9/11

Wie in Russland über den Jahrestag von 9/11 berichtet wurde

Im russischen Fernsehen gab es einen Bericht zum Jahrestag von 9/11, der sich zumindest in einigen Nuancen sehr von dem unterscheidet, wie im Westen berichtet wird und wurde.

Dass es zu 9/11 viele offene Fragen gibt, ist nicht neu. Da dieser Artikel eine Übersetzung eines langen Beitrages des russischen Fernsehens zum Jahrestag von 9/11 ist, werde ich auf die offenen Fragen hier jedoch nicht eingehen und verweise stattdessen auf diesen Artikel, in dem ich die offenen Fragen vor einigen Tagen zusammengestellt habe.

Ich werde immer wieder gefragt, wie in Russland über 9/11 berichtet wird und ob die offenen Fragen in russischen Medien thematisiert werden. Die Antwort ist, sie werden nicht verheimlicht, aber eben auch nicht explizit thematisiert. Aber wer russische Reportagen und Beiträge zu dem Thema anschaut, der findet viele Äußerungen, die im westlichen Fernsehen undenkbar wären. So hat ein Experte in diesem von mir übersetzten Beitrag zum Jahrestag von 9/11 zum Beispiel unwidersprochen gesagt, dass seiner Meinung nach kein Flugzeug das Pentagon getroffen haben kann.

Meine Interpretation ist, dass man in Russland sehr gut über die offenen Fragen von 9/11 bescheid weiß (und vielleicht auch viele Antworten hat), man die Dinge wegen der Übermacht der westlichen Medien (die übrigens auch in Russland selbst sehr viel Einfluss auf die öffentliche Meinung haben) aber nicht thematisiert. Der Grund dürfte pragmatischer Natur sein, denn die Frage ist, was Russland dabei gewinnen kann. Und solange die westlichen Medien so viel mächtiger sind, kann Russland dabei nicht(s) gewinnen, sondern nur verlieren. Aber das ist nur meine Interpretation, die natürlich auch falsch sein kann.

Ein Blick zurück

Wer Geschichte verstehen möchte, muss sie immer aus ihrer Zeit betrachten und darf sie nicht mit dem heutigen Wissen betrachten. 2001 war eine andere Zeit. Putin war seit einem Jahr russischer Präsident und er hatte damals noch keine so schlechte Presse wie heute. Damals herrschte noch die Hoffnung auf Frieden und Verständigung vor, es war die Zeit, als Putin im Bundestag seine Rede auf Deutsch gehalten hat und als der neue US-Präsident Bush nach ihrem ersten Treffen vor der Presse sagte, er habe Putin in die Augen geschaut und dessen Seele gesehen.

Außerdem war das die Zeit des Tschetschenienkrieges, der im Westen als Freiheitskampf der Tschetschenen gegen Russland dargestellt wurde, was so nie gestimmt hat. In Tschetschenien war es zum Krieg gekommen, als arabische Dschihadisten in die Region eingesickert sind und Russland hat den Krieg am Ende gewonnen, weil Putin allen Tschetschenen, die auf Seiten der Islamisten gekämpft hatten, eine Generalamnestie gegeben hat. Daraufhin haben die die Seiten gewechselt und die arabischen Eindringlinge zusammen mit der russischen Armee aus ihrem Land vertrieben.

Die Islamisten nannten das, was sie in Tschetschenien aufbauen wollten, den „Islamischen Staat“. Dieser Begriff wurde im Westen erst über zehn Jahre später bekannt, in Russland kannte man ihn schon seit Mitte der 90er Jahre. Daher kam es auch, dass Russland, das im Westen für den Tschetschenienkrieg kritisiert wurde, als erstes Land den USA sein Beileid zu 9/11 ausgesprochen hat, denn in Russland hoffte man wohl, dass der Westen nun endlich Verständnis dafür haben würde, dass Russland in Tschetschenien gegen den islamistischen Terror kämpfte.

Die russische Berichterstattung

Bekanntlich ist es anders gekommen. Aber wer die Ereignisse und die russische Reaktion damals verstehen möchte, muss sie aus dem Kontext der damaligen Zeit betrachten. Und in der russischen Regierung war man an dem Tag der Anschläge in New York offenbar genauso geschockt, wie alle anderen Menschen auf der Welt. Ob und wann (und welche) Zweifel an der offiziellen US-Version in der russischen Regierung Einzug gehalten haben, können wir nur raten.

Aber interessant sind die kleinen Äußerungen, die man auch in dem Beitrag des russischen Fernsehens zum Jahrestag von 9/11 hört, wenn zum Beispiel der damalige russische Außenminister Ivanov nicht ausschließt, dass es „eine andere Theorie“ über die Ereignisse von 9/11 geben könnte. Und solche Andeutungen findet man in praktisch jeder Doku, die es im russischen Fernsehen über 9/11 gibt.

Daher habe ich den Bericht des russischen Fernsehens über den Jahrestag von 9/11 übersetzt, der am 11. September in den russischen Abendnachrichten gezeigt wurde. Der Bericht ist in der Ich-Form verfasst, denn Sergej Brilev, der Moderator der Sendung und ein in Russland sehr bekannter Journalist, hat den Bericht aus seiner Sicht verfasst, weil – wie es der Zufall wollte – er an jenem 11. September 2001 zum ersten live als Nachrichtensprecher aufgetreten ist und später mehrere Reportagen und Interviews auch zu 9/11 gemacht hat.

Beginn der Übersetzung:

Der 11. September beeindruckte auch mit dem, was man heute Fake News nennt. Zum Beispiel das Foto vom Dach des Turmes mit einem im Hintergrund anfliegenden Flugzeug, das war natürlich eine Fotomontage. Und ein kanadischer Blogger veröffentlichte damals Übersetzungen von Nostradamus, die Nostradamus nie geschrieben hat.

Aber wie wir heute schon gehört haben, brodeln Verschwörungstheorien, Amerika habe sich selbst gesprengt, immer noch. Aber es gibt ein „Aber“. Die islamischen Kämpfer wurden von den US-Geheimdiensten geschaffen, als sie diese gegen die Sowjets geschickt haben.

Und es gibt auch eine aktuelle Fake News aus unseren Tagen. Es wurde gemeldet, dass die Taliban am 11. September ihre Regierung ins Amt einführen wollen, in der viele sind, die nach 9/11 in der amerikanischen Basis Guantanamo gesessen haben. Aber diese Amtseinführung gibt es genauso wenig, wie es auch keine Frauen in der afghanischen Regierung gibt. War diese Meldung über die Amtseinführung also ein Fake, oder haben die Taliban es sich einfach anders überlegt?

Immerhin haben viele die Meldung geglaubt und nach 20 Jahren ist es in Afghanistan gekommen, wie es gekommen ist. Wir haben ja die heutige Demo der Kabuler Mädchen gesehen, die für die Taliban sind.

Also, was war damals, am 11. September? Wir präsentieren Ihnen unser Material und die Überlegungen derer, die damals dabei waren. Übrigens war das mein erster Tag auf Sendung als Moderator.

„Am 11. September eröffneten wir ein Museum der russischen und sowjetischen Diplomatie im Gebäude des Außenministeriums am Smolenskaja-Platz. Und der Erste Stellvertretende Minister Wjatscheslaw Trubnikow kam während der Eröffnungszeremonie herein und sagte, dass in Amerika etwas Seltsames vor sich ginge und wir uns das ansehen sollten“, erinnert sich der damalige russische Außenminister Igor Iwanow, der von 1998 bis 2004 Außenminister Russlands war.

„Vor meinen Augen passierte im Fernsehen etwas, was ich mir in der Realität nicht hätte vorstellen können“, sagt Fyodor Lukyanov, der damals als Journalist gearbeitet hat.

Als ich die Sendung auf Euronews sah, war meine erste Reaktion: Seit wann zeigt Euronews Trailer von Horrorfilmen?

Mein Gesprächspartner ist hier der russische Geheimdienstoffizier Bezrukov, der damals Undercover in den USA gearbeitet hat. Er erinnert sich: „Der erste Turm stand in Flammen. Der Untertitel lautete: „Ein Flugzeug flog versehentlich in den Turm“ Das ist in New York schon einmal passiert. Und plötzlich fliegt ein weiteres Flugzeug über den Bildschirm und kracht in den nächsten Turm. Da war alles klar“, sagte er.

Wjatscheslaw Nikonow, ein politischer Analyst, erinnert sich: „Am 11. September komme ich zur Stiftung „Politika“ im Zentrum von Moskau. Der Fernseher ist an, alle schauen zu … das zweite Flugzeug. Und das erste, was ich höre, waren die Worte: „Das waren wahrscheinlich die Serben“ Ich frage, warum. Mein Kollege Nikita saß 1999, als Jugoslawien bombardiert wurde, in Belgrad und sein erster Gedanke war, dass die Serben zurückschlagen würden“

Damals war ich auch auf Sendung: natürlich viel jünger als heute. Es wurde schnell klar, dass es sicher nicht die Serben waren.

„Die Fluggesellschaft, der das Flugzeug gehörte, das in das World Trade Center stürzte, bestätigt, dass sich 77 Personen an Bord des Fluges von Washington nach Los Angeles befanden. Insgesamt könnten sich nach vorläufigen Angaben rund 40.000 Menschen in den Flugzeugen und Gebäuden aufgehalten haben“, hieß es damals.

Der ehemalige russische Außenminister Igor Iwanow erinnert sich: „Es war klar, dass diese Situation ein außergewöhnlicher Notfall war. Ich habe also dem Präsidenten Bericht erstattet. Putin berief eine Sitzung der Leiter aller Abteilungen des Sicherheitsapparates ein. Der Verteidigungsminister, der Leiter des Auslandsgeheimdienstes und der Leiter des GRU waren bei dem Treffen anwesend.“

Bald darauf folgte eine Fernsehansprache von Putin:

„Dies ist eine dreiste Herausforderung für die gesamte Menschheit. Zumindest für die gesamte zivilisierte Menschheit“, sagte der russische Präsident in der Ansprache.

„Ich erinnere mich, dass Amerika früher, unter Clinton, ein sehr auf sich selbst fokussiertes und mit sich selbst sehr zufriedenes Amerika war. Und plötzlich bekam es eine Kugel ab, die es nicht tötete, aber diese Wunde schmerzte und schmerzte und schmerzt bis heute“, sagt Bezrukov.

Noch ein Ausschnitt aus der Sendung, die ich damals geleitet habe: „In Panik beobachten die Einwohner Washingtons entsetzt, wie ein riesiges Passagierflugzeug vom Typ Boeing 747 am Himmel kreist. Trotz der Warnung des Pentagons, dass alle Flugzeuge, die ohne Sondergenehmigung fliegen, abgeschossen werden.“

Der russische Präsident gab daraufhin die Anweisung, ihn mit dem amerikanischen Staatschef George W. Bush zu verbinden.

„Wir wussten nicht, wie das funktionieren würde, denn wie Sie sich vielleicht erinnern, saß Bush zu diesem Zeitpunkt, wenn ich mich nicht irre, im Präsidentenflugzeug“, sagte der ehemalige russische Außenminister.

Hier sehen Sie das Flugzeug, das damals über Washington kreiste. Es war tatsächlich eine Boeing 747 und ich sagte live, mir scheine, es sei etwas größer als normale 747 und ich meinte, eine hellblaue Lackierung zu erkennen. Ich hatte recht, es war die Airforce One der US-Luftwaffe, das Präsidentenflugzeug, und Bush saß drin.

„Innerhalb von, ich glaube, einer halben Stunde gelang es uns, eine Verbindung herzustellen, und es kam zu einem Gespräch zwischen Putin und Bush“, so Iwanow.

Haben die Amerikaner damals die Erklärung von Putin zu schätzen gewusst? „Ja, vor allem Bush.“, sagte mir Bezrukov.

Iwanow hatte für den 16. September einen Besuch in den Vereinigten Staaten geplant. Der damalige Außenminister Ivanov erzählt: „Für den 16. September war mein Besuch in den Vereinigten Staaten geplant. Ich rief US-Außenminister Colin Powell an und fragte ihn, ob er in dieser Situation einen Aufschub für sinnvoll halte, wir hätten dafür Verständnis. Eine halbe Stunde später rief Colin Powell zurück und teilte mit, dass eine Entscheidung getroffen worden sei: Der Besuch werde wie geplant stattfinden und außerdem sei der US-Präsident bereit, mich als Außenminister zu empfangen“

Iwanow war damals der erste Ausländer, der von Bush empfangen wurde. Er überbrachte dem amerikanischen Staatschef eine vertrauliche Botschaft von Putin, deren Philosophie der russische Präsident bereits in seiner Fernsehansprache dargelegt hatte.

„Russland weiß aus erster Hand, was Terror ist. Im Namen Russlands möchte ich dem Volk der Vereinigten Staaten sagen, dass wir mit Ihnen sind. Wir teilen und fühlen Ihren Schmerz. Wir unterstützen Sie“, sagte Putin damals.

Iwanow sagt: „Damals entstand die Idee einer internationalen Antiterrorkoalition“

Ich fügte hinzu: „So etwas hatte die Welt seit der Anti-Hitler-Koalition nicht mehr gesehen.“

„So ist es, eine Vereinigung der Welt zum Kampf gegen eine gemeinsame Bedrohung. Es waren sehr schwierige Verhandlungen, von denen viele sehr heikel waren. Und dann kamen tatsächlich die Ideen auf, einen gemeinsamen Sicherheitsraum zu bilden, zum Beispiel im euro-atlantischen Raum. Zu diesem Zweck haben wir zum Beispiel den Russland-NATO-Rat gegründet“, erinnert sich Iwanow.

Als es später um die Ukraine ging, sollte dieser Rat nicht mehr tagen. Aber wir wollen nicht zu weit vorgreifen. An diesem Tag, dem 11. September 2001, kamen immer neue Nachrichten: nun schon aus dem Pentagon in Washington.

„Es gab eine massive Explosion, die – das ist ein bestätigter Bericht – einen Teil der Wand des US-Verteidigungsministeriums zum Einsturz brachte.“

Wjatscheslaw Nikonow hat zu dieser Episode übrigens noch immer Fragen: „Überhaupt gibt es meiner Meinung nach natürlich noch sehr viele Geheimnisse. Zunächst einmal ist das Loch im Pentagon rund, es gibt keine Spuren von Flügeln. Das war eindeutig kein Flugzeug“, so der politische Analyst.

Igor Ivanov sagt seine Meinung: „Ich bin ein konservativer Diplomat, ich lese gerne Dokumente. Wenn ich etwas lese, dann kann ich reden. Aber mir scheint, dass das im Moment gar nicht wichtig ist. Selbst wenn sich eine andere Theorie bestätigt hätte, wäre es Sache der Vereinigten Staaten gewesen, damit klar zu kommen, wer am 11. September was getan hat. Wichtig für uns war, dass es sich um einen Terrorakt handelte. Und wer dahinter steckt, das ist letztlich ihre Sache.“

Hier ist eine weitere Meinung zu dem, was damals in Amerika geschah: „Sie haben diesen Polizeistaat geschaffen, sehr schnell und mit großer Härte. Und da sie geistig kein Polizeistaat sind, artete er sehr schnell zu einer Polizeidiktatur im Inneren aus. Gegenseitiges Ausspionieren, sogar unter Nachbarn einerseits, und andererseits das, was Snowden erzählt hat, die totale Überwachung“, meint Bezrukov.

Das ist innerhalb Amerikas. Aber das Wichtigste ist, was außerhalb zu geschehen begann.

„Der 11. September war die Gelegenheit, Maßnahmen umzusetzen, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Regierung George W. Bush existierten. In der Bush-Regierung arbeiteten Leute, die meinten, dass es notwendig sei, die Welt nicht nur ideologisch und moralisch, sondern auch mit Gewalt zu verändern. Und der 11. September bot ihnen zufällig die perfekte Gelegenheit dazu“, sagt Fyodor Lukyanov, Journalist, politischer Analyst und Vorsitzender des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik. (Anm. d. Übers.: Lukjanow ist auch Vorsitzender der Valdai-Konferenzen, die vielen Lesern ein Begriff sein dürften, Lukjanow ist damit einer der führenden geopolitischen Denker Russlands)

Zunächst war jedoch offensichtlich: Osama bin Laden ist derjenige, der die Verantwortung für die Terroranschläge übernommen hat. Eine Feinheit war jedoch, dass er sich zwischen Pakistan und Afghanistan versteckte, und selbst ein Saudi war. Aber im Fadenkreuz standen die Afghanen.

„Sie vermitteln nicht den Eindruck von Leuten, die nach Amerika gegangen sind, dort gelernt haben, Flugzeuge zu steuern, dann diese Flugzeuge entführt haben und so weiter, und alles gleichzeitig. Es handelt sich um eine Art superprofessionelle Operation auf dem Niveau von Geheimdiensten. Aber diese Leute mit Maschinenpistolen und in Latschen erwecken nicht den Eindruck, als seien sie die Täter“, sagte der politische Analyst Nikonov.

Und die saudischen Freunde der USA wurden nicht angetastet. Und noch eine, sagen wir mal, Feinheit in Bezug auf den Einsatz in Afghanistan: „Mit der ersten Phase, nämlich der Vergeltung für die Terroranschläge, waren alle einverstanden, niemand hatte Einwände. Doch dann geschah etwas, was die meisten Fachleute, auch in den USA, von Anfang an verwunderte: die Absicht, einen modernen demokratischen Staat zu errichten, wo es ihn per Definition nicht geben kann“, so Lukyanov.

„Ich habe den Eindruck, dass die Amerikaner da vor allem aus geopolitischen Gründen hingegangen sind. Schließlich ist Afghanistan nicht nur der „Friedhof der Imperien“, sondern auch ein geopolitisches Klondike“, so Wjatscheslaw Nikonow.

Aber lassen wir Afghanistan. Dann kam unter dem Vorwand von 9/11 der Irak. Wir haben es zusammen im Fernsehen gesehen, unser Korrespondent im Irak hat in der Nacht von den ersten Bombardierungen der Amerikaner berichtet.

Ich habe damals Bush interviewt. Wir haben eine Art, uns über amerikanische Politiker lustig zu machen, die ich nicht besonders mag, nach dem Motto, der war ein Einfaltspinsel. Nein, er war ein Mann mit eigenen Ansichten über das Leben, auch über den Irak.

Genauer gesagt: Bush gab seine Haltung bekannt. In dem Interview sagte der 43. US-Präsident. „Ich habe alle diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft, um zu einer einheitlichen Entscheidung darüber zu kommen, was mit Saddam Hussein und seinen Massenvernichtungswaffen geschehen soll.“

„Die Amerikaner sind in den Irak gegangen, um Massenvernichtungswaffen zu zerstören, die es dort gar nicht gab. Und um Saddam Hussein und sein volksfeindliches Regime zu zerstören“, sagte Nikonov.

Ich frage den ehemaligen russischen Außenminister im Interview: „Herr Ivanov, Sie haben gerade an Ihren Kollegen Colin Powell erinnert. Ich dachte einmal – vielleicht war ich naiv -, wenn der US-Außenminister mit einem Reagenzglas in den UN-Sicherheitsrat kommt, bedeutet das, dass die Amerikaner tatsächlich ein Dossier haben müssen. Und dann stellte sich die ganze Sache als Scherbenhaufen heraus.“

Ivanovs Antwort war: „Was Herrn Powell betrifft, so ist er aus meiner Sicht ein ehrlicher, anständiger Mann. Und in dieser Situation, in der er sich befand – er beschreibt sie in seinen Memoiren – gibt er seinen Fehler ausdrücklich zu. Der Fehler ist, dass Informationen immer überprüft und verifiziert werden sollten, aber er hat sich auf bestimmte Dienste verlassen und ist leider Opfer dieses Spiels geworden.“

„Ich denke, eine der großen Schwächen der Vereinigten Staaten ist, dass sie sehr stark an ihre eigene Propaganda glauben. Das gilt im Übrigen auch für die Präsidenten der Vereinigten Staaten“, stellt Nikonov fest.

Bush sagte mir damals in dem Interview: „In vielen Regionen des Irak wird das Leben besser, in Bagdad ist es schwieriger.“

Ich fragte ihn, ob er das erwartet habe. Seine Antwort: „Natürlich, das Land befand sich viele Jahre in der Sklaverei von Sadam Hussein.“

„Wir werden nicht länger im Irak bleiben, als wir müssen. Amerika war nie eine Nation von Besatzern, wir waren eine Nation von Befreiern“, erklärte Powell seinerzeit.

Er ist in der Tat eine unglückliche Figur, wenn man darüber nachdenkt.

„Ja, eine unglückliche Figur. Im Großen und Ganzen wurde er reingelegt. Schauen wir mal: Biden sagte, als er kürzlich mit der CIA zusammentraf: „Lügen Sie mich nicht an.“ Er ist doch ein alter Wolf in Washington. Es entsteht die Versuchung, die Welt zu beherrschen, aber man kann die Welt nur mit Hilfe von Manipulation beherrschen. Und so ist es auch gekommen“, sagt Bezrukov.

„Leider gewannen damals die Interessen eines bestimmten Teils des amerikanischen Establishments die Oberhand, das weiterhin an die Möglichkeit einer unipolaren Welt glaubte. Wenn man die Erklärungen amerikanischer Politiker aus dieser Zeit liest, sagen sie immer wieder, dass es eine ‚Anti-Terror-Koalition unter Führung der Vereinigten Staaten‘ gibt“, erinnert sich Igor Iwanow.

Ich fragte Bush damals in dem Interview: „Sind die USA eine natürliche Führungsmacht? Oder sind sie eine selbsternannte Führungsmacht, die allen anderen ihren Willen aufzwingt?“

Bushs Antwort war: „Sie sind die natürliche Führungsmacht“

„Eine Koalition kann nach diesen Prinzipien nicht gebildet werden. Sie kann eine Zeit lang bestehen, aber wenn es um ernsthafte Politik geht, dann müssen natürlich die Interessen aller Parteien berücksichtigt werden.“, sagte der ehemalige Außenminister.

„Wir haben eine zweite Resolution vorgelegt, weil einige unserer Verbündeten sie brauchten, um ihre innenpolitischen Differenzen beizulegen. Wir brauchten sie nicht, aber wir haben trotzdem versucht, sie zu bekommen, was erfolglos war. Aber das alles liegt hinter uns“, sagte Colin Powell damals zum Beginn des Irakkrieges.

Das liegt hinter uns? Leider war das erst der Anfang.

„Und dann haben die Vereinigten Staaten meiner Meinung nach einen sehr großen Fehler gemacht, als sie die Saddam-Elite vollständig gesäubert haben, als sich in Gefängnissen wie Abu Ghraib islamische Extremisten mit in Ungnade gefallenen Generälen zusammentaten, ja, dort wurde der IS geschaffen“, sagte Nikonow.

„Trotz des internationalen Widerstandes haben die USA haben die Aktion im Irak durchgeführt, die leider alle Bemühungen zur Bildung einer internationaler Antiterrorkoalition zerstört hat“, meint Igor Iwanow.

In dem Interview mit Ivanov sagte ich: „Ich habe aus dieser Zeit einen einzigartigen Stempel in einem meiner Pässe. Es handelt sich um den Ausreisestempel des Flughafens Vnukovo, der von einem Grenzschutzbeamten durchgestrichen wurde und auf dem „annuliert“ steht. Wir, die Journalisten, sind mit Ihnen zu der Sitzung des UN-Sicherheitsrates geflogen, auf der der Irakkrieg legitimiert werden sollte. Alles lief darauf hinaus, dass nun unmittelbar der Krieg kommt. Und Sie haben beschlossen, dass Sie nicht zu dieser Sitzung des Sicherheitsrates fliegen werden, Sie haben abgesagt. Und wir wurden zurück durch die Passkontrolle geschickt. Das war die Entscheidung des Präsidenten, nehme ich an, richtig?“

Ivanov: „Ja, natürlich.“

Daraufhin fragte ich Ivanov: „Es ist schwer, für Putin zu denken. Aber nachdem er diese Erklärung am 11. September abgegeben hatte und dann den Irak und die US-Raketenabwehr sah… da war die Enttäuschung am Ende wohl sehr groß?“

Ivanov: „Es war der Beginn einer großen Enttäuschung.“

Ende der Übersetzung

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

13 Antworten

  1. Russland hat doch eigentlich diplomatisch nichts mehr zu verlieren. Oder gibt es noch mehr Sanktionsmöglichkeiten? Ich verstehe nicht, dass der Ton nicht noch deutlich rauher ist. Egal zu welchem Thema, Impfungen, Gates, 9/11, Friedensmissionen, … Überall könnte Russland Klartext sprechen. Oder befürchten die, dass die eigene Bevölkerung das nicht glauben würde?
    Als Prophylaxe, dass die Bevölkerung nicht zu sehr dem US-Stuß glaubt, wäre ein bißchen mehr Klartext nach meiner Auffassung besser.

    1. Sie scheinen mir viel zu sehr Demokrat zu sein. Sie wollen, dass Russland Kämpfe in Reden gewinnt. Auf dem Gebiet des Geredes solle Russland zum Angriff übergehen.

      Putin ist Geheimdienstler. Die wissen, was wichtig ist. Es ist nicht unbedingt das, was geredet wird. Obwohl auch das ab und zu von Wichtigkeit sein kann – aber eher als Betrug und Ablenkung. Vor allem ist nicht so wichtig, wer Rededuelle gewinnt, zumindest gibt es wichtigeres. Putin war schon immer bereit dazu, Verlierer das Gesicht wahren zu lassen.

      Wenn Russland angreift, dann passiert das außerhalb der Medien. Da wird irgendwo im Wilden Osten ein Werk gebaut, und danach ist der Weltmarkt für Helium umgekippt, weil die Russen dort jetzt vom Niemand zum Weltmarktführer wurden. Interessiert das die Medien? Nein, warum sollte es auch?

      Was Russland wie China strategisch gesehen brauchen, ist Ruhe vor dem Westen. Der macht sich gerade selbst fertig, und man kann in aller Ruhe zusehen, wie die Leichen der Feinde vorbeigeschwommen kommen.

      Angriffe an der Informationsfront schaden da nur. Man macht, was zur Verteidigung notwendig ist, aber nicht mehr. Das Bild, was dadurch erzeugt wird, ist genau das, was nötig ist. Bis hin zu Extremisten, die an „Putin ist mit im Boot“ glauben. Die stören ja nicht wirklich.

  2. Eigentlich wären die Amis dazu aufgerufen und verpflichtet die Wahrheit um den 11/09 herauszufinden.
    Einen Besuch bei Dick Cheney und George W. Bush abstatten und mit rabiaten Verhörmethode à la Guantanmo zum Singen bringen.
    Dick Cheney hat ja überall seine Finger im Spiel. Selbst mutmaßlich im Syrienkrieg.

    Ich zitiere mal einen Abschnitt aus dem Wiki-Artikel von Jacob Rothschild:

    „Jacob Rothschild ist an der Genie Energy Ltd. beteiligt, die 2013 das Recht bekam, in den syrischen Golanhöhen nach Öl zu suchen. Am 7. Oktober 2015 verkündete Genie Energy, sie hätten durch Probebohrungen ein großes Ölvorkommen gefunden. Zu weiteren Investoren gehören der ehemalige Vizepräsident der Vereinigten Staaten Dick Cheney, Hedgefondsmanager Michael Steinhardt, Medienunternehmer Rupert Murdoch, ehemalige Direktor der CIA James Woolsey, ehemaliger US-Finanzminister Lawrence Summers und Bill Richardson.“

    Aber hey, von den US-amerikanischen Bevölkerung kann man eh nichts mehr erwarten. Ebenso wie von der Deutschen.

  3. Russland unter Putin hat damals dem Westen erlaubt, dass NATO-Truppen durch russisches Staatsgebiet in Richtung Afghanistan und/ oder Irak ziehen durften. Und dann viele Jahre später beim Abzug der US-Truppen aus einem Land hat Russland sich geweigert diese durchzulassen.

    Da war doch mal was. Kann mich vage an sowas erinnern.

    Ist ja nicht so gewesen, dass die NATO und US-Truppen alle aus Richtung Golfstaaten kamen.
    Zumindest bei Afghanistan kamen viele NATO- und US-Truppen unter anderem aus Zentralasien.

  4. In Russland dürfte es Viele geben, insbesondere in den Geheimdiensten, die die investigative Literatur über 9/11 kennen, die sich in den letzten 20 Jahren angesammelt hat. Und die in ihrer Bilanz keinen anderen Schluss zulässt als den, dass die Story über 9/11, wie sie in den Geschichtsbüchern steht, ein Märchen aus 2001er Nacht ist. Es gibt z.B. keinen einzigen gerichtsfesten Beleg dafür, dass auch nur einer der 19 „Hijacker“ jemals an Bord eines der 4 Flugzeuge gegangen ist.
    Die Russen wissen das, reden aber nicht darüber. Offenbar versprechen sie sich keinen Nutzen davon. Ich danke, das ist eine realistische Einschätzung. Die westliche Medienmeute würde über sie herfallen.

  5. Wir haben dazu hier

    _____://thesaker.is/9-11-twenty-years-later/

    „9/11 twenty years later and cheap & ubiquitous cellphones“

    einen sehr schönen Satz gelesen:

    „…
    7. The truth about 9/11 is now slowly getting “JFK status” which is “everybody either suspects/knows, but nobody really cares anymore”. It’s old news, especially in a society with an attention span somewhere between 2 mins and 2 days.
    …“

    GeDeepLt:
    „…
    7. Die Wahrheit über 9/11 bekommt nun langsam den „JFK-Status“, d.h. „jeder vermutet/weiß es, aber es interessiert niemanden mehr wirklich“. Es ist ein alter Hut, vor allem in einer Gesellschaft, deren Aufmerksamkeitsspanne irgendwo zwischen 2 Minuten und 2 Tagen liegt.
    …“

  6. „Meine Interpretation ist, dass man in Russland sehr gut über die offenen Fragen von 9/11 bescheid weiß (und vielleicht auch viele Antworten hat), man die Dinge wegen der Übermacht der westlichen Medien (die übrigens auch in Russland selbst sehr viel Einfluss auf die öffentliche Meinung haben) aber nicht thematisiert. Der Grund dürfte pragmatischer Natur sein, denn die Frage ist, was Russland dabei gewinnen kann. Und solange die westlichen Medien so viel mächtiger sind, kann Russland dabei nicht(s) gewinnen, sondern nur verlieren. Aber das ist nur meine Interpretation, die natürlich auch falsch sein kann.“

    Danke dafür. Mir fällt es sehr schwer, die Russen einzuschätzen und solche Passagen helfen enorm. Ich würde sehr gerne mehr solcher subjektiver Einschätzungen lesen. Vllt in Kommentarform? Nur ein Gedanke.

  7. „Zunächst war jedoch offensichtlich: Osama bin Laden ist derjenige, der die Verantwortung für die Terroranschläge übernommen hat.“

    Ähhhmm… das war so nicht. Er wurde beschuldigt, es getan zu haben. Das hat er abgestritten. Er sagte sinngemäß, die Amis sollten in ihren eigenen Reihen suchen. Erst als die Hasswelle rollte und es politisch opportuner war, die Tat für sich zu verbuchen, hat er es ‚zugegeben‘.

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