Mutmaßlicher Nato-Spion in Russland verhaftet: Für den Spiegel eine Gelegenheit zur Desinformation der Leser

In Russland wurde ein Mann unter Spionageverdacht festgenommen. Über den Fall ist noch nicht viel bekannt, bemerkenswert ist jedoch, wie der Spiegel seine Leser mal wieder unwahr informiert.

Zunächst zu den wenigen Fakten, die über die Verhaftung bekannt sind. Heute wurde Iwan Safronow, ein Berater des Chefs der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, vom russischen Inlandsgeheimdienst festgenommen. Er soll militärische Geheimnisse an den Geheimdienst eines Nato-Staates übergeben haben, um welchen Geheimdienst es sich handelt, wurde nicht gemeldet. Auch was er genau übergeben haben soll, ist nicht bekannt. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll es sich um Informationen über einen Rüstungsdeal zwischen Russland und Ägypten handeln.

Wie das russische Fernsehen berichtet

Safronow hat früher für die russischen Zeitungen Kommersant und Vedomosti gearbeitet, für die er über militärische Themen geschrieben hat. Das russische Fernsehen zitiert Vertreter von Kommersant folgendermaßen:

„“Der Vorwurf des Landesverrats erscheint in seinem Fall absurd“, stellte der Verlag fest.
Kommersant bedauerte, dass jeder Bürger, dessen Arbeit mit öffentlichen Aktivitäten verbunden ist, in Russland jederzeit mit einer schweren Anklage konfrontiert werden kann. Im Fall von „Landesverrat“ sei es für die Betroffenen besonders schwierig, ein faires Verfahren und eine öffentliche Gerichtsverhandlung zu erreichen, sagten Safronows Kollegen weiter.“

Interessant, dass solche Äußerungen ausgerechnet im russischen Staatsfernsehen gebracht werden, wo doch in Russland angeblich strenge Zensur und reine Propaganda herrschen.

Der Artikel des russischen Fernsehens beginnt so:

„Im Fall des Landesverrats durch den Berater des Chefs von Roskosmos und ehemaligen Journalisten der Zeitungen Kommersant und Vedomosti, Ivan Safronow, gilt die Chefredakteurin der Zeitschrift „Kholod“, Taisiya Bekbulatova, ist Zeugin. Diese unabhängige Zeitschrift erscheint seit August 2019. Bekbulatova wird juristisch von von Anwälten der Menschenrechtsorganisation Agora unterstützt, sagte deren Leiter Pawel Tschikow.
Taisiya Bekbulatova arbeitete zuvor mit Ivan Safronow bei Kommersant, wie RIA Novosti berichtet. Von 2012 bis 2017 war sie für Kommersant tätig. Sie ist seit Stunden nicht mehr erreichbar. Es gibt Informationen, dass sie vernommen wird. Gleichzeitig seien Polizeibeamte in der Wohnung der Journalistin, sagte Bekbulatovas Stellvertreter Michail Selenski.“

Kreml-Sprecher Peskow teilte mit, dass der Kreml über die Verhaftung im Vorwege nicht informiert gewesen sei und dass dessen Verhaftung nichts mit seiner journalistischen Tätigkeit zu tun habe.

Heute entscheidet ein Gericht, ob Safronow in Untersuchungshaft genommen oder unter Hausarrest gestellt wird. Vor dem Gerichtssaal sagte Safronow zu Journalisten, er sei unschuldig. Safronow wird Gerüchten zufolge von einem bekannten Anwalt vertreten, den das russische Fernsehen in einem anderen Artikel so zitierte:

„Es kommt vor, dass Fälle von Landesverrats sich schnell in nichts auflösen“, stellte der Anwalt fest, „und dass später die Anklage zurückgezogen wird, es gibt auch Freisprüche in solchen Fällen, aber das sind Einzelfälle.“

Was der Spiegel daraus macht

Die vom russischen Fernsehen genannten Fakten kann man – wenn auch nicht so detailliert – auch im Spiegel lesen. Dort klingt es zwar etwas reißerischer, zum Beispiel muss der Spiegel natürlich erwähnen, dass Putin auch mal beim Geheimdienst war, obwohl das mit der Sache nichts zu tun hat. Aber wenn man die nackten Fakten anschaut, berichtet der Spiegel das gleiche, wie das russische Fernsehen.

Interessant an dem Spiegel-Artikel ist etwas anderes, nämlich mal wieder die Überschrift. Der Spiegel verändert gerne die Überschrift von Artikeln, damit sie dramatischer klingen und die gewollten Feindbilder bedienen. Darauf weise ich immer wieder hin. Das kann jeder leicht überprüfen, denn in der Internetadresse von Spiegel-Artikeln ist immer die Überschrift zu sehen, unter der der Artikel ursprünglich veröffentlicht wurde. In diesem Fall lautete die Überschrift zu Anfang völlig korrekt: „Russland – Inlandsgeheimdienst nimmt mutmaßlichen Nato-Spion fest

An der Überschrift ist nichts zu bemängeln, sie nennt die bekannten Fakten. Aber der Spiegel wäre nicht der Spiegel, wenn er nicht ein anti-russisches Narrativ setzen würde. Der Redaktion war die Überschrift offensichtlich zu neutral und zu wahrheitsgemäß, zumal der Leser ja auch noch Verständnis für Russland haben kann, denn Spione werden in jedem Land festgenommen, wenn sie enttarnt werden und Spione haben keinen guten Ruf.

Aber dass die Leser Verständnis für Russland haben könnten, ist für den Spiegel unerträglich. Daher lautet die Überschrift nun: „Angeblicher Spion – Russischer Geheimdienst nimmt Journalisten fest

Das klingt gleich ganz anders, denn Journalisten festnehmen, das ist böse. Das ist Einschränkung der Pressefreiheit. Und dann auch noch unter dem Vorwand der Spionage, denn nun ist Safronow ja ein „angeblicher“ Spion. Das böse, böse Russland eben, wo Zensur herrscht und Journalisten unter konstruierten Vorwänden festgenommen werden.

Dass Safronow kein Journalist mehr ist, weil er die journalistische Tätigkeit vor einigen Monaten beendet hat, als er Berater des Chefs der russischen Raumfahrtagentur wurde, verschweigt der Spiegel in seinem Artikel. In Kombination mit der Überschrift entsteht beim Leser der Eindruck, Russland habe einen Journalisten festgenommen, was aber gar nicht der Fall ist.

Wie wir sehen, hat der Spiegel mit der Wahrheit ein Problem. Und wenn er doch mal aus Versehen die Wahrheit berichtet, dann ändert er eben die Überschrift so um, dass der Artikel hinterher mit der Wahrheit nichts mehr zu tun hat. Der Fachbegriff dafür ist übrigens „Propaganda“.

Was aus dem Fall wird, werden wir demnächst erleben. Interessant am Rande: Bevor Safronow Berater bei der russischen Raumfahrtagentur wurde, wurde er routinemäßig vom Geheimdienst überprüft, wie man auch in den oben zitierten Artikeln des russischen Fernsehens lesen kann. Die Überprüfung hat er bestanden, sonst hätte er den Job nicht antreten können.


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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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