Gorbatschow wird 90 Jahre – Warum Russland dem Westen nicht mehr vertraut

Gorbatschow wird 90 Jahre alt, das ist eine gute Gelegenheit, auf diese umstrittene Figur der Weltgeschichte zurückzublicken. Das jedenfalls dachte sich das russische Fernsehen und hat einen Rückblick gebracht, wie man ihn im westlichen Fernsehen sicher nicht zu sehen bekommt.

Gorbatschow ist hochumstritten. Im Westen wird er bis heute gefeiert, in Russland wird er mit Verarmung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Verbindung gebracht. Ihm wird vorgeworfen, die Sowjetunion verschenkt zu haben, anstatt die deutsche Wiedervereinigung teurer verkauft oder doch zumindest Sicherheitsgarantien für die Sowjetunion herausgeholt zu haben. Der damalige US-Außenminister Baker hatte Gorbatschow seinerzeit in Washington versprochen, die Nato werde sich „keinen Inch“ nach Osten ausbreiten.

In Deutschland wird heute sogar bestritten, dass es dieses Versprechen gegeben hat, dabei kann man es in Akten nachlesen, die die USA vor Jahren veröffentlicht haben. Aber es war ohnehin nur ein mündliches Versprechen, dem Gorbatschow blind geglaubt hat, anstatt es sich in Vertragsform geben zu lassen. Das hätte wahrscheinlich nicht viel am Gang der Geschichte geändert, es wäre nicht der erste Vertrag gewesen, den die USA eiskalt gebrochen haben, wenn sie ihn für nicht mehr nützlich ansehen. Aber es hätte den Betrug des Westens zumindest offensichtlicher gemacht.

Das russische Fernsehen hat am Sonntag in einem Beitrag der Sendung „Nachrichten der Woche“ in einem Kommentar auf die umstrittene Figur Gorbatschow zurückgeblickt und ich habe den Beitrag übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Am 2. März wurde der ehemalige sowjetische Präsident Gorbatschow 90 Jahre alt. Michail Sergejewitsch ist damit der am längsten lebende Führer unseres Landes in seiner tausendjährigen Geschichte. Einerseits ist das ein göttliches Privileg. Auf der anderen Seite gibt es ihm die Möglichkeit, sich nicht nur von außen, sondern auch mit zeitlichem Abstand zu betrachten, was alles viel verständlicher macht.

„Die Sowjetunion ist mein Drama“, sagt Michail Gorbatschow heute. Und er hat Recht. Schließlich ist Gorbatschow heute ein politisches Markenzeichen. Und diese Markenzeichen wird in den Köpfen von Hunderten von Millionen seiner Zeitgenossen und aller nachfolgenden Generationen mit dem Zusammenbruch der UdSSR in Verbindung gebracht werden. Gorbatschow hat die Sowjetunion, das gemeinsame Haus, zerstört. Aber heute würde ich vorschlagen, den Fall aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und das nicht nur, weil man am Geburtstag, wie man sagt, nicht auf ihn spucken sollte, sondern weil Jahrzehnte später viele Dinge bekannt und damit verständlicher geworden sind und sie buchstäblich durch die heutige Erfahrung bestätigt werden.

Heute wird uns aus dem Westen gesagt: Gebt uns die Hand, tretet in die Familie der zivilisierten Nationen ein, und alles wird gut – die Sanktionen werden aufgehoben und wir singen alle zusammen fröhliche Lieder. Aber das haben wir ja schon mal getan. Und es war Gorbatschow, der dem Westen die Hand reichte. Einige schimpfen auf Gorbatschow wegen seiner Naivität, seinem übermäßigem Vertrauen, aber heute bringt das nichts mehr. Viel interessanter und viel lehrreicher ist es, die Reaktion des Westens auf die ehrlich ausgestreckte Hand zu analysieren, denn Gorbatschow war in seinem romantischen Impuls vollkommen offen und und hat ohne Hintergedanken vielem für diese Freundschaft zugestimmt. In diesem Sinne war es ein fast wissenschaftliches Experiment. Gorbatschow wollte die Freundschaft von ganzem Herzen. Und der Westen, vor allem Amerika?

Kurz gesagt, der Westen hat sich uns gegenüber heimtückisch verhalten. Während es mit dem Präsidenten der UdSSR befreundet war, wünschte Amerika unserem Land nicht mehr und nicht weniger als den Tod. Sie haben Gorbatschow umarmt und gleichzeitig daran gearbeitet, die UdSSR zu zerstören. Nicht nur an Abschreckung, sondern an der direkten Zerstörung, wofür sie alle vorhandenen Mittel eingesetzt haben. Gorbatschow wurde alles mögliche versprochen, aber niemand hatte vor, die Versprechen einzuhalten. Was sind Versprechungen an ein Land wert, wenn das Ziel seine Zerstörung ist?

Das Ziel, die Sowjetunion zu zerstören, wurde in Amerika unter Präsident Ronald Reagan formuliert und ist in den Dokumenten des Nationalen Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten festgeschrieben, insbesondere in der Direktive 66, die im November 1982 beschlossen wurde.

Der Amtsantritt von Gorbatschow mit seiner romantischen Haltung gegenüber dem Westen wurde von den Vereinigten Staaten als Chance gesehen. Eine Chance ist nicht zur Freundschaft, sondern zur Zerstörung der UdSSR. So beschreibt einer der Autoren dieser Strategie, Roger Robinson, damals Leitender Direktor für internationale Wirtschaftsangelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat der Reagan-Administration, die Direktive: „Die Direktive über Entscheidungen zur nationalen Sicherheit Nr. 66 beschreibt die wirtschaftlichen und finanziellen Aspekte der Zerstörung der Sowjetunion. Die Direktive über Entscheidungen zur nationalen Sicherheit Nr. 75 beschrieb die gesamte Strategie gegenüber der Sowjetunion. Das Dokument enthielt Maßnahmen zur Erhöhung der militärischen Macht, die wichtigsten Ziele, um die Fähigkeiten der UdSSR auf der ganzen Welt zu begrenzen, ihr Abenteurertum zu begrenzen, ihr Wirtschafts- und Finanzsystem zu begrenzen, die Veränderung der US-Außenpolitik in eine offenere und direktere, sowie das Gesamtbild der integrierten systematischen Strategie Amerikas, die Sowjetunion und ihr Imperium zu stürzen und letztlich zu töten. All das wurde in einem Dokument beschrieben, dessen wirtschaftlicher Teil ich die Ehre hatte, ihn schreiben zu dürfen.“

Das heißt, das Ziel der amerikanischen Diplomatie ist der Tod des Partners, der Tod eines Partnerlandes. Das wird offen gesagt.

Es ist klar, dass sie Gorbatschow öffentlich bewundert haben, er wurde wie kein anderer sowjetischer Führer zuvor empfangen. Das Wort „Perestroika“ kam ins Englische und öffentlich wurde die Freundschaft verkündet. Aber in der Praxis wurde die Direktive 66 umgesetzt: Die weltweiten Öl- und Gaspreise wurden künstlich gesenkt, um der UdSSR die Deviseneinnahmen zu entziehen, es wurden strenge Beschränkungen für die Lieferung von Hightech-Waren an uns verhängt, Europa wurde bedrängt, den Bau von Pipelines aus Sibirien zu stoppen, es wurden Sanktionen verhängt. Insgesamt kommt einem das alles schmerzhaft bekannt vor. Damals war das Ziel der Tod der UdSSR, heute – machen wir uns keine Illusionen – ist es der Tod Russlands.

Gorbatschow hat Bundeskanzler Helmut Kohl reinen Herzens im nordkaukasischen Archyz empfangen, wo auf den Baumstümpfen das letzte „Ja“ zur Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland gesagt wurde. Dort glaubte Gorbatschow, dass die westliche Demokratie die Eliten der DDR nach der Wiedervereinigung nicht verfolgen würde. Er wurde auch dabei betrogen. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurden in der DDR alle – von Geheimdiensten und Armeeoffizieren bis hin zu Sportlern und Entertainern – „gesäubert“. Die UdSSR hat ihre Freunde schändlich im Stich gelassen und de facto verraten.

Im Gegenzug für die Vereinigung Deutschlands und den Abzug der sowjetischen Truppen aus Osteuropa, die dort als Sieger nach dem Zweiten Weltkrieg geblieben waren, versprachen die Amerikaner Gorbatschow, die NATO nicht nach Osten auszudehnen.

„Es wird keine Ausweitung des Nato-Vertrages und ihrer Militärpräsenz in den Osten geben“, erklärte man Gorbatschow. Diese Dokumente wurden im National Security Archive in Washington veröffentlicht. Natürlich kann man Gorbatschow fragen, warum er nicht verlangt hat, alles mündlich Versprochene in einer schriftlichen Vereinbarung zu festzuhalten, aber etwas anderes ist wichtiger: Der Wert eines gegebenen Wortes, egal ob schriftlich oder mündlich.

Das sagt der amerikanische Historiker Stephen Cohen dazu: „Ihm wurde mündlich alles versprochen, aber wenn er ein echter politischer Führer gewesen wäre, hätte er einen Vertrag gefordert, der klar sagt: Ich habe nichts gegen den Beitritt Deutschlands zur NATO, im Gegenzug verspricht der Westen, dass die NATO sich niemals auch nur einen Inch östlich von Deutschland ausdehnen wird. Wenn man dem Argument folgt, bedeutet das anzuerkennen, dass das Wort unserer Führer, das sie bei den offiziellsten Veranstaltungen gegeben haben, die am Ende des Kalten Krieges möglich waren, wertlos ist. Glaubt nicht, was Euch unsere Führer sagen. Das wäre das Ende der amerikanischen Diplomatie.“

Und das ist das Ende der amerikanischen Diplomatie. Gorbatschow wurde vorsätzlich betrogen. Und viele schriftliche Verträge, die sogar ratifiziert wurden, haben die Amerikaner danach trotzdem zerstört. Zum Beispiel den ABM-Vertrag und den INF-Vertrag. Die NATO hat heute doppelt so viele Mitglieder, wie zu Gorbatschows Zeiten und die Grenzen des Bündnisses liegen vor unserer Haustür. (Anm. d. Übers.: Details zu den genannten Abrüstungsverträgen finden Sie hier)

„Russland war gezwungen, sich so zu verhalten, dass es jetzt eine Bedrohung darstellt, aber diese Bedrohungen gab solange nicht, wie wir Russland nicht provoziert und und sie damit selbst geschaffen haben. Der britische Wissenschaftler Richard Shockley hat einmal gesagt, dass Russland keine Bedrohung darstellt, wenn wir sie nicht selbst erschaffen würden. Und ich denke, das ist eine berechtigte Anmerkung“, sagte Stephen Cohen.

Aber warum musste Gorbatschow betrogen werden und die Sowjetunion sogar dann noch zerstört werden, als sie bereits am Boden lag? Meiner Meinung nach aus zwei Gründen. Die erste sind die riesige Ressourcen. Es ging um schlichtes Ausplündern. Der zweite Grund war elementarer Rassismus sowohl gegen die Russen als auch gegen andere Völker der Sowjetunion.

Schon während der napoleonischen Invasion wurden Russen in Europa als Wilde und Bären dargestellt, denen man einen Maulkorb anlegen muss. Auf jeden Fall steht der Russe nicht auf einer Stufe mit dem Europäer. Und interessanterweise fand das auch in der Denkweise der Salons der Hauptstädte Resonanz.

„Die damaligen Schlaumeier lobten Napoleon mit fanatischer und unterwürfiger Begeisterung und machten Witze über unsere Misserfolge. Junge Leute sprachen mit Verachtung und Gleichgültigkeit über alles Russische. Kurz gesagt, die Gesellschaft war ziemlich bösartig“, schrieb Puschkin.

In gemeinsamer Anstrengung wurde Europa von Napoleon befreit. Aber die Haltung gegenüber Russland blieb dort feindselig. Der barbarische Osten erschreckte sogar Karl Marx und seine Idee des proletarischen Internationalismus quoll über vor Russophobie. Der „schwarze Zickzack“ der Weltgeschichte, wie Karl Marx über Russland schrieb, dessen Wiege, wie er sagte, „der blutige Sumpf der mongolischen Sklaverei ist, nicht der harte Ruhm der normannischen Ära.“

Im Ersten Weltkrieg waren die aufgeklärten Nationen Europas – England und Frankreich – gezwungen, Russland um Schutz vor Deutschland zu bitten. Als Mitglied des Militärbündnisses „Entente“ kämpfte Russland heldenhaft an der Ostfront. Als der Sieg bereits nahe war – nach vorläufigen Vereinbarungen sollte Russland im Falle eines Sieges die Meerenge des Bosporus und die Dardanellen bekommen – hat England durch seinen Botschafter Buchanan aktiv die Februarrevolution unterstützt, um den Verbündeten zu zerstören und nicht den Sieg mit ihm teilen müssen. Ironischerweise war Zar Nikolaus II ein Anglophiler. Aber es war nichts Persönliches, es war rein geschäftlich.

Im Zweiten Weltkrieg haben unsere Verbündeten, die Briten, alles getan, um Hitler Richtung Osten zu schicken, und nachdem wir an der Ostfront zwei Drittel der deutschen Divisionen, zwei Drittel der Soldaten und zwei Drittel der Ausrüstung zermahlen hatten, versuchte Winston Churchill den US-Präsidenten Truman zu überreden, eine Atombombe auf Moskau abzuwerfen. Auf einen Verbündeten! Der schon gewohnte englische Verrat.

Und es ging nicht um das sowjetische System. Im 20. Jahrhundert hat unser Land in drei staatlichen Strukturen existiert: zuerst das Russische Zarenreich, dann die Sowjetunion und jetzt das neue Russland. Aber die Unaufrichtigkeit und der Wunsch, unser Vaterland zu zerstören, blieben im Westen unverändert. Ist es da ein Wunder, dass sie Gorbatschow betrogen haben? Ja, für ihn ist die Sowjetunion ein Drama. Aber sehen wir jetzt aus dem Westen etwas Neues? Und sind wir bereit, uns wieder betrügen zu lassen? Nein. Vielen Dank für die gemachte Erfahrung, Michail Sergejewitsch.

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

10 Antworten

  1. Huh… ganz schön sauer, die Russen. Wer will es ihnen verdenken.
    Denke nicht, dass Gorbi hier nochmal einen Preis gewinnen kann. Vllt ist es gut, wenn die Russen sich nach Osten wenden, langfristig auch für uns. Vllt hilft es uns, das Joch der Amis abzuschütteln.

    Als Chef einen korrupten Kinderf*cker zu haben, der an die Macht geputscht wurde, ist jedenfalls mittlerweile irgendwie typisch für das Land.

  2. Was in dem übersetzten Artikel über die Persönlichkeit Gorbatschows steht – seinen Romantizismus, seine Gutgläubigkeit, seinen Willen zu Ausgleich und fairem Miteinander -, erinnert in vielen Aspekten an Nikita Chruschtschow, der ebenfalls nichts lieber getan hätte, als mit den USA gut auszukommen. Allein Chruschtschows zweiwöchige „Urlaubsreise“ durch die USA ist ein absolut bemerkenswertes und einzigartiges Zeugnis dieser illusionären Sehnsucht.
    Man kann davon ausgehen, dass die USA ihr Versprechen, die NATO nicht ostwärts auszudehnen, auch bei Vorliegen eines schriftlichen Vertragswerks gebrochen hätten, so wie sie im 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche Verträge (mündliche wie schriftliche) mit indigenen Volksstämmen (vulgo Indianern) gebrochen und sich im Umgang mit Schwächeren generell nie an Fairnessregeln gehalten haben.
    Beim Lesen des Gorbatschow zugeschriebenen Satzes „Die Sowjetunion ist mein Drama“ habe ich mich spontan gefragt, warum Gorbatschow nicht den m.E. an der Stelle passenderen Begriff „Tragödie“ benutzt hat.

  3. Das sind Erfahrungen, die wohl jeder anständige Mensch im Leben macht. Man darf in Sachen Anstand nicht von sich auf andere schließen. Für ehrliche Menschen ist es selbst nach wiederholtem Betrogenwerden undenkbar, dass man betrogen werden könnte, obwohl man es eigentlich weiß. Deshalb funktioniert der s. g. Enkeltrick immer und immer wieder. Mir sind Leute, die mit Lug und Trug durchs Leben gehen, ein Rätsel. Möge der Osten endlich klug werden.

  4. Der größte Massenmörder der Neuzeit, der für die Herrscher Dynastien, der City und Wall Street, die Russen und die anderen Völker, der UdSSR, zu Millionen ins Elend geschickt hat und Millionen Menschenopfer, auf seinem NICHT Vorhandenen Gewissen hat, denn er hatte ja seine Seele, an Gott Mammon/ יהוה / Satan verkauft.
    Für seine Verbrechen, wird Er von IHNEN fürstlich Entlohnt und Geehrt

  5. Wer heute noch immer glaubt, Gorbatschow sei „vom Westen“ nur getäuscht und missbraucht worden, verkennt die geschichtlichen Tatsachen in erheblicher Weise. Gorbatschow selbst hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehrmals erklärt, dass es sein Ziel war, denn Kommunismus und die Sowjetunion abzuschaffen, sie durch ein bürgerlich-demokratisches Gesellschaftsystem ähnlich Deutschlands zu ersetzen. Seine politischen Sympathien gelten, so bezeichnete er dies selbst, der Sozialdemokratie. In weiter als einen Reformer zu sehen, der gewissermaßen „das Richtige“ gewollt, aber „das Gegenteil“ bewirkt habe, wird seiner tatsächlichen Rolle nicht gerecht. Er war bereits im März 1985 ein Gegner der Sowjetunion und ging spätestens 1988 offen zu einer Politik der Zerstörung von Staat und Gesellschaft über. Es empfiehlt sich hierzu vertiefend bei Kurt Gossweiler (Kurt-Gossweiler.de) in „Vom Häuten der Zwiebel“ nachzulesen. Man muss die politischen Standpunkte dort nicht teilen, aber die Analyse ist zwingend. In diesem Sinne ist Gorbatschow kein Gescheiterter, sondern seine Politik hat die erwarteten Ziele erreicht. Mag sein, dass er selbst dies heute teilweise anders sieht. Das im heutigen Russland die Ergebnisse – aus dieser Sicht besser die Folgen – der Perestroika und damit Gorbatschows kritisch, teilweise mit Verachtung, gesehen werden, ist nachvollziehbar. Letztlich sind die Völker und Staaten der ehemaligen Sowjetunion die politisch, ökonomisch und sozial die Leidtragenden seiner Politik. Auf den Gebieten der Außen- und Sicherheitspolitik werden ihm dennoch auch heute noch von Freund und Feind Erfolge zugeschrieben. Aber trotzdem seine Entspannungspolitik die nukleare Kriegsgefahr verringert hat, wird in Russland keiner vergessen, dass diese Erfolge auch mit Zugeständnissen „erkauft“ wurden, die mit einer Aufgabe, dem Verzicht auf politisch und militärisch bereits Erreichtes verbunden war. Am Ende waren die Sowjetunion und ihre Bündnispartner verschwunden und das neue Russland hat den alten militärischen Gegner an seinen Grenzen. Vielleicht hat Gorbatschow zumindest dass so nicht gewollt, vielleicht sogar an ein gleichberechtigtes Russland als Bestandteil der westlichen Welt geglaubt. Aber seine Politik war gegen die Interessen der eigenen Nation gerichtet und es gibt wenig Anhaltspunkte dafür, dass er nicht genau das angestrebt hat. Das geschichtliche Urteil kann daher nur lauten, dass Gorbatschow seinem Land, seinem Volk und seiner politischen Klasse zum Gegner geworden ist.

  6. Sie haben über Gorbatschow anlässlich seines 90. Geburtstages sachlich und aus Sicht der russischen Medien und des Volkes berichtet. Man empfindet, er habe sein Volk auf naive Weise verraten – das tut mir für ihn leid. Vielleicht war er für die Politik zu weich, zu menschlich, mit großartigen Visionen und dem ehrlichen Glauben, der Welt den Frieden zu bringen. Es war seine einzige Chance, durch Abrüstung die Wirtschaft zu stärken und das riesige Reich zu einer demokratischen Republik zu führen. Ich glaube, das hat er im Vertrauen und der Freundschaft zu Kohl mit Unterstützung des Westens wirklich zu erreichen versucht und er hat vertraut, dass er mit Beendigung des Kalten Krieges den Weltfrieden und den Fortschritt für die Sowjetrepubliken erreicht. Er glaubte an das Gute im Menschen und wurde getäuscht, denn Politik ist kalt und gefühllos, machtbesessen und geldgierig . Jelzin hat ihn Jelzin geputscht und einst vertraute Freunde haben ihn verlassen, wurden Oligarchen im Pakt mit Finanzmächten aller Welt. Mächtig wurden die, die die Spielchen der Geheimdienste verstehen und die Strippen am besten zu lenken wissen! Das russische Volk will ihre Ruhe. Stabilität und Führung ist wichtig. Inzwischen ist Putin ein starker Halt in diesem Land. Für uns Osrtdeutsche ist Gorbatschow der Retter -ohne ihn wären wir nicht frei geworden. Dafürsind wir ihm dankbar! Er hat seinen Platz in der Geschichte! Nun hat es Frau Merkel tatsächlich nahezu geschafft, den Sozialismus wieder herzustellen und dabei Herrn Gorbatschow kaum eines Wortes oder Respekts zu würdigen. Würdig ist wieder der Frauentag. Erstaunlich, wie der Blick sich gen Osten verneigt (China) .

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