Das russische Fernsehen über den US-Streit mit Huawei und die langfristigen Konsequenzen

In der Sendung „Nachrichten der Woche“ hat das russische Fernsehen am Sonntag wieder über den Handelsstreit der USA mit Huawei berichtet. Und wieder zeigt die Analyse der Russen ganz andere Ergebnisse, als man sie in den deutschen Medien findet. Vor allem der Blick auf die Folgen ist interessant und über die erfolgreichen Aktivitäten von Russland und China, sich von US-dominierten Technologien und Zahlungssystemen unabhängig zu machen, wird in Deutschland gar nicht berichtet. Daher habe ich den Beitrag übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

„Nachrichten der Woche“ hat bereits letzte Woche berichtet, dass Präsident Trump wegen der Angst vor der chinesischen digitalen Technik und der chinesischen Ausrüstung des neuen 5G-Netzes den Ausnahmezustand in den USA verhängt hat. Daraufhin stellte das US-Handelsministerium den chinesischen Digitalriesen Huawei und weitere 70 seiner Tochtergesellschaften auf eine schwarze Liste. Das hatte Folgen.

Das US-Unternehmen Google weigerte sich, weiter mit Huawei zu kooperieren und verkündete, dass Huawei auf seinen Smartphone das mobile Betriebssystem Android, Eigentum von Google, nicht mehr installieren darf. Auch darf Huawei nicht mehr Smartphones mit dem vorinstallierten Google-Play austüsten, wo 2,5 Millionen Apps aller Art zu haben sind, darunter Email, Maps, YouTube und andere heute unverzichtbare Dienste.

Darüber hinaus kündigten mehrere amerikanische Hersteller und Anbieter von Computerchips für Smartphones von Huawei die Einstellung der Zusammenarbeit mit den Chinesen an. Das sind zum Beispiel Intell und Qualcomm. Und die amerikanische Firma Microsoft hat Huawei-Laptops mit Windows-Betriebssystem aus ihren Online-Shops entfernt.

Für die Firmen, sei es Google, Intell oder Microsoft, bedeutet das den Verlust eines Riesenmarktes. Immerhin ist Huawei das am schnellsten wachsende Unternehmen der Welt und beim Verkauf von Smartphones hat es Apple schon überholt und ist dem Marktführer Samsung bereits auf den Fersen. Aber Befehl ist Befehl und der Wille des US-Präsidenten muss ausgeführt werden.

Das US-Handelsministerium kündigte jedoch später die Aufschiebung aller Einschränkungen für Huawei bis zum 19. August an. Aber im Grunde hat sich nichts geändert. In drei Monaten sollen Smartphones von Huawei ohne Betriebssystem-Updates zu Ziegelsteinen verkommen. Wenig Zeit für Verhandlungen und die Suche nach Lösungen, ob gemeinsame oder individuelle.

Auf jeden Fall macht das, was passiert ist, jedem klar, dass die Amerikaner nach Lust und Laune jeden, seien es Unternehmen oder sogar ganze Länder, von ihren Systemen und Technologien abschneiden können. Was bedeutet das? Und dann die Tatsache, dass es jetzt auf der Welt nur noch zwei mobile Betriebssysteme gibt, iOS für das iPhone von Apple und Android für alle anderen Smartphones. Beide Systeme sind amerikanisch. Das heißt, wenn die USA es wollen, können sie die gesamte mobile Kommunikation auf dem Planeten ausschalten.

Weil die Vereinigten Staaten unberechenbar und egozentrisch sind, ist es für die Menschheit an der Zeit, alle Illusionen zu begraben und sich um Fragen der Sicherheit zu kümmern. Schließlich hat selbst die Europäische Union, wie man weiß, kein eigenes mobiles Betriebssystem, keine Suchmaschine, keinen Messenger und ihre sozialen Netzwerke stecken in den Kinderschuhen. Alles ist amerikanisch, auch die Software für amerikanische Waffen, die in den Arsenalen der NATO stehen.

Russland ist im Gegensatz zu Europa besser aufgestellt. Alles, was wir eben aufgezählt haben und was Europa nicht hat, haben wir schon, einschließlich unseres eigenen, bereits entwickelten mobilen Betriebssystems „Aurora“. Damit ausgerüstete Smartphones gibt es bereits, derzeit werden zunächst die Sicherheitskräfte und Beamten damit ausgestattet, deren Gespräche vor dem Abhören geschützt werden sollen. Im nächsten Schritt, wie es auch mit der Kreditkarte „Mir“ geschehen ist, wird es frei verfügbar sein.

Wir wurden bereits einmal von Visa und MasterCard abgeschnitten, jetzt gibt es zur Sicherheit das nationale Zahlungssystem mit den „Mir“-Kreditkarten. Vor kurzem haben viele Blogger laut über das Gesetz über das „souveräne Internet“ gelacht, das im April verabschiedet wurde. Und nun wurde vor dem Hintergrund der Geschichte mit Huawei deutlich, dass das ein weitsichtiger Schritt war. Schließlich ist das Internet eine amerikanische Erfindung, und alle grundlegenden Schlüssel für das Web sind in den USA.

Um es ganz einfach zu erklären: Wenn zum Beispiel der Lichtschalter für das Badezimmer draußen ist, dann kann man jemandem das Licht ausschalten, ob versehentlich oder als Scherz oder um den anderen zu ärgern. Und von drinnen kann man nur schreien: „Hey, mach das Licht wieder an!“ Aber wenn der Lichtschalter im Badezimmer ist, kann man das Licht einschalten und in Ruhe tun, was man eben tun muss, ohne dass jemand stören kann. So ist es auch mit dem Gesetz über das unabhängige Internet, Russland verlegt es im übertragenen Sinne nach drinnen, damit niemand draußen mit den Schaltern spielen kann und man nicht schreien muss: „Hey da draußen, mach das Licht wieder an!“

Wenn Amerika also eines Tages das Internet bei uns abschalten will, hoffe ich, dass Russland genug Zeit hatte, sich darauf vorzubereiten, damit das Netz zuverlässig funktioniert. Europa hat sich dieser Aufgabe übrigens noch nicht gestellt. Aber man muss zuzugeben, dass die Europäer bei der Informationssicherheit in unsere Fußstapfen treten und in vielerlei Hinsicht die russische Gesetzgebung kopieren. So werden in Deutschland und Großbritannien nach Russland ähnliche Behörden gegründet, wie unser Roskomnadsor (Staatliche Kommunikationsaufsucht, Anm. d. Übers.) erstellt, um schädliche Inhalte im Internet zu kontrollieren.

Aber Huawei selbst wird als chinesisches High-Tech Unternehmen ohne amerikanisches Android nicht untergehen. Bereits im März ist bekannt geworden, dass Huawei für den Fall einer Verschlechterung der Beziehungen zu den USA bereits ein eigenes Betriebssystem hat. Nun ist es in Testpahse und wird in naher Zukunft Android ersetzen.

Das Problem mit den Apps von Google-Play ist auch lösbar. Es gibt ähnliche Plattformen und die können schnell vergrößert werden. Was die amerikanischen Computerchips angeht, hat Huawei immer die Politik „1+1“ gefahren, das heißt zu einem in den USA gekauften gab es auch einen in China produzierten Chip. Es wird also keine Probleme mit Chips geben.

Und was ist das Ergebnis? Trump hat Amerika einen Bärendienst erwiesen. Die Unternehmen der Vereinigten Staaten verlieren derzeit nicht nur riesige Märkte, auch in der Zukunft wird ihre Position sich aufgrund der Tatsache erschlechtern, dass die Welt sozusagen einen Prozess zur Stärkung des Schutzes der technologischen Souveränität eingeleitet hat. Android war früher wie unsere Sonne, die für alle gleichermaßen und ohne Einschränkungen scheint. Nachdem jemand in Amerika beschlossen hat, die Sonne „abzuschalten“, fangen andere an, darüber nachdenken, wann sie wohl an der Reihe sind. Das bedeutet, dass die Vereinigten Staaten ihr momentanes Monopol verlieren werden und Amerikas Einfluss auf die Welt wird schrumpfen, mit all den damit verbundenen finanziellen Verlusten.

Ende der Übersetzung

Wenn Sie sich dafür interessieren, wie Russland auf die Fragen der internationalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und ungekürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Ein Gedanke zu „Das russische Fernsehen über den US-Streit mit Huawei und die langfristigen Konsequenzen“

  1. Ja, genau, nichts anderes habe ich in meinem Buch, das „Pippi Langstrumpf Syndrom“ bereitsbeschrieben:

    Und es gibt heute einen weiteren Grund, welchen ich als IT Fachmann sehr wohl als ernste Bedrohung erkennen kann. Unsere Welt ist mittlerweile völlig abhängig von digitalen Diensten und digitaler Kommunikation, welche maßgeblich von folgenden Produkten und Herstellerfirmen dominiert wird:
    • aktive Netzwerkkomponenten von Cisco oder HP
    • Prozessoren von Intel, AMD, Nvidia, IBM, ARM oder Qualcom
    • Cloud Lösungen von AMAZON, Microsoft oder Google
    • Betriebssysteme von Apple, Google oder Microsoft
    • Software von Microsoft, Apple, Alphabet, Google (WEB und DB Middleware iknlusive)
    • Soziale Medien wie Facebook oder Twitter
    Die USA beherrschen den Markt der Digitalisierung nahezu vollständig – ein echter Wahnsinns-Coup. In unserer heutigen Welt entsteht kaum mehr ein Brot oder ein Nudelgericht im Supermarktregal, ohne dass digitale Informationsstrukturen bei Produktion und Logistik genutzt werden. Es ist ein Fakt, dass uns als Europäern dieses strategisch so wichtige Thema der Digitalisierung nahezu vollständig entglitten ist und es einer wahrhaft epischen gemeinsamen Anstrengung bedürfte, diesen Rückstand in irgendeiner Form auszugleichen.

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