

  2. Ja, ja ganz genau. Deswegen schliesse ich False Flag eben nicht aus. Vielleicht hat man ja in Washington so langsam die Nase voll von dem steinzeitlichen Königshaus? Sorry, das ist gerade meine Lieblingsverschwörungstheorie. Aber es wäre doch geradezu genial wenn die USA als großer Player auf dem Feld des Gas- und Ölexports dem vermeintlich besten Partner – Verbundenheit vortäuschend – einen reinwürgt.

  3. Laut Medien wie z.B. manager-magazin, steht, bzw. stand Aramco kurz davor an die Börse zu gehen:
    https://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/saudi-aramco-boersengang-wohl-im-november-a-1285832.html

    Mit dem Konzern würde ein Superschwergewicht an die Märkte gehen. Aramco wurde vor dem Anschlag auf ca. 2 Billionen $ taxiert. Und ich meine deutsche Billionen, keine englischen.
    Jetzt sieht es mit dem Börsengang deutlich mauer aus. Auch das könnte ein möglicher Grund für den Anschlag sein.

  4. Also es stimmt schon das es von der Landkarte her gesehen sehr unwahrscheinlich ist das die Geschosse/Drohnen vom Jemen oder Iran kamen. Ich denke eher so an „friendly fire“ von einem Schiff oder irgendwo etwas näher gestartet zum einen wegen Ölpreisgeschichten oder der Sache mit dem Börsengang und als angenehme Nebensache noch ein bissle Iran verteufeln. Auf den Bildern der Trümmer war auch eine Bezeichnung ,XC 1… ?oder soähnlich zu lesen, der Iran hat das in Farsi drauf zu stehen oder..?

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