Beinahe-Abschuss eines Flugzeuges in Syrien: So verschieden berichten deutsche und russische Medien

Über Syrien wäre letzte Woche fast ein Passagierflugzeug abgeschossen worden, das israelische Kampfjets als Deckung für einen Luftangriff missbraucht haben. An diesem Vorfall wird deutlich, wie unterschiedlich russische und deutsche Medien über israelische „Fehltritte“ berichten.

Über den Vorfall habe ich letzte Woche berichtet. Bei einem Luftangriff auf Damaskus haben vier israelische Kampfjets ein Passagierflugzeug mit über 170 Menschen an Bord als Deckung genutzt. Die syrische Luftabwehr hatte die Wahl, sich nicht zu verteidigen oder das Flugzeug in Gefahr zu bringen. Nur dank der schnellen Reaktion der Fluglotsen und der guten Arbeit der syrischen Luftabwehr konnte eine Tragödie verhindert werden.

Natürlich kritisieren deutsche Medien Israel nicht ernsthaft, das ist in Deutschland nicht statthaft. Der Spiegel berichtete über den Vorfall so, als seien all das nur russische Behauptungen und als sei in Wahrheit Syrien an dem Vorfall Schuld. Selbst die Tatsache des israelischen Luftangriffs wurde im Spiegel nur als Behauptung dargestellt. Schon die Einleitung des Artikels gab die Richtung vor:

„Ein syrisches Passagierflugzeug wäre fast Opfer der Luftabwehr des Assad-Regimes geworden. Der Airbus mit 172 Passagieren musste auf einen russischen Militärflughafen ausweichen. Schuldiger laut Russland: Israel.“

Und auch der Artikel selbst beginnt ähnlich:

„Ein Passagierflugzeug auf dem Weg nach Damaskus ist in der Nähe der syrischen Hauptstadt offenbar ins Feuer der syrischen Luftabwehr geraten.“

Erst später kann man lesen:

„Zeitgleich mit dem Zwischenfall sollen israelische Kampfflugzeuge in der Nähe Bodenziele in einem Vorort angegriffen haben. Ihnen habe das Abwehrfeuer gegolten, meldet das russische Verteidigungsministerium in Moskau am Freitag.“

Das alles sind laut Spiegel nur russische Behauptungen, obwohl die Praxis der israelischen Luftwaffe, ihre Angriffe so zu fliegen, dass unbeteiligte Flugzeuge als Deckung dienen, bekannt ist. Im September 2018 hat das zu einem versehentlichen Abschuss eines russischen Flugzeuges vor der syrischen Küste geführt. Aber ein Wort der Kritik an Israel kommt dem Spiegel nicht über die Lippen. Und so endet der Artikel mit folgendem Absatz:

„Israel kommentierte diese Vorwürfe nicht, das Land macht zu Militäreinsätzen grundsätzlich keine Angaben. Bei den mutmaßlich israelischen Raketenangriffen wurden laut Syrischer Beobachtungsstelle für Menschenrechte 23 Personen getötet.“

Dass es den israelischen Angriff tatsächlich gegeben hat, bestätigt sogar der Spiegel also am Ende des Artikels, nennt ihn allerdings „mutmaßlich“.

Ganz anders hingegen die Berichterstattung in Russland. Das russische Fernsehen hat dazu einen Beitrag veröffentlicht, den ich als „Kontrastprogramm“ hier übersetze und jeder kann sich dann beim Vergleich des verlinkten Spiegel-Artikels mit dem russischen Beitrag überlegen, von wem er sich besser informiert fühlt. Vom deutschen „Nachrichtenmagazin“ oder von den „russischen Propagandisten“.

Beginn der Übersetzung:

Die Landung des Flugzeugs, das dem Beschuss durch eine Landung auf der dem russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Syrien entging, wurde auf Video festgehalten. Das geschah vor ein paar Tagen und wie das russische Verteidigungsministerium mitgeteilt hat, mussten die Israelis wissen, dass dort Passagierflugzeuge unterwegs sind. Das Flugzeug entging den Raketen wie durch ein Wunder. Es gab keine Reaktion aus Tel Aviv. Dort meint man, dass nichts passiert ist, obwohl es sich faktisch um eine Aggression gehandelt hat.

Dies sind die Aufnahmen der erfolgreichen Landung des Flugzeuges der Syrischen Fluggesellschaft auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim. Sie wurden drei Tage, nachdem der Airbus A320 beinahe unter Beschuss der syrischen Luftverteidigung geriet, die israelische F16-Kampfjets provoziert hatten, veröffentlicht. Der Flug sollte nach Damaskus gehen, aber als das Notsignal gegeben war, wurde er in einen vom russischen Militär bereitgestellten Luftkorridor umgeleitet.

„Sie wussten sicher, dass das Flugzeug dort war. Schließlich stehen die Flugpläne im Internet und ihr Geheimdienst funktioniert großartig. Sie haben darauf gebaut, dass sich die syrische Luftabwehr verteidigen würde“, erklärt Militäranalytiker Viktor Litovkin.

An Bord befanden sich 172 Passagiere. Es waren Menschen aus dem Iran, dem Irak und Syrien, alles Pilger, die heilige Orte der Schiiten besuchen wollten. Das Flugzeug führte einen vorab genehmigten Flug durch. Vor ihrem Angriff musste die israelischen Seite die Anwesenheit des zivilen Flugzeuges auf dem Radar gesehen haben. Man kann die Aktionen der israelischen Luftwaffe also nur als grobe Provokation bezeichnen.

„Vor dem Beginn eines jeden Angriffs nutzt die israelische Seite ihr Aufklärungssystem, nämlich Flugzeuge, die das gesamte Gebiet bis zum Euphrat überwachen. Sie können alles sehen, was im Luftraum passiert. Und was passieren wird“, sagt Viktor Murakhovsky, Chefredakteur einer militärischen Fachzeitschrift.

Die israelischen Kampfjets (wie bekannt wurde, waren es vier) sind dabei nicht in den syrischen Luftraum eingedrungen. Ihre Ziele waren militärische Einrichtungen auf dem Territorium der syrischen Republik. Opfer unter Zivilisten vor Ort wurden in Kauf genommen. Und wie sich später herausstellte, auch Opfer unter Zivilisten in der Luft.

„Der Flughafen von Damaskus ist ein internationaler Flughafen. Dort sind Menschen. Syrien befindet sich nicht im Krieg. Aber Israel verhält sich so, als hätte es den Krieg erklärt. Man muss festhalten, dass die Militäroperation gegen ein friedliches Land, gegen einen friedlichen Flughafen durchgeführt wurde“, betont Militärexperte Alexej Leonkow.

Ohne die koordinierte Arbeit der Fluglotsen und ohne den Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in der Nähe, hätten die Folgen dieser regelmäßig stattfindenden israelischen Angriffe zu einer Tragödie wie vor einem Monat führen können, als die iranische Luftverteidigung eine ukrainische Boeing für einen Marschflugkörper gehalten hat. Alle Menschen an Bord starben bei dem Vorfall.

Nach dem Ende des Angriffes ist das Flugzeug der syrischen Fluggesellschaft vom russischen Luftwaffenstützpunkt nach Damaskus geflogen.

Ende der Übersetzung


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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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