Welche Maßnahmen die USA gegen Russland planen: Teil 2 – Ukraine

In diesem zweiten Teil meiner Reihe über die von der RAND-Corporation empfohlenen Maßnahmen gegen Russland geht es um geopolitisch motivierte militärische Maßnahmen in der Ukraine.

Die RAND-Corporation ist ein enorm mächtiger Think Tank der USA, dessen Empfehlungen von den US-Regierungen sehr oft eins zu eins umgesetzt werden. 2019 hat die RAND-Corporation eine Studie mit dem Titel „Russland überdehnen – aus vorteilhafter Position konkurrieren“ (Extending Russia – competing from advantageous ground) veröffentlicht, die im Grunde eine Anleitung zu einem wirtschaftlichen, politischen und medialen Krieg gegen Russland ist. Es werden alle Maßnahmen gegen Russland erörtert und empfohlen, außer einem heißen Krieg. Man will Russland in die Knie zwingen.

Das ist insofern bemerkenswert, weil die RAND-Corporation 2019 in einer anderen Studie auch festgestellt hat, dass Russland keinerlei aggressive Absichten hat. Anstatt sich aber darüber zu freuen und nun für eine Entspannung gegenüber Russland zu plädieren, hat RAND ein sehr umfangreiches Maßnahmenpaket vorgeschlagen, mit dem Russland endlich dazu gebracht werden soll, aggressiv auf die Provokationen aus den USA zu reagieren. Die Details finden Sie hier.

Die Studie unter dem Titel „Russland überdehnen“, um die es in dieser Reihe geht, ist quasi die Fortsetzung der anderen Studie, denn sie führt im Detail auf, wie man Russland in existenzielle Not bringen und damit zu aggressiven Reaktionen provozieren kann. In dieser Reihe werde ich darauf im Detail eingehen.

Das Kapitel der Studie, das wir heute behandeln, trägt die Überschrift „Geopolitische Maßnahmen“ und hat sechs Unterkapitel. Jedes der Unterkapitel werde ich in einem eigenen Artikel behandeln. In den Unterkapiteln geht es um die Ukraine, Syrien, Weißrussland, den Kaukasus, Zentralasien und Moldawien. Heute beginnen wir mit dem Kapitel über die Ukraine.

Die USA haben kein Interesse an einem Frieden in der Ukraine

Viele sind der Meinung, dass der von den USA und anderen westlichen Ländern orchestrierte Maidan-Putsch aus Sicht der USA kein voller Erfolg gewesen ist, weil sich die Krim mit Russland vereinigt hat und weil nun ein Bürgerkrieg in der Ukraine tobt. Diese Sichtweise ist aus geopolitischer Sicht falsch, wie ich gleich erklären werde und wie man auch aus der Studie der RAND-Corporation herauslesen kann.

Sicher, dass die Krim russisch geworden ist und dass die Nato damit nicht den Zugriff auf den modern ausgebauten Schwarzmeerhafen in Sevastopol bekommen hat, dürfte die USA ärgern. Aber das war nicht entscheidend. Das entscheidende Ziel war es, die Ukraine und Russland dauerhaft voneinander zu trennen. Das sagen Geostrategen in den USA seit dem Ende der Sowjetunion ständig, denn gemeinsam wären die Ukraine und Russland stärker, eine Trennung der Länder und ein Konflikt zwischen ihnen schwächen hingegen beide Länder. Und darum geht es den USA: Um eine Schwächung Russlands.

Und auch an einer starken Ukraine sind die USA nicht interessiert, sie sind sehr zufrieden damit, dass die schwache Ukraine vollständig von Washington aus kontrolliert werden kann, anstatt sich auf ihre eigenen Interessen zu konzentrieren.

Um das zu erreichen, musste man einen Keil zwischen Russland und die Ukraine treiben, der auch die Menschen gegeneinander aufbringt, was die Trennung zementieren würde. Und was kann zwei Länder und Völker wirksamer voneinander trennen und gegeneinander aufbringen, als ein Krieg?

Es ist kein Zufall, dass die „Anti-Terror-Operation“, wie der Bürgerkrieg in Kiew genannt wird, vom damaligen Übergangspräsidenten Turtschinow 2014 in einer Sitzung des ukrainischen Sicherheitsrates angeordnet wurde, bei der der damalige CIA-Chef mit am Tisch gesessen hat. Darüber habe ich in meinem Buch über die Ukraine-Krise ausführlich berichtet und die CIA musste nach anfänglichen Dementis schließlich eingestehen, dass ihr Chef tatsächlich inkognito in Kiew war, um an dieser entscheidenden Sitzung teilzunehmen.

Es waren also nicht in erster Linie die ukrainischen nationalistischen Hardliner, die den Krieg angefangen haben, sondern die USA in Person des CIA-Chefs.

Als es auf Druck der deutschen Kanzlerin zu dem Abkommen von Minsk gekommen ist, waren die USA darüber nicht glücklich, mussten das Abkommen aber zähneknirschend akzeptieren. Das Abkommen von Minsk und Nord Stream 2 sind die einzigen Themen, bei denen Merkel den USA mal die Stirn geboten hat.

Aus Sicht der USA ist der Krieg in der Ukraine also eine gute Sache, denn er hat zwei Effekte. Erstens ermöglicht er es, Russen und Ukrainer gegeneinander aufzuhetzen und zweitens verursacht der Krieg für Russland Kosten. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die Russen nicht gegen die Ukraine aufgehetzt werden konnten, sondern bestenfalls gegen die Politik der US-hörigen Kiewer Regierung. Russische Medien verlieren kein böses Wort über die Menschen in der Ukraine, sondern bedauern sie dafür, was in ihrem Land seit dem Maidan vor sich geht und wie sehr die Ukrainer unter den Folgen leiden.

Ganz anders in der Ukraine, wo eine massive anti-russische Propaganda läuft, die aggressiv gegen Russen hetzt und nicht nur gegen die russische Regierung gerichtet ist. Das ist ganz im Sinne der Geostrategen der USA.

Und auch die Studie der RAND-Corporation verliert in ihrem Kapitel über die Ukraine praktisch kein Wort darüber, wie man in der Ukraine zu einem Frieden kommen kann. Ein Frieden ist aus den genannten Gründen nicht das Ziel der USA. Und wenn das Wort Frieden doch einmal in der Studie vorkommt, dann nur im Zusammenhang mit der Befürchtung, die Ukraine könnte einen „unvorteilhaften Frieden“ schließen, der für die USA einen Imageschaden bedeutet würde.

Tödliche Waffen für die Ukraine

Das Kapitel der RAND-Studie zur Ukraine trägt den Titel „Der Ukraine tödliche Waffen liefern“ und es behandelt ausführlich die Vor- und Nachteile solcher Maßnahmen. Um die Frage, wie man den Krieg beenden könnte, geht es dabei wie gesagt mit keinem Wort.

Wie alle Kapitel der Studie endet es mit Zusammenfassungen der Vor- und Nachteile, mit einer Einschätzung der Erfolgsaussichten und einem Fazit. Das Kapitel über die Vorteile beginnt schon so:

„Die Ausweitung der US-Hilfe für die Ukraine, einschließlich tödlicher militärischer Unterstützung, würde wahrscheinlich die Kosten, die Donbass-Region zu halten, für Russland erhöhen, sowohl in Blut als auch für den Staatshaushalt. Mehr russische Hilfe für die Separatisten und eine zusätzliche russische Truppenpräsenz würde zu höheren Kosten, Ausrüstungsverlusten und russischen Opfern führen. Letzteres könnte zu Hause ziemlich kontrovers werden, wie beim Einmarsch der Sowjets in Afghanistan“

Es geht für RAND also nicht nur darum, die Kosten für Russland zu erhöhen, sondern der Tod von Menschen wird als Vorteil angesehen. Man freut sich dabei über russische Opfer, ungesagt bleibt dabei, dass ein solches Vorgehen auch zu höheren Opfern auf Seiten des ukrainischen Militärs und vor allem in der Zivilbevölkerung führen würde. Der RAND-Corporation bereitet das jedoch keine Kopfschmerzen.

Die Risiken

Kopfschmerzen bekommt die RAND-Corporation allerdings bei den Risiken. US-Militärs diskutieren schon lange, welche Waffen sie der Ukraine liefern sollten und welche nicht. Der Grund ist, dass man in den USA befürchtet, dass eine verstärkte Unterstützung der Ukraine die Rebellen dazu bringt, mit Moskaus Erlaubnis in die Offensive zu gehen und weitere Teile der Ukraine unter ihre Kontrolle zu bringen. Das wiederum – so befürchtet die RAND-Corporation – könnte die Ukraine zu einem „unvorteilhaften Frieden“ bewegen, der einen Imageverlust für die USA bedeuten würde.

Es geht in der Studie daher um den Balanceakt, der Ukraine genau so viele tödliche Waffen zu liefern, dass man für Russland die Kosten in die Höhe treibt, ohne Russland jedoch dazu zu provozieren, in die Offensive zu gehen. Schließlich weiß die RAND-Corporation, dass weder Russland noch die Rebellen im Osten der Ukraine aggressiv sind und keine Pläne haben, ihr Gebiet auszudehnen. Das erzählen uns die westlichen Medien zwar nicht, aber die Experten bei RAND wissen das natürlich. Und diesen Status Quo, dass die Rebellen defensiv bleiben und ukrainische Angriffe zwar abwehren, aber selbst nicht nach vorne gehen, den will RAND erhalten.

Der Krieg soll möglichst ewig weitergehen und die Spaltung zwischen Russland und der Ukraine zementieren. Nach einem Frieden könnte es schließlich zu einer Versöhnung kommen und dann wäre all die Mühe umsonst gewesen. Das steht so nicht wörtlich in der Studie, aber man kann es deutlich zwischen den Zeilen lesen, denn es geht in der Studie weder um die Frage, wie man zu einem Frieden kommen kann, noch um die Frage, wie die Ukraine den Krieg gewinnen könnte. Alle vorgeschlagenen Maßnahmen zielen darauf ab, den Konflikt zu verschärfen und die russischen Verluste zu erhöhen, aber ohne dabei den Bogen zu überspannen und die Rebellen oder Russland zu einer Offensive zu provozieren.

Man sollte diese Studie all jenen in der Ukraine zu lesen geben, die auf eine Zusammenarbeit mit den USA setzen, denn die würden dann sehen, dass ein Sieg der Ukraine im Donbass in der Studie nicht einmal erwähnt wird. Er ist nicht gewollt, es geht nur darum, den Krieg zu verlängern.

Ein weiteres Risiko ist es aus Sicht der RAND-Corporation, dass moderne US-Waffen von der korrupten Ukraine in alle Welt verkauft werden und im Endeffekt irgendwo gegen die USA selbst zum Einsatz kommen könnten.

Außerdem empfiehlt die RAND-Corporation, die Ukraine in die Nato aufzunehmen, allerdings weist sie auch darauf hin, dass das in absehbarer Zeit ausgeschlossen ist. Bedauert wird dabei vor allem, dass die öffentliche Meinung in Deutschland sich so nachhaltig dagegen stellt.

Das Kapitel über die Erfolgsaussichten von Waffenlieferungen ist kurz und umfasst nur einen Absatz, in dem noch einmal auf das Risiko hingewiesen wird, dass es im Falle einer Offensive von Seiten des Donbass zu einem „unvorteilhaften Frieden“ kommen könnte, der „für die US-Politik ein ernsthafter Rückschlag“ wäre.

Das Fazit der RAND-Corporation

Das Fazit umfasst auch nur einen Absatz, den ich komplett zitieren möchte:

„Die Option, die US-Militärhilfe für die Ukraine auszuweiten, muss vor allem daraufhin geprüft werden, ob dies dazu beitragen könnte, den Konflikt im Donbass zu akzeptablen Bedingungen zu beenden und nicht nur nach den Kosten für Moskau. Die Aufstockung der US-Hilfe im Rahmen einer umfassenderen diplomatischen Strategie zur Beendigung könnte durchaus sinnvoll sein, aber die Unterstützung so zu kalibrieren, dass sie die gewünschte Wirkung erzielt und gleichzeitig eine schädliche Gegeneskalation vermieden wird, wäre eine Herausforderung.“

Im Klarext: Ein Frieden ist nicht erwünscht, es sei denn Moskau verliert (wie seinerzeit in Afghanistan) auf ganzer Linie. Das ist aber kaum vorstellbar, weil Moskau im Donbass – im Gegensatz zu seinerzeit in Afghanistan – die Unterstützung der Bevölkerung hat. Daher empfiehlt die RAND-Corporation Vorsicht bei den Waffenlieferungen an die Ukraine, damit diese Lieferungen zwar den Krieg am Laufen halten und Russlands Kosten erhöhen, aber gleichzeitig Russland nicht dazu zu provozieren, den Krieg durch eine Offensive zu beenden. RAND weiß offensichtlich, dass Moskau – wenn es denn wollte – in wenigen Tagen die Ukraine überrennen und so einen Frieden erzwingen könnte.

Nur will Moskau das gar nicht, denn Moskau ist immer noch an einer Zusammenarbeit und einer Versöhnung mit der Ukraine und den Menschen dort interessiert und eine Offensive würde dieses Ziel in noch weitere Ferne rücken.

Also wird der Krieg im Donbass wohl noch so lange weitergehen, wie die USA einen Frieden verhindern können.

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Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

3 Antworten

  1. 2 Feststellungen des Anti-Spiegel
    Zitat 1:
    (..) Schließlich weiß die RAND-Corporation, dass weder Russland noch die Rebellen im Osten der Ukraine aggressiv sind und keine Pläne haben, ihr Gebiet auszudehnen. Das erzählen uns die westlichen Medien zwar nicht, aber die Experten bei RAND wissen das natürlich. Und diesen Status Quo, dass die Rebellen defensiv bleiben und ukrainische Angriffe zwar abwehren, aber selbst nicht nach vorne gehen, den will RAND erhalten.(..)

    Zitat 2
    (..) Also wird der Krieg im Donbass wohl noch so lange weitergehen, wie die USA einen Frieden verhindern können.(..)

    Zu Zitat 1

    Die Staatsgebiete der beiden Voksrepubliken im Donbass erstrecken sich (Verfassungsgarantiert) weit über den Status-Quo, nämlich über das gesamte Gebiet der ehemaligen Oblaste der Ukraine Donezk & Lugansk. Insoweit ist es richtig, wenn der Anti-Spiegel ausführt, dass die Republiken keine Pläne haben, ihre Staatsgebiete zu vergrößern.

    Wer nun wissen will, wie es tatsächlich enden wird in der Gesamt-Ukraine, der beschäftige sich mit dem letzten Sargnagel, den Sachartschenko sich hat selbst in seine „Lebenserwartung geschlagen hatte….

    Klein-Russland…
    https://voicedonbass.wordpress.com/2017/07/20/birth-of-little-russia-restoring-peace-and-order-creating-sovereign-peoples-federation/

    Doch es ist die einzige Alternative, die über Kurz- oder Lang auch umgesetzt werden wird.

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