US-Wahl im russischen Fernsehen: Magie vs. Mathematik und ein anderthalb monatiger Wahltag

Um aufzuzeigen, wie unterschiedlich die Berichterstattung über die US-Wahl in Deutschland und Russland ist, habe ich die Berichte der russischen Korrespondenten vom Mittwochabend übersetzt. Wieder einmal zeigen sie auf, was man in Deutschland von den Medien alles nicht erfährt.

Wie einseitig in Deutschland über den US-Wahlkampf berichtet wird, hat jeder bemerkt, der sich auch mal Nachrichten aus den USA oder anderen Ländern anschaut. Deutschland ist tatsächlich bei einigen Themen wieder das Tal der Ahnungslosen.

Während deutsche Medien Biden als Heilsbringer feiern, wird dessen Demenz zum Beispiel komplett verschwiegen, obwohl er sich auch in der Wahlnacht einige Schnitzer erlaubt hat. Ich habe die Berichte aus den russischen Abendnachrichten vom Mittwoch, dem Tag nach der Wahl, übersetzt, damit Sie einen Eindruck davon bekommen können, wie woanders über die Ereignisse in den USA berichtet wird.

Bedenken Sie bitte, wenn dort „aktuelle“ Zahlen genannt werden, dass das der Stand von Mittwochabend ist. Ansonsten kann ich nur empfehlen, sich die russischen Beiträge zusammen mit meiner Übersetzung anzuschauen, denn dann sind sie auch ohne Russischkenntnisse verständlich und einige Bilder sind durchaus interessant, weil es sie in Deutschland nicht zu sehen gegeben hat. Die beiden Berichte sind im Beitrag verlinkt.

Beginn der Übersetzung:

Erster Korrespondentenbericht

Moderator im Studio: 238 zu 213 meldet Fox News, oder gemäß CNN 224 zu 213. So oder so liegt Joe Biden bei der Zahl der Wahlmännerstimmen immer noch vor Donald Trump, wobei jeder Kandidat noch eine Chance auf die begehrten 270 Stimmen hat. Aber das Wahlsystem in den USA ist kompliziert. Trump führt nach Staaten mit 27 zu 23 gegenüber Biden. Die meisten Bundesstaaten, außer Alaska und Hawaii, haben bereits mehr als 60 Prozent der Stimmen ausgezählt.

Trump hat Bidens Aufholjagd bereits als „Magie“ bezeichnet, obwohl sein Stab am Morgen noch das Wort „Mathematik“ benutzt und mitgeteilt hat, dass das Rennen für Trump eine einfache Gleichung sei. Trump hat es offensichtlich eilig und hat am Vortag im Weißen Haus zu einem Abendessen geladen. War es das Festessen eine Gewinners?

Beginn des Korrespondentenberichts

Tatsächlich gab es gestern ein Essen im Weißen Haus und es gab ungesundes Fast Food. Darüber gleich mehr. Trump hat es wirklich eilig und sich letzte Nacht de facto zu Sieger des Rennens erklärt. Überhaupt gehen undenkbare Dinge vor sich, der amtierende Präsident erklärt sich zum Sieger, aber niemand – nicht einmal in seinem Stab – erkennt das an.

Einen Sieger gibt es noch nicht, die Auszählungen dauern an und die Wahlbeteiligung war die höchste der letzten 120 Jahre, fast 67 Prozent. Das rührt daher, dass die Leute nicht in den Wahllokalen abgestimmt haben, sondern per Post. Das schafft viele Problem, sowohl für die Kandidaten, als auch für die Wähler. In unserer Reportage erzählen wir die Chronologie der Wahlnacht.

Diese Präsidentschaftswahl ist wie eine Achterbahnfahrt. Bevor jeder der Kandidaten wieder gestürzt ist, gelang es jedem zunächst, in den Ergebnissen der vorläufigen Umfragen oder Hochrechnungen in die Höhe zu schießen. Daher war Trump, der gestern Abend vor Anhängern im Weißen Haus aufgetreten ist, mitgerissen.

„Ich schaute mir die Zahlen an und sagte: Das war’s! Ja, ich habe mir die Daten angeschaut und das gesagt. Ich habe in Wisconsin tausende Stimmen mehr und 65 Prozent der Stimmen sind bereits ausgezählt. Und ich sagte: Oh, das ist ja mehr, als ich brauchte. Wir haben eine fantastische Nacht, seht nur, welche Staaten wir alle gewonnen haben“, sagte Trump.

Die Ergebnisse aus den ersten Swing States waren tatsächlich beeindruckend. CNN meldete Trumps Sieg in Florida. Und dann gab es Siege in Ohio, Texas und Iowa – Trump hatte keinen Spielraum für Fehler und es schien, dass er den Balanceakt im Minenfeld des Wahlkampfes filigran gemeistert hatte.

Biden bekam statt des versprochenen leichten Durchmarsches einen zähen Kampf. So war das Ergebnis spät in der Nacht für ihn unangenehm: 238 zu 213. Zu den 270 Stimmen, die nötig waren, um zu gewinnen, war es noch ein weiter Weg.

Für Trump verlief alles reibungslos. Beim Empfang im Weißen Haus wurden die Gäste mit Pommes Frites, Hähnchennuggets und Würstchen im Teig verwöhnt, die, um die Temperatur zu halten – und anscheinend für den besseren Geschmack – unter einer Glaskappe serviert wurden.

Doch schon bald begannen beunruhigende Nachrichten aus jenen Staaten, in denen noch ausgezählt wurde, den exquisiten Abend zu verderben. Biden holte schnell auf. Offenbar wurden nun die per Post versandten Stimmzettel ausgezählt, weil zuerst die Stimmen ausgezählt worden waren, die persönlich in Wahllokalen abgegeben wurden.

Es kamen mehr Republikaner an die Urnen, während die Demokraten, die vor Coronaviren Angst haben, die Post vorgezogen haben. Und Umschläge mit Stimmzetteln werden weiter angenommen, Hauptsache, der Poststempel ist vom 3. November. Trump kritisierte dieses System der verlängerten Auszählung und erklärte sich in dieser Nacht de facto zum Sieger.

„Das ist ein Betrug an der amerikanischen Gesellschaft. Das ist eine Schande für unser Land. Wir waren darauf vorbereitetet, die Wahl zu gewinnen. Offen gesagt haben wir gewonnen. Also werden wir zum Obersten Gerichtshof gehen. Wir wollen, dass die Auszählung aufhört. Wir wollen nicht, dass sie um 4 Uhr morgens noch Stimmzettel finden und der Liste hinzufügen. Das alles ist traurig, aber wir werden gewinnen. Und soweit ich weiß, haben wir bereits gewonnen“, sagte Trump.

Bidens Stab war empört über die Erklärung des Präsidenten. Trump-Anhänger im wichtigen Pennsylvania haben nun Fragen zur Wahl selbst: „Es gibt viele Fälle, in denen die Unterschriften auf Stimmzetteln nicht kontrolliert werden, einige Demokraten fordern bei der Stimmabgabe keine Ausweispapiere, daher gibt es einige Gründe, der Wahl nicht zu vertrauen.“

Dieses Glück seines Gegners war Trump verdächtig. Auf Twitter postete er ein Foto der Zwischenergebnisse, auf dem zu sehen ist, wie Biden plötzlich 138.000 Stimmen in Folge erhielt, der amtierende Präsident hingegen keine einzige.

https://twitter.com/realDonaldTrump/status/1324004491612618752

Dieser Tweet wurde von dem sozialen Netzwerk bereits als irreführend gekennzeichnet.

Nun hängt alles von den Staaten „Rostgürtels“ der Vereinigten Staaten ab, die Regionen wurde wegen der einst dort besonders entwickelten Industrie so genannt. Dort sieht man nicht die versprochene rote republikanische Welle Trumps, sondern eine blaue demokratische Mauer, gegen die der amtierende Präsident nun anrennt.

Es spricht wieder der Moderator im Studio.

Bidens Stab verkündete den bevorstehenden Sieg des demokratischen Kandidaten. Auf CNN zum Beispiel wird an den Fingern abgezählt, warum es kein Problem ist, Pennsylvania zu gewinnen. Der Gouverneur von Pennsylvania und Biden scheinen uneins zu sein, der Gouverneur will die Stimmen nur bis Ende der Woche auszählen. Wie viel Wahrheit steckt in Bidens Siegesaussagen? Diese Frage geht an unseren zweiten Korrespondenten in den USA.

Zweiter Korrespondentenbericht: In der Tat rückt Pennsylvania nun in den Fokus. Hier sind 80 Prozent der Stimmen ausgezählt und nun beginnt die Auszählung der Briefwahlstimmen, was das Pendel von Trump zu Gunsten von Biden umschlagen kann. Gerade wurde bekannt, dass Biden sich wieder an seine Anhänger wenden möchte. Wo das geschieht, ist noch nicht bekannt, vielleicht wieder hier in Delaware. Im Hintergrund steht die Bühne noch, von der Biden sich in der Wahlnacht an seine Anhänger gewandt hat. In unserer Reportage erzählen wir davon.

Joe Biden und seine Frau Jill wurden von einem Hupkonzert begrüßt. Der Kandidat der Demokraten sprach, wie immer in letzter Zeit, wieder vor Autos. Auf dem halbleeren Parkplatz in Wilmington wurde die soziale Distanz streng eingehalten.

Bidens Stab hatte dessen Weg ins Weiße Haus fast wie den Durchmarsch eines Formel-1-Boliden dargestellt, aber nun steckt er in einem „Stau“ fest. Trump hat ihn dort „geschnitten“, wo sie es nicht erwartet hatten, im Süden und im Mittleren Westen.

„Wir glauben, dass wir auf dem Weg sind, diese Wahl zu gewinnen, aber wir müssen warten. Wir haben ein gutes Gefühl für Wisconsin und Michigan. Und nebenbei wird es noch einige Zeit dauern, bis die Stimmen ausgezählt sind, aber wir gewinnen in Pennsylvania“, sagte Biden.

Zu diesem Zeitpunkt zeigten die TV-Sender jedoch, dass Trump in Pennsylvania einen Vorsprung von fast 15 Prozent hatte. Irgendwo hinter Bidens Bühne wartete das für diese Stunde vorbereitet Feuerwerk. Doch zu Hause in Delaware hat Biden souverän gewonnen. Jahrzehnte war er Senator aus diesem Staat. Viele hier kennen ihren Joe persönlich.

Eine Frau sagte uns: „Ich will seinen Sieg so sehr, wie nie zuvor!“

„Sie sagten, Sie kennen ihn seit 50 Jahren persönlich.“

„Ja, ich habe für ihn gearbeitet, als ich noch im College war.“

„Was war er damals?“

„Anwalt. Das ist lange her, er war damals Anwalt in einer Kanzlei.“

Die Jahre verschonen natürlich niemanden. Auch bei diesem kurzen Auftritt ging es nicht ohne Bidens Fehler. Seine Frau musste ihn daran erinnern, dass er dem Gouverneur von Delaware danken sollte. Unerbittliche Kameras und Mikrofone machten das öffentlich.

„Der Gouverneur.“

„Was?“

„Du sollst dem Gouverneur danken.“

„Ach ja, danke dem Gouverneur!“

Aus irgendeinem Grund verabschiedete er sich zweimal vom Publikum. Zunächst schien er von der Bühne zu gehen, fand sich aber, nachdem er einen Halbkreis gegangen war, erneut auf dem Podium wieder.

Auch der Tag der Abstimmung, den Biden an einem denkwürdigen Ort verbrachte, war nicht ohne Pannen. Er begann mit dem Besuch des Friedhofs, wo sein ältester Sohn Beau begraben ist. Als er nach Philadelphia kam, da gab es ein Treffen mit Unterstützern, hat der demokratische Kandidat wieder alles durcheinander gebracht. Erst nannte seine Enkelin beim Namen seines verstorbenen Sohnes Beau, und dann verwechselte er auch noch die Enkelinnen.

„Das ist mein Sohn Beau, den viele von Ihnen zum Senator für Delaware gewählt haben. Das ist meine Enkelin Nataly. Ach nein, wartet, Nataly ist die Tochter von Beau, aber das ist meine Enkelin Phinigen.“

Am Abend, als man begann, die Stimmen zu zählen, hatten Bidens Anhänger seine Enkelinnen vergessen. Amerika hat nicht so abgestimmt, wie es liberale Meinungsforscher vorhergesagt haben.

Die berühmte Rap-Künstlerin Cardi B hat, überwältigt von negativen Emotionen, drei Zigaretten auf einmal geraucht. „Diese Wahl hat mich gezwungen zuzusehen, wie die Vereinigten Staaten rot werden“, sagte sie.

Die letzte Verteidigungslinie gegen diese rote Welle ist die blaue Mauer im Mittleren Westen, zu der im Osten auch Pennsylvania gehört. Mit ihr durfte Biden Wisconsin und Michigan nicht verlieren. Georgia, wo die Auszählung noch läuft, scheint an Trump zu gehen.

„Ich denke, dass es vielen Demokraten heute weh tut. Ein moralischer Sieg und ein politischer Sieg – das sind zwei verschiedene Dinge. Ein politischer Sieg kann noch passieren. Aber ich will ehrlich sein: Es gibt viele Menschen in unserem Land, die einen überwältigenden Sieg erwartet haben, aber das ist nicht passiert“, sagte Van Jones, ein ehemaliger Beamter der Obama-Administration.

Bidens Stab hat unterdessen bereits auf Trumps Forderungen nach dem Ende der Auszählung reagiert und sie als empörend bezeichnet. Während eines Zoom-Briefings kündigte Sprecherin Jen O’Malley an, Stimmen auszählen, bis Biden Präsident wird.

Die Demokraten haben keine Angst vor den Gerichten, mit denen Trump droht. Nicht zufällig hat Biden eine Armee von 600 Anwälten rekrutiert, zu der noch zehntausend Freiwillige kamen.

Der Wahltag in Amerika wird zu einer Wahlwoche, die sich über einen Monat erstrecken könnte. Oder anderthalb. Die Abstimmung der Wahlmänner ist erst am 14. Dezember.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Antworten

  1. Dann wird sich in der nächsten Zeit zeigen, wo mehr Billionen Dollar Hinterstehen, hinter Biden oder hinter Trump. Der wird dann auf den Präsidenten Sessel GESETZT.
    So wurde ja auch Adolf Hitler, von den gleichen Herren“““menschen“““ Dynastien, auf den Sessel in der Reichskanzlei GESETZT.
    Wenn es IHNEN Wichtig ist, kann das Stimmvieh, sein Kreuzchen machen wo es will, es spielt KEINE Rolle.

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