Das russische Fernsehen über die Unruhen in Frankreich

Da deutsche Medien über die Unruhen in Frankreich nur recht ungern berichten, ist es umso interessanter, wie außerhalb der westlichen Medienblase darüber berichtet wird. Daher habe ich einen Korrespondentenbericht aus der russischen Sendung „Nachrichten der Woche“ übersetzt, der wegen seiner eindrücklichen Bilder zusammen mit meiner Übersetzung auch ohne Russischkenntnisse verständlich ist.

Beginn der Übersetzung:

In Paris wurden erneut Fensterscheiben eingeschlagen und Autos angezündet. Am 5. Dezember fand dort ein weiterer Protest gegen das globale Sicherheitsgesetz statt. Artikel 24 des Gesetzes sieht ein Jahr Gefängnis oder eine Geldstrafe von 45.000 Euro für ein Foto von Polizisten vor, mit dem er identifiziert werden kann, wodurch persönliche Daten offen gelegt werden oder er – hier ist ein neues Wort – deanonymisiert werden kann.

Das heißt, in voller Uniform handelt der Polizist anonym nur als Vertreter des Staates. Er ist fast nicht zu erkennen, seine persönlichen Merkmale sind „ausgelöscht“, nur so darf man ihn fotografieren. Aber wenn Sie seine Identität offen legen und auch noch seinen Namen veröffentlichen, was als Aufruf zur Rache betrachtet wird, dann kommen die Kollegen dieses Polizisten zu Ihnen und ziehen Sie zur Verantwortung. Bisher gibt es so etwas in Frankreich nicht, aber es soll kommen. So kämpft die Straße gegen die neue Initiative der Regierung.

Aus Paris berichtet unsere Korrespondentin.

Explosionen von Granaten lassen die Fenster der Wohngebäude der Straße erzittern, die vom Stadtrand von Paris zum Place de la Republique führt. Die Menge bereitet sich schnell auf den Kampf vor, trägt schwarze Kleidung und beginnt, Barrikaden zu errichten. Die Polizei versucht, sie zu stoppen und die Straße ist mit beißendem Rauch gefüllt, Rangeleien beginnen. Die Situation gerät außer Kontrolle.

Eine kleine Gruppe von Polizisten, die sich an das Gebäude drängen und sich hinter Schilden verstecken, wird angegriffen. Es fliegen Flaschen und Farbkugeln. Die kleine Gruppe versucht, hinter die errichtete Barrikade zu kommen, gerät aber unter einen Hagel von Kopfsteinpflastersteinen und zieht sich unter Pfeifen und Hupen der Menge, die sich weiter bewaffnet, zurück.

Die Demonstranten haben Hammer und Brechstangen. Die Leute brechen direkt auf der Straße das Kopfsteinpflaster vom Bürgersteig, durchbrechen Mauern und plündern Geschäfte und Versicherungen, schlagen Fenster ein und holen heraus, was in Reichweite liegt. Dabei reagieren sie sehr nervös auf diejenigen, die versuchen, sie dabei zu filmen.

Sie springen auf Autos, zerschlagen das Glas. Von irgendwo sind Molotowcocktails aufgetaucht und Autos und Mülltonnen werden angezündet. Das Feuer breitet sich schnell auf einen nahe gelegenen Lastwagen aus. Feuerwehrleute eilen zum Platz, die Demonstranten behindern sie nicht.

Die Konfrontation verlagert sich vorübergehend auf die benachbarten Straßen. Schwarzer Rauch,Salven von Feuerwerkskörpern, mehrere fallen auf Balkone. Die Bewohner laufen hastig hinaus, um sie löschen. Während es mitten in der Autokolonne zu Kämpfen mit der Polizei kommt, zerstreuen sich die verbliebenen Tausenden friedlichen Demonstranten nicht und bringen sich in Stimmung.

Das skandalöse Gesetz wurde zur Überarbeitung zurückgezogen, aber die Menschen wollen es nicht – sie fordern seine vollständige Abschaffung und gehen weiter auf die Straße.

Ein Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe von 45.000 Euro für das Filmen von Polizisten mit böswilliger Absicht. Nach Massenprotesten in ganz Frankreich und Pogromen rückten die vage Formulierung und der zweideutige Text schließlich ins Blickfeld.

Innenminister Gerald Dermanen wurde zur Legislativkommission der Nationalversammlung gerufen, wo er von seinem Vorgänger Christophe Castagnaer kritisiert wurde. Dermanen reagierte, indem er ihm sein Versagen während der „Gelbwesten“-Demonstrationen vorwarf. Der Minister wurde von Präsident Macron vorgeladen, der wütend war, dass er persönlich in den Fall eingreifen musste. Als Ergebnis kündigte der Präsident die Einrichtung einer Online-Plattform und einer Hotline an, wo Menschen Machtmissbrauch durch die Polizei, Rassismus und Diskriminierung melden könnten.

Aber das sorgte sofort bei der Polizei für Empörung. Die Gewerkschaft bezeichnete Macrons Vorschlag als Verrat und will nun einen Boykott ausrufen: Niemand soll mehr Ausweise überprüfen, auf Anrufe soll nicht reagiert, verdächtige Autos sollen nicht kontrolliert werden. Der Innenminister bleibt trotz der Kritik bei seiner Position und verspricht, den Text so umzuschreiben, dass die Interessen der Polizei berücksichtigt werden, und die Verbreitung von personenbezogenen Daten und Informationen über ihre Familien strafbar werden.

Aber Menschen für solche Pogrome zu bestrafen, ist kaum möglich. Nur 95 Personen wurden festgenommen. Es gibt auch Verwundete. Diesem jungen Mann wurde sein Finger von der Hand gerissen, als er eine Lärmgranate aufnahm. Zur gleichen Zeit verwüstete die Menge, die sich unter dem Druck der Polizisten zurückzog, weiterhin Bushaltestellen, Plakatwände und machte Lagerfeuer aus Dokumenten, die aus Bankfilialen geworfen wurden. Das ist das traurige Ergebnis dieses Abends, aber nicht das Finale, denn die Franzosen versprechen, den Kampf für die Abschaffung des skandalösen Gesetzes fortzusetzen.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

10 Antworten

  1. All das ist ein Fanal für Deutschland. Von daher ist auch klar, warum hierzulande so gut wie nicht darüber berichtet wird bzw. werden darf: Ein Skandal!

    Dieser Flächenbrand in Frankreich wird wohl kaum an den Grenzen Halt machen. Ein Blick in unsere Zukunft sozusagen.

  2. Ich bin einfach nur noch entsetzt.

    Ich kann verstehen, dass die Menschen auf die Straße gehen.
    Aber ich kann dieser Gewalt überhaupt nichts Positives abgewinnen.
    Auf die Straße gehen und einen Generalstreik ausrufen, das wäre die Lösung. Ihr habt die Macht. Aber ihr zerstört lieber die Existenzen, die eh schon ums Überleben kämpfen. Die Autobesitzer, die Ladenbesitzer und andere, die überhaupt nichts mit dem Gesetz zu tun haben. Die wahrscheinlich sogar auf eurer Seite stehen.
    Prima Herr Macron, wie Sie das Volk spalten und Hass säen. Haben Sie von Merkel gelernt oder sie von Ihnen?

    Und dann noch diese Idioten mit dem Staubschutz vorm Mund. 🙁
    Ihr seid damit wirklich nicht unsterblich. Ihr habt, wie alle Menschen den Tod 4 Billionenfach in euch. Er sitzt auf jeder eurer Zellen. Er kam, als der Samen mit der Eizelle verschmolz. Im Moment der allerersten Zellteilung, wurde er Tod mit entfaltet.
    Keine Ahnung, warum ihr Angst vorm Leben habt. Ihr wartet auf den Tod, ihr Untoten.

    Nun ja, ich war schon immer der Meinung, dass ein hoher IQ nichts mit Intelligenz zu tun hat und werde jeden Tag aufs Neue bestätigt. Und das die Ärzte da mitmachen, lässt tief blicken über die „Ausbildung“ zu selbigem.

    1. Bildung und dabei besonders Hochschulbildung, hat nichts mit einem Studium oder Ausbildung zu tun, sondern mit Abrichten, so das ALLE hinterher, ausschließlich für das Wohl der Herren“““menschen“““ Dynastien WIRKEN

  3. „für ein Foto von Polizisten vor, mit dem er identifiziert werden kann, wodurch persönliche Daten offen gelegt werden oder er – hier ist ein neues Wort – deanonymisiert werden kann. “

    Das ist soweit ich weiß nicht richtig.
    Es muss „in der Absicht“ einen Polizisten zu deanonymisieren gemacht werden.
    Wie das im Zweifelsfall entschieden werden soll ist natürlich eine andere Frage.

  4. Ich weiss nicht was im neuen Gesetzt stehet. Aber ganz sicher gehören Angaben über Polizisten (übrigens genauso wenig wie Name und Adresse von Ken FM) ins Netz! Die tun ihren Jop. Befohlen von Kommandanten und Politik. Was glauben wir wie es ohne Polizei abgeht. Ganz sicher nicht frei.

      1. Die Demonstranten möchten, dass gewalttätige Polizisten mit Foto und Adresse öffentlich gemacht werden. Aber so öffentlich gemacht werden, wie es ihrer Meinung nach richtig ist, so wie Medien überall funktionieren, man sagt oder zeigt das was der eigenen Sache dient, das andere lässt man weg oder leugnet es. All die Beleidigungen das anpöbeln anspucken anrempeln blenden drohen mit Gegenständen bewerfen, all das lässt man weg.
        Hauptsache die „Bullenschweine“ und ihre Familien kommen dran. Schöne neue Welt.

        Im Video der Russland Nachrichten sieht man Demonstranten herumstehen, an denen Polizisten vorbeistürmen – um zu prügeln! Um Kaoten zu verprügeln. Erinnert an Hong Kong, zuerst mal tüchtig die Sau rauslassen und dann die Chinesen als Häuptling haben. Über Jahre oder gar Generationen erarbeiteten Freiheiten (viele verschiedene) werden kaputt gemacht. Nur um irgendwann zu erkennen, dass Freiheit vor allem mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu tun hat.

        1. apied „All die Beleidigungen das anpöbeln anspucken anrempeln blenden drohen mit Gegenständen bewerfen, all das lässt man weg.“

          Richtig. Deshalb muss das Gesetz vielleicht dahingehen, dass Auseinandersetzungen nicht ohne die Vorgeschichte gezeigt werden dürfen, also keine Aufnahmen, die von Anfang an nur prügelnde Polizisten zeigen. Dann würde man auch die prügelnden Bullen erwischen. Aber auch diese dürfen nicht mit Namen und Adressen gezeigt werden, die Gesichter sollten für die Öffentlichkeit verpixelt werden.

  5. Ja völlig einverstanden. Nur das Internet lässt sich nicht so leicht bändigen, darum wohl auch das neue Gesetz mit Bussen und so.
    Wenn gewalttätige Polizisten mit erkennbarem Gesicht im Internet öffentlich gemacht werden ist das definitiv eine Untergrabung der Demokratie und man sollte sich fragen woher solche Ideen kommen. Im nächste Schritt könnte man sie in der Stadt an Grossbildschirmen veröffentlichen. Dann die Demonstranten, Sozialbezüger und Leute die bei Rot über die Strasse gehen. Darum gebe ich nichts auf Gutmenschen die an Demos für Menschenrechte und Freiheit kämpfen und gleichzeitig ebendies vorantreiben. In einer Demokratie gibt es den Rechtsweg. Und gewalttätige Polizei kann angezeigt werden. Dabei genügt gewöhnlich Ort und Zeit um eine interne Untersuchung einzuleiten. Verpixelt und im Kontext finde ich hingegen ok, das kann Druck auf die Behörden ausüben. Und es passiert wegen Veröffentlichung womöglich nicht noch schlimmeres.

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